Call it bittersweet

Kapitel 24

Spiel auf Zeit

Hermine blickte ratlos in sein emotionslos wirkendes Gesicht. Wenn das stimmte, was er gesagt hatte, konnte sie nur darauf hoffen, dass Voldemort sie nicht eingehender prüfen würde.

„Warum haben Sie mir das vorenthalten, obwohl Sie wussten, dass uns ein solches Treffen bevorsteht?"

Snape sah sie eindringlich an. „Weil ich nichts mehr für Sie tun kann. Selbst wenn wir es mit Okklumentik-Unterricht versuchen würden, wäre das Risiko für den Fötus zu groß. Wollen Sie vielleicht, dass alles umsonst war, Granger? Ihre Leiden, Ihre Mühen? Wofür?"

Bedrückt schüttelte sie den Kopf. Die Anspannung, die sie seit geraumer Zeit mit sich herumgetragen hatte, machte sich immer deutlicher bemerkbar. „Und was ist mit dem Rest? Ich hatte so sehr gehofft, Sie zu sehen, Professor. Der Gedanke, dass Sie nichts mit dem Baby zu tun haben wollen, erdrückt mich." Sein Blick verhärtete sich, doch Hermine überging es einfach und fuhr fort. „Dieses Kind wird etwas Gutes sein. Sie dürfen es nicht verstoßen."

„Das ist zum Teil vielleicht sogar richtig", sagte er mit eng aufeinander gepressten Lippen. „Genau deswegen darf es nicht mit mir in Verbindung gebracht werden. Es wird es wesentlich leichter haben, wenn es das ist, wofür alle es halten."

Hermine fröstelte am ganzen Leib. „Das kann ich nicht zulassen", sagte sie entschieden. „Sie verdienen es, Professor."

Er beugte sich zu ihr vor und nahm sie bei den Schultern. „Hören Sie zu. Es war nie die Rede davon, dass ich als Vater für das Kind einstehen würde. Und das wird auch nicht passieren, ganz gleich, wie oft Sie versuchen, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Sie müssen das jetzt durchziehen. Das ist Ihre Chance. Draco wird vielleicht nicht der geeignetste Vater sein. Aber er wird die Verantwortung dafür übernehmen müssen, wenn er nicht auffliegen will."

„Aber was wird dann aus Ihnen?"

Ein unsicheres Lächeln tauchte plötzlich auf seinen Lippen auf, während ihre Worte in der Luft hingen. „Wir hatten eine Abmachung, Granger. Niemand darf wissen, dass es von mir ist."

Hermine schluchzte leise auf. „Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Können Sie denn nicht einmal über Ihren Schatten springen und etwas tun, das mir Zuversicht gibt? Was soll aus mir werden, Professor?"

Snape umfasste mit seinen Fingern ihr Kinn und sah ihr mit einem gequälten Ausdruck auf seinem zerfurchten Gesicht in die Augen. „Ich kann Ihnen nicht mehr geben. Verstehen Sie das denn nicht?"

Sie zog die Nase hoch. „Nein, das verstehe ich ganz und gar nicht! Wir haben uns geküsst. Und jetzt sitzen Sie hier und sagen mir, dass das alles war? Aber was ist, wenn ich das nicht will? Was ist, wenn ich will, dass Sie der Vater meines Kindes sind und Sie selbst die Verantwortung dafür übernehmen, so wie Draco es tun sollte?"

Er sperrte den Mund auf. „Sie wissen nicht, was Sie da sagen!"

„Ach nein? Wieso nicht? Wieso glauben Sie immer, dass Sie im Recht sind und ich im Unrecht bin? Wieso können Sie nicht zu mir halten und das gemeinsam mit mir durchstehen? Sehen Sie denn nicht, dass ich Angst habe?"

Eine Weile lang sahen sie sich lediglich an. Dann schluckte er. „Weil es nicht geht. Mehr gibt es nicht dazu zu sagen."

Hermine schob schwungvoll seine Hand beiseite. „Dann will ich nicht so weitermachen. Ich will nicht diese Lüge leben, Professor. Weil ich nicht so bin. Ich bin kein Lügner!"

Er nickte matt. „Das weiß ich. Aber was wollen Sie dann tun? Wie wollen Sie der Welt erklären, was Sie getan haben, ohne dafür belangt zu werden? Wie wollen Sie bestehen, wenn Sie dafür umkommen? Öffnen Sie die Augen! Das hier ist die Realität. Sie werden mit Draco auf Malfoy Manor leben und tun, was man von Ihnen verlangt. Andernfalls sterben wir alle."

Der verzweifelte Ausdruck, der nun in seinen Augen lag, trieb ihr die Tränen in die Augen. Unbeholfen blinzelte sie ihn an, doch Snape ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Denken Sie darüber nach, Granger, was für uns alle auf dem Spiel steht, bevor Sie noch einmal so etwas sagen, verstanden? Es geht hier nicht mehr nur um Sie oder um Draco oder um mich. Es geht um das Kind, das in Ihnen heranwächst, während Sie sich aufgeben. Doch wofür? Wofür wollen Sie es riskieren, vom Dunklen Lord selbst oder einem seiner Anhänger getötet zu werden?"

Mit trockener Kehle antwortete sie: „Für Sie, Professor. Ich würde es für Sie tun. Weil Sie es verdienen, als der dazustehen, der Sie wirklich sind. Als der Vater meines Kindes. Als der Mann, der bereit war, sich selbst aufzugeben, um mir zu helfen."

Snape schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich habe es nicht für Sie getan", murmelte er leise. „Alles, was geschehen ist, war ein Spiel auf Zeit. Ich habe es getan, weil ich es tun musste. Wegen des Schwurs. Wegen Draco."

Sie nickte matt. „Das weiß ich. Und dennoch war da so ein Moment, in dem ich gespürt habe, dass alles anders ist. Und keine Zeit der Welt kann mir das nehmen. Verstehen Sie? Keine! Sie sind es gewesen, der für mich da war. Nicht Draco oder sonst wer. Sie waren es. Und genau deshalb hat sich etwas geändert. Das ist der Grund, Snape. Sie sind der Grund."

Er nahm die Hände hoch und fuhr sich damit durch die Haare. „Dennoch werden wir tun, was wir tun müssen, Granger. Denken Sie an Ihr Kind. Denken Sie daran, dass es nicht wollen würde, dass Sie meinetwegen aufgeben."

Sie sah ihn mit wässrigen Augen an. „Es würde ebenso wenig wollen, dass wir eine Lüge leben, Professor. Und wagen Sie ja nicht, zu behaupten, ich wäre Ihnen gleichgültig! Weil ich weiß, dass dem nicht so ist."

Mit bebendem Brustkorb saß er vor ihr und starrte sie an. „Selbst wenn dem so wäre, hätten wir keine Chance, die Welt davon zu überzeugen, dass wir ein Recht darauf haben, uns das einzugestehen."

Hermine erzitterte am ganzen Körper. Wortlos blickte sie in sein Gesicht und hoffte, dass er irgendetwas tun würde, um sie von ihrem Leid zu erlösen.

Snape seufzte. „Hören Sie zu. Was geschehen ist, birgt auch ohne die Auflagen des Ministeriums hohe Risiken in sich. Es steht mir nicht zu, Ihnen zu nahe zu kommen, geschweige denn, etwas anderes als meine Schülerin in Ihnen zu sehen."

Sie nickte. „Das weiß ich, Sir."

Er senkte abwesend den Blick und es wurde still zwischen ihnen. Sie konnte an nichts anderes denken als an das unruhige Heben und Senken seines Brustkorbs, der vor ihr aufragte. Dann, vollkommen unvermittelt, sah er sie wieder an.

„Sehen Sie zu, dass Sie diesen Abend, der vor uns liegt, überleben werden. Verstanden?"

Zutiefst durcheinander blinzelte sie. „Ja, Sir."

Snape wippte mit dem Kopf. „Gut. Ich muss jetzt gehen. Wir sehen uns dort."

Hermine fiel die Kinnlade hinunter, als er aufstand. „Professor!", rief sie hilflos aus und warf sich nach vorne an seine Brust. Sofort spürte sie, dass er sich versteifte. Doch kurz darauf legte er die Arme um sie und drückte sie an sich.

„Viel Glück, Granger."

Damit gab er ihr einen flüchtigen Kuss aufs Haupt und löste sich dann von ihr los. Hermine kam es vor wie ein weiterer, extrem bitterer Abschied, den sie von ihm nehmen musste, während sie in diesem Haus gefangen war und nicht wusste, was ihr bevorstand.