Call it bittersweet

Kapitel 23

Mutmaßungen

Bisher war nach außen hin noch nichts von ihrer Schwangerschaft zu sehen und auch sonst fühlte sie sich nicht so, als würde sie ein Kind in sich tragen. Das Einzige, was sie seit jenem Tag in Snapes Klassenzimmer begleitete, war das nagende Gewissen, ähnlich einer unguten Vorahnung in der Bauchgegend, wenn man einfach wusste, dass irgendetwas Ungewolltes vor sich ging. Etwas, das man am liebsten ausgeblendet oder umgangen hätte. Von diesem Gewissen geleitet ließ sie sich dazu herab, Draco in seinem Zimmer aufzusuchen. Wenn möglich hatte sie sich immer davor gedrückt, denn ihr Gatte hatte eine für ihren Geschmack ziemlich übertriebene Wohnung im rechten Seitenflügel des Anwesens zur Verfügung, die größer als Hermines gesamtes Elternhaus war.

„Was willst du, Granger?"

„Wir müssen reden, Draco", sagte sie ernst. Dass auch er nicht begeistert davon war, sie zu sehen, stand außer Frage.

Mit den Augen rollend trat er beiseite und Hermine schlüpfte durch die Tür ins Innere.

„Weißt du", begann sie vorsichtig, „was du neulich gesagt hast, ist nicht ohne."

Er zuckte mit den Schultern und ließ sich auf seinem riesengroßen Ledersofa nieder. „Ach ja?"

Hermine nickte und setzte sich zu ihm. „Wir müssen vorsichtig sein. Wenn wir nicht aufpassen, fliegen wir am Ende noch auf."

„Und was hat das mit mir zu tun? Du hast doch bisher keinen Wert auf meine Meinung gelegt, als du mich hintergangen hast."

Hermine holte Luft. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich jetzt mit ihm zu streiten. „Ich dachte, das hätten wir geklärt", sagte sie entschuldigend.

„Mag sein. Trotzdem gefällt mir die Vorstellung nicht sonderlich, von dir wie ein Idiot behandelt zu werden, Granger."

Entgeistert starrte sie ihn an. „Warum sagst du das, Draco? Du konntest mich nie leiden, also ..."

„Ganz recht. Ich konnte dich nie leiden", stieß er zähneknirschend aus.

„Wo ist dann dein Problem?"

Er schnaubte. „Ist dir nicht klar, was die mit uns machen, wenn das rauskommt? Wie stehe ich denn dann da?"

Hermine runzelte die Stirn. „Immerhin lebst du noch, Draco."

„Ja, die Frage ist nur, wie lange. Ich hab keine Lust darauf, den Ersatzvater für dein Baby zu spielen. Raffst du es endlich?"

„Willst du damit etwa sagen, es wäre dir lieber gewesen, sie hätten uns in Askaban den Dementoren vorgeführt? Du weißt, dass die im Ministerium keinen Spaß verstehen."

„Und wenn schon! Dann wäre es vielleicht schon längst vorbei."

Noch während sie ihn und sein sorgenvolles Gesicht betrachtete, wurde ihr bewusst, dass sie vor nicht allzu langer Zeit ebenso gedacht hatte, was ihr nur zu deutlich erklärte, welche Angst er hatte.

Zaghaft nickte sie. „Ich weiß genau, was in dir vorgeht. Glaub mir. Dasselbe habe ich auch schon hinter mir. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich tun soll und verbissen nach einem Ausweg gesucht. Doch so sehr ich auch gewollt hätte, dass ein Wunder geschieht, es blieb aus. Der einzige Weg, den ich gefunden habe, war der, das Ministerium auszutricksen."

„Und mich obendrein", murmelte er anschuldigend dazwischen.

Hermine blinzelte. Dass es ihn tatsächlich so mitnehmen würde, dass sie ihn hintergangen hatte, hätte sie im Traum nicht gedacht.

„Versteh mich nicht falsch, Draco, aber nach allem, was zwischen uns war, bin ich mir nicht sicher, ob es dir nur um dein Ansehen geht oder ob noch was anderes im Spiel ist."

Er sah sie mit finsterem Blick an. „Spielt das jetzt noch eine Rolle? Du hast mich eiskalt betrogen!"

„Nun mach aber mal halblang! Du tust ja glatt so, als wären wir zusammen ... Was wir eindeutig nicht sind."

„Schnallst du es echt nicht, Granger?", fragte er gereizt. „Wenn das je rauskommt, bin ich ruiniert."

Hermine seufzte. „Keine Sorge, es wird nicht rauskommen. Jedenfalls nicht, wenn ich es verhindern kann. Und genau deshalb bin ich hergekommen. Ich wollte mit dir über unseren bevorstehenden Abend mit Voldemort reden."

Endlich hatte sie seine Aufmerksamkeit zurückerlangt. „Wenn du eine Lösung von mir willst, muss ich passen. Aber wie ich dich kenne, hast du bestimmt schon einen Plan B in deinem Hinterkopf, wie du mich hintergehen kannst."

Hermine biss sich auf die Lippe. Genau das hatte sie befürchtet.

"Was hältst du davon, wenn Snape mich in Okklumentik unterrichten würde?", schlug sie wie beiläufig vor.

"Wieso sollte er das tun?", fragte Draco ahnungslos. Natürlich hatte er keinen Schimmer davon, dass Snape Harry einst Unterricht darin gegeben hatte, schließlich sollte die Welt nichts davon erfahren. Der Professor selbst hatte Draco damals angelogen und ihm erklärt, dass Harry Nachhilfestunden in Zaubertränke erhalten sollte.

"Er ist ein Hogwarts-Professor", legte Hermine ungerührt von seiner Skepsis los. "Ich gehe mal stark davon aus, dass er das kann. Und immerhin steht er ganz gut mit deiner Familie. Was soll also dagegen sprechen?"

Draco zuckte gleichgültig mit den Achseln. "Von mir aus. Ihr könnt es ja mal versuchen. Wenn ich ihn sehe, werd ich ihn fragen."

Erleichtert atmete sie auf. Das war einfacher gewesen, als sie gedacht hätte. Jetzt blieb nur noch zu hoffen, dass Snape darauf eingehen würde.

xxx

„Danke, dass Sie gekommen sind, Professor", sagte Hermine aufrichtig, als sie hinter ihm die Tür zur Bibliothek von Malfoy Manor schloss. Neben ihrem Zimmer war es der einzige Raum des gesamten Anwesens, der wenigstens halbwegs vertraut auf sie wirkte. Snape hingegen sah keinesfalls so aus, als sei er angetan davon, ihretwegen hier antanzen zu müssen.

„Ich habe es nicht für Sie getan, Granger, sondern für Draco", bestätigte er prompt. „Wehe, es ist nicht wirklich wichtig."

Hermine schüttelte ihre Lockenmähne und versuchte, seinen Kommentar zu ignorieren, obwohl er ihr eindeutig einen Stich versetzte. Verlegen führte sie ihn zu einer gemütlichen Sitzgarnitur, wo sie beide gegenüber voneinander Platz nahmen.

„Glauben Sie mir, es ist wichtig. Sonst hätte ich nicht mit Draco darüber geredet."

Snape zog kommentarlos die Brauen zusammen. Sein Ausdruck hatte etwas Abschätziges an sich, das Hermine das ungute Gefühl gab, er würde der Einladung nicht so ganz trauen.

Unbeholfen räusperte sie sich. „Ähm, kann ich Ihnen etwas zu Trinken anbieten?"

Er schüttelte den Kopf und schlug die Beine übereinander. „Wie wäre es, wenn Sie einfach anfangen? Je eher Sie fertig sind, umso schneller kann ich wieder verschwinden."

Hermine seufzte. „Ich kann verstehen, dass Sie nicht gerade begeistert sind, mich zu sehen, glauben Sie mir. Und bevor ich es vergesse, Sie können unbesorgt sein. Ich habe den ganzen Tag damit zugebracht, den Raum vor ungebetenen Zuhörern zu sichern. Wir können also ungestört miteinander reden - man kann ja nie wissen ..." Ein flaches Lächeln tauchte auf ihrem Gesicht auf, das er jedoch keinesfalls erwiderte und so plapperte sie weiter. „Tja, es sieht fast so aus, als wären wir noch nicht ganz fertig miteinander, Professor. Sie können sich nicht vorstellen, wie das Leben hier ist. Ich fühle mich so unglaublich einsam, dass ich kaum weiß, wie ich es hier aushalten soll. Die Malfoys sind sehr abweisend mir gegenüber. Und Draco ... Nun, Sie wissen ja selbst, dass wir noch nie sonderlich viel miteinander anfangen konnten."

Snape sah sie stocksteif an. „Würden Sie bitte zum Punkt kommen?"

Verunsichert klemmte sie ihre Lippe zwischen die Zähne. „Also, wie Sie sicher wissen, findet in wenigen Tagen ein Treffen mit Voldemort und seinen Anhängern in Malfoy Manor statt."

Erst jetzt kehrte scheinbar das Leben in ihn zurück. „Ich habe davon gehört", äußerte er süffisant.

„Ja, das dachte ich mir. Und genau da liegt unser Problem. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Wie soll ich das durchstehen? Sobald er auch nur in meiner Nähe ist, wird er merken, dass alles nur eine Lüge war. Ich bin nicht besonders gut darin, mich und meine Gefühle zu verstellen, Professor. Und genau deshalb brauche ich Ihre Hilfe."

Snape atmete tief ein. „Ich kann mir schon denken, worauf Sie hinauswollen. Aber um Ihnen Okklumentik beizubringen ist es zu spät. Den Dunklen Lord auszuspielen erfordert viel Disziplin und jahrelange Erfahrung."

Hermine schluckte. So etwas Ähnliches hatte sie befürchtet. „Und was machen wir dann? Nichts?"

Er zuckte mit den Schultern. „Beten Sie, dass er Ihnen nichts anhaben wird."

Sie schauderte beim tiefen Klang seiner Stimme. „Das ist nicht komisch, Professor."

„Nein, ist es nicht. Aber wie es aussieht, bleibt Ihnen nichts anderes übrig. Die Chancen, dass er Sie in Ruhe lässt, stehen ebenso hoch wie die, dass er in wenigen Momenten Ihren Geist zertrümmert."

„Meinen Sie? Woher wollen Sie das wissen?"

„Erstens kenne ich ihn. Zweitens hoffe ich einfach, dass dem so ist, Miss Granger. Der Dunkle Lord ist kein Dummkopf. Er weiß genau, was auf dem Spiel steht, wenn er Ihnen oder Ihrem Körper Schaden zufügt."

„Wieso sind Sie sich da so sicher?"

„Weil Sie schwanger sind und jeglicher Einfluss von außen schädlich für den Fötus wäre. Wir leben zwar in einer Welt voller Magie, ein ungeborenes Baby jedoch, das sich in diesem frühen Stadium der Entwicklung befindet, kann nicht einmal er in einen anderen Wirtskörper verpflanzen."

Hermine schluckte. „Soll das heißen, Sie spielen auf Vermutungen an?"

„Ich habe ihn über viele Jahre hinweg beobachtet. Es gibt nichts und niemanden, das ihm etwas bedeutet mit Ausnahme seiner Schlange."

„Schön für uns. Dann hat wenigstens sie eine sichere Zukunft vor sich, denn so wie ich ihn einschätze, ist es ihm recht herzlich egal, was aus mir oder dem Baby wird."

„Finden wir es heraus. Mehr können wir nicht tun. Zum Glück für uns ist er auf die Vorstellung fixiert, einen Erben hervorzubringen, der die Zukunft der Zauberer in der Hand haben wird. Da er selbst nicht am weiblichen Geschlecht interessiert ist, vertieft er seine Pläne dahingehend, andere für sich arbeiten zu lassen. In unserem Fall wären das Sie und Ihr Mann."

„Sie meinen, Sie und ich", warf sie energisch ein.

Snape verzog das Gesicht. „So könnte man es ausdrücken. Jedenfalls heißt das, er wird Ihnen nichts anhaben, solange Sie keinen Verdacht erregen. Sehen Sie ihm also nicht direkt in die Augen. Und vermeiden Sie es auf jeden Fall, aufsässig zu erscheinen."

Hermine runzelte die Stirn. "Was soll das nun wieder heißen?"

"Genau das meinte ich. Stellen Sie keine dummen Fragen. Lassen Sie ihn reden, was und worüber er möchte. Das bedeutet, was auch immer er sagt, darf nicht infrage gestellt werden. Am besten, Sie überlassen anderen das Reden. Sie sind nur Mittel zum Zweck. Sie dienen ihm zur Erfüllung seines Ziels. Andernfalls sind Sie schneller tot, als Sie auch nur an Ihren Zauberstab denken können."