08:21 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Hi!"
„Hi! Wie war es in Pensacola?" Harm lehnte sich an den Kühlschrank und sah zu, wie sich Mac eine Tasse Kaffee eingoss.
Mac zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ganz gut, mal abgesehen vom Wetter. Gab es hier etwas Besonderes?" Konzentriert rührte sie ihren Kaffee um und vermied es Harm anzublicken.
„Allerdings, Harriet hat gestern den Admiral in die Flucht geschlagen", berichtete Harm amüsiert.
Jetzt sah Mac ihn doch an. „Wie das?", wollte sie verblüfft wissen.
„Schokoladen-Donuts mit Senf!"
Mac spuckte beinahe den Kaffee wieder aus. „Igitt!"
Fürsorglich reichte Harm ihr eine Serviette. „So ähnlich sah meine Reaktion auch aus", gestand er grinsend. „Im Übrigen habe ich die Verhandlung gegen Captain Gregory gewonnen."
„Ich gratuliere", murmelte Mac bloß und machte Anstalten aus der Küche zu verschwinden.
„Wenn du mir nicht den Kopf zurechtgerückt hättest, hätte ich bestimmt verloren. Ich bin dir wirklich dankbar", redete er unbeirrt weiter.
Dankbar – da war dieses verdammte Wort wieder! „Gern geschehen."
Ihre Wortkargheit schien Harm nicht weiter abzuschrecken. Er folgte ihr in ihr Büro und schloss die Tür hinter sich. „Mac, um noch einmal auf unser … Gespräch von Donnerstag zurückzukommen", begann er zögernd, aber Mac hob abwehrend die Hand.
„Ist schon okay, ich habe meinen AB abgehört. Vergessen wir es einfach." Sie wollte nicht noch einmal hören müssen, wie leid es ihm tat.
Ungläubig sah Harm sie an. „Wirklich?"
Mac zwang sich zu einem Lächeln. „Wirklich. Gibt es etwas Neues über die Sorgerechtsverhandlung?"
Augenblicklich verfinsterte sich Harms Miene. „Nächsten Dienstag ist es soweit. Ich habe Chegwidden gebeten, für mich auszusagen. Er hat gesagt, dass er alles versuchen will, um mir zu helfen." Er verzog sein Gesicht zu einem schiefen Lächeln.
Auch wenn er sie mit seinen Bemerkungen tief verletzt hatte, Mac konnte ihm einfach nicht böse sein.
„Es wird schon alles gut gehen", tröstete sie ihn. „Falls ich dir helfen kann…"
›Was redest du da? Er will deine Hilfe nicht. Das hat er beim letzten Mal doch deutlich genug gesagt!‹
Aber Harm lächelte sogar etwas. „Danke für das Angebot. Vielleicht komme ich darauf zurück." Er sah auf die Uhr. „Ich habe einen Termin. Bis später."
„Bis später." Mac sah zu, wie Harm mit Kopfbedeckung und Aktentasche das Büro verließ.
›Und jetzt?‹, dachte sie frustriert und beantwortete ihre Frage gleich selbst. ›Genau das Gleiche wie immer: du unterstützt ihn, sofern er es zulässt und tust so, als wärst du nichts weiter als eine gute Freundin.‹
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08:21 Uhr EST, eine Woche später
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Aber Sir…"
„Nein, Major, ich werde Ihnen auf keinen Fall freigeben." Admiral Chegwidden war kurz davor die Geduld zu verlieren. Dass er auf Rabb verzichten musste, ließ sich natürlich nicht vermeiden. Er selbst würde ebenfalls am nächsten Morgen nicht im Büro sein können, da er vor dem Familienrichter aussagen würde, aber jetzt fing auch noch Major MacKenzie an, um einige freie Tage zu bitten.
„Was soll ich Ihrer Meinung nach tun? Das JAG-Hauptquartier schließen, damit wir alle Commander Rabb das Händchen halten können?", fragte er in einem beißenden Ton.
Mac presste die Lippen aufeinander. Es war besser, wenn sie ihre Gedanken nicht aussprach.
„Mac, ich verstehe ja, dass Sie Harm unterstützen wollen", setzte der Admiral etwas sanfter hinzu. „Aber ich brauche Sie hier, das müssen Sie doch einsehen. Und Sie könnten doch ohnehin nicht helfen."
Mac starrte nur stumm geradeaus.
Seufzend fuhr sich Chegwidden über die Stirn. Er hasste dieses Gefühl gegen eine Wand zu reden. „Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit, Major", beendete er schließlich das Gespräch.
„Aye, Sir."
Mac ging in ihr Büro zurück und schloss die Tür hinter sich. Trotzig setzte sie sich auf ihren Stuhl.
Sie hatte doch lediglich darum gebeten, wenigstens einen halben Tag Urlaub zu bekommen, um der Verhandlung beiwohnen zu können. Dadurch würde hier schon nicht gleich das Chaos ausbrechen.
„Händchenhalten", schnaubte sie verächtlich. Als ob Harm so etwas nötig hätte.
Sie griff sich einige Briefbögen von ihrem Schreibtisch und zerknüllte sie zu einer großen Papierkugel, die sie anschließend quer durch den Raum an die Wand warf.
Vielleicht nicht gerade die erwachsenste Reaktion, die man sich vorstellen konnte, aber es half fast augenblicklich.
Etwas gelassener stand sie auf, warf das Papier weg und machte sich an ihre Arbeit.
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16:54 Uhr EST, einen Tag später
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Harm saß auf der Couch und starrte vor sich hin. Das regnerische Wetter draußen passte genau zu seiner Stimmung.
Nach dem heutigen zweiten Verhandlungstag hatte Carrie ihm ganz ehrlich gesagt, dass es danach aussah, als ob der Familienrichter eher zu Ricardas Gunsten entscheiden würde.
Denn obwohl der Richter Mr Hendersons Versuch, Harms früheres Privatleben zur Sprache zu bringen, sofort unterbunden hatte, war deutlich zu spüren, dass er Belles Tante für geeigneter hielt, ein Kind aufzuziehen. Mr Henderson hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass Ricarda einen Ehemann und zahlreiche Schwägerinnen besaß, die in unmittelbarer Nähe wohnten und sich im Notfall jederzeit um Belle kümmern könnten, während Commander Rabb…
Harm biss sich auf die Unterlippe.
Er konnte keine Ehefrau, nicht einmal eine feste Beziehung vorweisen, seine Eltern lebten an der Westküste, und er konnte auch nicht sicher sein, ob die Navy ihn nicht im nächsten Augenblick vielleicht auf einen anderen Kontinent versetzen würde. Auch wenn Admiral Chegwidden ihn in seiner Aussage als absolut zuverlässig und pflichtbewusst beschrieben hatte, es reichte einfach nicht.
Sein Blick fiel auf die Fernbedienung vor ihm auf den Couchtisch. Er schaltete den kleinen Fernseher ein, den er neulich gekauft hatte und lehnte sich zurück.
Die Aufnahmen von Weihnachten liefen über den Bildschirm. Belle, die mit ihren kleinen Händen das bunte Papier von ihren Geschenken riss, Mac, die ihr dabei half und so vertieft in ihre Aufgabe war, dass sie anfangs nicht einmal merkte, dass er sie filmte.
Immer wieder spulte Harm die Aufnahme an den Anfang zurück und spielte sie erneut ab. Immer wieder betrachtete er seine Tochter und seine – tja, was war Mac eigentlich?
Obwohl, viel wichtiger war die Frage, was war er für Mac? Denn dass er sie liebte und das bestimmt nicht im platonischen Sinn, wie er es sich lange Zeit eingeredet hatte, das war ihm mittlerweile klar geworden.
Aber er konnte beim besten Willen nicht erkennen, dass Mac ähnliche Gefühle für ihn hegte. Ganz im Gegenteil: Sie schien eher zurückzuweichen, wenn er ihr mal versehentlich zu nahe kam.
›Für sie bin ich nur ein Kollege, ein Freund, wenn auch ein guter. Aber das reicht mir nicht. Nicht mehr.‹
Ständig musste er aufpassen, dass er Mac seine wahren Gefühle für sie nicht gestand und das wurde von Tag zu Tag schwerer. Und wenn er jetzt auch noch Belle verlieren würde…
„Nein, das werde ich nicht zulassen", sagte er laut und erhob sich von der Couch. „Nicht, wenn ich es irgendwie verhindern kann."
Aus seinem Adressbuch suchte er eine Telefonnummer heraus und griff nach dem Telefon. Er zögerte noch einmal, doch dann tippte er entschlossen die Nummer ein.
