Call it bittersweet
Kapitel 26
Justice
„Du dachtest, du könntest damit umgehen."
Snape wickelte wortlos die Enden seines Umhangs um den Leib. Die angespannte Stimmung, die im Büro des Schulleiters herrschte, spiegelte sich deutlich auf seinem fahlen Gesicht wider.
Dumbledore seufzte. "Warum bist du nicht gleich zu mir gekommen? Vielleicht hätten wir …"
Er kniff die Brauen zusammen und bellte: "Wir hätten was? Sie nach Askaban schicken sollen? Oder einen anderen Befleckten um Hilfe bitten sollen, dass er es tut?"
Sein Gegenüber sah ihn finster an. "Nimm dich zusammen, Severus. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie aufzugeben, anstatt dich in diese Sache zu verstricken."
Snape starrte ihn ungläubig an. "Das ist nicht Ihr Ernst", sagte er zutiefst getroffen. "Wird denn Ihre Suche nach dem Größeren Wohl nie ein Ende nehmen? Wie viele Menschen wollen Sie noch opfern?"
"Nur die, die wir nicht retten können. Und damit meine ich ebenso dich und mich."
"Und woher, Sagen Sie mir, woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel?", fragte er süffisant und mit funkelnden Augen. "Haben Sie mir nicht neulich erst geraten, mich zu diesem Kind zu bekennen, Schulleiter?"
"Das ist richtig. Ich bin nicht gewillt, diesen Krieg auf dem Rücken eines unschuldigen Lebewesens auszutragen, das noch nicht einmal geboren ist."
"Miss Granger hingegen schon", warf der dunkle Zauberer energisch ein.
"Ja. Doch sie hat sich selbst dazu entschlossen, ihren Weg zu gehen, als sie sich Harry zugewendet hat." Er sah Snape eindringlich über den Rand seiner Brille hinweg an. "Verstehst du jetzt den Unterschied? Wir wählen unseren Weg in dem Moment, in dem wir eine Entscheidung fällen."
"Das ist noch lange kein Grund, über ihr Leben zu richten."
Dumbledore legte interessiert den Kopf schief. "Du solltest am besten wissen, was es heißt, jemanden zum Tode zu verurteilen."
Snape zuckte wie von Schmerz durchzogen zusammen. Sein ganzer Körper verkrümmte sich bei der Vorstellung an die Gräueltaten, die er in Voldemorts Auftrag begangen hatte. "Allerdings. Genau deshalb konnte ich sie nicht aufgeben."
Eine eigentümliche Stille breitete sich zwischen ihnen aus, bis es Snape zuwider wurde und er sich von seinem Stuhl erhob.
"Ich sollte dann gehen", drang seine tiefe Stimme wie eine trockene Tatsache durch den Raum.
Dumbledore seufzte. „Ja, das solltest du. Gib auf dich acht. Was auch immer an diesem Abend geschieht, du darfst dich nicht von ihm reizen lassen. Denk daran. Er könnte versuchen, deine Pflichten, die du ihr gegenüber als Lehrer hast, auf die Probe zu stellen. Doch deine Aufgabe, dich um Hogwarts zu kümmern, ist wichtiger als alles andere. Harry braucht dich."
Snape schnaubte leise. "Habe ich ihn jemals im Stich gelassen, Albus? War ich je nicht zur rechten Zeit an Ort und Stelle, wenn er sich in Schwierigkeiten gebracht hat?"
Dumbledore sah ihn streng an. "Das war, bevor du ein Kind gezeugt hast."
Snapes Haltung versteifte sich schlagartig. "Was soll das heißen? Dass ich nicht mehr länger in der Lage bin, Entscheidungen zu treffen?"
"Es soll heißen, dass du Miss Granger gegenüber eine Verantwortung eingegangen bist, die vollkommen neu für dich ist und die alles bisher dagewesene übersteigt. Was auch immer geschehen wird, dieses Kind ist dein eigen Fleisch und Blut. Harry ist es nicht."
Auf dem Gesicht von Snape tauchten zornige Falten auf. "Sagen Sie mir nicht, ich wäre von meinem Weg abgekommen, Schulleiter", zischelte er seinen Vorgesetzten an.
Dumbledore zuckte mit den Schultern. "Es wäre nicht das erste Mal, dass das geschieht."
Wütend wirbelte Snape herum und stürmte aus dem Büro. Den ganzen Weg durch das Schloss bis hinunter in die Kerker brodelte es in seinem Inneren. Wie konnte der alte Mann nur so denken? Nach all den Jahren, die er im Dienst für ihn geopfert hatte, zweifelte sein Mentor immer wieder an seiner Loyalität. Hatte er denn nicht bereits zur Genüge bewiesen, wozu er bereit war, um Potters Überleben zu sichern? Musste Dumbledore ihn immer wieder auf die Probe stellen?
Die wütende Flamme in ihm war so gewaltig, dass er ungehalten mit einem Schüler kollidierte, der aus dem Klassenzimmer für Zaubertränke geschlurft kam.
"Potter!", knurrte er. "Was tun sie hier? Sollten Sie nicht bei den Weasleys sein?"
Harry nickte unbeholfen. "Das war ich, Sir. Doch Professor Dumbledore hat mir die Erlaubnis gegeben, zurückzukommen." Snape sah ihn so durchdringend an, dass Harry das Gefühl nicht loswurde, er würde nur darauf warten, eine Lüge zu enttarnen. Erst nach einigen Sekunden entspannte sich die tiefe Falte zwischen seinen Brauen und Harry wagte wieder zu atmen.
"Verstehe", murmelte der Professor abwesend. Jedes Mal, wenn er den jungen Mann sah, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. "Und? Was tun Sie hier unten in den Kerkern?"
"Ich war auf der Suche nach Professor Slughorn, Sir."
Snape schnaubte leise. "Dann sollten Sie in seinem Büro nachsehen. Das Betreten der Unterrichtsräume ist während der Ferien nicht gestattet. Ich werde Ihnen dafür zehn Hauspunkte abziehen, schließlich sind Sie nicht erst seit gestern hier."
Harry öffnete den Mund, um dagegen zu protestieren, doch auf Snapes Gesicht tauchte ein eigenartiges Grinsen auf, das ihm nur zu deutlich sagte, dass der Professor keineswegs in Stimmung war, mit ihm darüber zu diskutieren.
"Was, Potter? Finden Sie das etwa ungerecht? Ich denke nicht, dass ich mich jedes Mal aufs Neue vor Ihnen wiederholen muss. Sie sind ein notorischer Regelbrecher. Sollte ich Sie also während der Ferien noch einmal hier unten erwischen, können Sie sich darauf gefasst machen, bis zum Ende des Schuljahres damit zuzubringen, Slughorns Vorratskammern in Ordnung zu halten. Es ist ein Jammer, wie fahrlässig manche Kollegen mit den Unterrichtsmaterialien umgehen."
Harry ließ trübsinnig die Hände in den Taschen seines Sweaters verschwinden und suchte das Weite. Snape hingegen verschwand mit deutlicher Genugtuung in seiner Wohnung.
Kaum dort angekommen, steuerte er auf das Schlafzimmer zu, nahm den Umhang von den Schultern und warf ihn auf das Bett. Nachdenklich schob er seine Hände durch die langen Strähnen.
Wie er diesen Abend in Miss Grangers Gegenwart überstehen sollte, war fraglich. Nicht das Ritual, vor seinem Herrn in die Knie zu gehen, machte ihm Sorgen, obgleich es es hasste, sich demütigen zu lassen, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Es war ihr fragender Blick, mit dem er nicht umgehen konnte. Dass sie sich Hoffnungen machte, irgendwie aus dieser ausweglosen Situation auszubrechen, indem sie versuchte, ihn auf ihre Seite zu ziehen - mithilfe des ungeborenen Kindes. Doch das würde nicht passieren. Womöglich war sie vielleicht sogar so naiv, in ihm ihren Retter zu sehen, der sie in eine andere Welt entführen würde, in der es keinen unbarmherzigen Krieg gegen die Menschlichkeit gab. Eine Welt voller Wunder und Harmonie.
Der Anblick seiner dünnen zittrigen Finger holte ihn unsanft in die Realität zurück. Die Spuren seines Lebenswandels machten ihm schwerer zu schaffen, als er es sich eingestehen wollte; seine körperliche Konstitution war nicht mehr die von einst. Er wurde älter und mit jedem Jahr weniger belastbar. Das Einzige, wonach er sich sehnte, war Schlaf. Doch daran war nicht zu denken.
Er gähnte wie auf Kommando und öffnete den Schrank. Schnell fand er ein frisches Hemd. Zum Duschen jedoch war keine Zeit, also schälte er sich so hinein. Fertig. Wenn er heute sterben sollte, konnte er es nicht verhindern. Er war es leid, eine Marionette zu sein, die auf den Befehl anderer tanzen musste. Weder Dumbledore noch Voldemort konnte sich ausmalen, was in ihm vorging. Erst recht nicht Miss Granger. Egal, ob sie nun sein Kind in sich trug oder das eines anderen.
