„C1" stand in klaren Lettern über einem schmalen, dunklen Seitengang. Es folgte nach wenigen Metern parallel dazu C2, und dann C3.

Hannibal schauderte es. Was auch immer das hier mal war, jemand hatte es professionell betrieben. Oder schlimmer noch: er betrieb es immer noch professionell. Er wartete kurz in einer Nische, bevor er sich weiter vorwagte. In jedem der drei Gänge war das Licht ausgeschaltet, man konnte nur mit großer Mühe und dem Lichtschein des Hauptganges weitere Umrisse darin erkennen. Das Ende des jeweiligen Ganges verschwand in der Dunkelheit. Die Luft war kalt und fühlte sich feucht an; es roch muffig wie in einem alten Kellergewölbe. Hannibal drückte sich an die feuchte Wand des Hauptganges und wartete.

Man hörte kein Geräusch, es war schon fast gespenstig still. Immer noch kein Wachpersonal in Sicht- oder Hörweite. Er atmete kurz ein: Alles oder nichts! Er zog die Pistole aus dem Holster, dann schlich er fast geräuschlos in den dunklen Gang mit der Aufschrift C3. Seine Pistole fest in der Hand vor der Brust. Am Rand erkannte er Gitterstäbe, die ihn an alte Gefängniszellen erinnerten. Vielleicht war das ein ehemaliges Gefängnis, ein Militärischer Bunker oder so etwas. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, aber der schwache Lichtschein gestattete dennoch keinen tieferen Blick in die Zellen. Er zählte fünf auf jeder Seite, war sich aber nicht sicher, ob noch weitere in der Dunkelheit folgten. Schritt für Schritt, Hannibal bewegte sich langsam und sehr vorsichtig. Er hörte sein eigenes Herz schlagen, spürte seinen warmen Atem vor sich in der kalten Kellerluft.

„Hey! Was machst du hier?!"
Hannibal zuckte erschrocken zusammen, fuhr herum und hielt den Atmen an. Zu seiner Überraschung sah er niemanden hinter sich
„Den Blonden holen?" antwortete eine zweite Stimme aus dem Hauptgang. Hannibal machten einen schnellen Schritt zur Seite und drückte sich mit dem Rücken an die Gitterstäbe. Keine Möglichkeit sich zu verstecken – er saß in der Falle. Er versuchte seine Atmung zu kontrollieren und spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Ganz langsam und möglichst leise spannte er den Abzug seiner Pistole.
„Warum?" hörte er die erste Stimme sagen „Es hieß heute nicht mehr."
„Wer sagt das?" sagte Stimme Nummer zwei und klang etwas gereizt.
„Der Doc."
„Ach ja? Monselan hat eben noch gesagt, wir sollen sehen, daß der Typ funktioniert, und zwar so schnell wie möglich."
„Ja Grogan, das weiß ich. Aber damit meinte er sicherlich lebend, meinst du nicht auch?"
„Deinen dämlichen Unterton kannst du dir sparen. Ich kann nichts dafür, wenn die da oben sich nicht einig sind. Ich hol ihn jetzt, sollen die mit ihm machen was sie wollen!"
Hannibal hörte feste Schritte näher kommen. Er drückte sich fester an die Gitterstäbe, wohlwissend, daß das keinen Nutzen hatte.
„Du machst uns allen nur mehr Ärger, weil du einfach nicht vernünftig zuhören kannst!"
Die Schritte stoppten abrupt. Hannibal schloß kurz die Augen.
„Was willst du von mir, Josh? Suchst du Streit?" Grogans Stimme wurde lauter. „Ich hab da echt kein Bock drauf. Zig Mal am Tag schleppe ich den Typ da hoch und wieder runter. Ich hab echt die Schnauze voll. Wenn das so weiter geht, knall ich ihn selbst ab."
„Grogan, jetzt beruhig' dich doch mal. Ich mach dir einen Vorschlag: geh du hoch auf Wache mit Jimmi, ich kümmer' mich in den nächsten Tagen um die Ware. Schalt halt einfach mal ab."
Kurze Stille, dann wieder Schritte. Diesmal entfernten sie sich.
„Gut, überredet. Die Scheiße geht mir echt auf den Sack."
„Kein Problem."

Hannibal hörte, wie die beiden Männer sich entfernten und stieß einen erleichterten Seufzer aus. Das war knapp!
Als er sich sicher war, daß er wieder allein war, schlich er weiter vorwärts, suchte mit seinen Augen die dunklen Zellen ab.
„Face?" sagte er mit gedämpfter Stimme und lauschte aufmerksam. Schräg gegenüber von ihm hörte er eine Bewegung im Stroh.
„Face?!" Er hielt vor der Zelle inne, aus der das Geräusch gekommen war, angestrengt versuchte er etwas zu erkennen. Ein leises, unregelmäßiges Atmen war zu hören.

„Wo bist du?" fragte er leise in die Dunkelheit. Fast im gleichen Moment erkannte er auf dem Boden menschliche Umrisse, nur knapp einen Meter vor sich.
„Face" flüsterte er erneut und kniete sich, um der Gestalt auf dem Boden näher zu sein.
„Ich bin es, Hannibal"

Jetzt konnte er die Umrisse besser sehen. Er saß auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, recht nah an den Gitterstäben. Hannibal kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung das Gesicht sehen zu können, doch die Schatten gaben es nicht preis. Mehrmals hörte er ein schwerfälliges Einatmen, bis ihm eine schwache, kratzige Stimme antwortete:
„Hannibal."
„Wie schwer bist du verletzt?"
„Hannibal…."
„Ich bin da. Wir holen dich raus, ich habe..."
„Der….s'schon lange …..." Er lachte schwach „nicht mehr da…."
„Kid?"
„s'schon lang' nich… da." Er hustete schwerfällig, bekam kaum Luft.
„Sieh mich an!" Hannibals Stimme wurde bestimmend. „Du mußt mich sehen können, das Licht fällt auf mich!"
„'n lange….. G'fallen ….in….in... Taiwan." Die Worte kamen nur schwerfällig aus seinem Mund, er lallte auffällig. Taiwan? Was zur Hölle ….? Hannibal spürte einen Kloß in seinem Hals, mit beiden Händen griff er an die Gitterstäbe.
„Verdammt Kid, was redest du da?!"
„s'tot schon lang', …weiß du?"
„Hör zu was ich sage: ich bin da und ich hole dich! Hast du verstanden?"
„Ich … weiß nich' mehr g'nau." Er atmete tief ein, jedes Wort strengte ihn an „weiß nich' …... ?"
Hannibal presste seine Lippen aufeinander, dann wiederholte er leise „Ich bin es Hannibal, Face. Hannibal. Ich hole dich. Ich verspreche es!"
„ …. ….. vielleicht ….ich bin durch…einander. ...kann mich nich'… erinnern. -" Seine Stimme brach ab.
Hannibal schwieg. Seine Hände ballten sich zu einer Faust. Seine Kiefermuskeln spannten sich an, während er kurz die Augen schloß und tief einatmete:
"Gib mir deine Hand!" Er streckte seine eigene Hand so weit es ging durch die Gitterstäbe. "Deine Hand, jetzt sofort!" Er befahl es, sein Tonfall duldete keinen Widerspruch. Mühsam streckte Face seine Hand nach ihm aus und im schwachen Lichtschein des Hauptganges konnte Hannibal die schweren Eisenringe um Faces Handgelenk erkennen, die die Blutzufuhr abschnitten und die Hand anschwellen ließen. An den Fingerknöcheln waren zahlreiche Abschürfungen und Schnitte. Er griff nach Face' Hand, hielt sie für einen Moment fest umschlossen. Sie war eiskalt: "Du hast Recht - er ist tot. Schon sehr lange. Es ist nicht wichtig für dich. Niemand, den man kennen muß. Vergiss ihn einfach."

Er wartete kurz: „Hast du mich verstanden?"
„Weiß nich' wann…."
Hannibals Stimme wurde hart: „Hör zu, Kid. Du wirst ihn vergessen. Hast du das verstanden?!"
Schwere Einatmen: „Ich…. Ja."
Er drückte die Hand kurz, dann stand er zügig auf auf und eilte los. Er mußte schnellstens hier raus. Sein Kopf hatte Mühe die Konzentration zu halten, die Gedanken rasten.