Call it bittersweet

Kapitel 8

Destructive conflict

Der Anblick von Snape in einem weißen Hemd versetzte Hermine fast in einen Schockzustand. Es war so gut wie unmöglich, nicht auf seine sich darunter abzeichnende Form zu sehen. Sie selbst trug obenrum nur noch ihren BH, doch der Professor hatte zwischenzeitlich seine Augen nicht eine Sekunde von den ihren genommen. Mit fast bewundernswerter Standhaftigkeit vermied er es, sie eingehender zu betrachten. Vielleicht war es aber auch einfach Furcht, die ihn davon abhielt, sie anzusehen, ganz so, wie Hermine gedacht hatte.

Noch nie hatte sie ihren Professor in etwas anderem als seinen schwarzen Sachen gesehen. Verstohlen lugte sie zu ihm hinauf und erblickte eine schiefe Grimasse, die ihr entgegen grinste.

"Sind Sie immer noch der Meinung, dass Sie das wollen?", fragte er zynisch.

Hermine nickte. "Ich habe keine Angst vor Ihnen."

Ein belustigtes Schnauben entfuhr ihm. "Selbst wenn das die Wahrheit wäre, wäre es töricht, so zu denken."

"Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun? Ich muss mich den Gegebenheiten stellen."

Er nickte knapp. Dann widmete er sich mit flinken Fingern zielgerichtet dem Tuch an seinem Hals und den Knöpfen des Hemds. Zuerst waren die Ärmel dran, dann folgte sein Oberkörper.

Hermine schauderte unbewusst. Bereits jetzt konnte sie hin und wieder einen Blick auf seine fahle Haut erhaschen. Und es dauerte nicht lange, da schob er den dünnen Stoff von seinen Schultern und ließ das Hemd auf das Bett gleiten.

"Was sagen Sie jetzt?"

Irgendwann im Laufe des Prozesses hatte sie den Atem angehalten und ihre Lippe zwischen die Zähne geklemmt. Mit wässrigen Augen starrte sie auf seine flache, unbehaarte Brust, deren Haut in unregelmäßigen Abständen mit Narben und Blutergüssen überzogen war. Vorsichtig blinzelte sie zu ihm hinauf - alles war besser als dieser Anblick. Doch wie war es dazu gekommen, dass er so aussah? War es Voldemort, der dahinterstecke? Urplötzlich schämte sie sich zutiefst für das, was sie zuvor gesagt hatte. Genau genommen wusste sie nicht einmal, wie sie ihm jetzt noch in die Augen sehen sollte.

"Es tut mir leid, was ich gesagt habe", erklärte sie mit bebenden Lippen. Snape für seinen Teil sah sie abschätzig an, ohne etwas darauf zu erwidern. "Sie sind kein Feigling. Und Sie hatten recht - ich kenne Sie nicht."

Er schluckte. Offenbar hatte auch er trotz seines überzogenen Gehabes alle Mühe, die Fassung zu wahren.

"Unter anderen Umständen würde ich das wohl kaum als Entschuldigung akzeptieren, Granger. In Ihrem besonderen Fall aber mache ich eine Ausnahme."

Sie nickte klamm. "Danke, Sir."

Seufzend wendete er den Blick ab. In Hermine aber überschlug sich alles. Einerseits wäre sie am liebsten aufgesprungen und davon gelaufen, da er aber immer noch auf ihr saß, war das kaum möglich. Jedenfalls wusste sie, dass es an ihr war, etwas zu tun. Und so entschied sie sich für das Ungewöhnlichste, was ihr in den Sinn kam: sie nahm ihre Hand und legte sie auf seine Wange.

Snape zuckte zusammen und starrte sie mit verstörtem Blick an. Hermine aber ließ nicht locker. Sie strich mit ihrem Daumen über seine raue Haut. Sein Atem ging schneller. Er kniff die Augen zu engen, fast schon bedrohlichen Schlitzen zusammen. Doch es war ihr gleich. Innerlich vollkommen zerrissen sammelte Hermine all ihren Mut und fuhr mit ihren Fingern seinen Hals entlang, hinab zu seiner Brust. Auf seinem Körper tauchte eine Gänsehaut auf. Doch abgesehen von der pulsierenden Vene an seinem Hals und seinem wild schlagenden Herzen hielt er vollkommen still.

Vorsichtig ließ sie ihre Hand über seine Brust gleiten und spürte seine kühle Haut unter ihren Fingerspitzen. An einer Stelle unterhalb seines Schlüsselbeins hielt sie inne.

"Was haben Sie Dumbledore versprochen, dass er Sie das tun lässt?"

Langsam öffnete er den Mund. "Wie kommen Sie darauf, dass dem so ist?"

Hermine räusperte sich. Dass er so reagieren würde, überraschte sie kaum.

„Diese Narbe hier stammt von einem Cruciatus, Professor. Jemand hat also einen gezielten Fluch auf sie abgefeuert, der hier an dieser Stelle auf Ihren Körper geprallt ist. Harry hat bereits Erfahrungen mit dem Cruciatus gemacht. Aber das hier ist etwas anderes. Äußerlich wirkt die Narbe beinahe, als hätten Sie einen bedrohlich gefährlichen Stromschlag abbekommen, woraus ich schließe, dass der Fluch weitaus mehr als nur einige Sekunden angedauert hat."

Er schluckte und Hermine konnte spüren, dass ihn ihre direkte Art verunsicherte.

"Das geht Sie nichts an, Granger" , entgegnete er kühl.

"Das dachte ich mir. Und trotzdem möchte ich es wissen. Ich will es verstehen."

Seine schwarzen Augen blitzten auf. "Dann muss ich Sie dringend bitten, davon Abstand zu nehmen."

Hermine schüttelte entschieden den Kopf. "Sie können ganz schön stur sein, wissen Sie das?"

Snape zog eine seiner Brauen in die Höhe. "Ich wüsste nicht, was das, was ich außerhalb dieser Räumlichkeiten tue, mit unserer Abmachung zu tun hat."

"Für Sie mag das in diesem Punkt stimmen, wobei mir durchaus bewusst ist, dass Sie ebenso wie ich dazu tendieren, sich Wissen anzueignen."

Snape beugte sich ein Stück zu ihr hinab, sodass er mit seinem Gesicht ganz nahe an ihrem war. Einige seiner Strähnen berührten sanft ihre Wangen. "Dann sollten Sie in diesem Fall darauf verzichten, die Gegebenheiten zu hinterfragen."

Hermine seufzte. "Wie Sie meinen."

Mit bebenden Nasenflügeln richtete er seinen Oberkörper wieder auf. "Sind Sie dann fertig?"

Sie stockte und sah ihn unbeholfen an.

"Können wir weitermachen, Granger? Oder wollen Sie noch mehr herausfinden, das Sie nichts angeht?"

Schnell biss sie sich auf die Lippe. "Das möchte ich tatsächlich, Professor. Aber wenn Sie nicht dazu in Stimmung sind, dürfte das wohl kaum zu etwas führen."

„Ganz recht. Ich bin nicht in Stimmung."

Hermine lächelte verhalten. "Wie Sie wollen. Von mir aus können Sie weitermachen."

Mit einem Mal war er es, der ins Stocken geriet.

"Wissen Sie, ich glaube nicht, dass wir auf diese Art besonders große Fortschritte erzielen werden ..."

Er verzog bitter die Mundwinkel. "Dann machen Sie einen Vorschlag, Granger. Einen einzigen, vernünftigen Vorschlag!"

So plötzlich wie ihr Lächeln aufgetaucht war, verschwand es wieder. Der Ausdruck auf seinem Gesicht hatte etwas Befremdliches an sich, das ihr ganz und gar nicht geheuer war.

„Kommen Sie! Ich warte."

Ahnungslos schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, Professor."

„Da haben wir es! Genau genommen haben Sie das Recht, mich so zu betiteln verspielt, Granger."

„Das ist nicht wahr! Ich habe nur getan, was ich tun musste! Ich wusste nicht weiter. Ich – ich war mit meinem Latein am Ende, als ich zu Ihnen kam, um Sie um Hilfe zu bitten."

„Tatsächlich?", fragte er süßlich. „Was erwarten Sie dann von mir? Soll ich Ihnen vielleicht die Kleider vom Leib reißen und Sie bis zur Besinnungslosigkeit ficken? Oder haben Sie es lieber, wenn ich Sie zur Begrüßung stürmisch in die Arme nehme, bevor ich Sie in meinem Klassenzimmer flachlege? Nein? Gut. Was halten Sie dann von zärtlichen Küssen? Mit mir, Ihrem Professor?"

Hermine rang nach Worten, während er sich angestrengt mit den Händen durch die langen Strähnen fuhr. Schon mehrmals hatte sie sich gefragt, wann er endlich Klartext reden würde. Jetzt, wo es soweit war, wusste sie nicht, wie sie darauf reagieren sollte.

"Ich denke sehr wohl, dass nichts davon Ihren Vorstellungen von einem Aufeinandertreffen mit mir entspricht", sagte er angestrengt. „Vergeben Sie mir meine Zurückhaltung. Ich habe mich lediglich bemüht, Ihnen keine Vorwürfe zu machen. Doch da Sie so überaus eifrig bei der Sache sind, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um damit aufzuhören. Sie sind zu jung, um das zu begreifen, was Sie mir antun, Granger. Verstehen Sie mich?" Sein harscher Ton ließ keine Zweifel daran, wie schwer es für ihn war, ihr diese Erklärung abzugeben. „Ich bin um einiges Älter als Sie. Und obendrein bin ich Ihr Lehrer. Außerdem spioniere ich, wie Sie wissen, für Dumbledore. Das bedeutet, dass ich jeden Tag Gefahr laufe, aufzufliegen, sollte mein Kopf auch nur einmal nicht klar sein. Machen Sie sich bloß keine Illusionen, Granger. Worum Sie mich gebeten haben, belastet mich weitaus mehr, als Sie sich vorstellen können. Beten Sie also, dass ich am Leben bleibe, solange ich von Nutzen für Sie bin, denn der Dunkle Lord würde nicht zögern, mich dafür zu töten, wenn er auch nur etwas wittern würde, was seine Pläne durchkreuzt, was durch Ihr Eingreifen offensichtlich geschehen ist. Unter diesen Umständen können Sie also nicht von mir erwarten, dass ich den hingebungsvollen Verführer spiele, ebenso wenig, wie ich es von Ihnen erwarten kann."

„Aber Sie sagten doch ..."

„Ich weiß, was ich gesagt habe", zischte er sie an. „Aber das geschah alleine zu Ihrem Schutz, um die Sache für Sie angenehmer zu gestalten."

„Wenn das so ist, hätten Sie mir das nicht anbieten sollen", antwortete sie zur Gänze getroffen.

Snape holte tief Luft. Dann sah er sie eindringlich an. „Vielleicht ist das so, Granger. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, was das betrifft. Sie müssen verstehen, dass ich ebenso hilflos bin wie Sie. Meine Position verbietet es mir, Ihnen näher zu kommen. Trotzdem habe ich unüberwindbare Hürden zwischen uns überschritten. Was Sie hier von mir verlangen grenzt an eine nicht zu beschönigende Abartigkeit. Hören Sie also auf, derartige Forderungen zu stellen, denen ich nur schwer nachkommen kann und möchte."

„Dann denken Sie nicht daran und tun Sie ihre Pflicht", warf sie unbedacht ein.

Snape klappte die Kinnlade runter. „Meine Pflicht? Miss Granger, meine Pflicht wäre es gewesen, Sie davor zu bewahren. Da ich aber nicht den Einfluss besitze, das Ministerium umzustimmen, ohne meine Tarnung zu gefährden, gab es keine Möglichkeit, zu interferieren. Nicht einmal Albus Dumbledore war in der Lage, etwas für Sie zu tun."

„Wollen Sie mir damit sagen, er hat alles versucht, mich davor zu bewahren, Dracos Frau zu werden? Wirklich alles?"

Eine kleine Pause trat ein, ehe er darauf antwortete. „Jeder von uns hat seine Opfer zu erbringen. Ich erwarte nicht, dass Sie das heute verstehen. Glauben Sie mir, Ihre Jugend mag Ihnen vieles verzeihen. Ebenso wie Ihre Unerfahrenheit. Für mich ist es dafür zu spät. Belassen wir es dabei, in Ordnung?"

Hermine schluckte schwer über die geradezu erschreckende Abgeschlagenheit in seiner Stimme. "Sie sind also bereit, über meine Fehler hinwegzusehen, weil ich noch jung und unerfahren bin? Ist es das?"

"Unter anderem."

"Aber das ist nicht das, was ich darüber denke. Ich weiß, dass es falsch ist, was wir tun! Genau deshalb kann ich Ihre Konflikte verstehen. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir nicht darauf aufbauen können."

"Hören Sie endlich auf, sich etwas vorzumachen! Ich habe gesehen, wie Sie mich angegafft haben!"

Hermine starrte ihn mit großen Augen an. Erst jetzt schien ihr zu dämmern, worauf er eigentlich hinaus wollte. Beschämt über ihr naives Verhalten von zuvor biss sie sich auf die Lippe.

„Aber das wollte ich nicht", beteuerte sie kläglich. „Meine Reaktion hatte auch gar nichts mit Ihrem Alter zu tun … Professor, bitte, Sie müssen mir glauben! Ich war einfach nur überrascht. Denken Sie nicht, dass das in unserem Fall gerechtfertigt ist? Ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwarten würde, wenn ich Sie unbekleidet sehe. Ich hatte lediglich ..."

"Was? Mitleid? Das können Sie sich sparen! Ich weiß selbst, dass ich nicht Ihren Vorstellungen von jemandem entspreche, mit dem man das Bett teilen möchte. Aber genau das ist es, worum es hier geht, Granger. Nicht mehr und nicht weniger."

Es wurde still und Hermine senkte den Blick zurück auf seine sich vor Anspannung schnell hebende und senkende Brust. Nach all den mit seinem Ausbruch in Verbindung stehenden gefallenen Worten und verletzten Gefühlen war es absurd, sich weiter damit auseinanderzusetzen. Immerhin ging es um Snape. Hermine brauchte nur seinen Körper, um ihr Überleben zu sichern, genau wie er es gesagt hatte. Nicht mehr, nicht weniger. Vor allem nicht ihn selbst.