Call it bittersweet

Kapitel 22

Malfoy Manor

Das letzte Gespräch mit Snape lag schon eine Weile zurück und alles ging in Hogwarts wieder seinen gewohnten Gang. Hermine nutzte jede sich ihr bietende Gelegenheit, ihre Zeit mit Harry und Ron zu verbringen, um sich abzulenken. Draco zeigte ohnehin kein Interesse an ihr. So war es kein Wunder, dass er die Nachricht von der Schwangerschaft nach dem Motto „Es-ist-ja-nicht-mein-Kind" zur Kenntnis genommen hatte.

Obwohl sie sich vorgenommen hatte, Harry in ihre Schwangerschaft einzuweihen, hatte sie es bisher nicht getan und ihn mit einer billigen Ausrede abgespeist. Zum Glück schien er nichts zu merken, denn er stellte keine weiteren Fragen. Erst die Weihnachtsferien brachten neue Veränderungen mit sich. Gedankenverloren und einsam wanderte sie durch die Räumlichkeiten von Malfoy Manor und versuchte verzweifelt, dem riesenhaften Anwesen etwas Charme abzugewinnen. Wäre nicht alles so traurig gewesen, hätte sie bestimmt Gefallen an dem Blick auf den um das Herrenhaus großzügig angelegten Park gefunden, den die hohen Fenster offenbarten. So jedoch fragte sie sich, wie sie es schaffen sollte, in nicht allzu ferner Zukunft ganz hier zu wohnen. Ohne das bunte Treiben von Hogwarts, ohne Harry und Ron.

Die Besucher, die an diesen Tagen nach Malfoy Manor kamen, waren ausgewählt und hatten allesamt mit Voldemort oder dem Ministerium zu tun, ganz wie Hermine es vermutet hatte. Meist hatte sie nur wenig mit ihnen zu tun und blieb auf ihrem Zimmer, wann immer es ihr möglich war. Zu den Weihnachtsfeierlichkeiten im Kreise der Familie Malfoy jedoch gab es einige Überraschungen, als sowohl das Ehepaar Lestrange als auch Pius Thicknesse, ein Anhänger Voldemorts, der zugleich einen führenden Posten im Ministerium innehatte, zum Essen geladen waren. Hermine erschien es wie ein Schlag ins Gesicht, der Mörderin von Harrys Paten Sirius gegenüber zu sitzen, die sie mit tödlichen Blicken strafte. Am liebsten hätte sie ihr einen Fluch auf den Hals gejagt, da ihr aber keine andere Wahl blieb als auszuharren, musste sie wohl oder übel die Zähne zusammenbeißen und Bellas Anwesenheit stumm über sich ergehen lassen. Es war nicht schwer, zu erraten, wie unglaublich froh sie war, als sich der Abend endlich dem Ende zuneigte und sich die Lestranges verabschiedeten. Bald darauf stand auch Thicknesse auf und verneigte überzogen den Kopf.

"Das Essen war wie immer köstlich, Narcissa."

Ein strahlendes Lächeln legte sich über Mrs. Malfoys Gesicht, als hätte sie nur darauf gewartet, dass er das sagen würde. Vermutlich hatte Mr. Malfoy es längst aufgegeben, sie so zu hofieren.

"Vielen Dank, Pius. Ich werde es der Küche ausrichten. Zufriedene Gäste sind ein Segen für unser Haus."

Hermine unterdrückte mit Mühe und Not ein Augenrollen. Was hätte sie drum gegeben, jetzt mit Ron und seiner Familie beisammen sitzen zu können und sich genüsslich über Draco und seine Eltern auszulassen!

Als Pius dann gegangen war, lockerte Lucius angestrengt die obersten Knöpfe seines Hemds. Er wirkte schweißgebadet.

"Bellas Wink mit dem Zaunpfahl war offensichtlich. Ihr wisst, was das zu bedeuten hat?", herrschte er seine Familie an. Hermine ließ er dabei außen vor, woraufhin sie sich klammheimlich von ihrem Platz am Tisch entfernte und zu einem Lehnsessel am offenen Kamin verschwand.

Narcissa legte beruhigend ihre Hand auf seinen Arm. "Das war zu erwarten, Lucius."

Draco schluckte und wurde dabei in seinem Stuhl immer kleiner, als würde er sich nicht sonderlich wohl fühlen.

"Mach nicht so ein Gesicht, Draco", mahnte Lucius streng. "Die Veranstaltung findet allein zu deinen Ehren statt."

Draco verzog weinerlich die Mundwinkel. "Das alles wäre nie geschehen, wenn du im Zaubereiministerium nicht so kläglich versagt hättest, Vater."

"Draco! Ich verbitte mir, dass du so über deinen Vater sprichst!"

Der junge Mann jedoch zuckte gelangweilt mit den Schultern, fast so, als hätten sie diese Diskussion schon dutzende Male geführt. "Ist doch wahr! Wenn er ihm die Prophezeiung gebracht hätte, wären wir jetzt alle fein raus."

Lucius hüstelte verhalten. "Wir werden ja sehen, wie du dich anstellst, mein Sohn. Vor dir liegt eine große Aufgabe. Ich hoffe, du weißt genau, was du zu tun hast."

"Keine Sorge, Dad. Ich krieg das schon geregelt."

"Hoffentlich."

Hermine spitzte die Ohren. Entweder kümmerte es keinen der Anwesenden, dass sie zuhörte, oder es war ihnen schlicht und ergreifend egal, da sie sich als treue Anhänger Voldemorts auf der siegessicheren Seite wähnten.

Lucius räusperte sich. "Wie dem auch sei, dieser Abend wird ein historisches Treffen, zu dem die führenden Vertreter unserer Gesellschaft zugegen sein werden. Das ist ein bedeutsamer Moment für uns alle."

Hermine, die nicht länger an sich halten konnte und mit vor der Brust verschränkten Armen aus ihrem Lehnsessel hervorlugte, hatte genug von dem Gesülze. Auch die Tatsache, dass sie so rigoros ignoriert wurde, behagte ihr nicht sonderlich, da war es kein Wunder, dass sie innerlich vor Wut kochte.

"Voldemort wird also ein Treffen mit seinen Todessern hier abhalten", warf sie unerwartet ein.

Alle starrten sie an.

"Nicht wahr?"

Lucius legte langsam den Kopf schief und sagte spitz: "Ja, Miss Granger, so ist es."

Hermine schnaubte, stand auf und steuerte zielgerichtet auf den Tisch zu, wo sie neben Dracos Stuhl zum Stehen kam.

"Müssen wir denn wirklich länger um den heißen Brei reden? Warum nennen Sie die Dinge nicht beim Namen? Wenn Voldemort herkommt, werden wir ihn empfangen. Ob ich dabei anwesend bin oder nicht, wird wohl kaum eine Rolle spielen, nicht wahr?"

Narcissa rümpfte die Nase. "Freches Gör! Was fällt dir ein, so zu reden?"

Hermine legte mit gespielter Unschuld eine Hand auf Dracos Schulter, der sie kritisch beäugte. "Ich bin sicher, es wäre leichter für uns alle, wenn ich diesem Treffen nicht beiwohne. Bestimmt bin ich nur eine Belastung für Sie."

Lucius nickte erhaben. "In der Tat, Miss Granger. Doch leider sieht der Dunkle Lord die Dinge ein wenig anders. Er rechnet fest damit, Sie endlich kennenzulernen."

Hermine starrte ihn fassungslos an. "Das kann unmöglich Ihr Ernst sein!"

Er blickte leidig zurück. "Ich hoffe, Sie verstehen, wie bedeutungsvoll dieses Ereignis für die Familie ist, Granger. Wir alle rechnen fest damit, dass Sie einen glänzenden Eindruck auf ihn machen werden und ihn voll und ganz zufriedenstellen."

Hermine wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Am liebsten hätte sie lauthals aufbegehrt, wäre da nicht der plötzliche Gedanke an Snape gewesen. Wie aus dem Nichts machte sich eine ungeheure Sehnsucht nach ihm in ihr breit. Ein Hoffnungsschimmer, der ihr Antrieb gab und sie davon abhielt, sich weiter in Schwierigkeiten zu stürzen. Vielleicht würde sich ja endlich eine Gelegenheit ergeben, ihn ungestört zu treffen. Sie wollte es unbedingt; wollte so dringend mit ihm reden, das es schon fast schmerzte. Zu lange hatte sie das Bedürfnis, sich mit ihm auszutauschen, verdrängt, schließlich war er der Einzige, der von ihren Sorge wusste. Vor allem aber wurde ihr klar, dass sie alles tun musste, um zu verhindern, dass Voldemort diese Lüge herausfinden konnte.

Noch während sie in ihren Gedanken versank, schob Draco energisch ihre Hand beiseite und stand auf.

„Ihr entschuldigt mich. Ich habe genug für heute."

Narcissa und Lucius entgegneten nichts dazu und Draco nutzte die Gelegenheit, Hermine näher ins Visier zu fassen.

„Ich weiß ja nicht, mit wem du es getan hast, Granger", flüsterte er ihr im Vorbeigehen ins Ohr. „Aber eines ist klar: Sollte er dahinterkommen, dass du ihn aufs Kreuz gelegt hast, wirst du dir wünschen, nie geboren worden zu sein."

Hermine stutzte. Dass er von Voldemort sprach, war keine Frage. Wenigstens in diesem Punkt stimmte sie mit Draco überein.