Joe stand gerade in der Dusche seines Hotels, als es von draußen heftig gegen die Badezimmertüre hämmerte.
"Bin gleich soweit Colby", rief er.
"Joe, mach sofort auf", hörte er seinen Freund aufgebracht brüllen und wieder klopfte es wild gegen die Türe.
Er drehte das Wasser ab, trat aus der Dusche und band sich ein Handtuch um seine Hüfte. Als er die Türe öffnete, sah er in die bleichen Gesichter seines Freundes und seines Chefs.
"Was ist los Paul"
"Leati hat mich gerade angerufen, weil er dich nicht erreicht hat. Matt hatte einen Herzinfarkt", sagte Paul und Joe, dessen Gesicht sofort aschfahl wurde, ließ sich auf sein Bett nieder.
Er griff mit zittrigen Fingern zum Handy und sah die Nummer seines Dad's etliche Male auf seinem Display leuchten.
"Was ist mit ihm?", stammelte Joe und er hielt kurz die Luft an, weil er Angst vor der Antwort hatte.
"Er liegt auf der Intensivstation im Medical Center. Ich habe Leati gesagt, dass ich dich sofort losschicke."
"Aber was ist mit der Con?"
"Ist schon geklärt", antwortete Paul.
"Ok, danke", kam nur leise von Joe.
Langsam stand er auf und holte seine Sachen aus dem Schrank, um sie in seinen Trolley zu räumen.
"Geh dich anziehen, ich mach das schon", sagte Colby und klopfte ihm sanft auf die Schulter. Joe nickte nur stumm und ging ins Bad zurück, um sich seine Hose zu holen.
"Er soll mich sofort anrufen, wenn er angekommen ist. Das Flugticket hat Steph schon für ihn am Schalter hinterlegen lassen."
Paul nickte Colby kurz zu und verließ dann den Raum. Joe kam jetzt mit leicht zittrigen Beinen aus dem Bad, nahm sein Handy und wählte die Nummer seines Vaters.
"Dad, ich bin es. Wie geht es ihm?" Er fuhr sich verzweifelt durch die Haare und lauschte in den Hörer. "Ich packe gerade und mache mich sofort auf den Weg. Nein, ich komme mit dem Taxi ins Medical. Bis heute Abend."
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Nervös betrat Joe nach fünf Stunden die Intensivstation des Krankenhauses und sah schon von weitem seine Schwestern, die im Flur auf und ab liefen. Als Vanessa ihn sah, fiel sie ihm schluchzend in die Arme.
"Es ist so schön, dass du da bist."
"Wie geht es ihm?", fragte er sofort.
"Er hat unbeschreibliches Glück gehabt und ist jetzt soweit stabil. Mandy hatte Gott sei Dank ihr Handy bei ihm liegen lassen, als sie die Kinder abgeholt hat. Als sie dann zurückgefahren sind, haben sie ihn in der Garage gefunden. Die Ärzte sagen, dass er spätestens eine Stunde später tot gewesen wäre."
"Kann ich zu ihm".
"Mum und Dad sind gerade noch bei ihm. Es sollen immer nur zwei Leute rein", antwortete sie und er nickte.
Er ging jetzt zu seinen Schwestern Summer und Myritza und zog sie in seine Arme.
"Wo sind die Kinder?"
"Mandy hatte sie zu ihrer Mutter gebracht und holt sie gerade dort ab. Madi ist total aufgelöst", antwortete Vanessa.
Die Türe zum Zimmer öffnete sich und seine Mutter trat mit verheulten Augen aus der Türe. Sofort hatte Joe einen Kloß im Hals, denn für ihn gab es nichts schrecklicheres, als seine Mum weinen zu sehen. Als die ihren Jüngsten sah, ließ sie sich stumm in seine Arme fallen. Sanft strich er ihr über den Hinterkopf und küsste ihre Stirn.
"Es wird alle gut Mum. Matt schafft das", versuchte er sie zu beruhigen.
"Schön das du da bist, Junge", hörten er seinen Vater neben sich sagen und er hob den Kopf.
"Kann ich zu ihm?"
"Sicher", antwortete Leati.
Joe desinfizierte sich zuerst die Hände und betrat dann mit seiner Schwester Myritza den Raum. Seine Augen füllten sich mit Tränen, als er seinen großen, sonst so starken Bruder an den etlichen Apparaten angeschlossen sah. Er zog zwei Stühle ans Bett und setzte sich dann neben ihn. Behutsam griff er nach der riesigen Hand, die völlig blass vor ihm lag.
"Hey Matti, ich bin es", flüsterte er und drückte langsam die Finger.
Matt keuchte kurz auf und öffnete leicht seine Augen. "Hi Kleiner."
Joe blinzelte einige Tränen weg und lächelte ihn gequält an. "Musstest du wieder ne große Show abziehen, huh? Was machst du für Sachen?"
"Du weißt doch, dass ich auf große Auftritte stehe."
"Ja, aber die sollst du im Ring haben und nicht außerhalb."
"Keine Ahnung, was los war. Ich wollte am Motorrad rumschrauben und weiß nur noch, dass mir schlecht wurde. Und dann bin ich hier wieder aufgewacht." Kurz presste er die Lippen zusammen und schluckte schwer. "Kann ich etwas Wasser haben?"
"Natürlich", antwortete Myritza, nahm das Wasserglas und half ihm einen Schluck zu trinken.
"Danke"
Er keuchte erneut auf und schloss seine Augen. Myritza sah Joe verzweifelt an und dieser nickte Richtung Türe. "Schlaf du dich erstmal aus, Bro. Wir kommen morgen wieder, ok."
Matt nickte kurz und war auch schon wieder eingeschlafen.
Joe's Herz machte einen Hüpfer, als er aus dem Zimmer trat und Kayla im Arm seiner Mutter sah, die immer noch schluchzte.
"Wie geht es ihm? Ich habe es eben erst von Mandy erfahren", fragte sie.
"Den Umständen entsprechend. Er hat unbeschreibliches Glück gehabt", antwortete Leati.
"Er hat schon vor ein paar Wochen über Schmerzen in der Brust und Übelkeit geklagt. Und da haben Mandy und ich ihm schon gesagt, dass er einen Arzt aufsuchen soll. Dieser Idiot", stammelte Kayla.
"Ganz Anoai", sprudelte es aus Joe heraus.
Kayla sah ihn kurz an. "Ja, scheint so."
"Lasst uns nach Hause fahren und erst einmal in Ruhe einen Kaffee trinken. Der Arzt meinte, dass er erst einmal Ruhe braucht. Wir werden morgen früh wieder kommen", sagte das Oberhaupt der Anoai's und alle stimmten ihm zu.
"Ich werde mir ein Taxi nehmen und nach Mandy und den Kindern sehen", meinte Joe.
"Ich kann dich bei ihr absetzen. Ich wohne nicht weit von ihr", kam von Kayla.
"Das wäre nett von dir", antwortete er.
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend stieg er dann in ihrem Wagen. Die Fahrt verlief die ersten Minuten schweigend und Joe war innerlich total angespannt. Er räusperte sich kurz und drehte sich leicht zu ihr.
"Ich hoffe es gefällt dir an unserer Schule zu unterrichten", versuchte er das Eis zu brechen.
"Als Summer mir von der Stellenausschreibung erzählt hatte, konnte ich gar nicht anders, als mich zu bewerben. Es macht mir sehr viel Spaß", antwortete sie.
"Glaub ich dir. Du hast deinen Traum verwirklicht."
"Du deinen ja leider nicht. Ich werde nie in die Fußstapfen meiner Familie treten. Ich will Football spielen. Diesen Satz höre ich noch immer." Kayla lachte leicht auf.
"Es war aber so geplant. Aber die Scheiß Verletzungen haben mir echt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und was anderes als Wrestling konnte ich dann nicht. Oder kannst du dir mich im Businessoutfit vorstellen? "
"Hey, du bist im Main bei Wrestlemania. Besser kann man es doch nicht haben", antwortete sie.
"Du schaust Wrestling?"
"Natürlich", kam leise von ihr.
"Hör mal Panda..."
"Joe, bitte nenne mich nicht mehr so", flüsterte sie.
"Ok, sorry", antwortete er.
Der Wagen hielt jetzt vor einem kleinen weißen Einfamilienhaus und Joe sah sie an.
"Kay, ich würde es am liebsten rückgängig machen, glaub mir. Ich war so dumm damals, aber ich kann es nicht, verstehst du. Ich weiß, dass Charles..."
"Bitte geh jetzt."
"Danke fürs Herbringen", sagte er und stieg langsam aus dem Auto.
Er sah ihr hinterher bis sie um die Ecke gebogen war und schlug dann mit voller Wucht mit der Faust gegen Mandys Briefkasten. "Scheisse", raunte er.
"Der kann auch nichts dafür", hörte er seine Ex Schwägerin, die hinter ihm stand.
"Sorry", antwortete er leise und ging auf sie zu.
Sie zog Joe an sich und drückte ihn fest. "Schön das du da bist. Ich kriege Madi einfach nicht beruhigt und sie wird froh sein ihren Onkel zu sehen."
Die beiden gingen ins Haus und Mandy nickte mit dem Kopf in Richtung Wintergarten, wo Joe auch schon den Kopf seiner Nichte auf der großen Liege sah. Er ging in ihre Richtung, klopfte kurz gegen den Türrahmen und sah sie an.
"Hey Sweetie"
"Joe", schluchzte Madi, sprang auf und warf sich ihrem Onkel in die Arme.
"Alles gut. Hey, ihm geht es schon viel besser."
"Ich hatte solche Angst um ihn."
"Weiß ich. Ich doch auch. Komm, ich bring dich erstmal auf dein Zimmer, du bist eiskalt."
Er schob sie vor sich zurück ins Wohnzimmer und dann die Treppe hoch bis zu ihrem Zimmer. Dort legte er sich auf ihr Bett, zog sie neben sich und deckte sie zu. Sanft strich er immer wieder ihren Arm entlang und er merkte, dass ihr Atem langsam ruhiger wurde.
"Dein Dad ist eine harte Nuss, der packt das", flüsterte er.
"Er hat schon seit ein paar Wochen Probleme mit dem Atmen. Mum hat schon oft mit ihm geschimpft, dass er zum Arzt gehen soll, aber er hat nicht auf sie gehört."
"Du kennst ihn doch. Er ist ein sturer Bock."
"Hmmm", hörte er Madi nur noch leise murmeln.
Joe grinste ein wenig, denn das hatte früher schon bei Madison funktioniert. Sobald er gemeinsam mit ihr gekuschelt hatte und sie streichelte, war sie sofort eingeschlafen.
Er deckte sie noch einmal zu, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ging runter in die Küche, wo Mandy schon mit Kaffee und Sandwiches wartete.
"Du bist ein Schatz", sagte Joe und griff beherzt zu, denn seid Leatis Anruf hatte er noch nichts zu sich genommen.
Still aß er vor sich hin und Mandy schüttelte leicht den Kopf. "Du musst Kay verstehen. Es war damals nicht einfach."
Joe hob den Kopf.
"Matt hat mir alles erzählt."
"Ich weiß, dass es nicht einfach für sie war. Und ich bereue, was ich getan habe. Aber ich kann es nicht mehr ändern. Verdammt, ich habe es lange verdrängt, aber als ich sie auf dem Klassentreffen wiedergesehen habe, waren alle diese Dinge wieder da. Seitdem kann ich nicht mehr schlafen."
"Du magst sie noch sehr, oder?"
"Ich habe damit eigentlich nie aufgehört. Wie oft habe ich gewünscht, dass sie bei mir wäre. Aber ich habe mich nie getraut, sie irgendwie aufzusuchen."
"Das Schlechte Gewissen?"
"Ich habe noch immer ihren enttäuschten Blick vor Augen, damals am Strand. Verdammt, was war ich ein Idiot."
"Du warst jung", versuchte Mandy ihn zu beruhigen.
"Aber ich hätte meiner Freundin, meiner besten Freundin glauben müssen."
"Hättest du. Aber es ist passiert. Mach dich nicht fertig, Joe. So und nun iss, bevor ich böse werde. Außerdem spar dir die Wut für deinen Bruder. Glaub mal, der kann was erleben, wenn er wieder fit ist."
"Yes, Mam", antwortete er mit einem leichten Lächeln.
