Der Boden war kalt und feucht, der modrige Geruch war all gegenwärtig. Aber solange er das alles spürte wußte er, daß er noch am Leben war. Er schob die Hand unter den anderen Arm, damit wenigstens eine kleine Stelle seines Körpers nicht den Boden berührte. Er blinzelte. Das grelle Licht im Gang war schon seit Tagen an - jedenfalls erschien es ihm so. Ob Tag oder Nacht war, wie viele Tage überhaupt vergangen waren, wußte er nicht. Es war ohnehin nicht von Bedeutung. Was hatte schon eine Bedeutung?
Licht vielleicht.
Und Atmen auf jeden Fall.
Trinken.
Er sollte dankbar sein das zu bekommen, denn Mario hatte gesagt, sein Leben sei nicht mal dieser Dinge Wert. Keine Familie, keine Freunde, keine Namen, kein Leben. Es gab keine Vergangenheit und es gab keine Zukunft. Nichts, was irgendeinen Wert zu haben schien. Nicht mal seinen eigenen Namen wußte er... oder ob er überhaupt jemals einen hatte. Was keinen Wert hat, braucht keinen Namen, hatte Mario gesagt. Also war er dankbar. Dankbar für Licht, Luft und Wasser. Das war mehr, wie er es wert war.
Da waren Schritte. Sie hallten in den felsigen Gängen und kündigten Besuch schon lange vorher an. Es waren eindeutig mehr wie gewöhnlich, fremde Stimmen waren auch dabei. Sein Atem beschleunigte sich ein bißchen, die Arme schlangen sich fester um sich selbst. Sie kamen mit Sicherheit um ihn zu holen. Aber warum kamen so viele?
Er schloß seine Augen. Hoffte, dass es vielleicht nur eine Täuschung war. Doch es war nie eine Täuschung. Es war immer real. Er versuchte es zu akzeptieren und es einfach zu ertragen - Er wußte nicht, ob er überleben würde, und zu sterben erschien ihm langsam nicht mehr als das Schlechteste. Einmal war es ihm gelungen einfach loszulassen, die Verzweiflung hin zunehmen und die Möglichkeit zu akzeptieren, zu sterben. Die Bewusstlosigkeit kam deutlich schneller und befreite ihn von all dem Horror. Aber Loslassen war so verdammt schwer: Immer wieder übernahm doch die Angst die Kontrolle und dann versuchte sein Körper ihn verzweifelt am Leben zu halten.
"Mr Smith - John - ich mag es nicht, wenn meine Kunden unzufrieden sind. Ich habe ja auch einen Ruf zu verlieren."
Monselan riss Hannibal aus seinen Gedanken. Er zwang sich, seinen Gesprächspartner wieder mit aufmerksamer Miene anzusehen, während Sie den dritten Zelltrakt entlang gingen.
"Ich höre?"
"Normalerweise mache ich das nicht so gern… doch in Ihrem speziellen Fall..." Er deutete in die Zelle, vor der er zum Stehen kam: „Der hier ist noch nicht ganz am Ende seines … ähm … Trainings, - aber vielleicht haben Sie trotzdem Interesse…?" In Monselan keimte ein Funken Hoffnung.
Hannibal räusperte sich laut. Es war noch nicht einmal gespielt. Die Worte steckten ihm buchstäblich im Hals fest, als er dort seinen Lieutenant auf dem kalten Betonboden liegen sah. Sein Oberkörper war schmutzig, gezeichnet mit blauen und schwarzen Flecken und hässlichen Striemen. Die Haare klebten in seinem blassen Gesicht. An den Händen waren noch immer die Metallringe, die er schon zuvor gesehen hatte. Er würde ihn nicht hier zurücklassen. Nicht noch einmal. Koste es, was es wolle.
Monselan schnippte mit dem Finger und Danny, sein Gehilfe, betrat die Zelle und stieß mit dem Fuß gegen Face „Hey! Aufstehen!"
Ein leises Stöhnen, schmerzhaftes Ausatmen. Face versuchte der rüden Aufforderung nachzukommen, doch seine Kräfte reichten nicht aus, um sich selbst auf die Beine zu bringen. Er taumelte bei dem Versuch aufzustehen und fing sich gerade noch mit einer Hand an der Wand ab, bevor er wieder auf die Knie stürzte. Aus den Augenwinkeln sah Hannibal wie sich B. A.s kräftige Hände zu Fäusten ballten, die Muskeln an seinen Oberarmen begannen zu zucken. Gerade noch rechtzeitig, bevor B. A. einen Schritt durch die geöffnete Zellentür zu machen drohte, drückte Hannibal ihm seinen Spazierstock hart auf die Brust und räusperte sich erneut laut. Bitte, lass B. A. jetzt nicht ausrasten! Sie mußten die Rolle auf jeden Fall weiterspielen! Ein grimmiger Blick von B. A. folgte und er wippte mit dem Oberkörper zurück.
"Danny?!" Pizzotti blickte eindringlich auf die Ketten an der Wand, die dazu dienten einen Mann aufrecht zu halten, oder in noch unbequemere Positionen zu bringen. Hannibal folgte Pizzotti's Blick an die Wand und runzelte die Stirn. Auf keinen Fall das!
"Ach, sparen Sie sich doch den Aufwand!" sagte er schnell und tippte B. A. mit der Stockspitze in die Seite. „Bosco, nun mach dich schon nützlich!" B. A. hatte nur auf die Aufforderung gewartet und war mit wenigen Schritten in der Zelle. Dabei rempelte er Pizzotti so hart an, daß dieser für eine Sekunde das Gleichgewicht verlor und strauchelte. Ein kaum sichtbares Lächeln zeichnete sich auf B. As. Lippen ab, als er hinter sich hörte, wie Pizzotti nach Halt suchte.
Face versuchte erneut allein auf die Beine zu kommen und wich erschreckt zurück, als B. A. nach seinem Arm griff. Noch ehe aber B. A. seinem Freund hochhelfen konnte, packte Danny den anderen Arm und zerrte Face rücksichtslos und grob nach oben.
Der da spielte offenbar seiner Gesundheit - so viel stand für Hannibal schon mal fest.
„Nun Mr Smith, wie gesagt, stören Sie sich bitte nicht an dem aktuellen Zustand, das ist nur vorübergehend." Monselan drehte sich zu Danny "Los, zeig uns sein Gesicht, Dan."
"AH - Moment!" Hannibal trat schnell in die Zelle "Wenn Sie gestatten, Mario. Ich mach mir doch gern selbst ein Bild" Demonstrativ überprüfte er den Sitz seiner schwarzen Lederhandschuhe, bevor er Face' Kinn griff und seinen Kopf hochhob um ihn prüfend anzuschauen. Es war ihm unangenehm, daß er so schroff sein mußte, ganz sicher wollte er ihn nicht noch weiter demütigen. Für einige Sekunden konnte er seinen Blick nicht von Face' glasigen Augen lösen, jedes Leben fehlte darin. Dann faßte er sich wieder
"Naja, der ist hier deutlich besser. Saubere Klamotten vielleicht und ein neuer Haarschnitt..."
"Er ist Sportler" log Monselan
"Sportler?" Hannibal zog die Augenbrauen hoch "Er muß nur gut aussehen. Der Rest ist für mich ohne Bedeutung."
Er ging um Face herum, blickt dann aber wieder zu Monselan: "Ich nehm' ihn heute mit!"
„Auf keinen Fall!"
Hannibal begann zu lachen "Mario, was glauben Sie, wie oft ich hier vorbei schauen werde? Sie haben gute Vorarbeit geleistet, den Rest erledigen meine Männer. Wir nehmen ihn heute mit!"
Mario zögerte kurz, ehe er mit einem Seufzen antwortete: "Gehen wir nach oben, und klären das Geschäftliche."
Hannibal nickte erleichtert.
„Meine Jungs bringen ihn gleich zu Ihrem Hubschrauber."
Ein zufriedenes Grinsen umspielte Monselans schmale Lippen. „Angenehm mit Ihnen ´Geschäfte zu machen, Mr Smith!"
„Was man von dir leider nicht behaupten kann, Mario!"
Monselan fuhr zusammen und drehte sich zu der Stimme hinter ihm: „Alexejew?! Wie zur Hölle …"
„...bin ich hier rein gekommen? Deine Männer waren so freundlich und haben mir die Tür geöffnet. Ein paar standen mir allerdings dumm im Weg herum!" ER zuckte mit den Schultern und sein langer, grauer Mantel gab die Bewegung verzögert wieder. Seine schwarzen, nach hinten gegelten Haare, das kantige blasse Gesicht und die grünen Augen ließen ihn wie eine Figur aus einem schlechten Vampirfilm erscheinen.
Hinter ihm folgten fünf bullige Schlägertypen, komplett schwarz gekleidet, kurze oder kahlrasierte Haare. Sein düsteres Gefolge wirkte ziemlich furchteinflößend und zielte mit Pistolen auf die Anwesenden. B. A. schaute entsetzt zu Hannibal, der den Auftritt der dunklen Gestalten argwöhnisch betrachtete.
„So, dürfte ich die Herrschaften bitten, in die Zellen zu treten und meinem freundlichen Mitarbeiter die Waffen auszuhändigen? Mein Freund Mario und ich haben noch Geschäftliches zu klären!" Ein großer Typ sammelte Pizzotti's und Danny's Waffen ein - dann veschloß er die Tür, während Alexejew gespielt brüderlich den Arm um Monselan legte, um ihn zum Gehen zu animieren.
„Entschuldigen Sie, junger Mann?!"
Hannibal stand noch immer mit aufrechter Haltung in der Zelle als er Alexejew nachrief.
Alexejew drehte sich überrascht um und trat mit einem fragenden Blick wieder einen Schritt auf die Zelle zu.
„Ja, Sie meine ich! Ich hätte noch einen dringenden Termin, wäre es möglich, das ich mit meinem Kollegen das sinkende Schiff verlassen könnte?"
Alexejew lachte „Was bist du denn für einer?"
„Oh verzeihen Sie, wie unhöflich von mir: John Smith." er nickte höflich mit dem Kopf zur Begrüßung und berührte dabei seinen Hut.
„Hör mal zu Kumpel, ich glaube du solltest deine Termine besser absagen, denn im Moment geht hier überhaupt niemand irgendwohin. Klar soweit?"
Hannibal entspannte seine Haltung, schob den grauen Cowboyhut nach oben und trat selbstbewusst an das Gitter:
„Erstens: Ich bin nicht Ihr Kumpel.
Zweitens: Vielleicht sollten SIE lieber Ihre Termine überprüfen, denn da draußen warten meine Männer auf meine Rückkehr. Und die neigen dazu, ziemlich nervös zu werden, wenn ich nicht rechtzeitig zum Essen zuhause bin."
„Jetzt paß' mal auf Opa, ich bin gerade eben da oben reingekommen und - auch wenn du es mir nicht glaubst - da oben ist überhaupt niemand."
„jetzt nicht mehr" Der große Schläger grinste breit.
„Tatsächlich?" Hannibal grinste überlegen zurück, griff in seine Westentasche und holte entspannt eine Zigarre hervor.
„Haltet da oben die Augen offen" knurrte Alexejew, drehte sich zu seinen Männern und schickte sie mit einer Handbewegung vorwärts. Hannibal grinste noch immer, als Alexejew eilig den Zelltrakt verließ.
„Verdammte Scheiße!" Pizzotti, mühte sich durch die Gitterstäbe Alexejew und seinem Gefolge nach zu sehen.
„Was machen wir jetzt?" sagte B. A.
„Wir warten." Die Zigarre zwischen Hannibals Zähnen verundeutlichte seine Worte, während er noch immer aus der Zelle schaute.
„Ja, bis sie uns erschießen" Pizzottis ärgerlicher Tonfall war klar herauszuhören.
„Nein, dazu wird es nicht kommen."
„Ich hoffe, daß du einen Plan hast, Hannibal!" B. A. schaute sorgenvoll zu Face, dem er geholfen hatte, sich auf den Boden zu setzen. Er lehnte gegen die Wand, sein leerer Blick war irgendwo in die Ferne gerichtet, seine Hände lagen zitternd in seinem Schoss.
