Call it bittersweet
Kapitel 15
Wissensdurst
Wie sie befürchtet hatte, reckte Lavender den Kopf in die Höhe, als Hermine den Schlafsaal betrat.
"Wo kommst du denn her?", fragte sie mit einem Ausdruck schierer Neugierde auf dem Gesicht.
Hermine wurde sofort wieder daran erinnert, warum sie ihre Zimmergenossin noch nie hatte leiden können. Dass jemand neugierig war, war eine Sache. Doch dass sie obendrein auf Ron scharf war, machte ihr schwerer zu schaffen, als sie es für möglich gehalten hätte. Glücklicherweise hatte er ihre Avancen bis jetzt erfolgreich abgewehrt, denn obwohl sie nicht gerade behaupten konnte, je in ihn verliebt gewesen zu sein, so war er doch neben Harry ihr bester Freund. Und in einer Lage wie dieser brauchte sie ihre Freunde mehr denn je. Auch dann, wenn sie ihnen ihre heimlichen Eskapaden mit Snape nicht anvertrauen konnte.
Schnell versteckte sie ihre Klamotten hinter dem Rücken. Dann ließ sie sie unauffällig zu Boden fallen und schubste sie mit dem Fuß unters Bett; wenn Lavender dahinterkäme, dass sie mitten in der Nacht halb nackt durch das Schloss gewandert war, würde sie nur noch weitere unangenehme Fragen stellen.
"Ich war in der Bibliothek", log sie eilig. Etwas Besseres war ihr beim besten Willen nicht eingefallen.
"Was? Um diese Zeit? Wenn sie dich erwischt hätten, hätten sie uns bestimmt Hauspunkte dafür abgezogen."
Hermine rollte verhalten mit den Augen. "Reg dich ab. Niemand hat was gemerkt."
Zum Glück. Niemand außer Snape wusste, was sie getan hatte.
Oh Gott! Erneut stiegen Tränen in ihre Augen, womit sie sich ohne ein weiteres Wort aus ihren Sneakers befreite, sich aufs Bett warf und bis zur Nasenspitze unter der Decke verschwand.
Lavender stieß ein abfälliges Seufzen aus. "Es läuft wohl nicht so gut mit Draco, was? Du wirkst ein wenig gereizt."
Hermine hätte am liebsten laut aufgelacht, doch die Wut in ihrem Inneren setzte sich über alle etwaigen humorvollen Hintergedanken über ihren Ehemann und den für ihn einspringenden Professor hinweg.
Wütend schnaubte sie Lavender an. "Nein, es läuft nicht wirklich gut zwischen uns. Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es ist, mit jemandem verheiratet zu werden, den man auf den Tod nicht ausstehen kann?"
Lavender kicherte leise. "Ist ja schon gut. Das ist doch kein Grund, sich so aufzuregen. Ich bin sicher, du hast ihn ganz gut im Griff."
Hermine setzte sich ruckartig auf und verschränkte die Arme vor der Brust. "Was soll das nun wieder heißen?"
Lavender zuckte mit den Schultern. "Ganz einfach. Ron hat neulich erzählt, dass du Draco mal eine verpasst hast. Seitdem macht er angeblich einen Bogen um dich, wann immer er kann."
Entsetzt fiel ihr die Kinnlade runter. "Du hast also mit Ron über mich und Draco geredet?"
Lavender nickte. "Reg dich ab. Es war total harmlos, also nichts, was eure Ehe betrifft."
Hermine schnaubte. "Das will ich wirklich hoffen. Ich habe es langsam satt, zum Gespött der Leute gemacht zu werden."
"Dann solltest du am besten nicht darauf eingehen."
Überrascht starrte Hermine Lavender an. So eine Aussage ausgerechnet von ihr zu hören, war mehr als ungewöhnlich. "Man könnte fast meinen, du stehst nicht auf der Seite derer, die sich über mich lustig machen", sagte sie vorsichtig.
Lavender schüttelte den Kopf. "Bitte! Ich kann mir schon denken, dass er nicht gerade der Bringer im Bett ist. Je mehr die Typen prahlen, umso mehr sind sie auf sich selbst und ihren Schwanz fixiert. Die Frau kommt dabei fast immer zu kurz."
Etwas betreten senkte Hermine den Blick. Natürlich! Für Lavender ging es bei dieser Ehe nur um das Eine. Aber wie sollte sie das beurteilen können? Selbst dann, wenn Draco nicht diesen Unfall mit dem Besen gehabt hätte, hätte sie keine Vergleiche anstellen können.
„Sag mal, Lavender", begann sie vorsichtig, „wie oft hattest du schon Sex? Du scheinst reichlich Erfahrung auf dem Gebiet zu haben ..."
Wenn sie geglaubt hatte, Lavender würde bei so einer Frage rot anlaufen, hatte sie sich getäuscht. Freudig strahlend sprang sie aus dem Bett und flitzte zu Hermine rüber.
"Rutsch mal", forderte sie eifrig. "Ich glaube, das wird das interessanteste Gespräch, das wir zwei je geführt haben."
Darauf würde sie jede Wette eingehen. Obwohl sie sich zusammen ein Zimmer im Turm der Gryffindors teilten, hatten sie sich bisher darauf beschränkt, sich aus dem Weg zu gehen und notfalls die üblichen Höflichkeitsfloskeln auszutauschen.
Hermine lächelte gequält und rückte ein Stück zur Seite, sodass Lavender Platz hatte. Kurz darauf lagen sie beide Seite an Seite in ihrem Bett und plauderten über all das, was Hermine für absolut unmöglich gehalten hätte. Es ging um Lavenders Beziehungen mit Jungs, die sich zumeist auf wildes Geknutsche und Gefummel beschränkt hatten. Anstandshalber bemühte sie sich, zuzuhören und zu nicken, wann immer es angebracht war, doch schon bald begann sie sich zu langweilen. Erst als Lavender inmitten ihres Redeschwalls zu ihrer eigentlichen Frage mit dem Sex zurückkehrte, wurde sie hellhörig.
"Da waren Dean und Seamus ..."
"Moment", warf Hermine irritiert ein. "Du hast mit Dean geschlafen?"
Lavender kicherte los. "Kein Grund zur Sorge. Du musst ja nicht gleich zu Ginny rennen und es ihr erzählen. Außerdem war das, bevor die zwei zusammen gekommen sind."
"Ha. Davon hat Ginny mir gar nichts erzählt ..."
"Wieso auch? Ich bezweifle, dass Dean es an die große Glocke gehängt hat. Er ist nicht gerade jemand, der damit angibt. Er ist eher so was wie der stille Genießer. Ein Gentleman."
Also das Gegenteil von Lavender, notierte Hermine nachdenklich.
"Außerdem war es nur ein Mal. Es war schön. Aber so richtig vertiefen wollten wir die Sache nicht."
Es war genau, wie Hermine befürchtet hatte: Lavender war ihr in Sachen Sex weit voraus. Doch vielleicht war es genau das, was sie brauchte. Von ihrem eigenen Erfahrungsreichtum konnte sie jedenfalls nicht zehren.
"Mit wem hast du es noch getan?", fragte sie mit verhaltener Neugier, obwohl sie selbst nicht wusste, was sie davon halten sollte. Im Grunde genommen war ihr das Thema zuwider. Da sie aber dringend Rat brauchte, beschloss sie, der Sache näher auf den Grund zu gehen.
"Ich meine ... Ich will ja wirklich nicht neugierig sein, aber du hast doch nicht vor, es mit Ron genauso zu machen, oder?"
Lavender zuckte mit den Schultern. "Das hängt ganz von ihm ab. Bis jetzt sieht es nicht danach aus, als würde sich überhaupt was zwischen uns entwickeln."
Erleichtert atmete Hermine auf. „Hör zu, Lavender, das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, schließlich sind wir zwei nicht gerade die besten Freundinnen. Es liegt mir auch fern, dir Vorschriften machen zu wollen, aber da Ron und ich sehr eng miteinander befreundet sind, will ich nicht, dass ihn irgendwas oder irgendjemand verletzt. Er kann manchmal sehr sensibel sein. Ganz anders, als man vielleicht meinen könnte ..."
Lavender lachte unverhofft schrill auf. „Das sieht dir ähnlich. Aber mach dir keine Gedanken deswegen. Ich werde nichts mit Ron anstellen, was er nicht selbst will."
Wunderbar. Was konnte sie sich mehr erhoffen?!
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"Du wusstest also davon, dass Dean und Lavender miteinander geschlafen haben?"
"Ja, das wusste ich. Aber wieso regst du dich so auf? Es war sehr aufrichtig von Dean, es mir anzuvertrauen. Er hätte es mir ja nicht sagen müssen."
Hermine nickte bedröppelt.
"Und ihr? Habt ihr ... Ich meine, habt ihr es schon getan?"
Ginny senkte den Blick. "Wir sind schon seit ein paar Monaten zusammen, also ... Ja. Wir tun es."
Hermine biss sich auf die Lippe. So langsam aber sicher bekam sie das Gefühl, dass sie die einzige an der Schule war, die keine Ahnung vom Sex zwischen Teenagern hatte.
"Verstehe. Und wie ist es so?"
Ginny legte den Kopf schief. "Geht es bei deiner Befragung um Dean oder um Draco? Oder hab ich da was verpasst?"
Sie seufzte. "Weißt du, das Ministerium hat bestimmte Auflagen an unsere Ehe geknüpft. Das heißt, wenn wir uns nicht daran halten, gehen wir schnurstracks nach Askaban. Es wäre also sehr hilfreich, wenn du mir etwas mehr über dieses Thema verraten könntest ..."
Ginny runzelte die Stirn. "Etwas in der Art hab ich mir schon gedacht. Harry und Ron haben ein riesiges Geheimnis darum gemacht, da war mir schon klar, dass es Schwierigkeiten gibt."
Hermine seufzte. "Das ist noch sehr milde ausgedrückt, Gin. Draco hat ein Problem. Er ist impotent. Das heißt, er kann die Forderungen des Ministeriums nicht erfüllen."
Ginny starrte sie mit großen Augen an. "Jetzt wird mir so einiges klar. Und? Wen hast du stattdessen dazu auserkoren, für ihn einzuspringen?"
Sie schluckte. "Wie meinst du das?"
"Ich bin nicht von gestern, Mione. Mein Dad arbeitet im Ministerium, schon vergessen? Ich weiß, was da abläuft, auch dann, wenn ich nicht alle Details kenne. Aber was die abziehen, kann nichts Gutes sein."
Hermine überlegte fieberhaft. Konnte sie es wagen, Ginny davon zu erzählen? Mit Sicherheit würde sie bei ihr auf mehr Verständnis stoßen als bei Harry und Ron. Auch Lavender schien nicht gerade geeignet zu sein, um ihr das große Geheimnis anzuvertrauen.
Noch ehe sie wusste, wie ihr geschah, strömte eine ganze Flutwelle an Tränen in ihre Augen. "Ich kann es dir nicht sagen, Gin", heulte sie los.
Es war die Wahrheit. Sich Snape als Vater ihres zukünftigen Kindes vorzustellen, das eigentlich Dracos sein sollte, war zu viel.
"Glaub mir. Es ist schrecklich!"
Ginny nickte beruhigend. "Wer auch immer es ist, scheint nicht gerade deine erste Wahl gewesen zu sein."
Hermine schluchzte leise vor sich hin. Sie hatte versucht, nicht an Snape zu denken. Nachdem es aber seit zwei Tagen kein Lebenszeichen von ihm gegeben hatte, kam sie nicht umhin, sich zu fragen, wie es ihm bei Voldemort ergangen war. Selbst dann, wenn sie ihren Professor nicht ausstehen konnte, war das noch lange kein Grund, ihn leiden zu lassen, geschweige denn, ihm etwas Schlimmes an den Hals zu wünschen. Das überließ sie für gewöhnlich den Jungs. Außerdem hatte sie gesehen, wie sein Herr ihn zugerichtet hatte, was sie zu der Vermutung verleitete, dass das nur die Spitze des Eisbergs war. Seine abgebrühte Reaktion auf ihr Verhalten hatte es da nicht gerade besser gemacht. Im Gegenteil. Hermine war niemand, der anderen etwas Böses wünschte. Nicht einmal ihrem insgeheim verhassten Professor, schließlich brauchte sie ihn. Umso rätselhafter fand sie es, wie er mit dieser Gewissheit leben konnte, immer wieder vor den schrecklichsten Tyrannen der magischen Welt zu treten, um ihm Informationen zu liefern, die Dumbledore ihm auftrug.
Schaudernd ließ sie sich von Ginny in den Arm nehmen. Auch sie lieferte sich etwas aus, das sie eigentlich nicht wollte. Vielleicht hatte sie aus diesem Grund ja mehr mit Snape gemein, als beide es für möglich gehalten hätten. Die bedrückende Unsicherheit. Die Einsamkeit. Und je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr wurde ihr bewusst, dass es noch andere Dinge gab, die sie mit ihm verband: das traurige Los zweier Menschen zum Beispiel, die keinen anderen Ausweg gesehen hatten, als sich miteinander zu verbünden, um gegen das Ministerium und Voldemort anzukämpfen. Still. Heimlich. Kaum merklich hatte er sich ihr für einen winzigen Moment geöffnet und ihr ein Lächeln geschenkt. Doch ebenso schnell, wie es aufgetaucht war, war es wieder vorbei gewesen.
Betrübt entschloss sie sich dazu, der verklärten Sache, die sich zwischen ihnen ergeben hatte, auf den Grund zu gehen. Vielleicht würde sie am Ende ja noch mehr seiner Geheimnisse lüften und noch mehr als ein Lächeln von ihm erhalten. Immerhin war er der einzige Mensch, der von ihrem Schicksal wusste. Der einzige Hoffnungsschimmer in einer dunklen, einsamen Welt. Und das, obwohl es fast undenkbar war, ihn als etwas anderes als Professor Snape zu sehen.
