„Keine Gummibären für Hannibal, aber Schokoriegel für Murdock und Erdnussbuttercreme für B.A. …"
Murdock drehte prüfend den Erdnussriegel in der Hand, legte ihn dann dann aber wieder zurück: „Nein, das ist zu fett für ihn…!" Seine Finger glitten ganz sanft über jede Süßigkeit, die in dem Regal lag. Er liebte es, das bunte, metallische Papier an seinen Händen zu spüren.
„Besorg was zu essen, du Narr!" hatte der Große Dicke zu ihm gesagt. Wenn er doch nur einmal etwas Nettes zu ihm sagen könnte, sowas wie - „OH HEY, SNICKERS!" Seine Augen leuchteten und er griff mit beiden Händen zu. Er machte eine umständliche Bewegung, damit keiner der anderen Riegel, die er bereits vor seiner Brust in den Armen hielt, verloren ging. Sein Blick huschte durch das Schaufenster des kleinen Supermarkts nach draußen, auf die andere Straßenseite zum Van: Sehr gut - Hannibal telefonierte noch immer mit Amy. Das schenkte ihm Zeit, um noch in den anderen Regalen nach Leckereien zu suchen.
Ob er vielleicht ein paar Kekse für B. A. mitbringen sollte… vielleicht doch welche mit Erdnüssen drin?
Er schlenderte die überholungsbedürftigen Holzregale entlang und hielt plötzlich abrupt inne:
„Straßenkarte! Mist, fast vergessen! Wo sind denn hier die Karten?" sagte er zu sich selbst. Er blickte über das brusthohe Regal zu dem gegenüberliegenden Tresen und folgte flüchtig dem Blick der jungen Kassiererin, die drei Männer in der Spirituosen-Abteilung beobachtete. „Entschuldigen Sie bitte, Ma'am! Wo finde ich hier Straßenkarten?"
Sie zuckte zusammen und schaute ihn irritiert an.
„Die Straßenkarten, Ma'am?" wiederholte Murdock.
„Bei den Zeitschriften, dahinten. Gegenüber bei den Getränken" Sie deutete in eine hintere Ecke, wobei ihr Blick wieder auf den drei Männern haften blieb, die sich dort aufhielten und ihre Späße machten.
„Danke" erwiderte Murdock betont höflich und folgte ihrem Hinweis zu den Getränkeregalen.
„Ah - alles klar, da seid ihr ja, ihr kleinen Strassenkärtchen!" Er zog eine der Karten aus dem Fach und drückte sie vor die Schokoriegel „Warum habt ihr euch vor mir ver…. WOW! Die haben ja Comics hier und - YES BABY - da ist SUPERMAAAAN!" Er machte ein schnelle Drehung um die eigene Achse, kam zu dicht an das Regal und wollte sich mit einem großen Schritt nach hinten abfangen, als er plötzlich rücklings gegen jemanden stieß. Einige seiner Schokoriegel fielen auf den Boden.
„Oh!" er drehte sich um, um sein Opfer anzusehen
„Entschuldigen Sie - ACH DU SCHEISSE!" entfuhr es ihm reflexartig. Weitere Schokoriegel fielen zu Boden, während er geschockt in das regungslose Gesicht vor ihm starrte. Jeans und Lederjacke, die blonden Haare fielen locker ins Gesicht. Er sah überraschend gut aus.
„Face…?!" Murdock versuchte sich wieder zu fassen.
Ein bulliger Glatzkopf drehte sich hinter Face um und schaute Murdock grimmig an.
„….tival… ähm Festival, auf dem Festival waren Sie da auch? Ich ähm..." er zeigte die Karte vor und blickte in Face' emotionslose Augen: „Ich kenne mich hier nicht aus, ich such den Weg - nach - nach HAUSE?" Das letzte Wort betonte er auffallend und schaute Face dabei bohrend an. Für einen Moment glaubte Murdock einen verwirrten Ausdruck in seinem Gesicht erkennen zu können.
„Haltet ihr hier ein Kaffeekränzchen?" Ein junger, dünner Mann quetschte sich zwischen Face und dem Bulligen hervor: „Boris, was ist denn das für einer?" Er öffnete eine Bierdose und nahm einen großen Schluck.
Murdocks Atmung beschleunigte sich: „Ich wollte nur den Weg nach Hause wissen…"
„Hör mal zu, du hässlicher Vorgartenzwerg, sehen wir aus wie die Auskunft?" Er gab Murdock mit dem Zeigefinger einen leichten Schubs an die Schulter und die restlichen Schokoriegel fielen zu Boden. Er lachte dreckig, während er seinem glatzköpfigen Kumpel Boris ein Bier in die Hand drückte.
„Nein, natürlich nicht, ich dachte nur…"
Der junge Typ ließ Murdock nicht ausreden, schob ihn beiseite und deutete mit einer Handbewegung seinem Kumpel an, ihm Richtung Ausgang zu folgen.
„Danil, Убейте его!" Rief er, als sie einige Schritte gegangen waren und nahm einen weiteren Schluck aus der Bierdose.
Murdock zog die Augenbrauen hoch. Er verstand überhaupt kein Wort.
Der Bullige hielt kurz inne und schaute zurück: „Heißt, du sollst erledigen, Idiot!"
Murdock drehte verwirrt den Kopf zu Face, als ihn noch im gleichen Moment Face' Ellenbogen mit voller Wucht im Gesicht traf. Er stöhnte laut auf, taumelte zurück und stürzte rückwärts in das Regal, welches mit lautem Getöse unter ihm nachgab. Um ihn herum wurde alles schwarz, die berühmten Sterne entpuppten sich als grüne Punkte, die hämisch kichernd über ihm zu tanzen schienen.
Viktor und Boris begannen laut zu lachen, als sie hinter sich die Regale brechen hörten.
„Nimm dir ein Beispiel daran, Boris! Danil schlägt viel geiler zu, als du! Los Danil, schlag da keine Wurzeln, wir müssen noch zu Jimmi!"
„Ja Amy, wir sind seit gestern Abend hier. Die Pensionsbetreiberin hat heute Morgen nicht freundlich reagiert, als ich nach Bogdanov fragte. Wir sind hier mit Sicherheit richtig. Jetzt müssen wir ihn nur noch finden." Hannibals Blick fiel auf die beiden jungen Männer, die lachend aus dem kleinen Laden schlenderten, in dem Murdock vor guten 10 Minuten verschwunden war.
„Am besten sprechen wir heute Abend nochmal, wir wollen uns erst ein bisschen umsehen, hier sind viele verstreute Siedlungen oder weit abgelegene Häuser, mitten in der Landschaft. Kaum Nachbarschaft. Das wird nicht so einfach, es könnte praktisch jedes sein."
„Hey Mann," B. A. kramte im hinteren Teil des Vans in seiner Werkzeugkiste „wo ist mein Lötkolben?"
„B. A. sei etwas leiser, ich telefoniere!" er blickte nach hinten und beobachtete, wie sich B. A.s Stirn in Falten legte, während er sein Werkzeug aus dem kleinen, metallischen Koffer riss und um sich herum verteilte.
„Mein Lötkolben ist weg!"
„B. A. bitte! Ich versteh kein ein Wort, wenn du in der Kiste rumwühlst!"
„Hannibal - der Spinner hat wieder an meinem Werkzeug gefummelt, du weißt, dass ich das echt nicht leiden kann! Ich hasse das! Entweder sagst du ihm, daß er das lassen soll, oder ich sag' es! Aber es wird weh tun, wenn ich es sag'."
„Nein Amy, das übliche Drama. B. A und Murdock…."
Sein Blick schweifte wieder aus dem Fenster zu dem roten 1967er Mustang, der gerade auf der Straße wendete und davon fuhr. Er schaute wieder auf die Ladentür, auf den Ford, wieder zur Ladentür, zum Ford und plötzlich aktivierten seine Gedanken irgendeinen Warnmechanismus in seinem Kopf.
„Amy, wir müssen auflegen!" Er drückte auf den Knopf auf dem Telefon und sprang aus dem Van
„B. A., da stimmt doch irgendwas nicht! Wo ist Murdock?
Murdock richtete sich benommen auf, als Hannibal und B. A. in den Laden stürmten. Er hatte Mühe aus dem Chaos an Zeitschriften und zerborstenen Regalböden zu klettern und hielt sich mit einer Hand die stark blutende Nase. Die Kassiererin war zu seiner Seite und versuchte ihm hinaus zu helfen.
„Murdock! Hannibal eilte zu ihm hinüber. „Was zur Hölle ist passiert?"
„Face." Er stöhnte.
Hannibal packte an seinen Arm, zog ihn hoch. „Wer war das?" Er reichte Murdock ein Taschentuch aus seiner Jackentasche für die Nase
„Face."
„Nein, ich meine, wer hat dir die Nase blutig geschlagen?"
„Es war Face!" wiederholte er eindringlich und drückte dabei das Taschentuch unter seine schmerzende Nase „Und er hat einen verdammt mächtigen Wumms drauf."
„Bist du dir sicher? Hannibal zog die Augenbrauen hoch.
Murdock atmete tief durch, versuchte klare Worte zu formen. „Sie sind eben gerade aus dem Laden raus, du müßtest sie doch gesehen haben!"
B. A. runzelte die Stirn „Wenn das wirklich Face war…..was zur Hölle hast du gemacht, daß er dich geschlagen hat?".
"Gar nichts, ich schwöre! Ich habe nur nach dem Weg nach Hause gefragt."
"Und da flippt er so aus, Mann?"
"So ein kleiner Spargeltarzan hat das zu ihm gesagt. Und der große Dicke hat's noch mal wiederholt."
"Die beiden habe ich tatsächlich aus dem Laden kommen sehen…" Hannibal versuchte ihm Glauben zu schenken.
"Ja, und der Dünne hat gesagt, Face soll das erledigen, und dann - Hannibal, er hat nicht mal gezögert! Es ging so schnell."
Hannibal schaute ihn nachdenklich an, während er noch immer seine Hand an Murdocks Arm hatte. Dass Face ihnen einfach so über den Weg laufen würde, hatte er nicht erwartet. Überhaupt, daß er sich frei bewegen konnte, war schon verwunderlich. Er hatte einkalkuliert, sofern sie ihn überhaupt finden würden, ihn aus irgendeinem dunklen Kellerverließ kratzen zu müssen, eher tot wie lebendig. Zusammenfassend konnte man die Situation also als gar nicht mal so schlecht beschreiben.
„...Hannibal?"
"Ja?"
"Könntest du wenigstens fragen, ob sie gebrochen ist?"
„Was?"
„Meine Nase Hannibal, ich bin verletzt!"
"Ähm - Ist sie gebrochen?"
"Nein"
"Gut, hätten wir das geklärt."
B. A. grinste, als ihn Murdocks trotziger Blick traf.
"Warum grinst du?"
"Ich kann es nicht fassen. Ausgerechnet Faceman hat dir eins aufs Dach gehauen. Verdammt, ich hoffe, es ist nachhaltig!"
"Du großer, böser, gemeiner, schwarzer Mann! DA freut er sich nicht, daß wir unseren Freund wiedergefunden haben, nein, dieser gemeine Mensch freut sich, daß ich gehauen wurde!"
"B. A. das ist wirklich nicht nett." Hannibal drehte sich zu der jungen Kassiererin, die verunsichert neben ihnen stand „Miss, wollen Sie nicht lieber die Polizei rufen?"
Sie schüttelte den Kopf „Nein das lohnt ohnehin nicht."
B. A. schaute sie fragend an. „Wieso nicht?"
Sie seufzte tief und begann ein paar Waren vom Boden aufzuheben „Die werden nichts tun."
„Dann rufen wir die Polizei, jemand muß Ihren Schaden aufnehmen, für die Versicherung"
„Nein – bitte. Lassen Sie das. Das passiert ungefähr alle vier Wochen und niemand nimmt irgendwas auf und es wird auch keine Versicherung zahlen."
„Alle vier Wochen?" Hannibals Interesse war geweckt
„Ja schon. Die machen ständig Ärger. Das liegt wohl daran, weil wir nicht in deren komischen Gewerbeverein sind."
„In wessen Verein?"
„Von diesem Bogdanov. Er kontrolliert die Stadt mit seinem merkwürdigen Verein"
„Und deswegen machen solche Windelscheißer Ihnen das Leben schwer? Das ergibt doch gar keinen Sinn!" Murdock tupfte sich beim Sprechen die Nase
„Der Windelscheißer ist Bogdanov's Sohn, Viktor. Er und seine Schläger fallen ständig irgendwo negativ auf."
„Seine Schläger? - Miss, ich schlage vor, wir kümmern uns darum." Hannibal blickte zu seinen Männern und erhielt ein deutliches Nicken.
„Der ist wirklich gefährlich, lassen sie das lieber. "
„Überlassen Sie das ruhig uns. Wo können wir diesen Bogdanov finden?"
„Der wohnt außerhalb, Richtung Norden, die `95 hoch. Da muß er irgendwo ein großes Anwesen haben, heißt es. Ich weiß nicht genau wo."
Murdock faltete das Taschentuch in seinen Händen und steckte es in die Tasche. Seine Nase war geschwollen, etwas trockenes Blut klebte noch in seinem Gesicht. „Ma'am, wissen Sie denn wer mit Jimmi gemeint ist? Spargelviktor sagte eben, er müsse noch dort hin."
„Es gibt einen Jim Newton hier, der hat eine Sportsbar, gleich an der Route 95. Da feiern die ganzen Jugendlichen aus der Uni. Und Viktor ist häufig dort. Aber das hat erst abends auf"
„Ok, laßt uns fahren, vielleicht erwischen wir sie noch"
„Danil, eins mußt du mir endlich mal verraten: Wo hast du gelernt, so zuzuschlagen? Du siehst gar nicht wie so ein harter Typ aus!"
Danil starrte wortlos auf den Tacho und beobachtete, wie die Nadel stetig nach oben wanderte, während er das Gaspedal nach unten trat.
„Los. Raus mit der Sprache!" Viktor lehnte sich mit den Armen über die beiden Vordersitze und schaute Danil mit bohrendem Blick an „Wo zur Hölle kommst du her?"
Danil biß die Zähne aufeinander. Er wußte einfach keine Antwort darauf, denn es gab kein Leben vor seinem jetzigen. Er wußte nicht mal, wo Alexejew ihn gefunden hatte. Er hatte oft darüber gegrübelt und nach vielen schlaflosen Nächten kam er irgendwann zu der Überzeugung, daß sein voriges Leben aus nichts Gutem bestanden haben mußte, denn sonst hätte er sich sicher an etwas erinnern können. „Die Seele schützt sich vor schlechten Erinnerungen." hatte Emma gesagt, als er einmal fragte, wo er herkomme. Sie sagte, daß er sehr krank gewesen sei, schlecht ausgesehen habe, und viel zu dünn war er auch. Wenn Alexejew ihn nicht gerettet hätte, sagte sie, dann wisse sie nicht, ob er das überstanden hätte. Was also auch immer vorher gewesen war, er wollte es auf keinen Fall mehr zurück. Und obwohl er sich dagegen sträubte, heftete sich dennoch manchmal die Ungewissheit an seine Gedanken und quälte ihn tagelang. Das Tanklicht leuchtete auf.
„Vielleicht ist FBI Agent und spioniert deinen Vater"
„Herrgott, lern' doch mal endlich die Sprache vernünftig ! Der eine spricht gar nichts, der andere kann keine zwei zusammenhängenden Sätze aussprechen –wie soll mich so einer ernst nehmen?" Er seufzte laut und ließ sich dabei zurück auf die rote Lederbank des Fords gleiten. „Wir fahren heute Abend zu Jimmi, jetzt habe ich keine Lust."
„Aber dein Vater erwartet heute Mittag zurück…"
„Jetzt hör doch mal auf mit meinem Vater! Den ganzen Tag hör ich nur „dein Vater". Offenbar dreht sich die verschissene Sonne nur um ihn! Wir machen das jetzt so wie ich sage! Ich hoffe, ich hab mich klar ausgedrückt."
Er schwieg einen Moment, fügte dann etwas ruhiger hinzu:
„Soll ich das jetzt noch mal auf Russisch und in Gebärdensprache wiederholen?"
Es war für einige Minuten Stille im Auto, dann räusperte sich Boris kleinlaut
„Ich sage, wird Ärger geben…."
