Hannibal schaute grimmig zu Emma, die neben dem Wandtelefon stand und gerade den Hörer einhängte.
„Ma'am," sein gereizter Unterton war deutlich herauszuhören „ – wie viel Zeit haben wir noch bis Ihre nette Familie hier erscheint?"
Sie wich einige Schritte zurück: „Sie werden nicht ungestraft davon kommen! Lassen Sie lieber sofort meinen Jungen los!"
Hannibal gab ihr einen merkwürdigen Blick und begann zu lachen. „Ihren Jungen?´" Diese Menschen waren einfach seltsam. Er öffnete mit einer Hand die Terrassentür und schob Face nach draußen, jedoch nicht, ohne sich noch einmal umzudrehen
„Noch ein kleiner Hinweis Ma'am: ‚Krankheit' definiert man im Allgemeinen nicht über blaue Flecke und aufgeplatzte Lippen! Vielleicht sollten Sie noch einmal im Lexikon nachschlagen".
„Fünf Minuten vielleicht."
Hannibal schaute Face überrascht an. Mit dieser Information von ihm hatte er nicht gerechnet.
„Gut, dann sollten wir uns beeilen!"
Er drückte die Pistole in Face' Nacken. Es fiel ihm nicht gerade leicht, seinen Freund mit dieser Geste voran zu treiben, doch es sah nicht so aus, als würde Face freiwillig vorwärts laufen. Sie eilten in den großen Garten, der ärgerlicherweise kaum Möglichkeiten bot, geschützt hinaus zu gelangen. Hannibals Blick wanderte über das große Gelände: Schicker, englischer Rasen, auf Bäume und Büsche hatte man auch hinter dem Haus großzügig verzichtet. Wenn er das Versteck des Vans schnellstens erreichen wollte, mußte er sich rechts halten, doch genau auf diesem Weg war das Gelände mit einer hohen Mauer versehen. Sie reichte offenbar bis zum vorderen Teil und schloss so am Gebäude ab, daß man nicht zum Haupttor gelangen konnte
„Verdammt! Die war von vorne gar nicht zu sehen!" Seine Verärgerung über seine ungeschickte Planung ließ es ihn laut aussprechen. „Wie kommen wir auf die Strasse?"
„Durchs Haus oder außen drum herum." Sagte Face gleichgültig.
Ein lauter Schuß ließ die beiden Männer zusammenzucken.
„Ich werd' verrückt, die Alte hat eine Schrotflinte!" Ein zweiter Schuß folgte und Hannibal duckte sich instinktiv hinter Face, auf dessen Gesicht sich ein kleines Lächeln abzeichnete.
Hannibals Blick raste über den schicken Rasen und blieb auf einem separaten Gebäude hängen, welches etwas abseits des Haupthauses stand
„Was ist da drin?"
„Sieh nach, dann weißt du es."
„Das waren Schüsse, verdammte Scheiße!" Murdock setzte sich aufrecht und hatte die Hand bereits auf dem Türgriff „Soll'n wir rein gehen?"
„Nein warte. Hannibal ist draußen."
„Was macht dich sicher?"
„Wenn er drin wäre, würden sie wohl kaum draußen auf ihn schießen." B. A. lächelte, stolz über seine Schlussfolgerung, dann startete er den Motor. „Und verdammt, es heißt auch, daß er nicht nur die Wanzen installiert hat, sondern wieder mal spontan einen Plan hatte."
„Er sollte sich seine spontanen Pläne endlich abgewöhnen! Er weiß doch, d aß die Strasse eine Sackgasse ist! Wenn wir fliehen, fahren wir Bogdanov genau in die Arme.
„Ja Mann, wir sitzen voll in der Falle." B. A. schaltete ein kleines Kästchen ein
„Was ist das? Wir haben doch nichts mit einem Sender versehen?"
Er grinste erneut stolz: „Doch. Hannibal hat einen in der Hosentasche. Das war meine Idee. Falls was schief geht."
Murdock schaute auf das Gerät in B. A.s Händen: „Das Signal wird aber schwächer…?"
B. A.s Lachen verschwand: „Weil der Narr in die falsche Richtung läuft!"
„Wenn wir nicht in 5 Minuten das Signal wieder stärker haben, gehen wir rein."
„Ich glaube, wir sollten das mit dem Reingehen überdenken…." B. A. deutete durch die Windschutzscheibe auf die Strasse: Zwei schwarze Limousinen erschienen in der Ferne und fuhren in hohem Tempo auf das Haus zu.
„Das ist Bogdanov. Jemand muß ihn alarmiert haben." Murdocks Mine wurde ernst „Ich glaub' Großer, jetzt haben wir ein Problem."
Sie sahen angespannt zu, wie die Wagen mit quietschenden Reifen in die Einfahrt der Villa bogen und vor dem Eingang zum Stehen kamen.
„Verdammt, ich hoffe es gibt einen Hinterausgang"
B. A. griff nach einem der Maschinengewehre hinter sich, als man einen weiteren Schuß im Garten hörte: Wer zur Hölle schießt denn da?"
„Ich hoffe, Hannibal versucht in den Wald zu kommen. Das scheint mir die einzige Möglichkeit zu sein, geschützt da raus zu kommen. Lass mich mal in die Karte sehen" Murdock griff nach der Karte, die vor ihm auf dem Armaturenbrett lag. „hmmm um ehrlich zu sein, scheint es keinen vernünftigen Weg zu geben. Hier ist nichts eingezeichnet. Mit dem Van kommen wir nicht in seine Nähe."
„Heilige Scheiße, ein 59er Cadillac?! Und den hat er hier einfach in seinem Gartenhäuschen geparkt? Nur zum Schön-Stehen? Der Mann hat Geschmack!" Hannibal gab Face einen Schubs Richtung Beifahrerseite „Los einsteigen."
Draußen waren aufgeregte Männerstimmen zu hören, die schnell näher zu kommen schienen.
Er sprang in das offene Cabrio und riß die Kabel unter dem Lenkrad hervor. Nach wenigen Sekunden startete der Wagen mit einem lauten Röhren, Hannibals Blick fiel wieder auf Face, der unbeweglich neben dem Wagen stehen geblieben war.
„Brauchst du eine Einladung? Steig ein!"
Face reagierte nicht.
„Jetzt beweg deinen Arsch hier rein, SOFORT!" Hannibal richtete den Colt auf ihn und spannte den Abzug. „Ich bitte dich Face, mach keine Schwierigkeiten!"
„Danil." Sagte Face tonlos und hopste fast gemächlich auf die Beifahrerseite.
„Ladies, stellen sie das Rauchen ein …!" Hannibal legte den Gang ein und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Das luxuriöse Sechs-Meter Schiff im zartem Beige-Creme-Metallic startete etwas schwerfällig, es schien nicht unbedingt ideal als Fluchtfahrzeug zu sein – aber Stil hatte es allemal. Er grinste diabolisch, als der Cadillac die Holztür der Garage mit lautem Getöse durchbrach. Das Holz splitterte in alle Richtungen, ein großer Balken erwischte geschickt gleich zwei von Bogdanovs Leuten, die gerade das Gebäude erreicht hatten.
Sofort begann ein wilder Kugelhagel, Hannibal hatte große Mühe, sich gleichzeitig hinter dem Lenkrad zu ducken und den Wagen so schnell es ging über das Gelände zu manövrieren. Einige wilde Drehungen, Brems- und Beschleunigungsmanöver hinterließen häßliche, tiefe Furchen im schicken Rasen und schienen Bogdanov nur noch mehr in Rage zu versetzen. Mit einer geschickten Wendung nahm er noch zwei weitere Männer auf seine Motorhaube, die bei der nächsten Kurve zur Seite stürzten und am Boden liegen blieben.
„ICH LIEBE ES!" schrie er und konnte seine Begeisterung über seinen Vorsprung nicht verbergen. Der Cadillac erkämpfte sich einen immer größer werdenden Abstand zu den Verfolgern, die zu Fuß hinter ihnen herliefen und wild auf sie schossen.
„WIE KOMMEN WIR HIER RAUS? ICH NEHME AN VORNE IST ZU?" schrie er laut zu Face, denn man konnte durch den aufheulenden Motor und den Schüssen im Hintergrund kaum sein eigenes Wort verstehen.
Face antwortete nicht, sondern deutete in eine Richtung am Ende des großen Grundstückes. Dort grenzte der Wald direkt an das Gelände, nur mit einem ordinären Maschendrahtzaun voneinander getrennt. Hannibal schaltet einen Gang zurück und gab Gas, als der Wagen eine kurze, ruckartige Bewegung machte.
„He! Jetzt mach keinen Scheiß!"
Es stotterte erneut und Hannibals Versuche nochmals Gas zu geben, gingen ins Leere. Er mußte entsetzt zusehen, wie die Nadel auf dem Tacho sank und spürte ein neues Zuckeln und Ruckeln unter sich.
„Der saugt Luft, verdammte Axt. Ich glaube, hier ist Endstation".
Er ließ den Wagen ausrollen, blickte schnell über die Schulter zu seinen aufholenden Verfolgern und richtete den Colt wieder auf Face: „Raus hier, vielleicht diesmal etwas schneller wie du eingestiegen bist!" Er gab ihm einen kräftigen Schubs zur Seite, sprang dann selbst aus dem Wagen, Face immer im Blick. In wenigen Schritten waren sie an dem recht niedrigen Zaun angelangt, darüber kletterten war einfach. Hinter ihnen noch immer Schüsse von vier von Bogdanovs Leuten
„BEWEG DICH!" rief er im Befehlston zu Face, der sich weiterhin keine große Mühe gab, das Gelände zu verlassen.
Und dann rannten sie.
Der Boden war holprig, dicht mit Büschen und Sträuchern bewachsen. Die vielen Nadelbäume schluckten schon nach wenigen Metern das Tageslicht und erschwerten die Sicht.
„Wir müssen zur Strasse, aber ich fürchte, dort werden sie uns abfangen." keuchte er. Die schwüle, drückende Luft nahm ihm den Atem. „Wir gehen tiefer in den Wald. Das ist unsere einzige Chance."
„Ich kann nicht mehr." Face hielt sich den Brustkorb „Ich krieg keine Luft." Er beugte sich vornüber und stützte sich auf den Knien ab.
Ein Donnern und Grollen war über ihnen zu hören. Hannibal seufzte.
„Ich schwöre, wenn das hier zu Ende ist, setze ich mich zur Ruhe. Das kann nicht einfach nur eine Pechsträhne sein. Es muß ein Zeichen sein" Er biß die Zähne auf einander und schubste Face erneut vorwärts. „Es tut mir leid, aber wir gehen weiter. Und ich habe nicht vor, daß jetzt zu diskutieren.
„Was willst du von mir?"
„Ich bring' dich heim, Kid."
„Ich bin daheim. Wenn du mich zurück läßt, werden sie dich vielleicht in Ruhe lassen".
„Ich werde dich nicht hier lassen und du wirst es akzeptieren müssen. Lass uns später darüber sprechen, Face."
Es donnerte erneut.
„Danil."
Hannibal schob wütend das Kinn vor und drückte die Pistole zwischen Face's Schulterblätter: „Vorwärts!"
Unermüdlich trieb Hannibal Face tiefer in den Wald. Aus dem Donnern war nach wenigen Minuten ein lautes Gewitter geworden, es regnete mittlerweile so stark, daß die dichten Baumwipfel über Ihnen das Wasser nicht mehr zurückhalten konnten. Große Regentropfen bahnten sich ihren Weg durch die Äste, der Duft von nassem Waldboden stieg in die Nase.
Sie liefen bereits eine knappe dreiviertel Stunde im schnellen Tempo und Face war keine große Hilfe bei der Orientierung.
„Ich höre überhaupt nichts mehr hinter uns… " bemerkte Hannibal und blickte zurück
„Sie haben sicher aufgegeben."
„Spar dir das."
„Es regnet, wer hat da schon Lust auf eine Verfolgung."
Hannibal antwortete nicht.
„Wer bist du?"
„Das habe ich bereits gesagt."
„Ok, John, das hast du. Aber darauf zielte meine Frage nicht ab. Warum bist du so besessen davon, mir in eine Freiheit zu verhelfen, die ich nicht möchte?"
„Du versuchst Zeit zu schinden, geh' vorwärts, Face."
„Mein Name ist Danil."
Hannibal schloß kurz die Augen: „Ja meinetwegen." Dann fügte er harsch und bestimmend hinzu:
„Aber beweg dich endlich schneller. – JETZT!"
Hannibals Befehlston durchdrang den ganzen Körper. Selbst Fremde unterlagen oft der Macht in seiner Stimme. Ohne es bewußt zu steuern, erhöhte Face sein Tempo merklich.
Der Regen wurde stärker und ließ den Boden aufweichen. Beide hatten Mühe auf dem glitschigen und dicht bewachsenen Untergrund nicht auszurutschen.
„Wo gehen wir hin?" begann Face nach einiger Zeit die Unterhaltung von Neuem.
„Du versuchst mich mürbe zu machen. Bitte hör auf."
„Es ist eine berechtigte Frage, findest du nicht, John?"
„Hör auf mich zu manipulieren."
„Ich manipuliere dich nicht, ich frage nur."
„Face, du kannst nicht mal „Guten Tag" sagen, ohne dabei jemand zu manipulieren. Hör auf, es wird nicht funktionieren. Ich kenne dich zu gut."
„Das kann ich mir nicht vorstellen."
„Es ist aber so"
„Woher?"
„LASS ES."
Face' Stimme wurde laut: „Du kommst in unser Haus, überrumpelst mich, bringst unsere Haushälterin in Gefahr, kidnappst mich, schleppst mich ohne irgendeine Ahnung von einem Ziel in den Wald hinein und ich soll nicht mal fragen dürfen, wie du auf dieses bescheuerte Vorhaben gekommen bist?"
Hannibal schwieg und starrte auf seine Füße, die im nassen Boden Halt suchten.
„Ich bin der unwichtigste Mensch in diesem ganzen Haus und du wählst ausgerechnet mich? Du hast keine Ahnung, was du mir damit überhaupt antust!"
„Was ich dir antue?!" Hannibal blieb stehen
„Ich dachte, du hättest dich im Spiegel genauer angeschaut? Ist dir entgangen, wie du aussiehst? Und ist dir aufgefallen, daß du nirgendwo hin gehen kannst, weil du dort eingesperrt bist? Selbst die Haushälterin gibt dir Befehle!"
„Das geht dich überhaupt nichts an, es geht mir gut dort."
„Das haben sie dir eingetrichtert, ja."
„Das ist nicht wahr!"
Beide stapften wütend vorwärts, die Stirn in tiefe Falten.
Der Regen hatte die beiden Männer vollkommen durchnässt, die Haare klebten im Gesicht. Der Dunst des warmen Waldbodens ließ einen dichten Nebel entstehen und es begann ein angestrengtes Spekulieren, was in den nächsten Metern auf sie warten würde. Man sah fast nichts. Das konnte ja eine heitere Wanderung werden. Hannibal gruselte es bei dem Gedanken, ausgerechnet mit der ‚Wasserratte' Face durch den Regen wandern zu müssen.
Er wußte sich keinen Rat, wie es überhaupt anschließend weiter gehen sollte. B. A. und Murdock finden, fliehen. Und dann? Er würde Bogdanov nicht ungeschoren davon kommen lassen, soviel stand für ihn fest. Aber eigentlich war das auch gar nicht wichtig. Wichtig war, daß er ihn heil hier raus bekommen würde. Nur das zählte. Er war es ihm schuldig. Daß Face es nicht verstehen konnte, war eine anstrengende Sache – und auch daran fühlte er sich schuldig. Vermutlich geschah es ihm recht, daß er sich nun dieser unangenehmen Situation stellen mußte.
Mit Face. Im Regen.
Er strich sich die grauen Haare zurück und versuchte es etwas netter:
„Wir gehörten einer Spezialeinheit an, die im Vietnamkrieg operiert hat."
„Freiheit den Unterdrückten" sagte Face mit einem spitzen Unterton.
„Das steht auf der Anstecknadel, die du bekommen hast. Es ist eine Nadel der Special Forces."
Face blickte auf die Innenseite seiner Hand. Die Verletzungen der Nadel waren deutlich zu sehen. Er ballte die Hand zu einer Faust.
„Du hast da nur eine Kleinigkeit übersehen John: Ich werde weder unterdrückt, noch muß ich befreit werden. Genaugenommen ruinierst du gerade mein Leben."
Hannibal fühlte sich unbehaglich. Dieses Gespräch wollte er so unvorbereitet eigentlich gar nicht führen. Lieber hätte er zuvor sich gern ein paar Worte zurecht gelegt, und eigentlich hatte er darüber bis heute noch gar nicht so genau nachgedacht. Face war Face, was sollte man da besprechen?
„Du bist du einer von uns." Sagte er gepresst. Face blieb abrupt stehen, drehte sich um und starrte ihn an.
„Der Mann in dem Supermarkt, den du niedergeschlagen hast – der Gleiche übrigens, der dir in der Sportsbar die Nadel geschenkt hat. Das war Murdock."
„Was redest du da?" Face' Gesicht war eine Mischung aus Verwirrung und Wut. Es sah aus, als könne er sich nicht entscheiden, welches Gefühl das stärkere war.
„Unsere letzte Operation ist gründlich schief gegangen. Du bist in die Hände der Gegner gefallen, und wir konnten dich nicht rausholen."
Er starrte ihn immer noch an, sagte kein Wort.
„Lass uns bitte weitergehen. Ich werde dir alles erklären, aber zuerst müssen wir hier raus."
Face drehte sich wortlos um und setzte sich wieder in Bewegung. Seine Schritte wurden immer eiliger, so daß Hannibal sein eigenes Tempo mehrmals anpassen mußte.
Sie liefen eine Zeitlang weiter, niemand wechselte ein Wort oder einen Blick. Der Regen prasselte unaufhörlich auf sie ein und vertuschte damit nahezu jedes Geräusch auf dem Boden, welches sie bei ihrem schnellen Tempo verursachten. Hannibal hoffte auf eine Strasse zu treffen, oder wenigstens einen Fels oder Hügel, damit er sich einen Überblick verschaffen konnte. Murdock und B. A. waren sicherlich bereits auf der Suche, aber ohne Anhaltspunkt würden sie sie nicht finden können. Es war keine sonderlich angenehme Vorstellung, möglicherweise die Nacht hier draußen verbringen zu müssen. Sein Blick blieb auf Face' Schritten haften. Er machte große und schnelle Bewegungen, ungewöhnlich für Face, der selbst noch zu Army-Zeiten immer eine extra Einladung für mehr Tempo brauchte. Hannibal war sich sicher, Face kochte vor Wut. Er wurde immer still, wenn er wirklich sauer war. Man brauchte nur noch auf den Sturm zu warten, der war nur eine Frage der Zeit.
Face' ruckartige Handbewegung an seinem Nacken unterbrach Hannibals Gedanken. Er blieb stehen und atmete schneller
„Was ist?" sagte Hannibal, eine gewisse Gereiztheit in seiner Stimme.
„Da war etwas an meinem Hals!"
„Ja, ein Ast. Geh weiter."
Binnen Sekunden wurde Face' rotes Gesicht schneeweiß, er atmete schwerfälliger.
„Alles klar mit dir?"
Er bekam keine Antwort
„HEY! Ist alles klar mit dir?" Fragte er eindringlich, packte ihn an der Schulter und schaute in das blasse Gesicht.
„Ich krieg keine Luft. Meine Hände…"
„Was ist mit denen?" Hannibal steckte die Pistole nach hinten in den Hosenbund, griff mit beiden Händen an Face's Arme und spürte dabei, wie dieser in sich zusammensackte.
„Setz dich hin."
„Nein, ich muß stehen."
„Setz dich."
„Nein" er schnappte nach Luft „ich krieg keine Luft"
„Du kriegst genug Luft, wenn du ruhiger atmest."
„John, da war was an meinem Hals"
„Es war ein Ast, ich hab ihn gesehen. Was stimmt nicht mit dir?"
„Nicht setzen. Ich krieg keine Luft. Mach das Wasser weg!"
Er schälte sich umständlich aus Hannibals Griff, stützte sich an einem Baum ab und atmete schwer.
„Face?" Hannibal runzelte irritiert seine Stirn. War das ein Spiel? Er drehte ihn an der Schulter wieder zu sich, damit er sein Gesicht sehen konnte. Es war weiß wie Papier, die Augen aufgerissen, starr auf einen Punkt gerichtet. Das sah nicht gespielt aus.
Atmen.
Keine Panik, einfach Atmen.
Enge.
Die Augen geschlossen, versuchte er die kostbare Luft einzuatmen, seine Arme und Beine zu spüren. Es ist nicht real, keine Panik.
Nicht ins Wasser.
Er spürte seinen Herzschlag bis zum Hals, die Luft schien nicht in seinen Lungen anzukommen. Die Hände wurden taub und die Beine verloren ihre Kraft.
„Lieutenant!?"
Nicht nachgeben, nicht nach unten. Kein Wasser. Er wollte schreien, doch seine Lippen gaben keinen Ton von sich. Sein Brustkorb kämpfte um jeden Atemzug, doch der Druck war so groß, daß er kaum mehr Luft holen konnte.
„Setz dich verdammt noch mal, du kannst nicht stehen!"
Nicht ins Wasser, grosser Gott.
Es schmerzte so stark Nicht nach unten. Seine Beine verloren jedes Gefühl. Er keuchte, rang nach Luft. Die Kraft schwand. Männer in Army-Uniformen standen vor ihm. Sie redeten auf ihn ein, doch er verstand kein Wort. Das Wasser verzerrte die Stimmen.
Dunkelheit. Panik.
Diesmal schaffte er es nicht. Er schaffte es nicht, dagegen anzukämpfen, konnte die Angst nicht mehr ertragen und den Schmerz. Vielleicht sollte er aufgeben?
Da waren Hände. An seinen Schultern.
Sie hielten ihn.
