Call it bittersweet
Kapitel 19
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Seine Brust hob und senkte sich schnell. Doch der wütende Ausdruck in seinen Augen wurde von etwas Neuem durchzogen, das sie so noch nie zuvor gesehen hatte: Snape wirkte verletzt und verletzlich gleichermaßen.
Ruckartig ließ er von ihr ab und schüttelte den Kopf. Unzählige Strähnen fielen ihm ins Gesicht. „Ich weiß nicht, was Sie von mir erwarten, Granger. Aber das hier ..." Er nahm die Hände hoch und breitete sie aus. „Das hier ist viel mehr als es sein sollte. Sie liegen in meinem Bett und fragen mich, ob ich mit Ihnen schlafe. Begreifen Sie denn nicht, dass es nicht so sein sollte? Was, wenn alles aus dem Ruder läuft? Was, wenn wir einen Schritt weitergehen und noch einen und noch einen? Wohin soll das führen?"
Hermine zog betreten die Nase hoch. „Sie haben Angst vor der Zukunft, ist es das?"
Wieder schüttelte er den Kopf. „Nein. Ich habe Angst davor, mit Ihnen ein Kind in die Welt zu setzen."
Entgeistert sah sie ihn an. „Dann geht es also darum?"
Er zuckte wie teilnahmslos mit den Schultern.
„Sagen Sie mir die Wahrheit. Bitte."
„Ist das so schwer zu begreifen? Niemand von uns sollte zu so etwas gezwungen werden."
„Natürlich nicht ...", gestand sie und setzte sich abrupt auf. „Glauben Sie nicht, dass mir die Vorstellung genauso Angst macht, wie Ihnen? Tut mir leid, Professor, aber Sie sind nun einmal kein unbeschriebenes Blatt."
Er schnaubte leise. "Machen Sie sich also keine Illusionen davon, wie es werden wird, ein Kind von mir zu haben. Sie sind nicht die Person, die das erleben sollte."
"Wer ist es dann, Professor?"
„Das geht Sie nichts an."
„Vielleicht. Aber wenn Sie so reden, erwecken Sie unweigerlich das Gefühl in mir, dass mehr dahintersteckt. Also? Wer ist es?"
Er senkte den Blick und wirkte für seine Verhältnisse ziemlich verunsichert dabei. „Niemand."
Sie legte die Stirn in Falten. "Das glaube ich Ihnen nicht. Sie wirken traurig. So, als ob es da sehr wohl jemanden gäbe, mit dem Sie gerne Ihr Leben verbringen würden. Nur eben nicht mit mir."
Mit eng zusammengezogenen Brauen und zutiefst gequältem Ausdruck auf seinem zerfurchten Gesicht sah er sie an. "Ich sagte, da ist niemand. Belassen Sie es dabei."
Hermine nickte, obwohl sie den Gedanken nicht loswurde, dass das nur die halbe Wahrheit war.
Erschüttert über seinen desolaten Anblick holte sie Luft und rückte ein Stück näher an ihn heran. Dann nahm sie vorsichtig seine Hand in ihre und sah ihm ins Gesicht. "Ich bin mir sicher, dass Sie Ihr Bestes geben würden, wenn die Umstände anders und wir nicht die wären, die wir sind. Sie sind besorgt und das sagt mir, dass in Ihnen kein gleichgültiger Mensch steckt. Wenn ich mich also nicht furchtbar in Ihnen irre, würden Sie alles für diese Person tun, habe ich recht? Und da Sie kein Fremder für mich sind, würde ich mich für Sie freuen, wenn es Ihnen gelänge, Ihre Träume zu verwirklichen. Glauben Sie mir, nach allem, was zwischen uns geschehen ist, wünschte ich wirklich, es wäre so, Professor. Aber es ist eben alles anders."
Seine Augen wurden zu berechnenden Schlitzen. "Ist das so."
"Ja."
"Vielleicht überrascht es Sie, das zu hören. Aber mein Vater war ein Psychopath, Granger, der mich bei jeder sich nur erdenklichen Gelegenheit fertig gemacht hat. Sein einziges Vergnügen war es, mich schwach zu sehen und zu erniedrigen. Er hat mir unweigerlich beigebracht, die Menschen und das Leben zu hassen. Ich denke also nicht, dass ich ein geeigneter Vater wäre. Weder für Ihr Kind, noch für das von jemand anderem. Wie dem auch sei, wir werden es nie erfahren. Denn sollte es tatsächlich geschehen, wird Draco die Rolle des Vaters übernehmen müssen. Und jetzt ziehen Sie sich aus, dann bringen wir es hinter uns."
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Nachdem er sich von ihr gerollt hatte, lagen sie nebeneinander und vermieden es, sich anzusehen. Keiner von ihnen hatte seitdem ein weiteres Wort geäußert und Hermine wusste auch gar nicht, was sie von dem halten sollte, was er gesagt hatte. Alles, was sie tun konnte, war darüber grübeln. Doch so sehr sie sich auch bemühte, es zu verstehen, so konnte sie es nicht. Die Kälte, die in seinen Augen gelegen hatte, als er ihr davon erzählt hatte, stand in deutlichem Widerspruch zu dem, was sie bei ihrem gemeinsamen Kuss empfunden hatte. Und auch zu dem, was er ausgestrahlt hatte, als sie zufällig seine verwundbarste Stelle erkundet hatte, nämlich die Tatsache, dass er ein gebrochener Mann war.
Ratlos lugte sie zu ihm hinüber, doch Snape lag bis zum Bauchnabel unter der Decke vergraben auf dem Rücken und hatte die Arme vor der nackten Brust verschränkt und die Augen geschlossen. Hermine konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er am schlafen war. Bestimmt ging ihm alles Mögliche durch den Kopf, ebenso wie ihr. Zögerlich öffnete sie den Mund und sprach ihn an.
"Sie hatten also nie vor, zu heiraten und eine Familie zu gründen, verstehe ich das richtig?"
Er antwortete nicht und reagierte auch sonst nicht auf sie, also fuhr sie mit zwischen die Zähne geklemmter Lippe fort.
"Ich meine, nicht dass mich das nach all den Jahren in Ihrer Obhut sonderlich überrascht. Aber jetzt, wo ich Sie näher kenne, denke ich durchaus, dass Sie das Potential dazu hätten, an der Seite einer Frau Ihren Mann zu stehen."
Langsam drehte er den Kopf und sah sie an. "Wirklich, Granger? Ich kann mich nicht daran erinnern, Sie nach Ihrer Meinung gefragt zu haben."
"Das weiß ich, Sir. Aber ich kann eben nicht anders. Je mehr Zeit ich mit Ihnen ..."
"Je mehr Zeit Sie mit mir verbringen, umso mehr sehen Sie sich dazu genötigt, mir auf den Keks zu gehen und in meiner Vergangenheit herum zu bohren? Schade. Eigentlich hätte ich Ihnen etwas mehr Feingefühl zugetraut."
"Das ist ungerecht. Ich möchte Sie lediglich verstehen."
Snape schnaubte leise und rieb sich die Schläfen. "Das wird Ihnen nicht gelingen. Ich verstehe mich selbst kaum."
"Weil Sie keinen an sich heranlassen, der Ihnen dabei hilft."
"Ich habe Sie an mich herangelassen", stieß er sarkastisch aus. "Genügt das nicht?"
Sie setzte ein mattes Lächeln auf. "Wenn es Ihr Ziel ist, mich zu vergraulen, haben Sie es beinahe erreicht. Aber seit ich mit Harry befreundet bin, bin ich einiges gewöhnt. Ich lasse mich nicht mehr so schnell abschütteln, Professor."
Er seufzte. "Wenn Sie es sagen."
„Wirklich. Das ist ganz einfach, Professor. Sie müssen nur versuchen, den Menschen gegenüber etwas offener zu begegnen."
Interessiert legte er den Kopf schief. „Was veranlasst Sie dazu, zu glauben, dass dem nicht so ist? Ich denke nicht, dass Sie dazu berechtigt sind, meine Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen zu beurteilen."
„Mag sein. Aber ich habe Sie beobachtet. Und dabei ist mir einiges aufgefallen, Professor. Ihr Auftreten und Ihre Haltung zum Beispiel. Ihre Körpersprache, Ihre Kleidung … Mir ist aufgefallen, dass Sie sich im Beisein von Professor McGonagall vollkommen anders verhalten als Professor Dumbledore gegenüber. Im Grunde genommen sind Sie ein interessantes Studienobjekt, das jede Menge Fragen aufwirft, auf die ich nur zu gerne Antworten finden würde."
„Sehr schmeichelhaft, Miss Granger."
„Das ist nur natürlich, Sir. Wenn man bedenkt, was für eine Rolle Sie im Kampf gegen Voldemort übernommen haben, bleibt Ihnen kaum eine andere Wahl."
„Darf ich fragen, woher Sie diese Erkenntnis beziehen?", fragte er leicht gereizt.
„Aus Ihren eigenen Worten, wenn Sie sich erinnern", sagte Hermine entschieden. „Sehen Sie, anfangs dachte ich auch, ich würde nie Freunde finden, die mich um meiner selbst Willen anerkennen. Ich war nicht sonderlich beliebt, wie Sie vielleicht wissen. Aber manchmal wächst man an seinen Aufgaben."
"Und was ist Ihre Aufgabe?", fragte er zynisch. "Mir auf die Nerven zu gegen?"
Sie rollte mit den Augen. "Vielen Dank auch, Professor. Aber nein, nicht ganz. Ich wollte eigentlich immer für die Gerechtigkeit und den Glauben an das Gute kämpfen. Das ist zwar jetzt leider etwas ins Wanken geraten, aber ich will weiterhin für meine Freunde da sein. Ich sehe es als großes Glück, Harry und Ron getroffen zu haben. Wir gehören zusammen. Obwohl es zugegebenermaßen manchmal nicht leicht mit ihnen ist. Doch entweder versucht man, die Steine, die vor einem liegen, zu beseitigen. Oder man geht daran zugrunde."
"Sind Sie deshalb so besserwisserisch geworden, weil Sie mit Potter befreundet sind?"
Entrüstet funkelte sie ihn an. "Sie können wirklich kein gutes Haar an einem lassen, was? Immerzu müssen Sie alles niedermachen. Dabei mache ich gerade eine wirklich schwierige Phase durch."
"Das ist eine Frage des Umgangs, Granger. In den Gesellschaftsschichten, in denen ich mich für gewöhnlich bewege, herrscht ein rauer Ton. Das sollten Sie doch wissen, wo Sie mich schon so genau unter die Lupe genommen haben."
Sie nickte abwesend. "Ja, da ist was dran. Und? Wie ist er so? … Voldemort?"
Snape warf ihr einen abschätzigen Blick zu. "Gefährlich."
"Das weiß ich."
Er verzog die Mundwinkel. "Das glaube ich nicht. Sie haben ihm noch nie Auge in Auge gegenüber gestanden, Granger."
"Haben Sie Angst, wenn Sie ihn sehen?"
Seine Brauen zogen sich eng zusammen. "Nein."
Hermine lächelte sanft. "Ich dachte mir, dass Sie das sagen würden."
"Tatsächlich. Und Sie glauben mir nicht?"
Sie biss sich auf die Lippe. "Keine Ahnung. Ich meine, einerseits schon. Aber vielleicht überspielen Sie Ihre Angst auch einfach nur so gut, dass Sie selbst glauben, sich nicht vor ihm zu fürchten."
"Das wäre durchaus möglich, Granger. Es gab Zeiten, da hatte ich Angst. Aber jetzt bin ich routiniert in dem, was ich tue. Und solange ich mich daran halte und keinen Fehler begehe, wird es funktionieren."
"Dann maßregeln Sie mich gar nicht für das, was ich gesagt habe? Wer hätte das gedacht."
Snape setzte ein sardonisches Grinsen auf. "Wenn ich Sie für jede unverschämte Frage, die Sie mir in letzter Zeit gestellt haben, bestrafen müsste, wäre ich gezwungen, noch mehr Zeit mit Ihnen zu verbringen. Doch da das weder meiner Absicht entspricht, noch in meinen Zeitplan passt, sehe ich darüber hinweg."
Hermine spürte, dass sie rot wurde und senkte den Blick. "Das ist sehr großzügig von Ihnen, Professor."
Er nickte knapp. "Allerdings. Vergessen Sie nicht, dass es normalerweise ganz und gar nicht in meiner Natur liegt, so zu handeln."
Erstaunt sah Hermine ihn an. "Das weiß ich. Genau deshalb bewundere ich Sie. Weil Sie es geschafft haben, über Ihren Schatten zu springen."
"Ich tue das nicht für Sie."
"Und wenn schon. Wir alle fangen klein an."
