All die Jahre im Krieg, trotzdem konnte er immer schlafen wie ein Stein. Vielleicht hatte der Krieg ihn abstumpfen lassen. Möglich. Vielleicht war es nur erlernt. Oder er schlief einfach generell gut. Egal, ob in einer Zelle, auf dem Fußboden, in der Wildnis, in Gefangenschaft oder mit der Erwartung auf einen Angriff: Schon immer konnte Hannibal den Schlaf in jeder Minute ausnutzen, die ihm zur Verfügung stand.
Und jetzt das. Seit zwei Tagen schlief er so schlecht wie noch nie. Um ehrlich zu sein, wenn er wenigstens schlecht schlafen würde, wäre das ein deutlicher Gewinn. Eigentlich schlief er gar nicht. Der Kopf arbeitete, die Gedanken rasten. Es half nichts, er konnte sich nicht zwingen einzuschlafen.
Er wußte, daß er ihn durch die Hölle schickte. Schicken mußte. Es machte ihn wütend, aber mit diesem Problem konnte er umgehen. Er hatte gelernt auch schlimme Situationen mit Abstand zu betrachten. Emotionalität verwischte nur die Sicht auf die Dinge. Besonders auf Dinge, die einem nah standen. Menschen, die einem nah standen. Was ihn nicht schlafen ließ, war, was er gesagt hatte, mit dieser Überzeugung. Jeden Tag quälte es seine Gedanken, die letzten Nächte, in jeder stillen Minute.
Daß Face ihn nicht erkannt hatte, verletzte ihn zu seiner eigenen Überraschung deutlich mehr, wie er vermutet hätte. Er fragte sich, ob er mit Face' Tod hätte besser umgehen können. Es war seine persönliche Strafe für seine Fehlentscheidung. Face war nie die beste Besetzung für eine Wache gewesen. Er war ein exzellenter Scharfschütze, ein brillanter Schauspieler und der vermutlich charmanteste Betrüger der ganzen Welt, aber konzentriert Wache halten...? B. A. wäre die bessere Wahl gewesen.
"Hannibal?"
Hannibal griff nach dem Funkgerät, welches vor seiner Brust auf dem laubbedeckten Boden lag und drückte den Knopf
"Kommen Murdock."
"Hier tut sich gar nichts..."
"Ich komme gleich zu dir rüber, dann fahren wir zurück ins Hotel. Ich will vorbereitet sein, wenn wir Pizzotti nachher treffen. Ist das Geld von Amy da?"
"Si klaro! El Dinero está aqui"
"Gut, wir müssen Monselan dazu bringen, ihn uns sofort auszuhändigen. Auf gar keinen Fall lassen wir ihn da noch einen einzigen Tag länger drin!"
"Roger Coronel"
"Ach Murdock?
"Si Coronel?"
"Spanisch?"
"Si, weil ähm wir doch nach Brasilien fliegen.."
"Die sprechen da aber kein Spanisch Murdock"
"Nein?"
"Nein."
"Mist!"
Das Funkgerät knackte, dann war wieder Stille. Hannibal warf einen erneuten Blick durch das Fernglas. Der Mineneingang schien verlassen und unscheinbar. Also wenn die Typen eines konnten, war es wahrlich unsichtbar sein. Doch auch Hannibal konnte unsichtbar sein: Er schob den Ärmel seines Tarnanzuges nach unten und versuchte seine Bauchlage im Laub etwas bequemer zu gestalten.
Pizzotti hatte sich am Morgen telefonisch gemeldet, man vereinbarte ein Treffen in einem neutralen Café. Dort sollte Pizzotti eine Anzahlung erhalten und im Gegenzug bekäme Mr. Smith die Koordinaten des geheimen Hubschrauberlandeplatzes in der Nähe von Mr. Monselans Ausbildungscamp. Sehr schöne Umschreibung. Sein Ausbildungscamp würde Monselan noch im Halse stecken bleiben, soviel stand für Hannibal fest. Und für das "wie" hatte er schon einige Pläne im Kopf.
"Colonel?"
Hannibal zog das Funkgerät wieder hervor und drückte auf den Knopf "ja, Murdock?"
"Pizzotti ist mit einem Wagen vorgefahren. Du müßtest ihn gleich sehen"
"Hab' ihn"
Er beobachtete durch sein Fernglas, wie Pizzotti unter dem großen Felsvorsprung verschwand, der den Eingang zur Mine markierte.
B. A. wäre falsch gewesen. Sie hätten ihn sofort getötet. Face hatte eine winzige Chance: Sein Aussehen hatte ihm wie so oft Glück und Unglück zugleich beschert. Wie nah doch beides bei einander liegen konnte.
Hannibal zupfte seinen hellgrauen Anzug zurecht, richtete die Fliege und wartete, daß B A. aus dem Wald auftauchte. Hinter ihm surrten noch die Rotorblätter des Hubschraubers, mit dem er und Murdock gerade auf der Lichtung gelandet waren. Zu Hannibals Ärgernis hatte B. A. sich mit Händen und Füßen geweigert auch nur in die Nähe des Hubschraubers zu gehen. Also fuhr mit dem Leihwagen in die Nähe der Hütte und lief das restliche Stück zu Fuß.
Offiziell waren ihnen von Pizzotti nur die Koordinaten der Lichtung bekannt gegeben worden, damit Mr. Smith dort mit seinem Hubschrauber landen konnte. Deshalb war Hannibal etwas nervös - hoffentlich würde B. A. nicht bei seinem Fußmarsch entdeckt werden. Kaum hatte er zu Ende gedacht, erschien B. A. auf die Sekunde pünktlich aus dem Dickicht des Waldes. Er grinste selbstgefällig, als er Murdock im Hubschrauber sitzen sah. Hannibal winkte ihn mit seinem Spazierstock zu sich heran, es war Eile geboten, denn mit jeder Minute konnte das Monselan-Empfangsteam vor Ort sein.
B. A.s bunte Federohringe wehten durch den Luftstrom der Rotorblätter wild durcheinander, mit einer Hand drückte er seine vielen Goldketten auf seine Brust, obwohl sich keine von Ihnen bewegte. Er sah heute wirklich bedrohlich aus, seine ärmellose Jeansweste ließ seine muskulösen Oberarme besonders deutlich ins Auge fallen. Ganz, wie man sich einen Bodyguard eben vorstellte, der dem alten John Smith bei schmutzigen Angelegenheiten zur Hand ging.
Aus dem Wald waren laute Motorengeräusche zu hören und schon wenige Sekunden später tauchten am Rand der großen Waldlichtung zwei schwarze Geländejeeps auf, die bis auf wenige Meter an den Hubschrauber heranfuhren.
„Und die Show beginnt!" Sagte Murdock zu sich selbst, als er drei Männer aussteigen sah. Er rückte sein Käppi zurecht und gab B. A. durch die geöffnete Hubschraubertür einen kleinen grauen Koffer.
Hannibal nahm eine fast schon übertriebene, aufrechte Haltung an und wartete auf Pizzotti, der gerade aus einem der Jeeps ausgestiegen war.
„Guten Tag Mr. Smith, netter Hubschrauber" Er streckte seine Hand aus, um Hannibal zu begrüßen.
„Nun ja, man muß mobil sein heutzutage. Zeit ist Geld, nicht wahr?" Hannibal schob seinen grauen Cowboyhut in eine höhere Position und folgte nach dem obligatorischen Händeschütteln Pizzottis einladender Geste zu dem vorderen Jeep.
„Steigen Sie doch bitte ein, Mr. Smith und ihr - ähm Begleiter kann ja vielleicht in dem anderen Jeep…"
B. A ignorierte Pizzotti, rempelte ihn einfach zur Seite, griff nach der Wagentür und öffnete sie für Hannibal: „Mr. Smith?"
Hannibal konnte sich ein überlegenes Grinsen nicht verkneifen, während er in den Wagen kletterte. B. A. folgte ihm, noch ehe Einwände kommen konnten.
Pizzotti atmete sichtbar durch, lief um den Wagen und nahm auf dem Beifahrersitz Platz: „Bitte, machen Sie es sich bequem, wir werden noch ein kleines Stück fahren müssen."
Hannibal runzelte die Stirn. Der Eingang der Mine war keinen Kilometer entfernt. „Ein kleines Stück" schien wohl ein dehnbarer Begriff zu sein.
Tatsächlich fuhren Sie aber fast eine halbe Stunde lang durch den Wald. Während der Fahrt sprach niemand ein Wort. B. A. tat sein Bestes und schaute Pizzotti jedesmal provokativ an, wenn dieser sich zu seinen mitfahrenden Gästen umdrehte. Ja, manchmal konnte man schon Angst vor ihm bekommen.
Nach knapp 25 Minuten, und unendlich vielen Abzweigungen, hielten sie an einem markanten Felsgebilde an.
"Wir sind da!" Pizzotti sprang aus dem Wagen und öffnete für Hannibal die Tür. "Folgen Sie mir bitte! Wir müssen den kleinen Weg dort entlang." Sie folgten einem schmalen Pfad um die Felsformation herum und standen plötzlich vor einem weiteren, großen Eingang. Geschickt getarnt.
Hannibal und B. A. warfen sich erstaunte Blicke zu: Es gab also doch einen zweiten Eingang! Es wäre auch zu leichtsinnig gewesen, sich selbst eine eigene Falle zu bauen.
Der drahtige Riccardo Pizzotti führte sie durch die schmalen Gänge bis zu Monselans Büro. Er klopfte an die große Holztür. Es dauerte einige Sekunden, dann öffnete Mario Monselan die Tür:
"Mr. Smith. Schön, Sie kennen zu lernen und ähm.. " seine Gesichtszüge entgleisten ihm ein wenig, als sein Blick auf den grimmig dreinschauenden B. A. wanderte "und das ist..?"
"Oh - wie unhöflich von mir" Hannibal klopfte mit dem Griff seines Spazierstockes gegen B. A.s Brust "Das ist meine rechte Hand, Mr. Baracus. - Oder, um bei der Wahrheit zu bleiben.. " er lachte schelmisch " das ist meine rechte UND meine linke Hand."
Monselan lachte künstlich und lenkte das Thema umgehend zum Punkt „Mein Freund Riccardo sagte mir, sie suchen etwas Besonderes?" Mit einer einladenden Handbewegung bat er dabei seine Gäste in sein Büro "Für Ihre Frau, habe ich das richtig verstanden?"
"Nun" Hannibal räusperte sich und zupfte seine Jacke zurecht "Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, Mr Monselan. Sie kennen das ja sicherlich, heute hier, morgen da. Geld verdient sich leider nicht von allein."
Monselan nickte zustimmend.
"Nur leider vereint sich das Geschäft nicht immer gut mit der Ehefrau."
Monselan zog fragend eine Augenbraue hoch.
"Sie - " Hannibal blickte unsicher zu den Männern im Hintergrund, beugte sich dann etwas vor, um leiser zu sprechen "Sie langweilt sich nun mal schnell, wenn sie alleine zuhause ist. Den Frauen von heute reicht Geld allein offenbar nicht aus."
"Ja das kenne ich. Frauen und Geschäftliches, das paßt nicht wirklich zusammen."
"Sie verstehen mich also?" Hannibal straffte seine Haltung
"Sie brauchen also einen Bodyguard für ihre Frau?"
Hannibals Wunsch war ungewöhnlich, genauso ungewöhnlich wie reiche Menschen eben sind, die gern illegale Dinge tun. Monselan schien anzubeißen, also schaltete er einen Gang höher um den richtigen Mitarbeiter angeboten zu bekommen.
Ein überlegenes Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab: "Mr Monselan. Ich bitte Sie. Mein Haus ist voll mit Bodyguards. Ich frage mich schon manchmal, ob für mich überhaupt noch ein Bett frei ist!"
Beide lachten, dann verstummte Mario und wurde ernst.
"Was genau stellen Sie sich vor?"
"Ich suche, sagen wir, so etwas wie eine persönliche Betreuung für meine Frau."
„Persönliche Betreuung?"
Hannibal kicherte und klopfte wieder mit dem Spazierstock gegen B. A.s Brust. "Sie bekommt es zum Hochzeitstag. Ich denke, das wird ihr gefallen!"
"Gut. Wie wär es, wenn ich ihnen einfach mal zeige, was wir für Sie da haben?"
"Tja, wenn sie sonst heute nichts mehr vorhaben, wäre das doch eine tolle Idee."
Pizzotti ging voran und führte die kleine Gruppe Männer zu den schmalen Gängen, die Hannibal bereits kannte. Nach wenigen Minuten waren sie im unteren Stockwerk angekommen. Pizzotti schaltete das Licht im Gang C1 an. Das Licht war sehr grell, fast weiß, wirkte kalt und steril. Die Zellen waren identisch mit denen, die Hannibal schon im Dunkeln gesehen hatte. Es war in jeder Zelle ein Klappbett aufgestellt, und ordentlich gefaltete Laken lagen darauf. Vor zwei mittleren Zellen stoppten sie und sofort standen zwei junge Männer von ihren Klappbetten auf und stellten sich gerade hin. Beide trugen saubere Kleidung und schienen auf den ersten Blick völlig unverletzt. Sie wirkten gepflegt und sie sahen gut trainiert aus. Hannibal fühlte sich unbehaglich. Auch diese beiden müßten sie irgendwie mit nach draußen nehmen. Auf keinen Fall würde er sie hier zurücklassen.
"So, Mr. Smith. Das wäre meine Empfehlung für Sie. Wollen sie sich die beiden mal näher betrachten?"
Hannibal blieb professionell: "Mr. Monselan, ich suche ein Geschenk für meine Frau. Ich will sie nicht zu Tode erschrecken!" B . A. nickte mit ernstem Gesicht.
"Sie gefallen Ihnen nicht?" seine Stimme wurde kalt
"Mario - ich darf doch Mario sagen?"
Monselan lächelte gezwungen: "natürlich John"
"also Mario, hören Sie. Ich suche etwas, woran meine Frau etwas länger Gefallen findet. Was fürs Auge...Sie verstehen, was ich meine? Und Ihr Mr Pizzotti dahinten versicherte mir, daß Sie auch besondere Wünsche erfüllen können." Er schaute vorwurfsvoll zu Pizzotti, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte.
Monselan wurde etwas unsicher "Nun, wir sind kein Supermarkt John. Die beiden sind gut geeignet, darauf gebe ich mein Wort."
Hannibal blickte fragend zu B. A. "Bosco, was meinst du?"
B. A. schüttelte ablehnend mit dem Kopf, worauf Hannibal mit einem tiefen Seufzen antwortete.
"Hmmm, Nein, nein, die beiden da sind einfach zu häßlich. Mir ist egal was sie können, aber die Optik - da wache ja selbst ich schweißgebadet von auf." Er lachte erneut und Mario begann gequält mit ihm zu lachen.
„Das ist zur Zeit alles. Mehr kann ich Ihnen nicht anbieten. Ein so spezielles Personal bekommt man leider nicht als Massenware, John. Wenn Ihnen diese beiden nicht gefallen, dann müssen Sie warten, bis ich Nachschub bekomme… und das kann durchaus noch etwas Zeit in Anspruch nehmen." Er wartete kurz auf Hannibals Reaktion, doch als diese ausblieb fügte er noch hinzu: "Sagen Sie mir, was Sie genau suchen und ich werde Ihnen etwas Passendes liefern."
Von jetzt auf gleich beendete Hannibal das Lachen wurde tot ernst: "So kommen wir nicht ins Geschäft." Er blickte auf seine Uhr und erntete einen fragenden Blick von B. A..
"Das ist also alles, was Sie haben, Mario?"
"Ja, tut mir leid." Monselan zuckte unschuldig mit den Schultern.
Da war es wieder, das Geräusch!
Murdock setzte sich aufrecht hin und beugte sich aus der offenen Tür des Hubschraubers. Da war noch ein anderes Motorengeräusch, es kam direkt aus dem Wald! Er sprang auf, griff nach seiner Pistole und lief einige Schritte vom Hubschrauber Richtung Wald um besser hören zu können
Jetzt war es deutlicher! Da fuhren Autos mit lautem Motor: Jeeps oder sowas! Er rannte bis zu einem großen Busch und lauschte. Sie waren klar zu hören, es mußten mehr wie zwei sein! Nach einigen Sekunden sprang er auf und lief in den Wald hinein. Die Geräusche der aufheulenden Motoren wurden immer lauter, es war leicht, ihnen zu folgen. Er lief nur wenige Minuten, dann konnte er die Jeeps sehen: es waren vier Fahrzeuge, drei große Jeeps, und ein schwarzer Hummer. Sie hielten alle direkt am See, recht nah bei der Mine. Einige dunkel gekleidete Männer waren bereits ausgestiegen und standen mit Gewehren vor den Wagen.
Murdock duckte sich hinter einen Felsvorsprung um das Geschehen besser beobachten zu können.
„Monselan hat wohl zum Kaffee eingeladen? Ich frage mich, ob das in Mr Smiths Terminkalender paßt" sagte er leise zu sich selbst und schob seine Mütze zurecht.
Er hatte genug gesehen. Der kleine Besuchstrupp im Modischen Schwarz deutete auf eine unangenehme Wendung des Tages hin und Murdock hatte keine Möglichkeit Hannibal zu warnen. Er rannte zurück zum Hubschrauber, während er in seinem Kopf nach Ideen suchte. Eine Lösung mußte her.
"Ich brauche Plan B - aber das geht nicht, denn Plan B hat doch Hannibal schon immer... hmmm also brauch ich Plan C!" Er sprang über eine große Wurzel "aber wenn Hannibal auch schon einen Plan C hat? DAnn brauche ich Plan D. Jawohl. Ich brauch also Plan D!"
Er brauchte nicht nur Plan D, sondern er brauchte Hilfe. Also, woraus bestand nun Plan D? Hannibal hätte jetzt sicherlich einen Plan D.
"Plan D.. D wie hmmmm...
"D-Day?"
"Doppelkopf?"
"Durch die Mitte?"
"Donner und Rauch?"
"Ducken und weg?"
"Drin Krawall machen? "
"Plan D, Plan D, Plan D, Plan D, Verdammt, wo bist du nur?"
Außer Atem erreichte er den Hubschrauber und ließ sich erschöpft auf den Sitz fallen.
"Plan D?" sagte er immer wieder zu sich selbst, während seine Augen durch das Cockpit wanderten und auf dem Funkgerät hängen blieben
"Plan D!" Er grinste und griff nach dem Funkgerät
