„Meldung von Face?"
Hannibal zog sich die Schuhe an, den Blick dabei fragend auf Murdock gerichtet.
„Keine Rückmeldung, Colonel" Er zuckte mit den Schultern und schaute besorgt in die Runde.
„Ok, wir fahren gemeinsam. Das ist untypisch für ihn" er blickte auf die Uhr: „ Es ist fünf Uhr und es regnet, heißt er müßte im 30 min Takt melden, wie unzufrieden er ist. Ich bin beunruhigt. - B. A. Bist du soweit?"
B. A. stand bereits an der Tür, die Klinke in der Hand „Wir können sofort fahren. Ich hab gleich gesagt, ich hab ein komisches Gefühl". Murdock sprang auf und griff nach seiner Jacke
"Willst du nicht hier bleiben und etwas schlafen?"
„Nein Hannibal, dafür ist später auch noch Zeit, lass mich mitgehen."
Sie gingen zügig den schmalen Motel Korridor entlang und gelangten über das weißgetünchte Treppenhaus in die Tiefgarage. Tiefgaragen waren sehr praktisch um den Van zu verstecken, leider waren sie eher selten in so kleinen Motels. Nachdem sie einige Minuten gefahren waren, griff Hannibal zum Telefon und wählte Amys Nummer. Eine verschlafene Stimme meldete sich am anderen Ende
„Ja?"
„Amy? Hast du mittlerweile etwas herausfinden können?" Er stellte auf Lautsprecher
„Hannibal, hast du mal auf die Uhr geschaut?"
"Ja, hab ich. Deshalb rufe ich ja an. Also hast du?"
„Ja." sie gähnte laut. „Leider noch nicht wirklich viel. Und es hat mich ein Abendessen mit einem echt schmierigen Typen gekostet. Dafür seid ihr mir was schuldig!" Er hörte, wie sie in ihren Notizen kramte "Also, Pizzotti scheint nur der Mittelsmann zu sein."
"Ok, das war anzunehmen. Geht's noch weiter?"
"Entschuldige bitte, ich bin gerade aus dem Schlaf gerissen worden!" Amy wurde schnippisch, sammelte sich dann aber wieder: "Er regelt offenbar die Geschäfte und tritt in Kontakt mit Kunden. War gar nicht so einfach, etwas über ihn raus zukriegen."
"Noch fünf Minuten Hannibal"
"Danke B. A.. - Rede weiter, Amy."
Aber dann habe ich rausgefunden, daß jegliche Gelder die Pizzotti einnimmt, auf ein Konto in der Schweiz überwiesen werden, einer Human Resources Fima. Also einer Personalvermittlung in der Schweiz, Inhaber ein gewisser Antonio Monselan. Aber über Monselan hab ich noch nichts herausfinden können. Auf den ersten Blick scheint er eine blütenweiße Weste zu haben. Engagiert sich für Soziale Projekte und so ein Kram."
B. A. stoppte den Van, als er in einen kleinen Waldweg gefahren war.
„Amy, danke, wir müssen auflegen" sagte Hannibal und drückte auf Beenden.
"Viel können wir nicht damit anfangen". Er lächelte den anderen zu, als er die Tür öffnete und aus dem Wagen sprang. "Los. Machen wir uns die Dämmerung zunutze!"
Der kleine Weg wurde schon nach wenigen Metern zu einem schlecht befahrbaren Pfad, der tief in den Wald hineinführte.
Sie eilten Richtung Dodge, doch was sie plötzlich sahen, ließ alle abrupt inne halten: Vor ihnen lag ein schwarzes, ausgebranntes Autowrack, am Boden glühten noch einige Zweige und Laub. Der stechende Geruch von verbrannten Plastik und Laub stieg ihnen in die Nase. Für einige Sekunden starrten sie geschockt auf den Dodge, in dem Face Wache gehalten hatte, dann faßte sich Hannibal wieder: "Sergeant, Umgebung sichern! Captain, mitkommen!"
Während B. A. sofort seine Pistole zog und mechanisch dem Befehl folgte, hechten Hannibal und Murdock durch die hüfthohen Büsche den kleinen Hang hinunter. Als sie das Auto, oder vielmehr das, was davon noch über war, erreichten, trafen sie auf eine Wand aus stechender, warmer Luft
"Hannibal?" Murdock war kreidebleich im Gesicht. "Sag, daß er nicht da drin war!"
Durch das zerborstene Fenster konnte Hannibal in den Fahrerraum blicken. Auf dem Sitz lagen die Überreste von Face' verkohlter Jacke und die ebenso verkohlten Schuhe standen im Fußraum.
"Colonel!?" Murdocks Herz raste. "Sag etwas bitte!"
"Nein"
"Nein?"
"Die Sitze sind deutlich stärker verbrannt wie Jacke und Schuhe. Funkgerät und Waffe scheinen zu fehlen - das Nachtsichtgerät auch. Es müssten noch Spuren zu sehen sein." Er trat einen Schritt zurück, ließ seinen Blick umher wandern, dann bückte er sich und griff ins verbrannte Laub unterhalb des Wracks.
"Ich denke, das hier war mal das Funkgerät. Hätten Sie es ihm abgenommen, dann läg es nicht verkohlt unter dem Auto, sondern wäre bei Waffe und Nachtsichtgerät." Er schwieg kurz, dann legte er beruhigend seine Hand auf Murdocks Schulter: "Davon abgesehen, daß seine restlichen Knochen fehlen, Captain."
"B. A.!" rief Hannibal ohne Vorsicht über das Gelände, "Sie haben ihn!"
B. A. kam aus dem Wald herbei geeilt, sichtbar erleichtert, daß keine Leiche im Wagen zu finden war: "Wo ist er?"
"Wir müssen uns umsehen, ich vermute er war außerhalb des Wagens, als sie ihn gekriegt haben..."
"Es hat geregnet Mann, du glaubst doch nicht das Faceman freiwillig aus dem Wagen ausgestiegen ist!" Der Gedanke erschien B. A. zu abwegig. Face und Wasser - das paßte nicht zusammen.
Hannibal schüttelte gedankenverloren den Kopf und lief tiefer in den Wald. Die beiden anderen folgten ihm. Da war er wie ein Bluthund, sein Bauchgefühl und seine Intuition führten ihn immer in die richtige Richtung. Das war fast schon unheimlich.
"Verteilt euch etwas und schaut euch um!"
"Nach was suchen wir?"
"Nach Dingen die hier nicht hingehören!" er lief im Zickzack einige Meter weiter.
"Hannibal?" Murdock schaute irritiert zu B. A., der mit einem Schulterzucken und hochgezogenen Augenbrauen antwortete.
Plötzlich hielt Hannibal inne, fummelte mit beiden Händen an einem Baumstamm herum und hielt seine Beute hoch: "Sowas zum Beispiel! Habt ihr schon mal Kugelschreiber aus Rinden wachsen sehen?" Er ging einige Meter weiter, berührte mit den Händen einige Bäume und Büsche und prüfte deren Zweige.
"Dressman ist gar nicht so doof!" B. A. war erstaunt und hielt einen abgebrochenen Zweig hoch. "Er hat den Weg markiert!"
Hannibal drehte sich um und grinste, dann setzte er seine Suche fort. Sie fanden immer mehr, unter anderem auch ein komplett auseinander gerissenes Nachtsichtgerät, ebenso wie Bonbons auf umgeknickten Baumstämmen, abgebrochene Zweige und Äste. Dann folgten mit einem Mal keine Markierungen mehr
"ok, hier müssen sie ihn gekriegt haben."
"Was macht dich so sicher, Hannibal?" B. A. war immer wieder aufs Neue von Hannibals schneller Auffassungsgabe erstaunt, "Woher weißt du, daß er nicht zurückgegangen ist?"
"B. A., es ist mitten in der Nacht, es ist neblig und es regnet. Und seine Hinweise waren klein und winzig, die hätte er niemals im Dunkeln wieder finden können, zumal er sein Nachtsichtgerät im halben Wald verteilt hat. - Und da ist noch etwas, was mir die Gewissheit gibt, daß es ein Hinterhalt gewesen war!"
"Was denn?" Auch Murdock war erstaunt
"Schaut euch um, ist euch nicht aufgefallen, daß wir uns im Kreis bewegt haben? Dort hinten ist die Hütte und dort der ausgebrannte Dodge!" er wies mit dem ausgestreckten Arm in eine Richtung. "Face dachte, er verfolgt sie in den Wald hinein, aber in Wirklichkeit haben sie ihn im Kreis um die Hütte geführt. Hätte er gewußt, daß er so nah an der Hütte ist, hätte er den Weg sicher nicht markiert.
„Wir sollten einen Hausbesuch abstatten!" grollte B. A. und setzte sich Richtung Hütte in Bewegung
„Langsam B. A., sie werden ihn nicht in dem Hüttchen dahinten festhalten, dann hätten Sie ihn auch laufen lassen können…mich wundert, daß sie ihn nicht gleich …" er schwieg und hoffte, daß er den letzten Satz nicht laut gesagt hatte.
„Hey!" Murdock sprang plötzlich vor und griff ins Laub
„Hör mit dem Unsinn auf, du Narr!" B. A. packte ihn grob an der Schulter und zerrte ihn wieder aufrecht. Er staunte nicht schlecht, als Murdock sein Fundstück in die Luft hielt.
B. A. nahm es ihm mit einer schnellen Bewegung aus der Hand: „das ist Face' Colt!" Er schaute fragend zu Hannibal, der stirnrunzelnd die Waffe betrachtete. „Und das Magazin ist voll"
„Wir haben es nicht mit irgendwelchen Hobby-Drogendealern zu tun. Sie haben ihn ausgetrickst - und zwar ziemlich gut. Geschickt in die Irre geführt und überwältigt.
„Außerdem muß es schnell gegangen sein, denn sonst hätten Sie ihm seine Waffe abgenommen - er hätte sie nicht im Laub verloren." Ergänzte Murdock gedankenverloren
„Also heißt das doch, er saß schon in der Falle, als er das Auto verließ?" fragte B. A. und setzte das Magazin wieder in die Waffe ein. Hannibal schwieg einige Sekunden, dann setzte er sich eilig in Bewegung: „Bleibt also doch nur noch die Hütte. Mehr haben wir nicht im Moment."
Er hatte kein gutes Gefühl, doch er würde es sich nicht anmerken lassen. Nicht vor den Anderen. Daß Face' Waffe im Laub lag, erschien ihm irgendwie seltsam. Hätte er sie im Holster gehabt, hätte er sie nicht verloren - er muß sich also schon bedroht gefühlt haben und hatte sie in der Hand. Es blieb also nur noch ein überraschender Angriff aus dem Nichts. Aber wie konnte Face bei all dem raschelnden Laub und dichtem Geäst nicht hören, daß jemand in der Nähe war? Es hätte ihm jemand auflauern müssen… und hätten die oder der Angreifer ihm nicht als erstes die Waffe abgenommen?. Und wenn er sich schon bedroht gefühlt hat, hätte er nicht mit einem Angriff gerechnet? Nein, irgendwie paßte die Szenerie nicht in seinen Kopf. Was zur Hölle war passiert?
Und noch etwas anderes beunruhigte ihn: „Sie haben keine Angst entdeckt zu werden!"
„Was?" Murdock schaute irritiert
„hab ich das laut gesagt?" er grinste „Sie haben das Auto vor der Hütte angezündet, anstatt es im See verschwinden zu lassen.
„ist das nicht etwas dämlich?" Murdock runzelte die Stirn
„Nein, gar nicht. Wenn ihn jemand sucht, dann wäre eine ausführliche Suche nachteilig und wer weiß, was die Polizei dann noch alles finden würde. Jetzt aber stolpert man ganz leicht über ein ausgebranntes Autowrack, Schuhe und Jacke… was auch immer passiert ist, offensichtlich ist er tot. Im Wrack finden sich sicherlich noch Zigarettenstummel unter den Sitzen, wetten? Eingeschlafen, abgebrannt…."
„Aber seine Knochen..?"
„Hier leben nur einfache Leute. Denen reicht das. Niemand will hier Schwerverbrecher haben - und schon ist der Fall, wie die Drogenfälle auch, abgeschlossen." Er schwieg für einige Sekunden und fügte dann hinzu: „Mich stört aber noch etwas anderes: Sie haben das Ding direkt vor ihrer Hütte angezündet. Die haben nicht die geringste Angst, entdeckt zu werden. In der Hütte werden wir nichts finden, da würde ich drauf wetten"
Hannibal schloß die Zimmertür auf und betrat die winzige Diele des kleinen Apartments. Der dunkelrote Teppichboden mit dem hässlichen Blumenmuster war mit tiefschwarzen Abdrücken von B. A.s Stiefeln übersät. Er folgte der Spur ins Nebenzimmer, wo B. A. an einigen kleinen Empfängern bastelte. Er drehte sich abrupt um, als er Hannibal reinkommen hörte:
"Mann, was hältst du von anklopfen? - Wo ist Murdock geblieben?"
„Murdock ist beim Flugplatz. Ich habe ihn dort abgesetzt. Wir brauchen dringend ein paar Luftaufnahmen von der Gegend. Wir haben nichts in der Hand, womit wir etwas anfangen können, außer Pizzotti. Aber ihm einen Besuch abzuhalten ist zu risikoreich. Er wird seinen Boss warnen und solange wir nicht wissen wo Face ist, ist das keine gute Idee. Ich habe Amy gesagt, daß wir dringend mehr Infos brauchen, ich hoffe, sie meldet sich bald"
„Hoffentlich geht es Face gut…"
„B. A.." Hannibal schaute ihn väterlich an „ich mache mir mehr Sorgen um die Typen! Vermutlich haben sie schon gestern Nacht bei irgendwelchen fadenscheinigen Geschäften Haus und Hof verloren" Er setzte sein selbstbewusstes Lächeln auf: „Mach dir keinen Kopf um den! Dem geht's mit Sicherheit besser wie wir denken"
Das Funkgerät auf dem Tisch knackte und Murdocks Stimme war zu hören
„Mission Control?"
Hannibal blickte zu B. A., als er in das Funkgerät sprach. „Bericht Murdock!"
„Es hat etwas gedauert, bis ich die Hütte gefunden habe. Man sieht fast gar nichts von oben. Hier ist alles zugewachsen, wie im Dschungel. Wunderschön. Atemberaubende Wälder und ..."
Hannibal unterbrach ihn forsch: "noch etwas anderes?"
„Ja Colonel, hier ist definitiv endlose Leere! Nachdem ich die Hütte ausgemacht habe, bin ich von dort aus den See abgeflogen. Da sind einige Feldwege um das Wasser, das ist es aber auch."
"Sonst nichts?" Hannibal wußte nicht, ob er erstaunt oder wütend sein sollte.
"Nein. ich schwöre, hier ist gar nichts. Aber ich habe vor dem Abflug etwas mit dem Flugwart geplauscht. Netter Kerl. Hat zwei Kinder und seine Frau hat ihn verlassen und die Kinder mitgenommen. Er sammelt übrigens auch Comichefte und kennt sich da wirklich aus mit..."
"Murdock!"
"…Und er plapperte nebenbei aus, daß ein gewisser Mario Monselan auch einen Hubschrauber besitzt. Es gibt hier nämlich nur zwei. Seinen und den von Monselan. Und Monselan läßt ihn hier reparieren und warten und sowas. Ist ein guter Kunde von ihm, bezahlt immer pünktlich und gibt großes Trinkgeld."
B. A. legte die Stirn in Falten: "HEY - sagte Amy nicht auch was von einem Monselan?"
"Ja richtig B. A.. Pizzotti zahlt Geld an Antonio Monselan in die Schweiz. Was für ein Zufall, daß der Flugwart noch einen Monselan kennt, der auch noch einen Hubschrauber besitzt... und sich im gleichen Ort wie unser Freund Pizzotti aufhält. - Murdock, wofür braucht Monselan den Hubschrauber?"
"Das weiß ich nicht. Scheint wohlhabend zu sein. Muß früher hier Geschäfte gemacht haben. Solange ging unser Gespräch nicht"
"Ok, das ist nicht viel, aber immerhin etwas. Suchen wir Mario! Wer einen Hubschrauber hat, muß auch irgendwo landen!"
"Ähm ja. ich weiß wo"
"Wo?"
"Na im Wald! In der Nähe der Hütte ist eine Lichtung. Es ist seine Hütte"
"Was macht einer mit einem Hubschrauber mitten im Wald an einer ordinären Holzhütte?" B. A. fand das Wirrwarr ermüdend und spielte mit einem Schraubenzieher in seiner Hand.
"Ferien!"
"Ferien?"
"Ja, der Flugwart - er heißt übrigens Joe, der hat gesagt, Monselan wäre schon immer sehr verbunden mit diesem Ort hier gewesen und würde sehr häufig Ferien hier machen. Er liebt die Abgeschiedenheit und bevorzugt Urlaub in ordinären Holzhütten."
"Ok Murdock, komm zurück." Hannibal legte das Funkgerät zur Seite "Wir müssen herausfinden wo unser Freund Monselan sich sonst so aufhält. Und vor allem, was er so geschäftlich treibt. Wir beschatten weiter Pizzotti, vielleicht führt er uns zu Monselan. Lass uns Murdock abholen."
"Hannibal?" B. A.s Stimme wirkte unsicher
"Ja was?"
"Wir suchen die Nadel im Heuhaufen, oder?"
"Nein. Ich habe einen Plan!" Hannibal zog die Autoschlüssel aus der Jackentasche und ließ sie in B. A. geöffnete Hand fallen.
Genaugenommen hatte er gar keinen Plan. Pizzotti war so unauffällig wie ein Schulmädchen, seine Drogendealer - Handlanger wechselte er wie seine Unterwäsche. Zu gern würde er Pizzotti aufscheuchen - in den meisten Fällen brachte das den gewünschten Erfolg. Doch er fürchtete diesmal, daß es zu Face' Lasten gehen könnte. Face war als Geisel ohne Bedeutung, völlig wertlos und somit in größter Gefahr.
"Wir können Pizzotti nicht aufmischen, stimmt's?"
"Ich fürchte nein." Sagte er, im Begriff das Zimmer zu verlassen: „Wir müssen rauskriegen, wie Pizzotti mit den Monselans zusammenhängt.
