Zufrieden kuschelte sich Mac in Harms Arme und legte ihren Kopf an seine breite Brust. Der Regen trommelte an die Fensterscheiben und hier drinnen war es warm und gemütlich.
„Bist du glücklich?", fragte Harm mit leiser Stimme und gab ihr einen Kuss auf das dunkle Haar.
„Sehr", murmelte Mac. Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl, dass sie ihm endlich so nah sein konnte, wie sie es sich immer erträumt hatte. Endlich musste sie ihre Gefühle nicht mehr verstecken, endlich –
Mit einem Ruck richtete sie sich auf. „Harm, wirst du mich…?" Sie wusste nicht, wie sie sich ausdrücken sollte ohne weinerlich zu klingen. „Werdet ihr trotzdem nach Kalifornien ziehen?"
Harm stützte sich auf seine Unterarme und betrachtete Mac, die seinem Blick auswich und unruhig an ihrer Unterlippe nagte. „Was glaubst du denn?" Seine Stimme klang ernst und ließ nicht erkennen, wie er darüber dachte.
„Na ja", abwesend begann sie, mit dem Zeigefinger Schlangenlinien auf seinen nackten Oberkörper zu zeichnen. „Vermutlich hast du recht. Der Richter wird dir eher das Sorgerecht zusprechen, wenn du in der Nähe deiner Familie in La Jolla leben wirst."
Da sie den Kopf immer noch gesenkt hielt, konnte sie nicht sehen, wie Harm leicht verwundert den Kopf schüttelte. „Ganz bestimmt sogar, Marine", stimmte er ihr zu.
Mac blinzelte hastig, um die aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. ›Natürlich ist das Wichtigste, dass Belle bei ihm bleibt‹, versuchte sie sich gut zuzureden. ›Du kannst doch deinen Urlaub in Kalifornien verbringen.‹
Aber die Aussicht, Harm und seine Tochter künftig nicht mehr tagtäglich um sich zu haben, war entsetzlich. Sie spürte kaum, dass ihre Hand umfasst und von Harms Oberkörper gehoben wurde.
„Es sei denn…", begann Harm und platzierte kleine, liebevolle Küsse auf jeder einzelnen ihrer Fingerspitzen. „Es sei denn, ich würde mit meiner Ehefrau in Washington leben."
Er setzte sich auf und fasste unter Macs Kinn, so dass sie ihn ansah. „Würdest du mich heiraten, Sarah?"
Verwirrt erwiderte Mac seinen intensiven Blick. Hatte er ihr wirklich gerade einen Heiratsantrag gemacht? „Wegen Belle?", vergewisserte sie sich.
Entschieden schüttelte Harm den Kopf, während sein Daumen sanft über ihre Wange strich. „Nein, meinetwegen. Deinetwegen. Unseretwegen. Weil ich keinen Tag mehr ohne dich sein will." Er küsste sie zärtlich auf die Nasenspitze, bevor er sich zurückzog. „Du musst sicher darüber nachdenken. Deshalb werde ich…"
„Nein!", platzte Mac laut heraus.
Harm erstarrte. „Nein?" Für einen Augenblick zeichnete sich ein schmerzvoller Ausdruck auf seinem Gesicht ab, doch er hatte sich sofort wieder unter Kontrolle. „Du hast recht. Ich hätte nicht fragen dürfen. Wenigstens jetzt noch nicht…"
„Nein, ich muss nicht darüber nachdenken", verdeutlichte Mac. „Ich möchte dich heiraten. Weil ich auch nicht mehr ohne dich leben möchte."
Ungläubig starrte er sie an, bis er endlich begriff. „Du willst mich wirklich heiraten?" Überglücklich nahm er sie in die Arme. „Oh Sarah, ich liebe dich so sehr. Ich will alles tun, damit du immer glücklich sein wirst", flüsterte er ihr ins Ohr. Er begann, sanfte Küsse auf ihrem Nacken zu verteilen.
Mac seufzte sehnsüchtig, doch als seine Hand über ihre Taille nach unten glitt, hielt sie sie fest.
„Was ist?" Harm sah sie verwundert und auch etwas enttäuscht an. „Möchtest du nicht?"
Mac hob seine Hand an ihre Lippen und hauchte einen Kuss auf die Handinnenfläche. „Doch, mehr als du dir vorstellen kannst. Aber es ist schon 21:31 und Sandy wundert sich bestimmt, wo du bist."
„Oha!" Erschrocken sah Harm auf den Wecker. „Ich hoffe nur, dass sie nicht die Polizei angerufen hat." Mit einem bedauernden Blick auf Macs nackten Körper erhob er sich vom Bett, zog sich seine Boxershorts an und ging ins Wohnzimmer.
„Fünf Anrufe", rief er laut, nachdem er sein Handy aus der Jacke gekramt hatte. Umgehend drückte er die Rückruftaste.
„Hallo?"
„Hi Sandy, ich - "
„Harm, wo in aller Welt steckst du? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht! Hattest du einen Unfall?"
„Ähm, nein. Tut mir leid, dass ich mich nicht eher gemeldet habe. Ich hatte nicht darauf geachtet, wie spät es schon ist."
„Ich habe dich viermal angerufen!"
„Fünfmal. Ich hatte mein Handy nicht bei mir. Ist mit Belle alles in Ordnung?"
„Ja, natürlich. Sie schläft schon seit zwei Stunden", kam es in einem vorwurfsvollem Ton.
„Okay, ich bin gleich zu Hause." Harm beendete das Gespräch und legte das Handy an die Seite.
„Was hat sie gesagt?" Mac stand in der Tür zum Schlafzimmer. In seinem schwarzen T-Shirt, das sie sich übergezogen hatte, sah sie einfach hinreißend aus.
›Aber wahrscheinlich sähe sie sogar in einem alten Kartoffelsack fantastisch aus!‹ Er ging zu ihr und zog sie an sich. „Ich fürchte, sie ist etwas sauer auf mich", murmelte er, etwas undeutlich, weil seine Lippen die Stelle hinter ihrem Ohr liebkosten.
Mac, die eben noch seufzend die Augen geschlossen hatte, öffnete sie abrupt wieder und sah Harm geschockt an. „Weil wir uns verlobt haben?" Mit einer solchen Reaktion hatte sie absolut nicht gerechnet – wenigstens nicht bei Sandy.
„Was?" Harm brauchte eine Sekunde, bis er begriff. Dann lachte er. „Doch nicht wegen unserer Verlobung! Davon weiß sie noch gar nichts. Weil ich mich nicht eher bei ihr gemeldet habe." Er wuschelte Mac durch das kurze Haar. „Ich dachte, das mit uns erzählen wir ihr gemeinsam. Du kommst doch mit zu mir, oder?"
Selbst wenn Mac das nicht ohnehin vorgehabt hätte, spätestens bei diesem bettelnden Blick wäre sie schwach geworden. „Natürlich, so schnell wirst du mich nicht wieder los."
Ihre Lippen trafen sich in einem weiteren Kuss.
„Wir sollten wirklich fahren, Sandy wartet", sagte Mac schließlich atemlos.
Nur widerwillig entließ Harm sie aus seinen Armen. „Ich möchte dich am liebsten gar nicht mehr loslassen."
„Ich dich auch nicht, aber das würde das Autofahren sehr erschweren", gab Mac zu bedenken.
Er musste lachen. „Okay, du hast recht. Aber glaub nicht, dass das immer so sein wird."
„Was? Dass ich recht habe oder dass du mich loslässt?"
„Beides." Harm gab ihr einen spielerischen Klaps auf den Po. „Und jetzt zieh dich an, bevor ich es mir anders überlege und über dich herfalle."
Sein Blick fiel auf das Buch, das bei Macs Wutausbruch vorhin durch die Luft gesegelt und hinter dem Sessel gelandet war. „So einen Temperamentsausbruch hätte ich dir gar nicht zugetraut", meinte er, als er sich danach bückte. Einzelne Seiten hatten sich gelöst und flatterten zu Boden.
„Den hebe ich mir auch nur für ganz besondere Gelegenheiten auf." Mit einem leicht verlegenen Lächeln nahm Mac ihm das Buch ab und deponierte es wieder auf dem Schreibtisch.
„Und das war so eine Gelegenheit?"
„Na ja, wenn man mir erzählt, dass der Mann, den ich liebe und meine - " Sie überlegte.
„Tochter", half Harm ihr weiter.
Dankbar blickte sie ihn an. Endlich verstand er sie. „Also die beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben 2.270 Meilen weit wegziehen wollen, kann ich mich leicht aufregen."
„Leicht?" Harms linke Augenbraue wanderte in die Höhe. „Dann möchte ich nicht dabei sein, wenn du dich richtig aufregst."
„Darauf kannst du wetten, Sailor!" Mit einem flotten Hüftschwung drehte sie sich um und verschwand im Schlafzimmer.
Er folgte Mac, um sich ebenfalls anzukleiden, wobei er sich stark darauf konzentrieren musste, sie nicht die ganze Zeit anzustarren.
›Reiß dich zusammen, Rabb, und beeil dich, dass du fertig wirst, sonst wird Sandy tatsächlich sauer.‹ Mit einem Mal erinnerte er sich daran, dass sie sich schon einmal nach einem Telefonat mit Sandy hastig angezogen hatten, um zu Belle zu fahren. ›Was für ein Unterschied! Damals hast du befürchtet, den größten Fehler deines Lebens gemacht zu haben und jetzt bist du – verlobt!‹
Mac ging an ihm vorbei, um einige Sachen aus ihrem Kleiderschrank zu holen. Kurzentschlossen streckte Harm beide Arme nach ihr aus und zog sie an sich. „Habe ich schon gesagt, dass ich dich liebe, Sarah MacKenzie?"
Glücklich kuschelte sich Mac an seine Brust. „Doch, mir ist so, als ob du das schon mal in einem Nebensatz erwähnt hättest."
Ihr leises Stöhnen verriet, dass sie seine Reaktion auf ihre Umarmung durchaus wahrnahm, trotzdem machte sie einen Schritt zurück. „Das vertagen wir besser."
Sie packte einige Sachen in eine kleine Reisetasche. „Abmarschbereit!"
Harm schlüpfte in seine Lederjacke und half Mac in ihren Mantel. Hand in Hand verließen sie die Wohnung.
„Ich bin gespannt, was Sandy sagen wird", sagte Harm, nachdem sie einige Minuten schweigend im Wagen gesessen hatten.
„Ich auch", bekannte Mac. Wieder verstummten sie.
„Wie sagen wir es dem Admiral?", stellte Mac schließlich die Frage, die sie schon die ganze Zeit beschäftigte.
Harm warf ihr einen kurzen Blick zu, bevor er wieder auf die Straße sah. „Wenn er etwas dagegen haben sollte, werde ich eben doch den Dienst quittieren. Ich werde auch hier in Washington eine Anwaltskanzlei finden, die mir eine Stelle anbieten wird. Aber ich werde weder dich noch Belle aufgeben." Ohne hinzusehen tastete er nach ihrer Hand und drückte sie zärtlich. „Ihr seid mir tausendmal wichtiger als die Navy!"
Mac erwiderte den Druck. Es tat gut zu hören, dass Harm ihre Beziehung sogar über seine Karriere stellte. Trotzdem hoffte sie, dass es nicht so weit kommen würde.
„Hi, da bist du ja – Oh, Mac, ich wusste gar nicht, dass du bei Harm warst." Sandy schlug das Buch zu, in dem sie gelesen hatte.
Harm schloss die Wohnungstür hinter ihnen und zog Mac an der Hand zu Sandy. „Sie wird in Zukunft noch viel häufiger bei mir sein oder ich bei ihr", erklärte er, seine Finger verschränkten sich mit Macs. „Wir haben uns verlobt!"
„Na endlich!", entfuhr es Sandy. Auf Harms und Macs verblüfften Blick hin fing sie an zu lachen. „Habt ihr etwa geglaubt, dass ihr mich damit überraschen könnt? Mir war doch von Anfang an klar, dass ihr zusammen gehört." Sie stand auf und umarmte Mac. „Herzlichen Glückwunsch!" Und etwas leiser raunte sie ihr ins Ohr: „Da hast du endlich den richtigen Mann", bevor sie auch Harm kurz in die Arme nahm.
„Habt ihr schon einen Termin für die Hochzeit?", erkundigte sie sich anschließend.
Harm und Mac tauschten einen Blick.
„Wir haben noch nicht darüber gesprochen und wir müssen auch erst mit Admiral Chegwidden über unsere Zukunft bei JAG sprechen", erklärte Harm. „Aber ich denke so bald wie möglich. Was meinst du, Sarah?"
Mac nickte. „Wir klären morgen als erstes die Sache mit dem Admiral und legen danach einen Termin fest."
Lächelnd betrachtete Sandy die beiden. „Also sage ich Jason noch nichts davon."
„Das wäre besser", stimmte Mac ihr zu. „Ich weiß nicht, ob es so gut wäre, wenn der Admiral es von ihm erfahren würde."
„Okay, dann behalte ich es für mich." Sandy steckte das Buch in ihre Tasche und zog ihre Jacke an. „Dann bis morgen. Feiert noch schön!"
Harm öffnete ihr die Tür. „Bis morgen. Und entschuldige noch mal die Verspätung."
„Schon okay. Wenn ich gewusst hätte, dass ihr euch gerade verlobt habt, hätte ich auch nicht ständig versucht, dich anzurufen. Ich hoffe, ich habe euch nicht gestört." Sie zwinkerte ihm zu.
Harm wurde tatsächlich etwas rot, aber Mac ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Nicht im Geringsten. Gute Nacht, Sandy!"
Kaum dass Sandy im Aufzug verschwunden war, stupste Mac ihren Verlobten in den Bauch. „So bald wie möglich?"
„Ja. Hast du irgendwelche Einwände?", fragte er und küsste sie zärtlich auf die Lippen.
„Keineswegs. Solange mir noch genügend Zeit bleibt, um ein Kleid zu kaufen."
Macs Magen meldete sich mit einem lauten Knurren zu Wort.
„Mein armer Marine, du musst halb verhungert sein", grinste Harm halb spöttisch, halb mitleidig. „Und das, wo du mich vermutlich nur wegen meiner Kochkünste heiratest." Er nahm das Telefon vom Tisch. „Pizza oder chinesisch?"
„Pizza", kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.
Mac setzte sich auf die Couch und hörte zu, wie Harm – ihr Verlobter! – das Essen bestellte. Er musste nicht fragen, was sie haben wollte, ganz selbstverständlich bestellte er ihre Lieblingspizza mit einer Extraportion Schinken.
„Vierzig Minuten", verkündete er, als er das Telefon wieder zurücklegte. „Hältst du das noch aus?"
Mac streckte fordernd die Hand nach ihm aus und zog ihn neben sich auf die Couch. „Du musst mich nur so lange von meinem leeren Magen ablenken."
Harm zog eine Augenbraue in die Höhe. „Und wie soll ich das tun?"
„Oh, ich bin ganz sicher, dass dir etwas Geeignetes einfallen wird." Sie schloss erwartungsvoll die Augen.
Lächelnd blickte Harm auf sie herab. Er konnte immer noch nicht fassen, dass sie endlich zu ihm gehörte und tatsächlich für den Rest ihres Lebens mit ihm zusammenbleiben wollte.
Er senkte den Kopf und hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die vollen Lippen.
„Weißt du, worum wir uns noch kümmern müssen?", raunte er ihr ins Ohr und knabberte sanft an ihrem Ohrläppchen. „Abgesehen von dem Hochzeitskleid."
„Worum denn?", murmelte Mac abwesend, während ihre Hände unter sein Hemd wanderten und anfingen, ihn zu streicheln.
„Um ein Haus für uns drei."
„Stimmt!" Ein glückliches Lächeln breitete sich auf Macs Gesicht aus. „Ein Haus für uns und Belle und vielleicht irgendwann auch für ein kleines Brüderchen oder Schwesterchen für sie." Etwas unsicher blickte sie ihn an. Schließlich hatten sie über dieses Thema noch gar nicht gesprochen. „Oder möchtest du keine -"
Mit einem leidenschaftlichen Kuss brachte Harm sie zum Schweigen.
„Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mit dir zusammen ein weiteres Kind zu haben, Sarah", sagte er anschließend.
Eng schmiegten sie sich aneinander und machten Pläne für ihre gemeinsame Zukunft.
