„Das Signal ist weg!"
„Was?! Bist du dir sicher?" B. A. riss ihm den Empfänger aus der Hand und klopfte auf den kleinen schwarzen Kasten.
„Hältst du mich für blöd, oder was? Wenn ich sage, B. A., das Signal ist weg, dann ist das Signal weg! Ich war früher übrigens selbst mal ein Signal, so ein kleines rotes Fünkchen am Firmament." Murdock machte eine ausladende Handbewegung gen Himmel.

„Murdock, das ist nicht der richtige Zeitpunkt um mich zu provozieren."
„Ich leuchtete rot und suchte meinen Empfänger. Ganz allein war ich dort draußen in der tiefen Sinnlosigkeit des unendlichen Nichts, ganz verloren im Niemandsland des Funkwellen-Nirvanas. Dort flog ich vor mich hin, rot blinkend, hilflos funkend, immer bestrebt meinen Empfänger zu finden. Beep - Beep - Beep - Beep…. ."

B. A. schnellte vor, packte griesgrämig an Murdocks Kragen. Er kam dicht vor dessen Gesicht und grollte finster: „Ich beep dich gleich sowas von in den Weltraum, daß du die Erde nur noch von hinten siehst!"
„Man kann die Erde gar nicht von hinten sehen, es gibt nämlich kein Hinten, weil bei einer Kugel gibt es weder Hinten noch Vorn…!"
„GROOOAAAR!" B. A. holte mit der Faust aus „HÖR AUF!"
„Ist ja gut, beruhige dich." Murdock gab kleinlaut bei, drehte sich ab um zwei Rucksäcke zurechtzulegen, die er mit Waffen und Munition bestückt hatte.

Es sah wirklich ganz so aus, als müßten sie zu Fuß los um Hannibal einzusammeln. Da das Signal sich seit der letzten Stunde konstant von ihnen fortbewegt hatte, konnte man davon ausgehen, daß Hannibal wohlauf und auf der Flucht war. Spontane Planänderungen waren nichts Ungewöhnliches für Hannibal, und mit der Zeit hatte das Team eine gewisse Entspannung entwickelt, wenn Hannibal mal wieder irgendwo im Nirgendwo eingesammelt werden mußte.

Zum Glück hatte er diesmal den Sender in der Tasche, es gab in der Vergangenheit auch schon andere Male, in denen er wie vom Erdboden verschluckt war. Irgendwie schaffte es der Colonel trotzdem jedesmal, völlig unbeschadet aus der Situation heraus zu kommen. Er hatte seinen Rang ganz gewiss nicht ohne Grund erhalten. Hannibal's Motto lautete stets: „Gute Pläne müssen in die Tat umgesetzt werden. Wer wagt, gewinnt."Und er gewann immer. Egal wie wahnwitzig sein Plan war, egal wie verfahren die Situation - er holte das Team und sich immer wieder raus.

Aus dem gleichen Grund spielte übrigens auch niemand mehr mit ihm Schach. Man fragte sich mittendrin, ob er überhaupt das Spiel verstanden hatte und dann schlug er einen völlig überraschend mit den verrücktesten Zügen. Face hatte eine Zeit lang jeden Abend mit ihm gespielt. Solange, bis der sonst eher beherrschte Face wutschnaubend aufsprang und ihm androhte, Sprengsätze an seine Schachfiguren zu montieren. Ein verschmitztes Grinsen lief über B. A.'s Mundwinkel, er ließ seinen Blick in auf die Karte wandern und begann einen gewissen Bereich zu markieren.

„Ich denke, wir können das Gebiet recht gut einkreisen. Straßen sind aber leider Mangelware. Ich hoffe nur, daß er den Sender noch hat und der nicht so naß geworden ist. Denn wenn er sich mit einem kaputten Sender bewegt, suchen wir die Nadel im Heuhaufen. Vielleicht wäre ein Hubschrauber…" er blickte zu Murdock „Ach nein, Blödsinn!" Er studierte wieder die Karte, Murdock's trotzigen Blick in seinem Rücken.

„Lass uns aufbrechen. Mit etwas Glück finden wir unterwegs sein Signal wieder. Ich kann nur hoffen, daß sie den Van nicht finden, aber das Risiko müssen wir eingehen"

„…Beep."


Keine Reaktion, kein Blick. Nur hektisches Atmen.

„Face, zum letzten Mal. Das ist ein Befehl!"
Hannibal wartete. 10 Sekunden. 20 Sekunden. Nichts.
Er räusperte sich.

„Ok, du läßt mir keine andere Wahl." Er hielt Face an der Schulter fest, zögerte für einen Moment – nicht sicher, ob das die richtige Idee war - und dann gab er ihm eine kräftige Ohrfeige. Face taumelte nach hinten, erwischte dabei gerade noch den hinter ihm stehenden Baum, um sich aufrecht zu halten.
„Was soll das?" er war völlig überrascht.

Hannibal zog die Augenbrauen hoch, doch ehe er antworten konnte, stürmte Face auf ihn zu, sprang ihm an den Kragen
„Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?"
Seine Gesichtsfarbe kam wieder, zusammen mit ihr der Zorn und die Wut.
Er holte aus und traf Hannibal empfindlich am Kinn
„Lass mich zufrieden, John Smith! Lass mich und meine Familie einfach in Ruhe und such dir ein anderes Opfer für deine kranken Geschichten!"
Hannibal schlug zurück.
Er erwischte ihn im Magen, dann an der Brust.
„Lass uns nicht streiten!" keuchte er, während er den nächsten Hieb von Face abwehrte und selbst wieder zum Schlag ausholte. Face war außer sich. Seine Schläge kamen schnell.

„Hast du dich niemals gefragt, warum du so kämpfen kannst?" Hannibal hielt schützend die Hände vors Gesicht, als Face wieder zielte.
„Hör auf!" Mit einer geschickten Bewegung erwischte Hannibal Face' Hände und hielt sie für einen kurzen Moment fest.
Zerren. Schläge.
Beide stürzten zu Boden. Hannibal mußte erneut zuschlagen, um sich selbst z u schützen.

„Ich kenne dich nicht und ich will dich auch nicht kennen! Und deine Freunde auch nicht!" Schrie Face und versuchte dabei Hannibal wieder im Gesicht zu treffen.
„Daß du dich nicht erinnern kannst, ist deren Schuld! Und sie benutzen dich für ihre Zwecke! Glaub mir, Face."
„MEIN NAME IST DANIL!" brüllte Face, seine Stimme überschlug sich fast, sein Gesicht leuchtete feuerrot.
Er schlug wilder zu, unkontrollierter.
„Das ist alles nicht wahr!" Face war so in Rage, er spürte nicht mal mehr einen Gegenschlag. Seine Hiebe wurden heftiger, aber traf gar nicht mehr richtig. Hannibal hörte auf sich zu wehren, hielt nur noch die Hände vor sich.
„Das ist nicht wahr, hörst du, es ist nicht wahr, HANNIBAL!"

Stille.

Niemand bewegte sich.

Wie versteinert starrte Face ihn an. Erst nach ein paar Atemzügen konnte er sich wieder bewegen, versuchte auf dem rutschigen Boden auf die Füße zu kommen und wich dabei langsam zurück. Hannibal blieb am Boden liegen, den Blick auf Face' entsetztes Gesicht.

„Nein…" presste Face außer Atem hervor und schüttelte dabei langsam den Kopf.
„Es ist wirklich so, glaub mir."
„Wo warst du dann?"
„Was?" Hannibal verstand nicht.
„Wenn das wahr ist, warum …warum hast du mich nicht gesucht?" Er war noch immer aufgebracht.
Hannibal richtete sich auf. Seine Hände spielten an den Trägern der schlammverschmierten Latzhose.
„Das haben wir, glaub mir. Bogdanov war nicht so leicht aufzustöbern."
„Und warum kann ich mich dann an nichts erinnern?"
Hannibal wich seinem bohrenden Blick aus und räusperte sich. Schon wieder dieses unangenehme Gespräch. Was sollte er sagen? Ich hab dich Wache schieben lassen und dann haben sie dich gekriegt und häßliche Dinge mit dir gemacht?
„Bogdanovs Kumpel, Monselan, handelte mit Menschen und …"
„Ich will das eigentlich nicht hören, Hannibal - oder John oder wie auch immer!" Mit beiden Händen strich er sich die nassen Haare zurück, atmete tief durch und kniff die Augen zusammen.
Er ging einige Schritte rückwärts, blickte Hannibal mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an, dann drehte er sich abrupt um und rannte los. Zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

„FACE!"
Hannibal kam ins Schleudern und verlor den Halt unter sich
„Face, mach keinen Scheiß, Herr Gott nochmal!" Er raffte sich wieder auf und rannte ihm nach.
„Idiot!" sagte er mehr zu sich selbst, während er versuchte ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Face lief, als sei der Teufel persönlich hinter ihm her und Hannibal fragte sich, ob er überhaupt einen blassen Schimmer hatte, in welche Richtung er rannte. Es war bei den Sichtverhältnissen nahezu unmöglich, wieder zurück zu finden.

„Verdammt Face, bleib stehen, das ist Wahnsinn!" Er mußte brüllen, denn die Entfernung zueinander wurde größer, nach wenigen Metern konnte er ihn nur noch schemenhaft zwischen den Ästen sehen. Er hatte keine Wahl, er mußte versuchen an ihm dran zu bleiben. Wenn sie sich verlieren würden, dann wäre es fraglich, ob sie ihn im Wald wiederfinden würden. Face war zwar, ebenso wie er, darin ausgebildet worden, auch in der Wildnis längere Zeit ohne Hilfe zu überleben – aber war dieses Wissen für ihn noch abrufbar? Er hatte nicht mal eine Waffe…. Der Colt!

Hannibal griff nach hinten an seinen Hosenbund: Der Colt war weg! Offenbar hatte er ihn bei der Rauferei verloren. Er knurrte vor Wut und versuchte noch schneller zu laufen. Doch von ein auf die andere Sekunde war Face nicht mehr zu sehen, man hörte nur noch Äste knacken und Hannibal folgte blind dem Geräusch.
Mit einem Mal war alles still.

Hannibal hielt inne, blickte sich um, rang nach Luft. Es war nichts mehr zu hören, nur der Regen, der laut von den Ästen tropfte. Er drehte sich um die eigene Achse, er hatte keine Ahnung wo er war. Der Wald war unglaublich dicht bewachsen, dunkel, nebelig und der moosige Boden dämpfte die Schritte, wenn man nicht gerade Büsche und Äste streifte. Face war nicht mehr zu sehen oder zu hören, wie vom Erdboden verschluckt.
„Face?"
Er stütze die Hände auf die Knie, keuchte.

„Scheiß Karma. Echt nicht auszuhalten." sagte er laut zu sich selbst. Dann richtete er sich wieder auf. Bewegte den Mund, als wolle er etwas sagen, biss kurz die Zähne aufeinander und rief in die vermeintliche Richtung:
„DANIL!?" Er lauschte angestrengt zwischen seinen lauten Atemzügen. „Lass uns reden!"

Plötzlich knackte dicht hinter ihm ein Ast. Er fuhr herum und da stand er vor ihm!
„Wie hast du das gemacht?" er konnte nicht verbergen, daß er ziemlich beeindruckt war.
„So ein Glück, es ist Wahnsinn hier alleine rumzulaufen. Meinetwegen gehen wir zurück." Er atmete tief durch und blickte in das starre Gesicht, keine Regung in seinen Augen. Face sagte kein Wort.
„Es ist wirklich wichtig, daß wir reden. Ich hatte nicht geplant, es hier zu tun…. Aber .."
Hinter seinem Rücken knackten weitere Äste

„Stehenbleiben, Hände über den Kopf!"
Hannibal blickte in Face' Gesicht. Verständnislos. Überrascht.
Die Person kam hinter ihm zum Stehen, stieß ihm die Pistole rüde in den Rücken.
„Wird's heute noch was? Hände!"
Hannibals Hände hoben sich langsam.

„Ich denke, deine kleine Show ist vorbei. Alexejew wird sich freuen, dich kennen zu lernen. Er ist ein bißchen frustriert, weil du seinen Freund gekidnappt hast, sein Auto ein demoliert und sein Garagentor und den Rasen leicht angekratzt hast. Aber mit einer netten Entschuldigung, quält er dich vielleicht nicht so lange, bis er dich tötet."
Hannibal hörte nicht wirklich zu, sein Blick haftete an Face' Augen. Immer noch keine Regung von ihm. Er wollte nur zu gern wissen, was in seinem Kopf vorging. Vor was lief er weg? Vor der Wahrheit vielleicht?
Der Mann hinter ihm stupste ihn an. „Los, vorwärts. Stell dich dort an den Baum. Die Hände bleiben über deinem Kopf!"
Hannibal folgte ruhig der Aufforderung, dabei hielt er an Face' Augen fest „Du bist frei: Geh weg, solange du noch kannst!"
„Halts Maul" Der Typ stieß ihn mit der Pistole in den Nacken, während er sich auf den Baum zubewegte.
„Geh' Face!"

„Halt' endlich deinen Rand!" ein harter Schlag folgte in Hannibals Rücken und er stolperte vorwärts, fing sich aber am Baumstamm ab. „GEH!" Rief er erneut, doch Face blieb still, bewegte sich nicht.
Hannibal duckte sich flink nach unten, wirbelte herum, traf den schwarzhaarigen Mann hinter ihm überraschend am Schienbein, zwei Handgriffe, ein gezielter Treffer, Hannibal schlug ihm die Pistole aus der Hand. Ein wildes Handgemenge folgte, Hannibal war deutlich überlegen. Ein weiterer Schlag, der Mann ging bewußtlos zu Boden.

Hinter ihm ein Klacken. Schon wieder.
Er drehte sich langsam um und blickte in den Lauf der Pistole. Face hatte den Abzug gespannt, starrte ihn emotionslos an.

„Du kannst tun und lassen, was du willst. Lass mich dich nur hier rausholen…"
„Vergiss einfach deinen Plan, Hannibal." Sagte Face tonlos, mit harter, kalter Stimme. „Bleib da stehen und halt' die Klappe."
Er ging seitwärts, auf den bewußtlosen Schwarzhaarigen zu und begann mit der linken Hand in dessen Hosentasche zu kramen, den Blick auf Hannibal gerichtet.
Hannibal machte einen vorsichtigen Schritt zur Seite „Lass uns reden."

Face nahm die Pistole höher: „Du hast mich verstanden, ich denke nicht, daß ich mich wiederholen werde."
„Ok, wir gehen zurück, so wie du es willst, aber ich will vorher mit dir reden!"
Face zog ein paar Handschellen aus der Hosentasche des Mannes, warf sie Hannibal vor die Füße und richtete sich wieder auf
"Leg sie selbst an, Hände nach hinten. Langsam"
Face stimme Klang mechanisch, ohne jede Emotion
„Wow, ich muß sagen, Bogdanovs Leute sind gut vorbereitet."
„Mach' schon."
„Was, wenn nicht?" Hannibal wollte ein Gespräch – egal welcher Art.
"Es ist keine Option"
"Du wirst nicht schießen." Er griff wie befohlen nach den Handschellen: "Ich bin dein Freund."
"Du wirst meinen Anordnungen Folge leisten. Mach die Handschellen jetzt dran!"

Hannibal drehte die Handschellen in seiner Hand hin und her. Er würde nicht schießen, oder vielleicht doch? Er spürte eine gewisse Unsicherheit. Niemals in den letzten Jahren hatte er Face so reden gehört. Es fühlte sich befremdlich an, und zum ersten Mal wurde ihm so richtig bewußt, daß er seinem Freund nicht mehr trauen konnte. Die Sache könnte schiefgehen, und doch – er mußte es riskieren. Er machte einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu.
Bleib stehen!" Face' Ton war fest, Anspannung war herauszuhören, die Hände umklammerten die Waffe. "Leg die scheiß Handschellen an!"

„1950. Siebter Dezember."
„Was?"
„Dein Geburtsdatum."
„Sei still!"
„Dein richtiger Name ist Templeton Peck. Aber wir alle nennen dich Face."
„SEI ENDLICH STILL!"
„Du bist First Lieutenant und hast mit uns im Vietnam Krieg gedient."
Face kniff die Augen zusammen. Er wirkte verwirrt, beugte sich leicht vornüber und fasste sich mit der Hand, in der er die Pistole hielt, an die Stirn.
„Und du magst Frauen" Hannibal grinste.
"Jetzt hör endlich damit auf, Hannibal" Er war sehr aufgeregt, eine Stimme bekam einen fast schon verzweifelten Tonus

„Du bist frei, Face. Wenn du nicht mit mir gehen willst, ok - dann geh' allein, aber geh' auf keinen Fall zurück!"

Face blickte zu Boden: "Warum zur Hölle tust du das?" Dann riß er die Waffe höher und zielte.