Call it bittersweet

Kapitel 13

Komplikationen

Hermine wusste nicht, was er so lange im Bad machte. Genau genommen wollte sie es auch gar nicht wissen, schließlich hatte sie selbst hart mit dem zu kämpfen gehabt, was geschehen war.

Je länger sie auf seine Rückkehr wartete, umso mehr spürte sie, dass sie von einer ungeheuren Müdigkeit heimgesucht wurde, woraufhin sie sich wie selbstverständlich die Decke schnappte und auf dem Bett zu einer Kugel zusammenrollte. Jetzt in ihren Turm zurückzukehren, war nicht das, was sie wollte, ganz gleich, wie verletzt sie sich fühlte.

Es war weit nach Mitternacht, als Snape aus dem Bad kam, wie zuvor in seine schwarze Hose gekleidet und mit nacktem Oberkörper, die langen Strähnen feucht und eng anliegend an den Kopf geklebt. Als er Hermine auf seinem Bett liegen sah, baute er sich vor ihr zu seiner vollen Größe auf.

"Was tun Sie hier, Granger?"

Wie vor den Kopf geschlagen fuhr sie hoch und starrte ihn mit großen Augen an. "Sir?"

Er straffte seine Mundwinkel. "Ich wiederhole mich nur ungern. Also, was tun Sie hier?"

Hermine fühlte, dass ihre Kehle ganz trocken war. "Es war kalt, da dachte ich ..."

"Sie glauben doch nicht etwa, ich würde Sie ein weiteres Mal hier schlafen lassen?", unterbrach er sie forsch.

"Na ja, nachdem wir … wieso eigentlich nicht?"

Er blinzelte. "Man könnte meinen, das sei offensichtlich."

"Sir?"

Er rollte angestrengt mit den Augen. „Also gut. Rutschen Sie rüber. Ich bin zu erledigt, um weitere Diskussionen mit Ihnen zu führen."

Verblüfft und erleichtert zugleich atmete sie durch und rückte bis ans andere Ende des Bettes, damit er Platz hatte. Snape schnaubte leise vor sich hin und ließ sich auf dem Rücken liegend neben ihr nieder. Dann schlug er mit einer fahrigen Bewegung seines Arms die Decke über ihre Körper.

"Dass Sie mir ja auf Ihrer Seite der Matratze bleiben", mahnte er mit einem auffordernden Blick in ihre Richtung. "Ist das klar?"

Hermine nickte untertänig. "Natürlich, Sir."

Die Tatsache, dass er sie nicht fortgeschickt hatte, war so unglaublich, dass sie auf keinen Fall widersprechen wollte. Erschöpft kuschelte sie sich in ihre Ecke und machte die Augen zu. Für eine Weile war es vollkommen still zwischen ihnen, doch Hermine spürte, dass es in ihm brodelte. Nicht lange darauf hörte sie ihn seufzen.

"So kann das nicht weitergehen, Granger."

Sie lugte vorsichtig zu ihm hinüber. Snape aber starrte an die Zimmerdecke.

"Das weiß ich", sagte sie leise.

Er sah sie an und seine schwarzen Augen wirkten für seine Verhältnisse überaus ratlos. Zugleich aber auch so, als wäre sein Kopf voller Fragen.

Auf einmal wälzte er sich zu ihr herum und stützte das Kinn auf seine Hand. Zum ersten Mal, seitdem er aus dem Bad gekommen war, registrierte sie so richtig seinen mit Seife vermengten, herben Geruch. Der Gedanke, dass sie dieselbe Seife benutzt hatten, ließ sie unbewusst schaudern.

"Sie hätten nicht hierbleiben sollen, Granger. Damit wird alles nur noch komplizierter."

Hermine klemmte ihre Unterlippe zwischen die Zähne. "Ich dachte, Sie hätten begriffen, dass es zwecklos ist, darüber zu diskutieren, Professor. Jemand anders wird mir nicht helfen können. Wir sitzen also im selben Boot."

Ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. "Das mag sein. Dennoch berechtigt Sie das nicht dazu, weitere Tabus zu brechen."

Hermine seufzte. "Glauben Sie mir, ich selbst hätte nie für möglich gehalten, dass ich mich in Ihrer Gegenwart verstandener fühlen würde, als bei den Mädchen in meinem Turm."

Er lachte leise auf, was sie sichtlich überraschte.

"Was ist so komisch daran?"

Schlagartig kehrte der Ernst in seinen Ausdruck zurück. Er räusperte sich. "Nichts."

Hermine senkte den Blick auf seine Brust, die aus der Decke hervorragte. Inständig wünschte sie sich, sie hätte nichts gesagt. Ihn lachen zu sehen war mindestens genauso ungewöhnlich wie der Umstand, gemeinsam in seinem Bett zu liegen und sich mit ihm zu unterhalten.

„Auf die Gefahr hin, dass ich vermutlich bereuen werde, was ich Ihnen jetzt sage, wünsche ich mir, dass Sie das öfter tun, Professor. Das war eben das erste aufrichtige Lachen, das Sie mir gezeigt haben."

Sie hörte ihn Luft holen, doch noch ehe er etwas darauf antworten konnte, drehte sie sich um, woraufhin er sich eines Besseren zu besinnen schien und nichts weiter darauf erwiderte.

"Gute Nacht, Professor."

"Nacht, Granger."

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"Wo bist du heute Morgen gewesen, Hermine? Ginny hat gesagt, du warst nicht in deinem Schlafsaal."

Sie setzte ein unschuldiges Gesicht auf. "Spielt das eine Rolle? Immerhin bin ich jetzt eine verheiratete Frau."

Harry und Ron sahen sich an. "Du warst doch nicht so früh schon bei Draco!", platzte es aus Ron heraus.

Sie zuckte mit den Schultern. Dass die beiden mit ihrem Erzfeind reden und herausfinden würden, dass das nur geschwindelt war, hielt sie für sehr unwahrscheinlich. "Wo sollte ich sonst gewesen sein?"

Harrys Blick verfinsterte sich deutlich, als er auf Dracos Rückseite starrte, der neben seinen Beschützern Crabbe und Goyle am Frühstückstisch der Slytherins saß.

„Wisst ihr, ich habe noch Glück im Unglück, denn die Schulregeln verbieten, dass ich mit ihm gemeinsam in einem Raum übernachte."

Dass sie stattdessen bei Snape geschlafen hatte, wollte sie aus verschiedenen Gründen nicht zur Sprache bringen.

Den ganzen restlichen Tag über konnte sie nicht vergessen, was sich in den Kerkern abgespielt hatte. Die gemeinsam verbrachte Nacht mit ihrem Professor war so ziemlich die eigenartigste Nacht ihres Lebens gewesen. Vielleicht sogar noch verrückter, als die nach ihrem ersten Mal, denn diesmal hatte sie alles viel intensiver wahrgenommen. Zwar nach wie vor mit Schmerzen, Scham und Unwohlsein verbunden, doch auch in dem Bewusstsein, dass er es nicht gewollt hatte. Ganz besonders jedoch seine Entschuldigung ging ihr den ganzen Tag über nicht mehr aus dem Kopf.

Zum Glück gab es von Snape so schnell keine Spur. Erst im Unterricht sahen sie sich wieder, wobei jeder peinlich genau darauf achtete, dem anderen nicht in die Augen zu sehen. Selbst Hermines sonst so aufgeweckte Beteiligung am Unterrichtsgeschehen hielt sich in Grenzen. Snape schien das gerade recht zu kommen. Erleichtert darüber, dass es keine unangenehmen Zwischenfälle gegeben hatte, wollte sie die Klasse am Ende der Stunde verlassen. Doch noch ehe sie die Tür erreicht hatte, hörte sie, wie er ihren Namen rief.

Starr vor Schreck blickte sie auf. Es war nicht schwer zu erkennen, dass er sich unwohl fühlte.

"Es wird nicht lange dauern, Miss Granger", sagte er eindringlich.

Hermine schluckte. In diesem Moment verließ auch der letzte Nachzügler das Klassenzimmer. Snape glitt mit energischen Schritten zur Tür hinüber und machte sie zu. Dann waren sie alleine.

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Die Vorstellung von einem vorzeitigen Treffen mit ihm hatte ihr gerade noch gefehlt. Es verstand sich von selbst, dass sie nicht gerade scharf darauf war, ihn aus der Nähe zu sehen.

"Ich verstehe das nicht, Professor. Wo liegt das Problem?"

"Das Problem ist das, dass ich die morgige Nacht nicht im Schloss verbringen werde. Sie wissen, was das bedeutet?"

„Sie müssen zu Voldemort", riet Hermine vorsichtig.

Snape nickte. "Wenn überhaupt, wird er mich erst am Morgen danach gehen lassen, damit ich zum Unterricht erscheinen kann. Jedoch keine Minute eher. Wie Sie vielleicht erkennen können, bleibt uns dann keine Zeit mehr, den Forderungen des Ministeriums nachzukommen."

Sie schluckte. So langsam dämmerte ihr, worauf er hinaus wollte.

"Schön", sagte sie schlicht. "Dann müssen wir eben in den sauren Apfel beißen und unser Treffen vorverlegen. Sehen Sie es positiv. Danach haben Sie einen Tag mehr, sich davon zu erholen."

Snape funkelte sie mit eng zusammengezogenen Brauen an. "Das ist nicht komisch."

Erst jetzt realisierte sie, wie das geklungen haben musste. Eilig schüttelte sie den Kopf. "Da gebe ich Ihnen recht."

Seine Haltung entspannte sich ein wenig, dennoch angestrengt seufzend fuhr er sich mit seinen langen dünnen Fingern durch die Haare. "Also, Granger. Wir machen folgendes. Wenn Sie nach wie vor entschlossen sind, das durchzuziehen, kommen Sie heute Abend wie gehabt in mein Büro. Alles Weitere wird sich zeigen."

Hermine nickte matt, zog es aber vor, nichts darauf zu erwidern.

"Dass ich das nicht besprochen hätte, wenn es nicht so dringlich gewesen wäre, versteht sich von selbst", fügte er schnell an.

Sie lächelte gequält. "Ich weiß. Ähm, danke."

Snape räusperte sich. "Sie können gehen, Granger."

Nachdenklich klemmte Hermine ihre Lippe zwischen die Zähne. "Sir?"

Er blinzelte sie beunruhigt an. "Ja?"

"Wissen Sie, ich glaube, ich sollte Ihnen etwas mitteilen." Er verzog die Mundwinkel, woraufhin Hermine den Blick auf seine Brust richtete. "Ich habe heute meine Periode bekommen."

Es wurde still und sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Sein Schweigen jedoch genügte ihr. Das war so ziemlich das Unangenehmste gewesen, was sie je zu einem anderen Menschen gesagt hatte.

"Dann wissen wir wenigstens, dass Sie nicht schwanger sind", sagte er leise.

Ungläubig sah sie auf und starrte ihn an. "Sie haben ja vielleicht Nerven!"

Seine Nasenflügel erzitterten. "Finden Sie? Ehrlich gesagt bin ich erleichtert, das zu hören. Die Vorstellung, Sie könnten ein Kind von mir erwarten, war nicht gerade sehr erbaulich."

Hermine fühlte Tränen in ihre Augen strömen. Sichtlich aufgewühlt blinzelte sie ihn an. "Und wie soll das jetzt weitergehen? Ich meine, wie sollen wir das anstellen?"

Snape richtete sich zu seiner vollen Größe auf. "Lassen Sie das mal meine Sorge sein."

Sie schauderte. "Sind Sie irre? Ich kann das nicht tun! Das ist erniedrigend!"

Er legte den Kopf schief. "Miss Granger, die ganze Situation ist erniedrigend. Für uns beide. Aber glauben Sie mir, das ist im Moment unser geringstes Problem."

Schnaubend wischte sie sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen. "Glauben Sie das wirklich?"

Er nickte kaum merklich. "Ja, das tue ich. Es sei denn, Sie wollen aufgeben."

Hilflos zuckte sie mit den Schultern. "Ich weiß es nicht."

Snape holte Luft. "Sie haben bis heute Abend Zeit, es sich zu überlegen. Wenn Sie bis, sagen wir, halb neun nicht aufgekreuzt sind, erkläre ich unsere Abmachung für ungültig."

Mit einem Ausdruck des puren Entsetzens sah sie ihn an. "Sie setzen mir ein Ultimatum?"

"Nicht anders als Sie mir, Granger. Glauben Sie mir, es gibt noch andere Dinge, um die ich mich kümmern muss. Da ist das, was ich Ihnen gewähre, mehr als großzügig."

Sie nickte. Daran, dass er für Dumbledore und Voldemort zugleich arbeitete, hatte sie in ihrem Eifer gar nicht mehr gedacht.

Snape wendete sich von ihr ab und warf den Blick aus dem Fenster. "Nun denn, ich wünsche einen guten Tag, Miss Granger."

Blindlings stürmte sie los, riss die Tür auf und rannte davon. Noch mehr unter Druck gesetzt zu werden, war so ziemlich das Letzte, was sie wollte. Noch dazu von ihm. Doch immerhin in einem Punkt musste sie ihm recht geben: es war eine Erleichterung, nicht schwanger zu sein.