Call it bittersweet
Kapitel 20
Der Fall der Fälle
Das Leben als verheiratetes Paar brachte eine Fülle an Veränderungen für die Betroffenen mit sich, die Hermine erst nach und nach so richtig zu spüren bekam. Ganz besonders, da ihr Mann ein vermeintlich aufstrebender Todesser war und sie obendrein noch zur Schule gingen.
Hin und wieder war es üblich, dass sie und Draco aufgrund einer Sondergenehmigung vom Ministerium in Malfoy Manor mit ihrer Anwesenheit glänzten, um nach außen hin den Schein zu wahren und ihren Verpflichtungen als Eheleute nachzukommen. So zumindest sollte die Welt es glauben, denn in Wahrheit war alles anders. Hermine und Draco gingen sich aus dem Weg, so oft sie konnten. Keiner der beiden war wild darauf, in diese Rolle gedrängt worden zu sein. Dennoch taten sie, was man von ihnen verlangte, bis sich eines Tages gravierende Veränderungen einstellten, die alles bis dahin Geschehene in den Schatten stellen sollten...
Die Menge der Tränen, die Hermine in den letzten Wochen vergossen hatte, kam ihr im Vergleich zu den sintflutartigen Ausbrüchen, die urplötzlich inmitten Snapes Unterricht über sie hereinbrachen, wie ein Tröpfchen auf den heißen Stein vor, als ihr wie vom Blitz getroffen in den Sinn kam, dass sie ihre Periode nicht bekommen hatte. Im Nu waren ihre Augen zur Gänze gerötet, was es sichtlich erschwerte, den Schock zu verbergen. Wieso kam ihr der Gedanke ausgerechnet jetzt, obwohl sie doch wusste, dass genau das die Absicht des Ministeriums gewesen war?
Ungläubig harrte sie auf ihrem Platz aus und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, während sie auf Snapes schwarze Gestalt starrte, der geisterhaft mit langen Schritten im Klassenzimmer auf und ab wanderte. Nicht lange nach dieser ersten Erkenntnis kam auch der Professor nicht umhin, zu registrieren, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Ein verhaltener Blick zwischen ihnen genügte und Hermine war sich so gut wie sicher, dass ihn ebenfalls fast der Schlag getroffen hätte. Seine steinerne Fassade jedoch hielt im Gegensatz zu der ihren fast unverändert stand. Nur dadurch, dass sie so viel Zeit mit ihm verbracht hatte, konnte sie seine Fassungslosigkeit deuten. Wie durch ein Wunder bekam der Rest der Klasse nichts davon mit, da sie ganz hinten Platz genommen hatte. Nur Harry schien zu ahnen, dass irgendetwas passiert sein musste, denn er rutschte zu ihr hinüber und legte tröstend den Arm um sie.
"Was ist mit dir?", fragte er besorgt.
Hermine schüttelte den Kopf. "Es ist soweit, Harry. Ich glaube, die Welt geht unter."
Er zog die Stirn kraus. "Ich glaube, ich verstehe dich nicht."
"Nicht jetzt", schluchzte sie leise. "Ich muss ... Ich werd es dir erklären. Aber nicht hier."
Nun beugte sich auch Ron zu ihnen rüber. "Alles in Ordnung bei euch?", flüsterte er hinter vorgehaltener Hand. "Was glaubt ihr, wo Draco steckt? Snape hat kein Wort über ihn verloren. Aber wehe, einer von uns würde es wagen, nicht zu Verteidigung aufzukreuzen ... Du weinst ja, Mione! Was ist passiert?"
"Ruhe!"
Snapes markante Stimme sorgte sofort für eine gewaltige Anspannung im Raum.
"Ich wünsche keine Unterbrechungen in meiner Stunde."
Hermine schlug das Herz bis zum Hals, als er auf sie zu schwebte. Eine öffentliche Demütigung vor der ganzen Klasse war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Inständig hoffte sie, dass er sie nicht weiter beachten würde, doch das war bei ihm wohl kaum zu erwarten.
"Wenn Sie und Mr. Weasley sich nicht augenblicklich auf Ihre Plätze zurücksetzen, werde ich Ihnen so viele Strafarbeiten aufbrummen, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht", zischelte er an Harry gewandt.
Hermine sank bedrückt in ihrem Stuhl zusammen und betete darum, auf immer und ewig im Erdboden versinken zu können.
"Und Sie, Miss Granger, erwarte ich im Anschluss an die Stunde in meinem Büro. Unerlaubtes Tuscheln wird ebenso wenig geduldet wie unentschuldigtes Fehlen." Mit funkelnden schwarzen Augen sah er Ron an. "Seien Sie unbesorgt, Mr. Weasley. Mr. Malfoy hatte triftige Gründe, dem Unterricht nicht beiwohnen zu können."
Ron schnaubte. Snape hingegen machte unbeeindruckt kehrt und fuhr mit dem Unterricht fort, als wäre nie etwas vorgefallen.
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"Ihre Sondergenehmigung, zusammen mit Draco das Schloss zu verlassen, wird weiterhin bestehen bleiben, soweit ich das sagen kann. Dafür entfällt zukünftig unsere Abmachung."
"Sie reden so, als wäre längst alles unter Dach und Fach, Professor", flüsterte sie kläglich.
Er legte den Kopf schief. "Ihr Leben liegt nicht länger in meiner Hand. Ich habe meine Schuldigkeit getan, Miss Granger."
Sie nickte matt. "Ja, das haben Sie, Sir. Ich gratuliere Ihnen. Sie werden Vater."
Seine Nasenflügel erzitterten. „Sagen Sie so etwas nie wieder", knurrte er unliebsam. „Die Welt muss in dem Glauben bleiben, dass es sich um Dracos Kind handelt."
Hermine biss sich schmerzhaft auf die Lippe. "Sieht ganz so aus, als wäre der Fall damit für Sie erledigt, nicht wahr?"
Zum ersten Mal seit sie alleine waren, wirkte er verunsichert, denn er stockte.
"So war es abgemacht, Granger."
Unweigerlich schossen ihr Tränen in die Augen. "Das ist verrückt, oder?", wimmerte sie leise. "Ausgerechnet mir musste das passieren. Und wieso Draco? Hätte es nicht jemand anders sein können?"
Snape faltete gemächlich seine langen Finger ineinander und beugte sich über den Tisch zu ihr vor. "Er gehört ebenso wie Sie zu einer Generation zukunftsträchtiger Hexen und Zauberer, die nach der Meinung des Ministeriums dazu bestimmt sind, unsere Welt zu verändern."
Sie schluchzte bitter auf. "Und was denken Sie darüber, Professor? Was ist Ihre Meinung zu diesem Wahnsinn?"
Er schluckte hart. Dann räusperte er sich. "In meiner Position ist es mir verboten, eine Meinung darüber zu haben. Sie wissen genauso gut wie ich, dass der Dunkle Lord ..."
"Zum Teufel mit Ihrer Position!", stieß sie aufgebracht aus.
Snape zog finster seine Brauen zusammen. "Mäßigen Sie Ihre Zunge. Wir sind nicht länger aneinander gebunden, Miss Granger, was bedeutet, dass wir zukünftig wieder weniger miteinander zu tun haben werden. Das meinerseits großzügige Privileg, Sie nachsichtig behandelt zu haben, ist ab sofort ungültig geworden. Ebenso wie auch alle anderen Gegebenheiten unserer Abmachung hinfällig sind. Aus diesem Grund rate ich Ihnen dringlichst davon ab, Ihre Wutausbrüche in meiner Gegenwart auszuleben. Andernfalls sehe ich mich gezwungen, Sie ebenso wie alle anderen Schüler zu maßregeln."
Hermine starrte ihn mit geöffnetem Mund an. "WAS? Das kann unmöglich Ihr Ernst sein!"
Er kniff bedrohlich die Augen zusammen. "Was hatten Sie erwartet? Dass es fortan immer so zwischen uns weitergehen würde? Dass Sie in meinem Schlafzimmer ein und aus gehen? Machen Sie sich nichts vor. Sie wussten, dass der Tag kommen würde, an dem Sie von der Schwangerschaft erfahren."
"Ja! Doch ich hätte nie gedacht, dass Sie so eisig auf die Nachricht reagieren."
Snape setzte ein unheimliches Grinsen auf, das ihr fast schon Angst einjagte. "Und wie sollte ich Ihrer Meinung nach damit umgehen?" Wie ein Irrer schüttelte er den Kopf. "Tut mir schrecklich leid, Miss, aber meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Sie wissen, wie ich dazu stehe. Unter diesen Umständen ein Kind in die Welt zu setzen, ist Wahnsinn!"
Hermine ballte die Hände zu Fäusten. "Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Ich hätte mir etwas mehr Rückhalt von Ihnen erhofft."
"Und was genau soll das nun wiederum heißen?"
Hilflos zuckte sie mit den Schultern. "Sie sind doch hier der Professor! Wollen Sie denn gar nicht wissen, was mit dem Kind geschieht? Was es werden wird, wie es sich entwickelt ..."
Er riss entsetzt die Augen auf. "Ersparen Sie mir diese Tour! Es wird Dracos Aufgabe sein, sich darum zu kümmern."
"Oh, sicher doch", sagte sie sarkastisch. "Er wird bestimmt begeistert sein, wenn er davon erfährt, dass seine Frau das Kind eines anderen bekommt."
"Ganz meiner Meinung. Aber das war zu erwarten, Miss Granger. Immerhin haben Sie ihm damit den Hals gerettet."
"Ach kommen Sie, Snape! Wir wussten beide nicht, was wir tun sollen. Aber jetzt ... Jetzt hat sich alles geändert. Sie und ich, wir haben das zusammen zu verantworten."
Snape erstarrte. Er wirkte auf einmal noch blasser als sonst und Hermine wagte es, die Gelegenheit zu ergreifen, solange er so ratlos vor ihr saß.
"Was auch immer in den vergangenen Wochen und Monaten geschehen ist, es betrifft uns beide. Sie haben recht, Draco wird nicht erfreut sein. Da er aber selbst keine Lösung parat hatte, wird er es akzeptieren müssen. Er wird lernen müssen, damit umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Ebenso wie Sie."
Es wurde still. Sprachlos starrte er sie an. Dann, ganz langsam, nahm er seine Hände hoch und fuhr sich damit durch die Haare.
"Was haben Sie gesagt?"
Hermine nickte klamm. Woher sie auf einmal die Energie hatte, ihn so offen mit seinen Vaterpflichten zu konfrontieren, war ihr selbst ein Rätsel. Im Grunde genommen spielte es jedoch kaum eine Rolle, solange er nur nicht versuchen würde, sich aus der Affäre zu ziehen.
"Ganz recht. Es ist Ihr Kind, Professor. Und gleich, was Sie davon halten mögen, Sie waren einverstanden, sich darauf einzulassen. Kommen Sie also ja nicht auf die Idee, zu behaupten, ich hätte Ihnen das Kind heimlich untergejubelt. Sie wussten, was auf dem Spiel steht, schließlich hat man mir die Spur auferlegt. Vom Thema Verhütung ganz zu schweigen. Um sich also jetzt klammheimlich davon zu schleichen, ist es zu spät. Des Weiteren bin ich der Meinung, dass Draco nicht unbedingt erfahren muss, dass Sie Derjenige sind, der für ihn eingesprungen ist. Niemand sollte davon wissen, denn das Risiko, dass etwas nach außen durchsickert, ist zu groß. Wir können es uns nicht leisten, die Aufmerksamkeit des Ministeriums auf uns zu ziehen. Aber dass Sie so tun, als wären Sie außen vor, werde ich nicht akzeptieren."
Entgeistert schüttelte er den Kopf. "Ich lasse mich nicht von Ihnen zum Narren halten, Miss Granger! Was auch immer Sie also vorhaben, wird nicht funktionieren."
Sie blinzelte ihn an. "Wieso nicht?"
"Weil ich da nicht mitspiele. Es gäbe wohl kaum jemanden, der eine ungeeignetere Vaterfigur abgibt als ich."
"Das würde ich so nicht sagen. Sonst hätten Sie sich nicht solche Sorgen gemacht."
Er schnaubte. "Das alleine genügt aber nicht. Haben Sie schon darüber nachgedacht, was Sie dem Kind damit antun, wenn es eines Tages davon erfährt, dass es von mir ist? Selbst dann, wenn dieser Krieg vorbei sein sollte, hätten Sie in diesem Fall mit ungeahnten Schwierigkeiten zu kämpfen."
Ihr klappte die Kinnlade runter. "Aber ..."
Er sah sie so eindringlich mit seinen schwarzen Augen an, dass sie wieder verstummte. "Nein, Granger. Glauben Sie mir, es ist das Beste so. Niemand möchte in dieser Haut stecken. Am allerwenigsten Sie, denn es wird der Tag kommen, da wird es Fragen stellen, was ich mit Ihnen zu schaffen habe. Was wollen Sie ihm darauf antworten? Nehmen wir also nur einmal an, ich würde einen Kontakt zu dem Kind aufbauen, was wirklich mehr als gefährlich für alle Beteiligten wäre, dann kämen Sie nicht umhin, sich immer tiefer in Ihren Lügen zu verstricken."
„Heißt das, Sie wollen nichts damit zu tun haben? Es gar nicht sehen?"
Er senkte den Blick auf die Tischplatte. "Ich werde dann und wann gezwungenermaßen in Malfoy Manor zu Besuch sein. Vielleicht laufen wir uns dort über den Weg, sobald Sie Hogwarts verlassen haben. Irgendwann werde ich es also sehen, Granger. Doch keinesfalls dann, wenn es die ersten Schritte macht. Und auch nicht, wenn es in den Arm genommen werden will. Es wird allen als Dracos Kind bekannt sein. Nicht als meines."
Hermine schluckte zutiefst getroffen einen Schwall Tränen hinunter. "Das, was Sie soeben gesagt haben, ist eine unglaubliche Tragödie, Professor! Wie können Sie nur so etwas denken?"
Er setzte ein gequältes Lächeln auf. "Mag sein, Granger. Aber so ist es nun mal."
Von einem eisigen Schauder erfasst schüttelte sie sich. "Ich glaube, ich habe Angst. Ich kann das nicht!"
Er nickte ernst. "Doch, Sie können." Langsam schob er seinen Stuhl zurück und stand auf. Dann umrundete er den Tisch und hockte sich vor ihr an die Kante. "Sagen Sie ja nicht, Sie hätten etwas anderes erwartet, Granger", murmelte er unerwartet sanft.
Hermine sah bedrückt zu ihm auf und fand sich mit seinen durchdringenden Augen konfrontiert, die in diesem Moment mindestens ebenso verloren wie ihre eigenen wirkten.
"Ich hatte gehofft, wir würden eine andere Lösung finden. Ich hatte gehofft, der Krieg wäre zu Ende, wenn es soweit ist. Ich hatte gehofft ..."
Ungehalten heulte sie los und warf sich nach vorne, wo sie ihr Gesicht in den schwarzen Stoff seines Umgangs drückte. Wie ein hilfloses Kind klammerte sie dann die Arme um seinen Leib und schmiegte sich an ihn.
"Ich wollte das alles nicht, Professor ..."
Snape seufzte tief. Jede Berührung zwischen ihnen kostete ihn eine gehörige Portion Überwindung, dennoch ließ er sie gewähren.
"Der Krieg steht erst am Anfang, Miss Granger", murmelte er leise, während er ihr sanft mit den Fingern über das Haar strich.
