Call it bittersweet
Kapitel 4
Ultimatum
Hermine hatte keinesfalls vor, Harry oder Draco zu verraten, was sie getan hatte, um die unangenehme Sache mit dem Sex zu regeln. Auch nicht, mit wem sie es getan hatte. Dies war eine Angelegenheit, die nur sie und Snape betraf. Vielleicht konnte sie deshalb nicht aufhören, auf seine Umrisse zu sehen; der Professor war noch nie ihr persönlicher Favorit unter den Lehrkörpern von Hogwarts gewesen. Eine Zeit lang hatte sie, wie alle anderen Mädchen auch, für Professor Lockhart geschwärmt. Nachdem sich der jedoch als total unfähig entpuppt hatte, war diese Spinnerei ebenso plötzlich wieder verflogen, wie sie aufgetaucht war. Snape für seinen Teil war vollkommen anders als er. Sie konnte nicht leugnen, dass er eine hohes Maß an Intelligenz besaß, ob sie ihn nun mochte oder nicht.
Ungläubig beobachtete sie die lang ausgestreckten, viel zu dürr anmutenden Beine des stillen Professors. Seine ungepflegten Strähnen, die bis zu den Schultern von seinem Kopf herabhingen, sprachen für das eher abschreckende Beispiel seiner äußerlichen Erscheinung. Noch dazu kam das flackernde Licht der Kerzen, das unvorteilhafte Schatten auf Snapes zerfurchtes Gesicht warf, was der grotesken Situation, sich in seiner Gegenwart zu befinden, noch die Krone aufzusetzen schien. Umso mehr wunderte sie sich über seine Aussage zu dem etwaigen in die Welt zu setzenden Nachwuchs. Wieso versuchte er nicht einfach, etwas aus sich zu machen? Spielte es denn so gar keine Rolle für ihn, wie er aussah?
Hermine fröstelte ungewollt. Es war ja nicht gerade so, dass sie sich vor ihm und seiner Erscheinung ekelte. Nein. Er hatte weder unangenehm gerochen, noch sonst irgendwie zu erkennen gegeben, dass die Gerüchte über ihn gerechtfertigt gewesen wären. Lediglich seine Haare konnten einen ordentlichen Schnitt vertragen. Im Großen und Ganzen aber war Hermine das egal. Sie hatte wahrhaftig andere Probleme und musste zugeben, dass ihm seine Frisur einen ganz interessanten Charakter verlieh, eine gewisse Verwegenheit, die sie so zuvor noch nicht entdeckt hatte.
Dennoch, wann immer sie die Augen zumachte, sprangen sie wie automatisch wieder auf. Nicht aus Furcht vor ihm, sondern vielmehr aus Scham. Was geschehen war, diente einzig und allein dem Zweck, ihr Überleben zu sichern. Und das von Draco und Snape obendrein.
Widerwillig schüttelte sie sich bei dem bloßen Gedanken an ihren frisch angetrauten Ehemann. Wie konnte das Ministerium ihr derartige Vorschriften darüber machen, wen sie zu heiraten hatte? Sie wollte streng genommen überhaupt nicht heiraten - nicht so jung jedenfalls. Nicht gegen ihren Willen, nicht jemanden, den sie nicht über alle Maßen liebte.
Ziemlich schmerzhaft biss sie sich auf die Lippe. Was, wenn Snape auf dem Wege war, sie zu schwängern? Was, wenn das, was er zu bedenken gegeben hatte, schneller als gedacht wahr werden würde? Wie viel war ihr Leben dann noch wert? Vor allem: konnte sie es verantworten, aus dem Wunsch, nicht sterben zu müssen, ein Kind in die Welt zu setzen? In eine Welt, die so offensichtlich falsch war?
Mit Tränen in den Augen blinzelte sie ein weiteres Mal zu ihm hinüber, doch Snape zeigte keine Regung. Seine Atmung war leise, das Heben und Senken der Knöpfe auf seiner Brust beständig und friedfertig.
Hermine spürte ein eigenartiges Brennen in den Augen. Wenigstens er wirkte, als sei er endlich zur Ruhe gekommen, obwohl sie deutlich gespürt hatte, dass auch er sehr aufgewühlt gewesen war.
"Professor?", fragte sie vorsichtig in die bedrückende Stille hinein, während sie sich nach Halt suchend mit dem Rücken gegen das Kopfende des Bettes stemmte.
Snapes Nasenflügel zitterten kaum merklich. "Was?"
Erschüttert über den kühlen Ton in seiner Stimme zuckte sie zusammen. Der friedliche Schein währte nicht lange. Er war nicht, wie ursprünglich gedacht, am schlafen. Er war mindestens genauso hellwach wie sie selbst.
Hermine schüttelte den Kopf. "Nichts."
Prompt schlug er die Augen auf und sah sie mit zusammengezogenen Brauen an. "Spucken Sie es aus, Granger. Es ist niemand weiter hier."
Sie zog die Nase hoch. Auf keinen Fall wollte sie in seiner Gegenwart weinen, doch das Kribbeln in ihren Augen wurde immer stärker, ebenso wie die nagende Gewissheit ihrer sorgenvollen Gedanken.
Er seufzte. "Sie sollten besser gehen. Das hier ist nicht der richtige Ort für Sie."
Schnell wischte sie sich mit dem Ärmel über die Augen. "Glauben Sie, dass es mir in meinem Turm besser gehen würde? Die ganze Schule weiß, dass ich mit Draco verheiratet wurde. Jeder zerreißt sich das Maul darüber und lacht über mich."
Snape straffte die Mundwinkel. "Das kommt Ihnen nur so vor."
Sie blinzelte. "Das glaube ich nicht."
Laut hörbar einatmend nahm er die Hände hoch und fuhr sich damit durch die Haare. "Ich bin sicher, dass bald niemand mehr davon spricht."
Irritiert starrte sie ihn an. "Wie kommen Sie darauf?"
Seine schwarzen Augen blitzten auf. "Die Welt dreht sich nicht um Sie, Granger. Und auch nicht um Draco."
Hermine senkte den Blick. Wie konnte er das nur so leichtfertig sagen, wo er doch den Schwur abgelegt hatte, um seinen Lieblingsschüler zu schützen?
"Wieso haben Sie sich auf diesen Schwur eingelassen, Sir?", fragte sie interessehalber. Jede noch so kleine Möglichkeit, sich abzulenken, war ihr recht.
"Das ist der Nachteil in meinem Gewerbe, Granger. Manchmal hat man eben keine andere Wahl, wenn man nicht auffliegen will."
Nicht nur die Tatsache, dass er auf ihre Frage eingegangen war, sondern auch die Antwort an sich überraschte sie.
"Dann ging es alleine darum?"
Er zuckte belanglos mit den Schultern. Seine Augen aber ruhten weiterhin auf ihren.
"Überwiegend."
"Und? Ist Ihnen dabei nicht durch den Kopf geschossen, dass es dadurch noch schlimmer werden könnte? Ich meine, dass Sie von ihm abhängig sein würden."
Snape legte den Kopf schief. "Sie meinen, ob ich mir darüber im Klaren war, dass ich mein armseliges Leben in seine Hände legen würde? Natürlich war mir das bewusst, Granger. Aber, wie gesagt, gehört das mit dazu, wenn man in meiner Position steckt."
Zum ersten Mal erfasste Hermine der Gedanke, dass auch er mit Problemen zu kämpfen hatte, die ihn an seine Grenzen brachten. Dinge, deren Tragweite weder Harry noch Dumbledore so richtig erfassen konnten. Nur Snape alleine hatte sie auf sich geladen, ebenso wie sie ihre, als sie sich dazu entschieden hatte, einfach nur leben zu wollen.
Es wurde still, aber noch immer sahen sie sich an. Und auch dann, wenn er es vielleicht nicht so beabsichtigte, sorgte sein eindringliches Starren dafür, dass sie sich ganz nackt vorkam. Doch einfach vor ihm davonzulaufen war keine Lösung. Ihre Probleme ließen sich nicht verdrängen. Und wo sollte sie schon hin? Wenn überhaupt, gehörte sie hier her, zu jemandem, der ihr Halt und Stärke gab. Zu jemandem, der seinen Problemen nicht aus dem Weg ging, wie Draco es tat. Sie brauchte jemand, der sich ihnen stellte und der wenigstens so tat, als würde er sie verstehen.
"Danke, Sir", sagte sie leise. "Für Ihre Aufrichtigkeit."
"Danken Sie mir nicht, Granger. Ich habe es nicht für Sie getan."
"Das - das weiß ich."
"Gut."
Sie überlegte. Genau genommen war nichts gut. Es gab noch jede Menge zu klären, eine bedrückende Vielfalt an Fragen zu besprechen. Wieso sollte sie also nicht gleich damit anfangen, wo sie doch alle beide nicht zur Ruhe kommen konnten?
„Sir?"
„Ich bin immer noch hier, Granger. Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, nur zu. Eher lassen Sie ja ohnehin nicht locker."
Verbissen senkte sie den Blick auf seine Brust.
„Ich bin bestimmt nicht wild darauf, das zur Sprache zu bringen, aber Sie sollten wissen, dass ... ähm, dass wir ..."
Seine Brauen rutschten in die Höhe. "Ja?"
"Dass wir das erneut tun müssen."
Er zuckte wie geohrfeigt zusammen. "Und?", fragte er mit brüchiger Stimme nach. „Wollen Sie sich etwa erneut mit mir vereinigen?"
Hermine lugte mit knallrotem Kopf zu ihm hinüber. "Natürlich nicht jetzt. Aber in spätestens drei Tagen muss es passiert sein."
Es wurde still. Und sie hasste es, wenn er sie voller Erwartung und Entsetzten zugleich ansah, ohne ein Wort von sich zu geben.
"Haben Sie mir zugehört, Professor?"
Er nickte kaum merklich und rutschte dabei unruhig auf seinem Sessel umher.
"Gut. Sind Sie ... Ähm, wann haben Sie Zeit?"
"Auf keinen Fall besprechen wir das jetzt, Granger."
"Schön, dann eben morgen. Wenn ich jedoch innerhalb des festgesetzten Zeitraums nicht erneut mit Ihnen schlafe, wird das Ministerium hier antanzen und Draco und mich nach Askaban bringen, weil wir den Wünschen zur Erhaltung der magischen Gesellschaft nicht nachgekommen sind. Dort werden sie uns in die Mangel nehmen und schnell dahinterkommen, dass alles nur ein Schwindel war. Ehrlich gesagt möchte ich dann nicht in Ihrer Haut stecken … Wobei das jetzt kaum noch einen Unterschied machen dürfte ..."
Snape starrte sie ungläubig an und Hermine verstummte. Sie wollte am liebsten an Ort und Stelle in einem Loch im Erdboden versinken.
"Wie oft, sagten Sie, sollen wir das tun?", äußerte er in einem leidigen Tonfall, der keine Zweifel daran ließ, dass er hoffte, sich verhört zu haben.
"Spätestens alle drei Tage."
„Das ist nicht möglich!", krächzte er unbeholfen. „Davon, dass Sie fortan ständig hier antanzen werden, war nie die Rede!"
"Ständig? Ich habe nach bestem Willen versucht, es Ihnen so leicht wie möglich zu machen. Tun Sie jetzt bloß nicht so, als hätten Sie gedacht, es würde bei einem Mal bleiben, schließlich haben Sie mit dieser Sache vom Kinderkriegen angefangen, Professor."
„Halten Sie den Mund!", antwortete er eisig. „Am besten, Sie versuchen es weiter und gehen mir aus dem Weg!"
Hermine reckte den Oberkörper empor und stemmte die Hände in die Hüften. "Wollen Sie am Ende etwa kneifen?"
"Vielleicht."
"Das glaube ich jetzt nicht!"
"Glauben Sie, was Sie wollen. Verzeihen Sie diese Ausdrucksweise, Granger, aber es ist mir scheißegal, was in Zukunft mit Ihnen passiert. Ich bin nicht Ihr verdammter Lustsklave."
"Das ... Das hat damit auch gar nichts zu tun", stammelte sie den Tränen nahe. "Es geht lediglich darum, dass mir eine Spur auferlegt wurde, die dem Ministerium mitteilt, wann ich Sex hatte."
"Eine Spur?", hakte er nach, wobei er wirkte, als würden ihm jeden Moment die Augen aus dem Kopf fallen.
"Ja. Genau so eine wie die, die man auf sich hat, bis man erwachsen ist."
Hermine wollte nicht weiter darüber reden. Als sie aber keine andere Wahl sah, ihn zu überzeugen, kam sie nicht umhin, mit der Klein-Mädchen-Masche aufzuwarten. Peinlich berührt ließ sie ihren Tränen freien Lauf.
"Lügen Sie mich nicht an!", bellte er ungerührt. "Sie haben mir bewusst vorenthalten, dass wir uns alle drei Tage vereinigen sollen, weil Sie wussten, dass ich niemals darauf eingehen würde, zu Ihrer freien Verfügung zu stehen. Das ist ungeheuerlich, Granger!"
Untertänig blinzelte sie ihn an. Er hatte eindeutig recht mit seiner Vermutung, auch dann, wenn sie es nur getan hatte, weil sie keine Ahnung gehabt hatte, wie sie ihm das beibringen sollte.
"Woher wissen Sie das?"
Snape schnaubte außer sich vor Wut. "Sie haben mich benutzt, Granger!"
"Nur ein wenig", gestand sie leise.
„Ein wenig?", bellte er zurück. „Sind Sie noch bei Trost?"
Schnell räusperte sie sich. "Sir, ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich tun soll. Wenn Sie eine andere Lösung gehabt hätten, hätte ich sie akzeptiert, das können Sie mir glauben. Aber die hatten Sie nicht, obwohl Sie die ganze Zeit über darin eingeweiht waren, dass Draco … dass er nicht kann."
"Und worauf wollen Sie diesmal hinaus?", fragte er spöttisch. "Erwarten Sie etwa von mir, dass ich jederzeit zur Stelle bin, wenn Ihnen nach körperlicher Befriedigung ist?"
Entrüstet fiel ihr die Kinnlade runter. "Davon kann wohl kaum die Rede sein! Denken Sie, es hätte mir Vergnügen bereitet, das zu tun, Professor? Ausgerechnet mit Ihnen?"
Snape setzte ein süffisantes Grinsen auf. "Ich weiß nicht, Granger, sonst hätten Sie es wohl kaum gewagt, damit ein weiteres Mal ausgerechnet zu mir zu kommen."
"Das ist ja wohl der Gipfel der Unverschämtheiten! Nehmen Sie das auf der Stelle zurück!"
"Das würde ich ja gern, aber ich sehe beim besten Willen nicht, wie ich das anstellen soll."
Zutiefst getroffen schlang sie die Arme um den Leib. "Dann war also alles umsonst? Sie haben vorhin mit mir geschlafen. Warum machen Sie jetzt diesen Aufstand, wo Sie wissen, dass Sie es ein weiteres Mal tun sollen?"
„Weil es vermutlich nicht bei einem weiteren Mal bleiben wird, wenn Sie vorhaben, länger als drei Tage überleben zu wollen. Und weil meine moralischen Grundprinzipien das nicht zulassen, Miss Granger." Er seufzte tief und theatralisch. „Ob Sie es glauben oder nicht, ich fühle mich schäbig deswegen."
"Pah! Denken Sie, mir geht es anders? Ich konnte Sie nie sonderlich leiden aufgrund dessen, was Sie Harry und mir angetan haben, also hören Sie auf, mir mit moralischen Prinzipien zu kommen!"
"Ich weiß nicht, wovon Sie reden", gab er steif zurück.
"Davon, dass Sie uns jahrelang zu Ihrem persönlichen Vergnügen gedemütigt haben. Ihr Unterricht war der reinste Horror! Außerdem sind Sie ein Todesser, was die Sache mit der Moral nicht gerade glaubwürdig erscheinen lässt."
"Ich habe nicht vor Ihnen verheimlicht, dass ich das bin."
"Und trotzdem passt es nicht zusammen."
„Das mag ja sein. Dennoch stehen wir vor einem gravierenden Problem, Miss Granger."
„Schön, dass Sie das so sehen. Einen Moment lang hatte ich schon Angst, Sie könnten es entgegen Ihrer Prognosen genossen haben."
Snape starrte sie mit offenem Mund an. Dann klappte er ihn wortlos wieder zu und wandte den Blick ab.
„Vielleicht sollten Sie sich überlegen, wie viel Ihnen wirklich an Ihrem Leben liegt, Granger, denn wenn Sie so weitermachen, können Sie sicher sein, dass Ihre Tage gezählt sind. Solange Sie jedoch auf meine Wenigkeit angewiesen sind, schlage ich vor, Sie überlegen sich Ihre Worte gut und sprechen in einem anderen Ton mit mir."
Hermine schluckte. Dann gingen – auf ein mürrisches „Nox" gefolgt - die Kerzen aus, woraufhin sie wie verloren in die Dunkelheit starrte.
