„Wir haben vier Leute, drei davon sind bereit."
Mario Monselan spielte unruhig mit seinem Kugelschreiber, während er der anderen Stimme am Telefon zuhörte.
...
„Nein, der Neue noch nicht. Keine Ahnung was mir Pizzotti da wieder angeschleppt hat"
...
„Die Optik ist schon ok, da kann man sich bei Pizzotti drauf verlassen."
Er hörte wieder zu, dann bekam seine Stimme einen gereizten Unterton: „ Was weiß ich Toni, der sperrt sich jedenfalls! Sieht durchtrainiert aus, vielleicht Sportler oder so"
„Was?"
„Hör auf mich immer zu belehren, ich mach das ja nicht erst seit gestern! Wenn du dich so gut auskennst, dann beweg du doch deinen feinen Arsch hier hin und mach die Drecksarbeit!" Er lauschte eine längere Zeit und versuchte sich zu fassen, als er erneut antwortete: „Hast du den Interessent überprüft? Was sucht der?"
„Nein kein Problem, das hab ich. Überprüf ihn und schick ihn zu Pizzotti, der macht einen Termin aus." Der Kugelschreiber fiel aus seiner Hand, rollte über den antiken Holzschreibtisch und stieß gegen die Pistole.
...
„Ich schick dir heute Abend die Dateien, dann kannst du Papiere fertig machen lassen. Ich will die hier so schnell wie möglich weg haben. Ich mag nicht, wenn die solange hier sind."
...
„na wegen dem Risiko?"
...
„Wie, wegen welchem Risiko? Willst du mich verarschen? Der Neue hat in einem Auto vor unserer Haustür gehockt! Keine Ahnung wo der herkam und was er wollte. Wir wollten ihn erst beseitigen, aber das wär in diesem Fall echte Verschwendung gewesen." Er lachte kalt: „naja, jetzt hat das Rauchen sein Leben verkürzt, falls ihn jemand suchen sollte."
„Nein, sei unbesorgt, das neue Zeug verkürzt die Sache enorm. Das ist einfach klasse! Wir schaffen die meisten sogar in wenigen Tagen"
"Toni, Du mußt mich jetzt entschuldigen, ich habe zu tun. Ciao" Diesmal lachte er laut und legte auf.
Er wartete kurz, wählte dann eine interne Nummer auf seinem Telefon. Während er wartete, daß jemand abnahm, klopfte es an seiner Tür.
„Mr. Monselan?" Ein dunkelhaariger Mann stand in der Tür und strich sich unsicher mit einer Hand durch die verschwitzten Nackenhaare. Das T-Shirt war verschwitzt und schmutzig und seinen Drei-Tage-Bart hatte er längst seit 8 Tagen vergessen zu stutzen.
„Ah, Danny, ich habe gerade unten angerufen! Wie geht es voran?" Er legte den Hörer wieder auf.
„naja, es könnte besser gehen…"
„Was heißt das?" Seine Stimme wurde fest
„Er kooperiert einfach nicht, Mr. Monselan."
"Ist die Landschaft nicht wunderschön?"
Murdock schaute aus dem Fenster des Hubschraubers und schloß für einen Moment die Augen, um sich das Bild einprägen zu können. "Hach, einfach wundervoll"
Hannibal hatte keinen Sinn für die Natur unter ihm und prüfte stattdessen die Markierungen auf der Landkarte in seinem Schoss.
"Hier" er schob sein Mikrofon zurecht, damit Murdock ihn besser verstehen konnte und deutete mit dem Finger auf einige rot umkreiste Stellen in der Karte: „Hier in diesem Bereich waren die meisten Minen von Monselan. Diese Mine hier…" er zeigte auf einen entfernteren Punkt: „ist überraschenderweise recht nah bei der Ferienhütte von unseren Freunden. Was für ein Zufall." Er grinste "Jetzt müssen wir sie nur noch finden"
"Na dann fliegen wir doch da nochmal vorbei! YEEEEHAAAWW!" Murdock ließ den Hubschrauber eine waghalsige, schnelle Wendung vollführen, die Hannibal dazu veranlaßte sich am Sitz festzuhalten und mit den Augen zu rollen. Mit der anderen Hand griff er schnell nach der Landkarte, die sich gerade den Fliehkräften beugte und von seinem Schoss zu rutschen drohte. Der Hubschrauber nahm Kurs Richtung Holzhütte und schon nach wenigen Minuten sahen sie den See. Das Wasser war von oben tiefschwarz und wirkte wie ein großer, schwarzer Schlund. Murdock ging etwas tiefer um besser sehen zu können. Er klickte auf das Funkgerät
"Mission Control?"
"Ja Mann, was ist?" B. A.s griesgrämige Stimme ertönte durch das Funkgerät
"Ich wollte nur sagen, daß wir jetzt am See sind, großer Bruder"
"Ist ja toll. - und nenn mich nicht so. Ich bin ganz sicher nicht dein Bruder!"
Murdock deutete mit dem Finger auf die Umgebung unter Ihnen: "Die Landschaft ist unverändert - so als wäre hier nie ein Arbeiter durchgekommen."
„Murdock, ich kann das nicht sehen, ich bin im Hotel!"
Murdock ignorierte B. A.s grollenden Hinweis über den Kopfhörer: „Seid ihr euch sicher, daß der Typ hier ne Mine hatte? Das sieht man doch noch nach Jahren von oben..."
Hannibal zuckte mit den Schultern, seine Augen suchten das Gebiet unter ihnen ab.
„Es gäbe da nur eine einzige logische Erklärung... Vielleicht haben die hier sowas wie kryptonisches Pflanzenwachstum." Hannibal zog die Augenbrauen hoch und schaute Murdock fragend an.
„Krypto was?" B. A. knurrte durch das Funkgerät
„Na kryptonisches Pflanzenwachstum. Kennste' doch."
Stirnrunzeln von Hannibal.
„Was soll das sein? Sowas gibt es doch überhaupt nicht, du Spinner!"
„Schluß jetzt, wir suchen eine Mine, die Botanik ist uns egal!" Hannibal beendete das aufkeimende Streitgespräch und blickte durch sein Fernglas.
"Man sieht echt nur Feldwege um den See" stellte er fest und reckte sich etwas mehr zum Fenster hin "Ah Moment, was ist da hinten das? Ein Boot?"
"Vielleicht Angler? Da hinten ist nur Sumpf, aber ich kann gern mal näher ran gehen!" Murdock flog einen großen Bogen und ging über dem See wieder tiefer. Jetzt hatten sie einen genauen Blick auf das Motorboot.
"Ganz schön großes Ding zum Angeln..." Er flog einen weiteren Bogen
"Moment!" Hannibals Stimme wurde aufgeregt. "Was ist das? Da unter dem Felsen?"
"Sieht aus wie - wie eine Höhle!" sagte Murdock und formte die linke Hand zu einem Fernrohr um besser sehen zu können
"BINGO! Das ist es Murdock! Ganz schön unauffällig für eine Mine, in der mal offiziell gearbeitet worden sein soll. Ich würde fast behaupten, hier wurde noch nie offiziell gearbeitet"
"Und schau!" Murdock zog den Hubschrauber wieder etwas höher und zeigte in eine westliche Richtung: "Hier ist die Lichtung, wo der Hubschrauber landen kann" Gar nicht weit weg von der Höhle. Vielleicht besucht Monselan gar nicht seine Ferienhütte, sondern seine Ferienhöhle?"
Hannibal drückte den Knopf des Funkgerätes: "B. A., wir kommen zurück. Wir haben sie gefunden! Und ´wir machen eine Wandertour in der schönen Natur von Twinlakes. Einen Betriebsausflug sozusagen" Er grinste, endlich kamen sie voran.
„Ich bin drin." flüsterte Hannibal ins Funkgerät. Dann schaltete er es stumm, damit es nicht zum falschen Zeitpunkt Geräusche machte.
Er hatte fast 20 Minuten gebraucht, um sich unbemerkt durch den engen Belüftungsschacht zu den Innenräumen vorzuarbeiten. Ständig liefen bewaffnete Männer den Gang entlang. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn, dann schlich er langsam vorwärts. Seine schwarze Kleidung ließ ihn im Schatten fast unsichtbar werden und er wußte sehr wohl, sich das zunutze zu machen. Meter für Meter arbeitete er sich von Nische zu Nische den breiten Gang entlang, zahlreiche weitere Gänge zweigten immer wieder von ihm ab. Es war unsinnig es zu leugnen: er liebte diese Arbeit.
Je tiefer er in das Innere der stillgelegten Mine gelangte, desto mehr erinnerte ihn die Kulisse an einen schlechten Sciencefiction Film. Von einem echten Bergwerk war überhaupt nichts zu erkennen. Am Rand war zwar noch der bloße Stein, doch der Boden war mit einer Art Linoleum überzogen, es wirkte schon fast steril. An der Decke hingen grelle Neonröhren und vereinzelt bewegliche Kameras, doch es war ein Leichtes für Hannibal unentdeckt weiter zu kommen. Für eine geheime Befreiungsaktion war das allerdings nicht sehr dienlich. Bliebe noch ein offizieller Angriff - doch der Komplex lag so tief im Berg, daß jegliche Unterstützung aus er Luft ohne Sinn war. Und ohne weitere Fluchtwege zu kennen, war die Gefahr viel zu groß, einfach da rein zu spazieren und mit Maschinenpistolen rumzuballern. Rasend schnell könnten sie in der Falle sitzen, zumal er immer noch nicht wußte, mit wie vielen Leuten sie es zu tun hatten.
Er wählte einen weiteren, breiten Gang und folgte ihm. Womöglich würden Sie diesmal Hilfe brauchen. Er haßte sich für diesen Gedanken. Wo war sein Optimismus?
Hier war keine Kameraüberwachung, stellte Hannibal verwundert fest, als er den Gang mit den Augen absuchte. Wie praktisch! Er installierte an einer versteckten Stelle eine von B. A.s Minikameras, dann schlich er weiter. Nach ein paar Abzweigungen hatte ihn sein Bauchgefühl tatsächlich an die richtige Stelle geführt: Ihm gegenüber war eine auffällige Holztür: sie war edel verarbeitet und unterschied sich von den anderen Türen, die überwiegend aus Metall waren. Und noch dazu stand sie einladend offen. Hannibal wartete in einer Nische, und als er sich sicher war, daß niemand in der Nähe war, huschte er kaum merkbar in das große Zimmer.
Es war edel eingerichtet und der antike, große Holzschreibtisch, mit den kunstvoll eingearbeiteten Ornamenten, lenkte sofort jeden Blick auf sich. Davor standen zwei hellbraune, altmodische, tiefe Ledersessel; solche, in die man sich hinein setzte und ohne fremde Hilfe nicht mehr heraus kam. Eine passende Couch stand in der Ecke, gegenüber dem Schreibtisch. Die Wände waren mit dunklen Regalen verkleidet, Bücher oder kunstvolle Ziergegenstände als Inhalt. Daneben ein geöffnetes Barfach, welches sich in passendem Holz an die Regalwand einfügte. Die angebrochene Whiskeyflasche stand noch mit zwei leergetrunkenen Gläsern griffbereit.
„Da hat jemand Geschmack." Dachte Hannibal bei sich, als seine Augen durch das Zimmer wanderten und schließlich auf dem großen Schreibtisch hängen blieben.
Es lagen zahlreiche Papiere und Akten auf dem Tisch, jemand hatte seine Arbeit offenbar noch nicht beendet. Er installierte schnell die nächste Kamera und das Mikrofon unterhalb der Kante des Schreibtisches. Blieb nur zu hoffen, daß die dicken felsigen Wände nicht den Empfang störten.
Er schaute über seine Schulter zur Tür und lauschte. Es schien niemand in der Nähe zu sein und so ließ er seiner Neugier freien Lauf und durchstöberte die auf dem Tisch verteilten Akten. Es waren braune Papphüllen, lose Blätter waren darin. Als er die Papiere genauer betrachtete, hielt er verwundert inne: Das waren Akten über irgendwelche Menschen!
Er blätterte aufgeregt durch den Stapel. Jede Akte war mit einer Nummer versehen, es folgten Steckbrief-artige Beschreibungen über Körpergröße, Gewicht und Aussehen, zahlreiche Fotos, ebenso wie mögliche Fähigkeiten und empfohlene Einsatzgebiete. Auf einer Akte stand mit einem roten Stempel: „Verkauft", darunter war mit der Hand ein Betrag von $ 26.000 gekritzelt worden. Entsetzt fotografierte er mit der Minikamera einige Deckblätter und darunterliegende Seiten, öffnete fassungslos weitere Papphüllen, dann sah er ihn: In fahlem Licht fotografiert, in sich zusammengerollt auf dem Boden liegend, mit bloßem Oberkörper.
Verdammte Scheiße.
Irgendwie hatte er damit nicht gerechnet. Und irgendwie schon, oder vielleicht nur ein Teil von ihm. Einen Teil, den er immer ignorierte. Seine Männer verletzt, oder in einer ausweglosen Situation - diese Bild mochte er nicht in seinem Kopf haben. Er ignorierte es großzügig.
Plötzlich hörte er zwei männliche Stimmen näher kommen. Er sprang fast lautlos hinter die große Ledercouch und versuchte flach zu Atmen.
„Es wäre alles so viel einfacher, wenn die Technik schon fortgeschrittener wäre" Der Dunkelhaarige Mann seufzte laut.
„Wie meinst du das?" fragte sein Begleiter und steckte dabei die Pistole in das Holster, als sie in gemeinsam das Büro betraten.
„Na einfach so 'nen Chip einpflanzen, und schwupps. Fertig. Muß sich keiner mehr die Finger schmutzig machen und für die isses' auch besser."
„Hmmm ja das wär geil. Sowas hab ich mal im Fernsehen gesehen. Allerdings wären wir dann arbeitslos…"
„Oh ja stimmt. Ob wir Arbeitslosengeld beantragen können?" Sie lachten ausgelassen.
Der Dunkelhaarige besann sich wieder: „Was machen wir mit dem auf C3? Gibt's dazu schon `ne Anweisung?"
"Ist er wieder auf C3? Ich dachte der ist noch isoliert in seiner Kiste?" ein Grinsen lief über sein Gesicht "Ach - ich glaube, da muß der Doc nochmal ran."
„Klappt's nicht?"
„Ey, der ist echt ne harte Nuss. ich könnt' ja fast Respekt haben." Erneut grinste er hämisch. „Aber der gibt einfach nicht auf…"
„…Was ziemlich ärgerlich ist." Ein weiterer Mann kam hinzu. Mario Monselans Stimme war angespannt. „Jeder Tag kostet uns Geld und Zeit, und er verliert an Wert."
„Was machen wir Boss? Sollen wir noch mal Antimnesin spritzen? Nach dem letzten Mal ging es damit vorwärts."
"Das ist echt ein geiles Zeug!" ergänzte sein Kollege schnell
Mario Monselans Gesicht errötete: „Jede Spritze kostet mich ein halbes Vermögen! Wißt ihr wie schwer es ist, das Zeug zu bekommen? Und dann kacken sie uns auch noch jedes Mal ab. Das Zeug gibt's nur einmalig! Mann, der Typ wird mich noch arm machen, ich weiß es!" Wut kam in seine Stimme „Die Kosten holen wir niemals wieder rein! Nicht mal Rußland würde so einen Preis bezahlen." Er seufzte genervt „Und wenn der uns abkackt, dann können wir ihn auch gleich verschenken."
„Die Russen sind doch flexibel, Boss. Die brauchen keinen der denken kann." Versuchte der Dunkelhaarige zu beschwichtigen.
„Wir hätten ihn gleich im See ertränken sollen!" Monselan legte seine Pistole in die Schreibtischschublade und drehte sich wieder zu seinen Männern: „Was gammelt ihr hier oben überhaupt rum? In der nächsten Zeit haben wir mehrere Interessenten, also geht verdammt nochmal da runter und schaltet ihm endlich sein Hirn aus!"
„Ich glaube, für heute ist der fertig. Der Doc hat gesagt, morgen geht's weiter…"
Monselan seufzte genervt: „Von euch hat auch keiner das Arbeiten erfunden. Morgen erwarte ich einen Bericht. Und zwar einen Positiven!"
Er verließ zusammen mit den Männern den Raum und Hannibal wartete einige Sekunden, bis er wieder hinter der Couch hervor kam. Sein Atem alles andere als flach, sein Herz schlug bis zum Hals.
C3.
Was auch immer es kosten würde, er mußte ihn finden!
Er lauschte für einen kurzen Moment, dann schaltete er das Funkgerät wieder ein:
„Ich brauche noch etwas Zeit"
„Hannibal, sieh zu, daß du da raus kommst!" B. A.'s grimmige Stimme war zu hören.
„Ich denke, ich weiß wo Face ist" sagte er fast abwesend, den Blick auf die offenstehende Bürotür gerichtet.
„Wir kriegen ihn jetzt nicht da raus, das weißt du! Mach keinen Scheiß, Hannibal"
Hannibal schaltete das Gerät aus. Keinen Nerv für Diskussionen
Waghalsige Rettungspläne kamen ihm in den Sinn als er das Büro verließ und sich zügig durch die Gänge bewegte. Die Gefangenenlager mußten tiefer liegen: „Geht da runter" war die Aufforderung von Monselan gewesen. Tatsächlich fand Hannibal nach einigem Suchen zwei schmalere Gänge, die abwärts führten. Kein Wachen. Seine Schritte wurden schneller, er nutzte weniger Möglichkeiten um sich zu verstecken. „Jetzt nicht unvorsichtig werden, Smith" befahl er sich selbst, doch ein unvernünftiger Teil von ihm wollte nicht gehorchen. Er mußte das Risiko einfach eingehen. Er konnte nicht anders.
