Call it bittersweet
Kapitel 12
Soulmate
Zurück im Schlafzimmer fand sie ihn in seiner schwarzen Hose mit unter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Bett liegend vor. Seine Augen waren starr an die Zimmerdecke gerichtet.
Hermine seufzte und kam auf ihn zu. Zögerlich setzte sie sich neben ihn an den Bettrand. "Ich denke, wir sollten reden, Professor."
"Das denke ich nicht", erwiderte er mit rauer Stimme. Seine Laune war offenbar im Keller angelangt.
"Doch, das sollten wir."
Er drehte den Kopf in ihre Richtung und sah sie emotionslos an. "Wozu?"
"Weil ich jede Menge Fragen an Sie habe. Es gibt so viel, das ich nicht über Sie weiß."
"Zehn Punkte für Gryffindor", zischte er mit einem süffisanten Grinsen auf den dünnen Lippen hervor.
Hermine rollte mit den Augen. "Könnten Sie das bitte lassen?"
Er zog eine seiner Brauen in die Höhe. "Was tue ich denn?"
"Das wissen Sie genau. Sie machen sich über mich und unsere Situation lustig. Aber ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist, um damit fertig zu werden."
"Jeder verarbeitet Erlebnisse auf seine Art."
"Das ist richtig. Deshalb wollte ich gerne mit Ihnen reden. Ich habe nachgedacht, Professor."
Er schnaubte. "Und worüber, Miss Granger, haben Sie nachgedacht?"
"Über Sie. Zum Beispiel würde ich gerne wissen, ob Sie schon einmal einen Menschen getötet haben."
Plötzlich hellwach richtete er sich auf und lehnte sich mit dem Rücken und vor dem Schoß ineinander verschränkten Fingern gegen das Kopfende des Bettes.
"Wozu wollen Sie das wissen?"
"Reine Neugierde."
"Das glaube ich Ihnen nicht."
Sie nickte nachdenklich. "Schön. Als ich unter der Dusche stand, kam mir so ein Gedanke. Ich muss gestehen, dass ich mich bisher nur wenig damit befasst habe, wie es für Sie sein muss, das zu tun."
"Dann belassen Sie es dabei. Sie würden es ohnehin nicht verstehen."
"Das dachte ich anfangs auch. Aber je mehr ich mit Ihnen zu tun habe, umso mehr beschäftigt mich unsere Abmachung." Sie holte Luft. "Sehen Sie, Professor, ich habe überlegt, wie Sie dazu stehen. Ich meine, glauben Sie an eine Seele? Glauben Sie, dass Sie und ich, dass wir, ähm … eine Seele haben? Nicht eine gemeinsame. Aber jeder für sich."
"Wieso interessiert Sie, was ich glaube, Granger?"
"Weil es wichtig für mich ist, zu wissen, was in Ihnen vorgeht. Vorhin bin ich auf den Gedanken gekommen, dass Sie daran glauben. Und ehrlich gesagt, fand ich das gar nicht so abwegig. Sonst hätten Sie sich wohl kaum bei mir entschuldigt."
Er sperrte den Mund auf. Dann klappte er ihn wieder zu und fuhr sich mit den Händen durch seine ohnehin schon zerzausten Strähnen. "Das, was vorhin geschehen ist, war ein sehr aufwühlender Moment. Ich kann nicht fassen, dass Sie darüber reden wollen."
Hermine runzelte die Stirn. „Wieso nicht? Es ist ja nicht so, dass ich mit jemand anderem darüber rede. Diese Angelegenheit betrifft nur uns."
„Allerdings. Aber genau das ist der entscheidende Grund, die Sache nicht weiter zur Sprache zu bringen."
„Warum nicht? Wir haben beide viel zu verarbeiten."
Er schüttelte wie ein Irrer den Kopf. „Gewiss nicht so, Granger. Und noch etwas: ich glaube nicht, dass Sie sich Gedanken über meine Seele machen sollten."
"Aber wieso nicht?"
"Weil Sie das nichts angeht."
„So werden wir nie Fortschritte im Umgang miteinander machen, Professor", sagte sie abwertend.
„Das ist mir gleich. Ich brauche keinen Leidensgenossen, mit dem ich mich darüber austauschen kann, wie verklärt doch alles ist."
„Oh doch, den brauchen Sie. Wenn ich Sie so ansehe, haben Sie ihn vielleicht sogar noch viel mehr nötig als ich."
Er schnaubte leise. „Sie sind nicht ganz bei Trost, Granger. Was Sie da sagen, ist eine Beleidigung meiner Person."
„Das ist nicht meine Absicht. Bei allem nötigen Respekt, Sir, eines Tages werden Sie sich vielleicht an meine Worte erinnern. Und dann, ja, dann ist es vermutlich zu spät, um sich jemandem anzuvertrauen. Außerdem haben Sie selbst gesagt, dass ich nicht weiß, was ich Ihnen damit antue. Und Sie hatten vollkommen recht. Es war egoistisch von mir, als ich dachte, ich könnte zu Ihnen kommen und erwarten, dass Sie meine Probleme lösen. Streng genommen sollte Draco sich darum kümmern."
„Das wird er nicht fertigbringen. Sie dürfen nicht vergessen, dass auch er nicht darum gebeten hat, verheiratet zu werden." Er schüttelte den Kopf. „Ich hätte das nicht zu Ihnen sagen sollen. Sie können genauso wenig etwas dafür wie er oder ich."
„Aber darum geht es. Ich hatte keine Vorstellung von dem, was ich Ihnen damit antue, indem ich Sie um Hilfe bitte."
Snape verzog leidig die Mundwinkel. "Genug jetzt. Das ist absolut nichts, was wir miteinander diskutieren sollten. Ich bin ein erwachsener Mann und weiß selbst, was ich tue, Granger."
Hermine senkte den Blick auf seine nackte Brust. "Aber ich habe Ihnen keine Wahl gelassen."
"Doch. Das haben Sie. Die Entscheidung lag letztendlich bei mir. Ich hätte Sie ebenso gut sterben lassen können. Aber ich habe es nicht getan."
Bedröppelt schluckte sie. "Nein, das haben Sie nicht. Doch ich frage mich, weshalb."
Seine Brauen zogen sich zusammen. „Ist das so schwer zu begreifen, Granger? Ich sitze in einer Zwickmühle. Meine Position im Dienste der Schule erlaubt es mir nicht, Sie einfach aus dem Weg zu räumen."
„Das glaube ich Ihnen sofort", schnaubte sie und klang dabei mit einem Mal sehr aufgebracht. „Andernfalls hätten Sie nicht gezögert, es zu tun. Habe ich recht?"
Langsam schüttelte er den Kopf. „Sie erwarten doch nicht etwa von mir, dass ich das beantworte."
Hermine zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Sie jemandem hier etwas antun würden. Aber von dem, was sich außerhalb von Hogwarts abspielt, habe ich nur eine sehr vage Vorstellung."
Er seufzte abwesend. "Belassen wir es dabei. Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht wirklich wissen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen ... Ich würde gern ins Bad gehen."
Sie nickte eilig. "Natürlich."
Ohne sie weiter anzusehen, robbte er auf Händen und Füssen an ihr vorbei zur Bettkante und stand auf.
Hermine registrierte unterschwellig, wie erschöpft er dabei wirkte. Sein Gesicht sah eingefallen aus und unter seinen Augen waren dunkle Ringe zu erkennen. Da sie selbst sich kaum besser fühlte, sagte sie aber nichts weiter dazu.
Erst als er barfüßig ins Bad getapst war und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, wagte sie es wieder, normal zu atmen. Die Spannungen zwischen ihnen waren kaum zu ertragen. Dennoch war ihr bewusst, dass sie irgendetwas tun mussten, um die Sache zukünftig angenehmer zu gestalten. Bedenklich war nur, dass er diesmal nach dem Akt weitaus gereizter wirkte als zuletzt. Hoffentlich irrte sie sich und es war nur ein falscher Eindruck, der sie so empfinden ließ. Denn obwohl alles so verfahren war, klammerte sie sich hoffnungsvoll an den Gedanken, Snape würde alles ins Lot bringen. Sie zählte auf seine Unterstützung. Und er durfte sie nicht mit ihren Sorgen im Stich lassen.
