Call it bittersweet
Kapitel 6
Rip me to pieces
"Was ist das eigentlich für ein Zeug, das du da zusammenbraust? Das riecht ziemlich gut für einen Zaubertrank."
"Vorsicht, Harry", sagte Hermine warnend. "Komm dem Kessel nicht zu nahe!"
"Ist ja schon gut ..."
Sie seufzte und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. "Das ist ein Liebestrank, also sei besser vorsichtig damit."
Fragend rümpfte er die Nase. "Und wozu brauchst du den?"
"Das solltest du eigentlich wissen, schließlich hast du es geschafft, in Zaubertränke die besten Noten seit Jahrzehnten einzusacken."
In unschuldiger Manier zuckte er mit den Schultern. "Das ist kein Kunststück bei Slughorn. Bei Snape hingegen ... Na ja, du weißt ja selbst, wie der Unterricht bei ihm war."
Hermine nickte halbherzig, ohne näher darauf einzugehen. Und wie sie das wusste!
Harry lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand des vereinsamten Mädchenklos und warf ihr einen verunsicherten Blick zu. "Weißt du", begann er vorsichtig, "ich mach mir wirklich Sorgen um dich. Seitdem du mit Draco verheiratet wurdest, ziehst du dich zurück, Hermine."
Sie schnaubte. "War es jemals anders, Harry?"
Er versuchte zu lächeln, was keinesfalls glückte. "Du weißt, was ich meine. Die Zeiten, in denen du dich auf dem Klo einsperren musstest, sind vorbei. Du hast mich und Ron. Wenn du also über was reden willst, nur zu."
Betreten ließ sie den Rührstab sinken. „Das ist wirklich nett von dir, Harry, aber nein. Ich kann nicht darüber reden. Glaub mir, das würdest nicht mal du verstehen."
Er runzelte die Stirn. „Dann muss es ja richtig brenzlig sein, wenn du mir nichts verraten willst."
Hermine nickte. „Da kannst du dich drauf verlassen."
Ohne weiter auf Harrys fragende Blicke zu achten, nahm sie eine kleine Glasphiole und füllte sie mit dem Trank. Dann verkorkte sie die Phiole und hielt sie prüfend gegen das Licht, als wäre darin die Lösung ihrer Probleme.
"Ich glaube ja nicht, dass du damit was bei Draco bewirken kannst, Hermine", bemerkte Harry kritisch.
Sie senkte den Blick. Vor ihr auf dem Boden stand der Kessel, dem sie sich in den letzten Stunden so aufopferungsvoll gewidmet hatte. Doch plötzlich schien ihr zu dämmern, dass es absolut irrsinnig war, zu glauben, sie könnte damit Snape überzeugen, ihr zu helfen. Was hatte es ihr bisher gebracht? Nicht besonders viel, außer vielleicht Kummer, Einsamkeit und Schmerz. Und natürlich eine gehörige Portion Demütigung.
Von einer unsagbaren Wut ergriffen schleuderte sie die Phiole plötzlich gegen die Wand. Dann trat sie mit dem Fuß gegen den Kessel, sodass sich der gesamte Inhalt der Brühe über den Boden ergoss.
Harry duckte sich instinktiv. "Wow, Mione! Hab ich was Falsches gesagt?"
Sie zog die Nase hoch und schüttelte den Kopf. Die Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben, die mühsame Arbeit an dem Trank war umsonst gewesen. Einmal abgesehen davon, dass Snape nicht so einfältig wäre, auf einen billigen Trick hereinzufallen, wusste sie überhaupt nicht, wie sie es schaffen sollte, ihm das Zeug unterzujubeln.
"Nein, Harry. Du hast absolut recht. Das wird mir nicht helfen."
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"Sir?"
Hermine öffnete vorsichtig die Tür zu Snapes Büro und trat ein. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, nachdenklich aus dem Fenster starrend, fand sie ihren Professor darin vor.
"Granger."
Er drehte sich um und sah sie mit einem emotionslosen Ausdruck auf dem Gesicht an.
"Sie haben meine Nachricht erhalten", stellte er leise fest.
Hermine nickte. Nur mit Mühe konnte sie seinem Blick standhalten.
Nach einer unangenehmen Pause räusperte er sich und trat langsam auf sie zu. Hermine schluckte. Sie wusste weder, was sie zu erwarten hatte, noch, was sie von seinem Gehabe halten oder gar selbst tun sollte. Und so wartete sie einfach mit klopfendem Herzen ab, was geschehen würde. Seit sie seine Nachricht gelesen hatte, hatte sie hin- und hergerissen überlegt, ob sie sich nicht doch besser für die Dementoren entscheiden sollte, anstatt sich ein weiteres Mal mit ihm in den Kerkern zu treffen. Doch nun war sie hier.
Snape stand jetzt unmittelbar vor ihr und sah auf sie hinab, während sie unsicher und verängstigt zu ihm aufblickte. Seine hohe, dunkle Gestalt war schon an sich eigenartig, was vielleicht mit dem speziellen Ruf zusammenhing, den er an der Schule innehatte. Noch dazu schien sich - wie zum Hohn - jedes Detail seines zerfurchten Gesichts in ihr Gedächtnis brennen zu wollen, ebenso wie sein herber Geruch, den sie mit nichts anderem als dem eines reiferen Mannes zu vergleichen wusste. Am schlimmsten aber war die nur schwer zu verdrängende Tatsache, dass er ihr Lehrer war, womit sie genau genommen nichts in seiner unmittelbaren Nähe verloren hatte.
Sie fröstelte. Wenn das so weiterging, würden ihre Knie einknicken, da war sie sich ganz sicher.
„Was – was werden wir jetzt tun?", fragte sie unbeholfen, nachdem sie entschieden hatte, dass es sinnlos war, noch länger darauf zu warten, dass er den Anfang machte; er hatte sich nicht weiter gerührt.
„Das hängt ganz davon ab, wie Sie sich entschieden haben."
Sie lächelte gequält. „Ich bin hier, also sollten wir anfangen ..."
Nach Worten suchend verstummte sie. Wie sollte sie ihm beibringen, dass sie immer noch keine Ahnung hatte, was er von ihr erwartete?
Snape sah sie eine ganze Weile an. Langsam streckte er dann seine Hand nach ihr aus und umfing damit ihr Gesicht.
Hermine hielt den Atem an. Die Berührung kam so unerwartet, dass sie überhaupt nicht wusste, was sie tun sollte. Angespannt schloss sie für einen Moment die Augen, um sich zu sammeln. Dann harrte sie reglos dem aus, was kommen würde.
Seine Finger fühlten sich rau an auf ihrer Haut. Und auch etwas kühl. Kaum merklich strich er mit dem Daumen über ihre Wange. Sie erstarrte regelrecht. Was ging hier vor? Was dachte er sich dabei, das zu tun? Was sollte sie davon halten?
"Sie können nicht von mir erwarten, dass ich das alleine tue, Miss Granger", sagte er in einem sanftem Raspeln.
Hermine schlug umgehend die Augen auf und sah ihn an. Seine Stimme so zu hören, war ungewöhnlich.
"Was muss ich tun?"
Langsam öffnete er den Mund. "Was immer Sie möchten."
Gefangen zwischen Weinen und Lachen, schließlich hatte er beim letzten Mal vollkommen anders auf die Nähe zu ihr reagiert, hob sie ihre Hand und legte sie in seinen Nacken. Seine Atmung ging unwillkürlich schneller, als würde er jedem Moment vor ihr zurückschrecken. Doch er tat es nicht.
Als Hermine dann sicher war, dass er sich dazu zwang, stillzuhalten, wagte sie es, einen Schritt weiter zu gehen. Wenn sie das durchziehen wollte, dann jetzt. Doch ebenso gut war ihr klar, dass es diesmal nicht auf dieselbe Weise wie beim letzten Mal geschehen sollte. Wenigstens etwas wollte sie spüren, wenigstens etwas mitnehmen, das mehr als unangenehme Gefühle beinhaltete. Und wenn es Snape war, der damit in Verbindung stand, dann musste es eben so sein.
In dem Bewusstsein, dass er sie keine Sekunde aus den Augen ließ, ertastete sie sichtlich nervös mit den Fingern die Spitzen seiner Strähnen. Das Gefühl war befremdlich, als er aber nichts weiter dagegen einwendete, fuhr sie fort, ihn eingehender zu betrachten. Alleine das versetzte ihr einen Schauder. Doch ihn zu berühren, so verboten es auch war, ließ irgendetwas mit ihr passieren, das sie sich nicht erklären konnte. Eine Barriere tat sich auf, hinter der ein übermächtiger Gegner auf sie lauerte: Neugierde.
Der Gedanke erschreckte Hermine. Aus den Augenwinkeln konnte sie erkennen, dass er hart schluckte. Ein weiterer Schauder erfasste sie und so blickte sie ihm ratlos in die Augen.
"Sagen Sie mir, was ich tun soll, Professor."
Snape atmete hörbar aus, entgegnete aber nichts darauf.
"Soll ich aufhören?"
Er blinzelte und wirkte mindestens genauso beunruhigt wie sie. "Wollen Sie wirklich eine Antwort darauf, Granger?"
Verbissen schüttelte Hermine den Kopf. Es war offensichtlich, was er von der ganzen Aktion hielt. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er sie auf dem schnellsten Weg in ihren Turm zurück befördert. So jedoch blieb ihnen beiden kaum eine andere Wahl, als den neuen Plan, sich miteinander vertraut zu machen, in die Tat umzusetzen. Am besten Stück für Stück.
"Sie könnten mir ruhig etwas entgegenkommen", bemerkte sie vorsichtig. "Wenn Sie so steif dastehen, ist das nicht sonderlich ermutigend."
Er kniff die Brauen zusammen. "Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun, Granger?"
Ahnungslos zuckte sie mit den Schultern. "Keine Ahnung. Sie sind doch hier der mit der Erfahrung, nicht wahr?"
Ein sarkastisches Schnauben entfuhr ihm. "Erwarten Sie nicht von mir, dass ich darauf eingehe."
"Das werde ich nicht. Ich wollte lediglich … Das, was wir hier tun, ist nicht richtig, Professor. Sie selbst haben mir das zu verstehen gegeben."
Snape nahm die Hand hoch und legte ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen. "Vergessen Sie das, ja? Damit wäre uns beiden geholfen - in Anbetracht der Umstände natürlich."
Sie nickte klamm. Vermutlich hatte er recht. Das Thema, dass er immer noch ihr Professor und sie seine Schülerin war, sollten sie nach Möglichkeit nicht weiter vertiefen.
"In Ordnung."
Nachdenklich senkte er den Blick, sodass ihm etliche seiner schwarzen Strähnen vor die Augen fielen. Seine dünnen Lippen vibrierten. "Sollen wir nach nebenan gehen?"
Hermines Herz setzte einen Schlag aus. Warum war bis jetzt keiner von ihnen darauf gekommen? Hatte auch er diese unangenehme Tatsache bis zuletzt verdrängt? Wieder einmal nickte sie. Verunsichert und abwartend.
Snape machte einen Schritt zurück. Dann streckte er den Arm nach ihr aus und hielt ihr die Hand entgegen. Wie gebannt starrte Hermine ihn an, ohne sich vom Fleck zu rühren. Sollte sie tatsächlich hier weitermachen? Würde die Anspannung in seinem Schlafzimmer von ihnen abfallen? Wohl kaum. Dennoch griff sie zu, wenn auch zögerlich.
Sie spürte, wie er seine Finger um ihre Hand legte und registrierte, dass er nicht mehr ganz so kühl war wie zuvor, als er ihr Gesicht berührt hatte. Eine eigenartige, fast schon von Angstschweiß begleitete Wärme ging von seiner Berührung aus, nicht unähnlich der ihren. Die Anspannung zwischen ihnen war somit nach wie vor gewaltig; wortlos standen sie da und wagten kaum, sich in die Augen zu sehen.
Snape holte Luft. "Erneut muss ich Sie fragen, ob Sie ..."
Entschieden schüttelte sie den Kopf. "Ich bin kein Feigling, Professor. Hören Sie also bitte auf, mich wie ein rohes Ei zu behandeln."
Er wippte abwesend mit dem Kopf. "Das ist wohl kaum der Fall."
„Gut", sagte sie mit all ihrem Mut. „Lassen Sie uns gehen."
Auffordernd drückte sie seine Hand. Snape warf ihr von der Seite her einen letzten, eher abschätzig wirkenden Blick zu, dann setzte er sich in Bewegung und führte sie durch die Tür nach nebenan.
