07:45 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

Enttäuscht stoppte Harm, kaum dass er die Glastür zum Bullpen geöffnet hatte. Macs Büro sah genauso verlassen aus wie gestern Abend. Er hatte sich so beeilt, früh im Büro zu sein, damit er in Ruhe mit ihr reden konnte und nun war sie noch nicht einmal da.

›Dann kannst du dich jetzt wenigstens noch etwas auf die Verhandlung vorbereiten.‹ Noch einmal würde ihm so etwas wie gestern nicht passieren! Er setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm die Unterlagen zur Hand und begann zu arbeiten.

Eine halbe Stunde später war Mac immer noch nicht eingetroffen. Harm machte sich allmählich Sorgen. ›Sie ist sonst immer pünktlich. Hoffentlich ist nichts passiert.‹

Als Petty Officer Tiner an seiner offen stehenden Tür vorbei ging, hielt Harm es nicht mehr aus. „Tiner, wissen Sie, ob der Major krank ist?"

Tiner blieb erstaunt stehen. „Ich hoffe nicht, Sir. Dann müssten wir noch einen weiteren Ermittler nach Pensacola schicken."

„Pensacola? Mac ist in Pensacola?" Das würde natürlich auch erklären, warum sie nicht auf seine Anrufe reagiert hatte.

„Schon seit gestern Nachmittag, Sir." Tiner hatte Mühe sich seine Verwunderung nicht anmerken zu lassen, dass Commander Rabb nicht über den Aufenthaltsort seiner Partnerin informiert war. Durch Sandy wusste er ja, wie viel Zeit sie miteinander verbrachten. „Ein Fall von schwerer Körperverletzung." Aus dem Hintergrund war das Grollen des Admirals zu hören. „Entschuldigen Sie mich, Commander."

Harm nickte nur stumm und Tiner verschwand.

›Okay, ihr ist nichts passiert und sie hat auch nur deswegen nicht zurückgerufen, weil sie nichts von deinen Anrufen weiß.‹

Allerdings hatte sie ihm auch keine Nachricht hinterlassen, dass sie Washington verließ, etwas was sie in den letzten Monaten eigentlich immer getan hatte.

›Weshalb hätte sie das auch tun sollen? Sie ist dir doch keine Rechenschaft schuldig und nachdem du ihr gestern so einfühlsam klar gemacht hast, dass sie sich nicht in deine Angelegenheiten einzumischen hat, kannst du nicht erwarten, dass sie dich über jeden ihrer Schritte informiert.‹

Ob er sie in Florida anrufen sollte? Zögernd griff er nach dem Telefonhörer und drückte die Kurzwahltaste für Macs Handy. Doch noch bevor die Verbindung hergestellt wurde, legte er wieder auf.

›Sie ist jetzt beschäftigt. Außerdem musst du gleich zur Verhandlung. Ruf sie besser heute Abend an.‹


xxx


13:55 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

„Hallo?"

„Hi Sandy, hier ist Harm. Es tut mir leid, dass ich dich so kurzfristig darum bitten muss, aber kannst du heute Abend bei Belle bleiben? Ich habe einen Termin mit Carrie, und Mac ist bei einer Ermittlung in Florida." Vor drei Minuten war Harm eingefallen, dass Mac an diesem Abend eigentlich auf Belle aufpassen wollte.

›Genau, Rabb, du brauchst ihre Hilfe überhaupt nicht!‹, dachte er ironisch.

„Ja, ich weiß", überraschte ihn Sandys Antwort. „Mac hat eine Nachricht auf meiner Mobilbox hinterlassen, dass sie nach Pensacola musste und hat mich gebeten für sie einzuspringen. Wusstest du das nicht?"

Warum dachten eigentlich alle, dass er über alles, was Mac tat, Bescheid wusste?

„Sie konnte es mir nicht sagen, ich war den ganzen Tag im Gericht."

›Gut aus der Affäre gezogen, Herr Anwalt‹, lobte er sich. ›Zumindest hast du nicht gelogen.‹

Er verabschiedete sich von Sandy und legte den Telefonhörer auf.

Typisch Mac! Selbst wenn sie gar nicht in der Stadt war und selbst nachdem er sie so unfair behandelt hatte, kümmerte sie sich noch darum, dass Belles Betreuung reibungslos weiterlief.

„Ich bin ein Idiot!", murmelte Harm und machte sich an seine Akten.


xxx


22:03 Uhr EST, zwei Tage später

Macs Wohnung

Georgetown, Washington D.C.

Mit dem linken Ellenbogen drückte Mac die Wohnungstür ins Schloss und ließ ihren Seesack fallen.

›Home, sweet home!‹, dachte sie erschöpft. Sie zog den Mantel aus und sank aufs Sofa.

Der Rückflug nach Washington war alles andere als angenehm gewesen. Die Maschine war in heftige Turbulenzen geraten und auch wenn Mac im Gegensatz zu einigen anderen Passagieren ihr Essen bei sich behalten hatte, fühlte sie sich, als hätte sie eine 4-Stunden-Fahrt in einer Achterbahn hinter sich.

„Mit Todesspirale! Viel schlimmer war der Flug in der Tomcat auch nicht!", murmelte sie und ließ sich der Länge nach auf dem Sofa nieder. Sie streifte die Schuhe ab und wackelte erleichtert mit den Zehen.

›Wenigstens brauche ich heute nichts mehr zu Essen.‹

Nach fünf Minuten hatte sie sich wenigstens soweit wieder erholt, dass sie aufstand, um sich ein Glas Wasser zu holen. Auf dem Weg in die Küche schaltete sie den Anrufbeantworter ein.

„Sie haben drei Nachrichten", meldete die unpersönliche Computerstimme.

„Wow! Kaum bin ich 78 Stunden nicht zu Hause, ist hier die Hölle los." Mac nahm die Wasserflasche aus dem Kühlschrank, griff nach einem Glas und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

„Hi Mac, ich bin es, Harm", spielte der Anrufbeantworter gerade die erste Nachricht ab. „Ich muss dringend mit dir sprechen. Ruf mich bitte zurück. – piep -"

Mit unbewegter Miene schenkte Mac sich ein Glas Wasser ein und hockte sich im Schneidersitz aufs Sofa.

Die zweite Mitteilung begann. „Hallo Mac, ich bin es noch einmal. Ich… ich rufe nur an, um dir zu sagen, dass mir die Sache mit heute Mittag leid tut. Mir sind da ein paar Dinge rausgerutscht, die ich nicht so gemeint habe", kam Harms Stimme leicht stotternd vom Band. „Ich – also, das wollte ich dir nur sagen. – piep -"

„Es tut ihm leid", erzählte Mac dem Wasserglas in ihrer Hand. „Immerhin."

Wie schon erwartet war auch die dritte Nachricht von Harm.

„Mac, ich weiß, dass du wütend auf mich bist, und du hast auch allen Grund dazu, aber bitte nimm den Hörer ab und rede mit mir."

Mac presste die Lippen zusammen, als sie seine bittende Stimme hörte.

„Natürlich hattest du Recht, dass ich mit meinen Gedanken bei Belle war und dass ich meine Arbeit vernachlässigt habe. Ich bin wirklich froh, dass du mich darauf hingewiesen hast. Und ich bin dir auch dankbar, dass du mir helfen willst, obwohl du selbst so viel zu tun hast. Ich hätte nicht sagen dürfen, das ich deine Hilfe nicht brauche, ich brauche sie wirklich. Bitte ruf mich an. – piep – Sie haben keine weiteren Nachrichten."

Seufzend stand Mac auf und ging zu dem Anrufbeantworter. Am selben Abend waren noch drei weitere Telefonate gekommen, wie ihr das Display anzeigte. Der Anrufer hatte allerdings keine Nachricht hinterlassen.

Mac zögerte kurz, doch dann spielte sie die letzte Nachricht noch einmal ab.

Mit geschlossenen Augen hörte sie zu, auch als sie die Aufnahme ein drittes und anschließend ein viertes Mal anhörte. Es tat ihm leid, dass er ihre Hilfe abgelehnt hatte und dass er wegen ihrer Ermahnung ausfallend geworden war. Aber was er mit keiner Silbe erwähnte, war das, was sie wirklich verletzt hatte.

›Wie kann er nur denken, dass mir egal ist, was mit seiner Tochter geschieht? Was glaubt er denn, warum ich so viel Zeit mit ihm und Belle verbringe?‹

Sie hätte nie gedacht, dass ausgerechnet Harm ihr mit einem einzigen Satz so wehtun könnte.

Man merkt sofort, dass du keine Kinder hast!

›Volltreffer, Flyboy! Ich habe keine Kinder, aber ich hätte nicht erwartet, dass du mir das einmal vorwerfen würdest.‹

Und ich bin dir auch dankbar…

Dankbar! Egal, was sie tat, ständig sprach er davon, wie dankbar er ihr war.

›Du sollst mir nicht dankbar sein, dass ich dir bei irgendeiner blöden Verhandlung helfen will und auch nicht, weil ich hin und wieder auf Belle aufpasse! Verdammt, du sollst überhaupt nicht dankbar sein, du sollst verstehen, dass ich das mache, weil ich gerne mit dir und Belle zusammen bin.‹

Allmählich kam ihr der Gedanke, dass alles, was er für sie tat, ob es nun die gelegentlichen Einladungen zum Essen oder auch die wunderschönen Weihnachtsgeschenke waren, nur dazu gedacht war, um seine – vermeintlichen – Schulden bei ihr abzuzahlen.

Selbst der herrliche Abend im ‚Le Paradou' verlor im Nachhinein an Glanz, wenn sie sich vorstellte, dass er sie nur dorthin ausgeführt hatte, um sich für ihre Unterstützung zu revanchieren.

„Scheiße!", brachte sie ihre Gefühle auf den Punkt. Entschlossen streckte sie die Hand aus und löschte die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter.

Er verstand nichts, absolut nichts! Genau aus diesem Grunde hatte sie die letzten beiden Abende ihr Handy ausgeschaltet. Sie hatte genau gewusst, dass sie sich nach einem Gespräch mit ihm - und das hier war nicht einmal ein Gespräch gewesen! – noch schlechter fühlen würde.

Sie stand auf, löschte das Licht und ging ins Schlafzimmer.

Natürlich würde sie sich morgen ganz normal verhalten, schließlich hatte er sich entschuldigt, was ihm bestimmt nicht leicht gefallen war.

›Und wenn er glaubt, dass ich mich nur um Belle kümmere, um ihm einen Gefallen zu tun, dann soll er doch‹, dachte sie noch, als sie sich in ihre Bettdecke kuschelte. ›Solange ich weiter Zeit mit ihr verbringen darf.‹