„Wach auf!"
Sein Schädel hämmerte. Es war kein Hämmern, vielmehr ein Dröhnen. Seine Hand griff an seinen Kopf, hielt die Stirn. Aufwachen, er mußte aufwachen. Konnte nicht. Seine Rippen. Nicht bewegen. Das Einatmen tat höllisch weh.
„Hey, wach auf!"
Er spürte einen Klaps mit der Hand in seinem Gesicht. Noch mehr Dröhnen im Kopf, der Schmerz breitete sich wie eine Welle aus. Es drehte sich alles. Ein Kater wäre ein Kinderspiel gewesen, im Vergleich hierzu.
„Verdammt. Ist tot, Wladimir!"
Lachen. Erneut ein Schubs gegen seine Schulter. Er riss die Augen auf
„Ah, nicht tot. Mußt aufwachen! Mußt wach sein. Fahren…."
Er starrte in Dimitrijs Gesicht, verstand kein Wort. Es war zu früh, sein Kopf hämmerte zu stark um Dimitrijs halbe Sätze zu verstehen. Dimitrij beugte sich über ihn, schloß die Kette auf. „Mußt wach sein, niemand da. Haus allein."
Er runzelte die Stirn. Sortierte die Gedanken, bis sein Kopf die verstümmelten Sätze verstehen konnte.
Bogdanovs Haus entpuppte sich als riesiges Anwesen, von außen kaum abschätzbar, wie viele Zimmer darin enthalten sein mochten. Um die große Villa, die im Kolonialstil erbaut worden war, befand sich ein ebenso riesiges Gelände, überwiegend Rasenfläche, nur am Rand einige hübsch geschnittene Bäume und Büsche, dahinter erstreckte sich ein Waldstück. Ein metallischer hoher Zaun umgab das Grundstück im vorderen Bereich, grenzte an den breiten, weißen Kiesweg, der zur Haustür führte. Die lange Nebenstrasse, die von der Route 95 abzweigte, führte an einem Schrottplatz und an einigen, wenigen abgelegenen Häusern vorbei und endete genau an der hübschen Villa in einer Sackgasse. Es gab keine unmittelbaren Nachbarn und auch keinen Durchfahrtsverkehr. Wenn man die unscheinbare Abzweigung am Schrottplatz nahm, rechnete man nicht mit einem solchen Anwesen am Ende der Strasse. B. A. mußte den Van ein großes Stück weit weg am Waldrand parken, damit man ihn vom Haus aus nicht sehen konnte. Murdock und er warteten dort gut versteckt und behielten das Haus im Auge, während Hannibal bereits zur Tür unterwegs war. Aus der Ferne sahen sie ihn auf den Hauseingang zu trödeln. Hannibal war in seiner Rolle. Voll und ganz.
Es war schwül und drückend, die Luft war nahezu mit einem Messer zu schneiden und Hannibal spürte bereits erste Schweißperlen auf seiner Stirn, als er an der großen, hölzernen Haustür klingelte. Er beugte sich vor und versuchte durch die mosaikartigen Scheiben etwas im Inneren zu erkennen. Das Klingeln war deutlich zu hören, denn das kleine geöffnete Fenster neben der Haustür gewährte Zugang zu den Geräuschen im Inneren. Niemand öffnete. Er wartete geduldig – Es mußte noch jemand zuhause sein, mehrere Fenster waren offen. Bogdanov war vor knappen 10 Minuten mit seinen Männern fortgefahren, doch Hannibal konnte sich nur schwer vorstellen, daß das Haus komplett unbewacht sein sollte.
Ungehindert war er bis zur Haustür spaziert - das war schon irgendwie überraschend. Das große Haupttor, welches dazu gedacht war, Auffahrten zu verschließen, war nicht bewacht und blieb sogar offen, als Bogdanov davon gefahren war. Es waren keine Hunde auf dem Grundstück – selbst Kameras konnte er keine sehen. Bogdanov wog sich offenbar in ziemlich großer Sicherheit. Beeindruckend. Und ein kleines bißchen Erschreckend.
Er klingelte erneut und überprüfte den Sitz seiner grauhaarigen Lockenperücke im Spiegelbild der Mosaikscheiben. Auf falsche Zähne hatte er verzichtet, nur die blaue Latzhose hatte er übergestreift.
„DANIIIILLL?!"
Eine Frauenstimme war im Inneren zu hören.
„Danil, es ist jemand an der Tür!"
Er hob die Augenbrauen und reckte sich etwas zu dem offenen Fenster. ‚Danil', das war doch der Name, den Murdock ihm gestern Abend genannt hatte? Er wurde etwas ungeduldig und drückte erneut auf die Klingel. Schließlich sah er durch die farbigen Scheiben eine kräftige Frauengestalt auf ihn zukommen. Die Tür öffnete sich
„Ja bitte?"
„Guten Tag Ma'am." Hannibal machte eine höfliche Nickbewegung und setzte sein freundlichstes Lächeln auf. „Ich komme von Phone-Com, Ihrer Telefongesellschaft Nummer 1 im ganzen Land. Wir hatten gestern einen Stromausfall und einige Verteiler weisen Störungen auf. Hatten Sie heute auch Probleme gehabt?"
Sie schüttelte den Kopf „Nein, ich glaube nicht…"
„Nun Ma'am, wenn es nichts ausmacht, würde ich gern ihre Anschlüsse im Haus überprüfen, schließlich wollen wir von Phone-Com, daß sie auch weiterhin zufriedene Kunden von uns sind. Nicht, daß es noch nachträglich Ärger gibt…"
„Ähm also eigentlich…"
„Die Störungen können auch erst später auftreten, denn der Computer der Hauptzentrale scheint defekt zu sein. Das ist uns wirklich sehr unangenehm, sie haben da völlig Recht: sowas sollte bei Phone–Com gar nicht passieren dürfen….!" Er schaute in ihr verunsichertes Gesicht. Verdammt, Face war darin einfach tausendmal besser als er!
„Ma'am, seien Sie unbesorgt, ich möchte nur nicht, daß nachher Ärger entsteht, Sie wissen ja wie das ist. Ihr Boss ruft bei meinem Boss an und beschwert sich, und dann kriegen wir beide einen Anschiss…" Ok, jetzt hatte er sie am Haken. Von Alexejew Bogdanov wollte niemand einen Anschiss kriegen. Etwas zaghaft trat sie zurück und gab den Eingang in den riesigen Hausflur frei. Sein Blick fiel direkt auf eine edle Holztreppe, die in die oberen Stockwerke führte. Antikes Mobiliar, Parkettboden.
„Gut, dann kommen sie herein, aber sie brauchen nicht lange oder?"
„Nein, ich beeile mich. Wo finde ich die Telefonapparate?"
„Alle?"
„Ja tut mir leid."
„Also es ist einer hier im Flur…" sie deutete auf die gegenüberliegende Seite des Flures zu einer Kommode vor einem großen Spiegel, „einer im Wohnzimmer," wieder ein Fingerzeig in die entsprechende Richtung „oben im Büro und dann ist noch einer hier nebenan in der Küche…."
„Ah ja, ich finde mich schon zurecht." Er ging zielstrebig zum ersten Telefon, breitete B. A.s Werkzeug aus und begann geschäftig irgendwelche Geräte zu bedienen.
Sie schaute ihm einige Sekunden zu: „Sie finden mich neben an, in der Küche. Bitte sagen Sie mir Bescheid, wenn sie nach oben gehen. Das Büro ist verschlossen".
Hannibal nickte. Das Büro interessierte ihn natürlich, und am liebsten auch der Keller. Er fragte sich, wo Face sein mochte, denn auf ihr Rufen war er offenbar nicht gekommen. Kaum hatte sie den Flur verlassen, schraubte er den Hörer auf und brachte B. A.s kleine Wanze in der Sprechmuschel an. Wenige Handgriffe später sammelte er das Werkzeug wieder ein und folgte ihr in die geräumige Küche. In der Mitte stand ein großer Esstisch aus altem Holz, die Küchenmöbel stilvoll in weiß. In der Mitte war ein zusätzlicher Arbeitsbereich, der mit frischem Gemüse belagert war. Offenbar war sie gerade dabei, das Mittagessen vorzubereiten. Aus der Küche führte eine kleine Tür nach draußen, in einen Teil des Gartens. Am Ende war ein Stück Wald zu sehen und in Hannibal entstanden erste Fluchtideen. Eigentlich war der jetzige Moment schon verführerisch günstig, fast schon auf einem silbernen Tablett. Aber er war allein und unbewaffnet, und wo sich Face befand wußte er auch nicht.
„Einen Kaffee?"
„Bitte?"
„Möchten Sie einen Kaffee, ich habe gerade Frischen aufgesetzt!"
„Oh ja sehr gerne Ma'am. Schön haben Sie es hier!" Er legte das Werkzeug beiseite und nahm den Kaffee entgegen. „Hier läßt es sich bestimmt angenehm arbeiten"
„Ich kann nicht klagen"
„Und Sie sind die bezaubernde Küchenfee? Das sieht ja schon sehr verführerisch dort aus." Zeit seine eingerosteten Flirtkünste auszupacken. Er hätte bei Face besser aufpassen sollen. Gerade, als er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, hörte er hinter sich ein vertrautes Klacken.
45er Colt, eindeutig.
Er seufzte innerlich, hoffentlich flog seine Tarnung jetzt nicht auf! Cool bleiben. Als er sich langsam umdrehte, war die Küchenfee bereits auf dem Weg zur Tür:
„DANIL!"
Face lehnte mit blassem Gesicht am Türrahmen, die Waffe auf Hannibal gerichtet.
Ein Auge blau-violett, die Lippe aufgeplatzt, getrocknetes Blut an den Händen, weitere blaue Flecke an seinem bloßem Oberkörper. Am linken Handgelenk war eine schmutzige, weiße Bandage. Fast beiläufig drückte die Haushälterin seinen Arm mit der Waffe herunter und zog ihn zu einem der Stühle.
„Der Mann repariert nur unser Telefon, kein Grund zur Sorge." Mit mütterlichem Blick prüfte sie seine Verletzungen. „Wie siehst du denn überhaupt aus? Warum sagt mir niemand, daß du krank bist?"
Krank? Hannibal runzelte die Stirn. Face war grün und blau geschlagen und das nannte man hier krank? Das war krank, in der Tat.
„Entschuldigen Sie, Ich hoffe er hat Sie nicht erschreckt. Mr. Ähm…?"
„Smith." Hannibal zögerte kurz und schaute zu Face „John Smith"
Die Hand lag mit der Pistole auf dem Tisch, mit der anderen rieb sich Danil den schmerzenden Kopf. Er fühlte sich schrecklich. Ein Kater wäre die eindeutig angenehmere Variante gewesen. Emma nahm ein frisches Taschentuch aus ihrer Tasche, machte es naß und tupfte auf seiner Hand herum, während sie dabei immer wieder zu dem grauhaarigen Mann blickte, der neben dem Telefon stand.
„Mit den Jungs hat man auch immer was zu tun" Sie lächelte verlegen: „Haben Sie Kinder?"
„Ähm" Mr Smith blickte zu Danil, schien kurz zu überlegen, ehe er antwortete: „Einen Sohn. Nicht zurückgekehrt aus Vietnam".
„Oh, das ist ja schrecklich." Sie machte ein ernstes Gesicht und hielt in ihrer Bewegung inne „Wie alt war er denn?"
„In seinem Alter". Mit dem Kinn deutete er auf Danil, der sich unbehaglich fühlte. Der Mann sollte gehen. Er gefiel ihm nicht. Irgendetwas war komisch an ihm. Es widerstrebte Danil ihn anzuschauen und je länger er darüber nachdachte, desto mehr fand er die Idee gut, ihn sofort aus dem Haus zu werfen. Wie leichtsinnig von Emma, jemand Fremdes so unbedarft hineinzulassen.
„Aber das Leben geht weiter, so hart es auch klingt. Und ich sollte nun auch meine Arbeit fortsetzen." Als der Mann nach seinem Werkzeug griff, zuckte Danil sichtbar zusammen, sein Griff um die Pistole festigte sich. Er hatte ganz sicher Verfolgungswahn, vielleicht sollte er wieder zurück ins Bett gehen. Smith warf ihm einen überraschten Blick zu.
„Brauchen Sie noch einen Kaffee, ich mach Ihnen gern noch einen?" Emma eilte schon zur Kaffeemaschine.
„Ahm nein, aber dürfte ich vielleicht rauchen?"
Sie nickte und Mr Smith zog eine Zigarre aus der Brusttasche seiner Latzhose. Der Typ hatte das Arbeiten jedenfalls nicht erfunden: Mit aller Zeit machte er die Zigarre an, paffte erst einige Züge, ehe er sich wieder seiner Arbeit widmete. Danil beobachtete ihn argwöhnisch, doch es fiel ihm heute schwer, konzentriert zu bleiben. Sämtliche Knochen schmerzten und sein Kopf hämmerte noch immer. Sobald der Mann das Haus verlassen hatte, würde er wieder ins Bett gehen. Er sollte die Zeit ausnutzen, in der Alexejew keine Aufgaben für ihn hatte.
„Und hier wohnt also eine Großfamilie, so wie es aussieht? Das ist ja auch was Schönes" plauderte der Alte und ließ seine Arbeit wieder liegen.
„Ja so könnte man es nennen." Emma lächelte, es sah schon beinahe nach flirten aus.
„Spricht wohl nicht viel, der Haussohn?"
Sie blickte auf Danil: „Danil? Nein, der spricht nicht viel. Aber er ist ein guter Junge."
„Jaha, die Jugend. Da weiß man ja nie woran man ist, nicht wahr?"
Emma nickte wieder
„Und was arbeiten Sie?" er blickte auf Danil, wartete vergebens auf eine Antwort.
Verlegen rieb sich Danil den Kopf, stützte die Stirn in die Hände. Was wollte der? Konversation betreiben? Kein guter Tag. Genaugenommen haßte er jegliches Geplauder. Er hatte nichts zu sagen. Und er wollte auch nicht. Was sollte er auch erzählen? Daß er nicht wußte, woher er kam und wer er war? Oder, daß seine Familie zweifelhaften Geschäften nachging? Vielleicht, daß er mit einem Gorilla zusammen wohnte? Ok, das wäre womöglich etwas Interessantes. Vielleicht sollte er Bananen besorgen, es wäre einen Versuch wert. Ein schwaches Grinsen lief über seine Lippen, als er an Wladimir dachte.
Er sah kurz auf und schon wieder traf sein Blick den des Telefon-Typen. Was starrte der ihn ständig an? Noch nie ein paar blaue Flecke gesehen? Seine Geduld näherte sich einem Ende, ziemlich schnell sogar.
Er drehte seine gesäuberte Hand und betrachtete sie: die kleine Anstecknadel hatte häßliche Stiche im Inneren hinterlassen. Ob er die Nadel Emma zeigen sollte? Vielleicht wußte sie, woher das war. Seine Gedanken fanden den Weg zurück zum gestrigen Abend und das Gesicht des Mannes, dem die Nadel gehörte kam ihm wieder in den Sinn. Er paßte gar nicht in die Sportsbar. Und warum hatte er ihm so selbstverständlich die Nadel geschenkt? Irgendwie kam ihm der Mann bekannt vor…. Er hatte sein Gesicht schon mal irgendwo gesehen.
„Emma!"
Emma schaute sich verwundert um und lächelte ihn an „Ja, was ist, Schätzchen?"
„Da war etwas Komisches..." Plötzlich fühlte er sich aufgeregt, konnte das Gefühl kaum kontrollieren.
„Da war ein Mann gestern Abend, und den habe ich vor ein paar Tagen schon mal gesehen - aber er kommt nicht von hier. Und…" Er stockte, sein Blick wurde unsicher. Still sein! Von der Nadel sollte er vielleicht doch besser nichts erzählen, seine Angst war zu groß, daß Alexejew sie ihm abnahm.
„Und?"
„Und – und ich find's komisch, weil….." stammelte er und blickte auf Emma, dann auf den Alten am Telefon „….ach - nichts weiter, er war nur irgendwie komisch…"
"So?" Emma nickte unbeeindruckt und schälte die Kartoffeln. „Geh ins Bett Danil." Ihre Stimme war überraschend fest und bestimmend.
Danil schwieg, wartete einige Sekunden und erhob sich dann schwerfällig von seinem Platz. Als er Emmas Blick suchte, traf er schon wieder den Blick des Telefonheinis. Das war genug! Er griff nach der Pistole, schob den Stuhl ruckartig nach hinten und war in wenigen Schritten bei dem Mann. Er packte ihn zornig am Träger seiner Latzhose und hielt ihm die Pistole vor die Nase
„Du bist nicht der, den du vorgibst zu sein. Du verläßt jetzt unser Haus. Sofort!"
„Danil!" Emmas Stimme schwappte über, doch er blendete sie einfach aus.
„Ich mache doch nur meine Arbeit, junger Mann!" Der Alte schien diskutieren zu wollen, und das mit einer 45er vor dem Gesicht! Beeindruckend. Danil antwortete nicht, zerrte ihn stattdessen zur Küchentür.
„HE, Mein Werkzeug!"
„Vergiss es, nichts davon ist geeignet um Telefone zu reparieren!"
Der Alte zog die Augenbrauen hoch und schien sprachlos. Die offensichtliche Überraschung über Danils Scharfsinn machte es einfach, den Mann in den Flur zu schieben, wo er sich wieder faßte:
„Bist du dir sicher, daß du das tun willst?"
Danil hielt inne: „Daß ich was tun will?"
„Mich rauswerfen, Kid."
„Willst du mir drohen? Du vergißt, daß ich die Pistole habe!"
Auf einmal ging alles wahnsinnig schnell: Eine schnelle Drehung, ein überraschender Schlag gegen Danils schmerzhaften Brustkorb, eine Hand an seiner Hand und plötzlich schlug er mit dem Rücken gegen die Holzvertäfelung der Flurwand. Die Luft blieb ihm kurz weg, das beklemmende Gefühl war wieder präsent. Es lähmte ihn für einen Moment. Atmen, er mußte Atmen. Er schnappte nach Luft und roch den frischen Zigarrenduft. Als er aufschaute hielt der Alte die Pistole in seiner Hand und drückte Danil mit seinem Unterarm gegen die Wand.
„Wo waren wir stehen geblieben?" Er grinste überlegen
„Was soll das? Willst du uns ausrauben? Das kannst du vergessen, Pops!"
„Nein."
Der Mann richtete sich etwas auf, lockerte seinen Griff an Danils Brust und zog sich dann überraschend eine Perücke vom Kopf: „Du willst wissen, wer der Mann in der Bar war?"
Danils Augen weiteten sich: „Was soll der Scheiß?"
„Es ist ein guter Freund von dir. Ich glaube, du hast sogar ein Geschenk von ihm bekommen?"
„Woher weißt du das?"
„Hat es dir gefallen?"
Danil's rotes Gesicht verzerrte sich zusehends. Von was zur Hölle sprach der Typ da?
„Ich kenne ihn nicht!"
„Ja ich weiß." Er seufzte schwerfällig und Danil hätte schwören können, daß er so etwas wie Enttäuschung heraushörte. „Aber das können wir ein anderes Mal klären. Wir müssen jetzt gehen!"
„Wir?" Irre sind am gefährlichsten, hatte Alexejew ihm mal gesagt. Denen ist alles egal. Sag immer "Ja", egal was sie vorhaben. Und so hatte Danil gelernt, immer "Ja" zu sagen, wenn Alexejew etwas von ihm wollte.
„Ich gehe ganz sicher nirgendwo hin!"
„ich hol dich jetzt hier raus, ob es dir gefällt oder nicht." Wieder das arrogante Grinsen.
„Was soll das?"
„Glaubst du wirklich, ich lasse dich noch länger hier? Jede Minute ist eine zu viel."
Danil wurde laut: „Von was redest du da? Ich fühl mich wohl hier! Ich gehe ganz sicher nicht hier weg."
Der Alte packte ihn erneut, zerrte ihn rabiat vor den Spiegel neben dem Telefon, die Pistole an Danils Kopf.
„Da! Sieh genau hin! Sieht so jemand aus, der hier bleiben sollte?!" Er drückte ihn stärker nach vorn, mit dem Oberkörper über die Kommode, den Kopf dicht vor dem Spiegel. Die kleinen, weißen Porzellanfiguren fielen klirrend zu Boden, als Danil sich ungeschickt mit den Händen abstützte.
„Wie oft ist die Scheiße schon passiert?" Das überhebliche Grinsen des Mannes war verschwunden, seine Augen schauten ihn wütend durch das Spiegelbild an. „Antworte! Wie oft?"
Danil konnte nicht antworten als er sein Spiegelbild so nah vor sich sah. Er sah wirklich übel aus, das mußte er zugeben. Und natürlich - es war nicht das erste Mal, genaugenommen hatte er aufgehört zu zählen. Und was sollte er sich beschweren? Meistens trug auch er die Schuld für den ganzen Ärger. Auf einmal fühlte er sich erschöpft und kraftlos, am liebsten wäre er vor dem Spiegel auf die Knie gesunken.
„Genug. Wir gehen jetzt - und das ist ein Befehl, Lieutenant!"
Danil starrte ihn mit offenem Mund durch das Spiegelbild an
„Was?"
„Wir gehen." Wiederholte der Alte ruhiger und zerrte ihn wieder aufrecht.
„Lieutenant ….?" Zaghaft kam das Wort über seine Lippen
„Ja. Vorwärts!" Er schob ihn wieder zurück Richtung Küche, die Gartentür als offensichtliches Ziel.
„Lieutenant...?"
„Keine Zeit schinden Kid, einfach vorwärts gehen."
Ein betäubendes Gefühl wanderte durch Danils Körper und er ließ sich wehrlos zur Tür zerren.
„Wer zur Hölle bist du?"
„Im Moment? Dein einziger Freund."
