Dunkelheit.
Das war das falsche Wort.
Finsternis.
Völlige Finsternis.
Alles um ihn herum war tiefschwarz. Wenn es eine Steigerung für "Tiefschwarz" geben würde, sie wäre jetzt wohl angebracht gewesen, denn "Tiefschwarz" reichte nicht mehr aus um zu beschreiben, was er sah. Die Finsternis ängstigte ihn.
Echte Angst hatte er schon lange nicht mehr verspürt. Vielleicht Unbehagen, oder Unsicherheit, vielleicht auch Respekt vor einer Sache. Aber Angst, das letzte Mal spürte er sie…. Im Krieg in Korea.
Es war kalt. Er fror am ganzen Körper und versuchte irgendwie das Zittern zu unterdrücken. Nicht zittern. Bloß nicht zittern! Jedes Muskelzucken schmerzte so stark, dass er es kaum aushalten konnte. Dabei konnte er den Auslöser nicht einmal genau lokalisieren.
Korea? Nein, das klang falsch. Asien auf jeden Fall. Vielleicht. Oder war es … Es war weit weg.
...und lange her.
Er spürte seine Beine nicht, seine Arme nicht, die Hände waren taub. Er wußte, daß sie direkt vor seiner Brust waren. Eingeklemmt und gequetscht.
Da waren sie doch, oder? Jetzt nicht durchdrehen. „Mach einen Lagebericht. Was sind die Fakten?" Flüsterte er zu sich selbst. Die Hände waren faktisch vor seiner Brust, ganz sicher.
Aber...
vielleicht war er eingeschlafen? Er hatte eine Spritze bekommen, daran konnte er sich noch erinnern. An den kalten Fußboden und das furchtbar grelle Licht, daß er sich nicht bewegen konnte und nur schlecht atmen. Jemand hatte ihn angesprochen, aber er verstand kein Wort, hatte die Augen zusammengekniffen um sich vor dem grellen Licht zu schützen. Hände berührten ihn grob, jemand zerrte ihm das nasse Shirt vom Leib. Das nächste, woran er sich erinnerte, war, daß ihn jemand anschrie, weil er seinen Namen nicht sagen wollte. Es hatte ihn einige Anstrengung gekostet, trotzdem konnte er sich nicht verkneifen nach dem Frühstück zu fragen. Der nachfolgende Schlag in sein Gesicht war keine wirkliche Überraschung gewesen, aber er tat höllisch weh. Der nächste traf ihn am Kopf, und zwar so hart, daß er erneut das Bewußtsein verlor.
Als er das nächste Mal aufwachte, war er hier drin und die Dunkelheit begann langsam Macht über ihn zu erlangen.
Diese Enge war einfach unertragbar und wenn er seine Gedanken nicht beisammen hielt, dann hatte er das Gefühl, daß es immer enger wurde. Das Schwarz schien ihn zu erdrücken. Es kroch in ihn hinein und manchmal verschlang es ihn einfach und er mußte ertragen, wie es immer mehr die Kontrolle über ihn nahm. Über seinen Körper und über seine Gedanken.
Da war dieser Name in seinem Kopf. Immer wieder tauchte er auf. Er versucht ihn zu verdrängen, denn so sehr er sich anstrengte, er konnte sich an niemanden mit diesem Namen erinnern.
Etwas gab ihm die schreckliche Gewissheit, daß es keinen Ausweg gab. Kann man an Finsternis sterben? Starb man aus Angst? Nein, ganz sicher nicht. Diese Fragen waren ja lächerlich. Erbärmlich und lächerlich. Herrgott, er benahm sich wie ein Kleinkind und fing an, über sich selbst zu lachen. Es war kein schönes Lachen, sondern es klang leer und verzweifelt. Sein eingezwängter und schmerzender Brustkorb erstickte es schnell und ließ ein schmerzhaftes Ächzen über.
Hannibal. Wer zur Hölle war das?
Nicht durchdrehen! Auf die Atmung konzentrieren und ruhig bleiben.
Wie viele Tage mochte er hier drin sein? Wo war er?
Es mußte doch möglich sein, irgendetwas zu sehen… nur einen winzigen Lichtschein.
Korea war es ganz sicher nicht. Vielleicht Taiwan. Das klang besser. Gab es da überhaupt einen Krieg? In Taiwan? Er war in Taiwan im Krieg. Taiwanesischer Krieg. ...Verdammt noch mal, Taiwan - was war das überhaupt für ein seltsames Wort?
Warum half ihm niemand? Irgendjemand mußte doch merken, daß er fehlte... Irgendwer...
Die Angst wuchs. Nicht durchdrehen. Er versuchte langsamer zu atmen und schloß dabei die Augen.
Wo auch immer er war, er mußte hier raus.
Sofort!
Er hielt es nicht mehr aus.
Panik.
Nicht schreien.
Das war es doch, was sie hören wollten.
Hannibal trommelte mit den Fingern auf dem Armaturenbrett des Vans. Es war nicht mal ein Rhythmus, sondern unzusammenhängendes, schnelles Klopfen. Sein Blick war auf die Diskothek gerichtet, das "Deepwater", in der Riccardo Pizzotti eben verschwunden war. Es war später Abend und vor der Disko tummelten sich etliche Jugendliche. Die Bässe der Musik waren nicht zu überhören und manchmal hatte man den Eindruck, daß selbst der Van zu vibrieren begann. Er kontrollierte die Anzeige auf dem Funkgerät und starrte wieder auf den Diskotheken Eingang. Seine Finger begannen erneut zu trommeln.
"HANNIBAL!"
Hannibal blickte gedankenverloren zu B. A. "Hm?"
"Hör verdammt noch mal damit auf, du machst mich wahnsinnig!"
"womit?"
B. A.s Hand schnellte vor und packte Hannibals Handgelenk fest zu: "HIERMIT!"
"Tut mir leid, ich denke nach"
"Hey Mann" er ließ das Handgelenk schnell wieder los "Ich weiß, daß du gestresst bist - wegen Face und so"
"Ich bin nicht gestresst!" Hannibal konnte die Empörung in seiner Stimme nicht verstecken, doch B. A. ignorierte es: "Wir haben den gestrigen Tag verloren und kein Lebenszeichen von ihm. Ich weiß, daß dich das wütend macht. Das sind fast drei Tage!"
Hannibal biß sich auf die Zähne: Er fühlte sich ertappt, doch B. A. sagte die Wahrheit. Drei Tage und sie wußten rein gar nichts. Er fühlte sich wie ein Anfänger, die Ungewissheit machte ihn wahnsinnig. Es haßte es, die Kontrolle zu verlieren, nichts war schlimmer für ihn. Und seit gestern spürte er so etwas wie Schuldgefühle. Er konnte es nicht genau beschreiben, sein Ego war bisher viel zu groß gewesen, um sich so etwas wie Schuld einzugestehen. Doch hätte er Face nicht allein die Hütte bewachen lassen, dann wäre vielleicht..."
Das Autotelefon klingelte und unterbrach seine Gedanken. Seine Hand zuckte vor und drückte den Knopf
"Warum hat das so lange gedauert?"
"Hannibal, wenn du es so eilig hast, dann solltest du mit Siegfried und Roy zusammenarbeiten! Stimmt etwas nicht?"
"Nein, Amy. alles ok."
"Mit den Jungs auch alles ok?"
"Ja" log Hannibal und fühlte sich zum zweiten Mal an diesem Abend ertappt.
"Hannibal?!" Ihre Stimme klang wie die einer Mutter, die genau wußte, daß ihr Sohn schon wieder Unsinn angestellt hatte.
Er räusperte sich: "Sie haben Face."
"Oh mein Gott, geht es ihm gut?"
"Wir haben keine Spur von ihm. Tut mir leid Amy, wenn ich eben etwas zu forsch war."
"Schon in Ordnung. Wie ist das... "
"Hast du etwas für uns?" unterbrach er sie unhöflich. Er brauchte etwas womit er arbeiten konnte. Für belangloses Blabla hatte er jetzt keine Zeit
"Ja. Ein weiteres Abendessen mit meinem schmierigen Bekannten und ein ekelhafter Abend auf seiner Couch haben Folgendes herausgebracht: Also Antonio ist der Inhaber dieser Personalvermittlung in der Schweiz. Doch er hat seinen Wohnsitz gar nicht bei seinem Arbeitsplatz in der Schweiz, sondern er wohnt in den USA. Seattle um genau zu sein."
"hmm das ist knapp 250 Meilen von hier und ich seh' auch keine Verbindung zu den Drogengeschäften in TwinLakes?"
"Ja ich weiß - aber es kommt besser: Er hat einen Bruder, Mario Monselan. Mario war Inhaber einer Bergbau Firma, die vor fünf Jahren dicht gemacht hat. So und jetzt ratet, wo diese Firma war?"
Sofort bereute sie die scherzhafte Frage und ergänzte schnell: "In TwinLakes: Also direkt vor der Haustür!"
„Aha - Jetzt wird es interessant. Also Pizzotti verkauft Drogen, schickt das Geld in die Schweiz an eine Firma, dessen Bruder des Inhabers genau dort Geschäfte gemacht hat, wo die Drogen vertickt werden. Ok, sie versuchen Spuren zu verwischen - aber warum so einen Aufwand? Und wie kommt der Bergbau-Bruder wieder an seine Drogenkohle?"
„Das weiß ich nicht. Aber diese Personalvermittlung, die vermitteln nicht nur in der Schweiz Personal, sondern global."
„Also du meinst es werden auch Fachkräfte weltweit vermittelt? Das ist nicht illegal" Hannibal runzelte die Stirn
„Nein, aber merkwürdig. Denn tatsächlich werden keine FACH-kräfte vermittelt, sondern einfache, ungelernte Arbeiter. Mein Bekannter ist ähm - sagen wir mal vorsichtig: technisch versiert - er konnte sich in deren Dateien hacken."
B. A. schaute mit hochgezogenen Augenbrauen zu Murdock: "technisch versiert heißt das jetzt..."
Amy stockte kurz, als sie B. A. im Hintergrund sprechen hörte: "Wir ähm, wir fanden heraus, daß zum Beispiel ein einfacher Gärtner, ohne besondere Qualifikationen nach Rio de Janeiro vermittelt wurde. Und es ist noch verwirrender, denn unser Gärtner kommt gar nicht aus der Schweiz - oder überhaupt aus Europa! Der Gärtner kommt aus den USA! Und von diesen Fällen gibt es zahlreiche weitere. Ein Hilfsarbeiter, ohne nähere Qualifikation wird von Texas aus nach Thailand vermittelt. Ein Straßenkehrer von Nevada ging nach Russland. Und das alles wird organisiert von der Firma in der Schweiz."
"Das klingt irgendwie seltsam, da gebe ich dir Recht…"
„Aber das ist immer noch nicht alles." Amy konnte die Freude über ihre Entdeckungen in ihrer Stimme nicht verheimlichen "Denn diese Leute, also die Arbeiter, haben gar keinen Job dort im neuen Land! Die werden nur von einer anderen Agentur übernommen, um dort weitervermittelt zu werden. So steht es jedenfalls auf dem Papieren, die wir einsehen konnten. Die meisten von uns überprüften Arbeiter werden auch offiziell gar nicht an einen neuen Arbeitgeber weitervermittelt, sondern kündigten das Verhältnis mit der Agentur im neuen Land. Danach sind sie wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt keinen neuen Wohnsitz, keine Meldung bei einem Amt oder etwas Vergleichbares."
Hannibal versuchte die Infos für einen Moment zu sortieren. "Amy - ich brauche Personal."
B. A. warf ihm einen erstaunten Blick zu.
"Finde heraus, was wir brauchen, damit wir in Kontakt treten können."
Er drückte auf Beenden, er hatte keine Lust für Höflichkeitsfloskeln. Sein Kopf arbeitete. "B. A., sag Murdock Bescheid, er soll aus dieser dämlichen Disko rauskommen. Wir gehen die Sache anders an.
B. A. gab den entsprechenden Funkspruch an Murdock durch, legte das Gerät beiseite und schaute Hannibal mit ernstem Gesicht an:
"Du brauchst Personal?"
"Ja. Vollkommen richtig! Murdock muß morgen noch mal mit dem Hubschrauber los. Wenn das stimmt, was ich mir denke, dann ist Face in - ähm - sein Leben ist jedenfalls - nicht in Gefahr" - Gerade noch mal die Kurve gekriegt. Hannibal schaute wieder zur Eingangstür und wartete darauf, Murdock zu sehen.
B. A. seufzte. Er wußte, daß Hannibal niemals zugeben würde, wenn etwas außer Kontrolle geriet. Er gab ihnen das Gefühl, alles genauestens im Voraus zu planen und hielt so das Team zusammen. Sie mußten sorgenfrei arbeiten können, Unsicherheiten würden eine Mission gefährden. Und das war Hannibals Job: Er gab allen Sicherheit, Zuversicht und Stärke. Nur dieses eine Mal, da bröckelte seine Fassade. Die Sache beunruhigte ihn, das war deutlich zu spüren.
Und das beunruhigte B. A.
