Call it bittersweet
Kapitel 28
Sweet escape
Ein schwarzer Schatten bewegte sich von einem sanften Rascheln gefolgt über den breiten Kiesweg, der vom Herrenhaus der Malfoys abführte. Hermine wusste sofort, dass es sich um Snape handelte. Seine Erscheinung war unverwechselbar.
Gebannt wartete sie, bis er in ihrer Nähe war, dann fasste sie all ihren Mut zusammen und trat aus ihrem Versteck.
"Professor?"
Snape hatte seinen Zauberstab gezückt, noch ehe sie ausgesprochen hatte.
"Granger", entgegnete er unfreundlich. "Was tun Sie hier?"
Hermine biss sich auf die Zunge. "Ich wollte Sie sehen, Sir."
Er presste die Lippen zu schmalen Linien zusammen und steckte den Zauberstab weg. "Gehen Sie zurück ins Haus, bevor man Sie noch entdeckt."
Sie holte Luft. "Das werde ich erst tun, wenn Sie mich angehört haben."
Snape machte einen Satz nach vorn, packte sie an den Schultern und schob sie unter das Vordach des Gartenhäuschens, wo sie vor neugierigen Blicken geschützt waren.
"Sie sind noch viel törichter als ich angenommen habe, Granger. Ich habe keine Lust auf Spielchen. Wenn Sie also verhindern wollen, dass ich Ihnen den Hals umdrehe, werden Sie auf der Stelle ins Haus zurückkehren."
Hermine schluckte, als sie das unliebsame Knurren seiner Stimme hörte. Dass er wütend war, war keine Frage. Es war ein langer Abend gewesen und auch ihre Nerven lagen blank. Da war die Tatsache, dass er sie mit festem Griff gegen die Wand drückte, ihre kleinste Sorge.
"Denken Sie darüber, was Sie wollen, Professor. Ich stehe zu dem, was ich Ihnen gesagt habe. Meine Meinung hat sich nicht geändert."
Er ließ schnaubend von ihr ab und richtete sich zu seiner vollen Größe vor ihr auf. "Ist Ihnen bewusst, wie riskant das ist, was Sie hier tun? Wenn Sie so unvorsichtig sind, werden Sie noch alles ruinieren."
„Und wenn schon, ich kann nicht anders", stieß sie betrübt aus. „Ich kann das nicht alleine durchstehen. Sehen Sie das denn nicht? Draco ist keine Hilfe für mich."
"Das war zu erwarten gewesen."
"Ja. Aber wie ich damit umgehen soll, weiß ich nicht. Ich lebe hier wie eine Gefangene in einem Käfig, die aufpassen muss, was sie sagt, denn sobald sie den Mund aufmacht, könnte es gefährlich werden."
"Allerdings. Ich selbst konnte mich davon überzeugen, dass es nicht gerade eine Ihrer Stärken ist, sich zurückzunehmen. Aber langsam wird es Zeit, dass Sie Ihr Mundwerk unter Kontrolle bringen, Granger."
Hermine starrte ihn entrüstet an. "Ich hoffe, Sie sind jetzt zufrieden! Sie haben wirklich die Gabe, dafür zu sorgen, dass man sich hinterher noch schlechter fühlt als zuvor."
Snape setzte ein gequältes Gesicht auf. Erst jetzt kam ihm in den Sinn, dass er sie damit weitaus mehr verletzt hatte, als beabsichtigt. Obwohl es dunkel war, zeichnete sich im Mondlicht eine leichte Rötung auf seinen immerwährend fahlen Wangen ab.
"Tut mir leid, Granger."
Sie schlang fröstelnd die Arme um den Leib. "Vergessen Sie es einfach, Snape. Ich hätte es besser wissen müssen. Mit Ihnen zu reden ist sinnlos, denn was Sie vorhin in Voldemorts Beisein gesagt haben, hat mich zutiefst erschüttert."
„Dann erwarten Sie nicht von mir, dass ich darauf eingehe."
„Wie Sie wollen. Mir ist ohnehin alles egal."
Er sah sie einen Moment lang an, ehe er antwortete. "Wie lange stehen Sie hier schon?"
Hermine blinzelte. "Wieso interessiert Sie das?"
"Tut es nicht. Ich kann nur nicht verantworten, dass Sie sich eine Erkältung einfangen."
Sie rollte mit den Augen. "Lassen Sie das mal meine Sorge sein. Ich entbinde Sie für den Rest der Ferien von Ihrer Aufsichtspflicht. Sehen Sie lieber zu, dass Sie zurück ins Schloss kommen. Ich bin mir sicher, Dumbledore wartet schon auf Sie."
Erneut blickte er sie auf eine Weise an, die Hermine völlig fremd war. Sein Gesicht wirkte nicht länger zornig, auch nicht abweisend. Er sah einfach nur verunsichert aus, fast so, als wüsste er nicht so recht, ob er gehen oder bleiben sollte.
Kopfschüttelnd klemmte sie ihre Lippe zwischen die Zähne. "Nun machen Sie schon. Ich will nicht länger dafür verantwortlich sein, hier mit Ihnen entdeckt zu werden. Außerdem weiß ich immer noch nicht, wie Sie zu der Muggelsache stehen, daher birgt es ein gewisses Risiko in sich, mich in Ihrer Gegenwart aufzuhalten."
Ein flaches Lächeln umspielte seine dünnen Lippen, das ihr einen Stich versetzte. Wenn er sie so ansah, bekam sie unweigerlich weiche Knie. Vielleicht lag es aber auch einfach nur an der Kälte, die ihren ganzen Körper schwach werden ließ.
"Dafür, dass Sie so verzweifelt sind, sind Ihre Lügen ausgesprochen oberflächlich. In Wahrheit brennen Sie darauf, mehr zu erfahren. Doch das hier ist weder der richtige Zeitpunkt, noch der richtige Ort, um miteinander zu plaudern."
Hermine schnaubte. Snape jedoch ließ sich nicht davon beirren. Langsam streckte er die Hand aus und umfasste damit ihr Kinn.
Sie senkte den Blick auf seine vor ihr aufragende Brust. "Was soll das werden, Professor?", fragte sie leise. Die plötzliche Nähe zu ihm war ebenso unerwartet wie verstörend.
Er schüttelte sanft den Kopf und eine Handvoll Strähnen fielen ihm ins Gesicht. Im nächsten Moment schloss er die Distanz zwischen ihnen, beugte sich zu ihr hinab und drückte seine Lippen auf ihre.
Hermine riss die Augen auf. Sein zart-warmer Atem war so wunderbar, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Alles um sie herum fühlte sich auf einmal sonderbar und verlockend zugleich an. Wie die warme Frühlingssonne, wenn sie nach einem langen frostigen Winter ihre Haut kitzelte.
Ein süßer und unverhoffter Moment des Glücks suchte sie heim, der sie beide in eine andere Welt entführte. Vollkommen erstarrt ergab sie sich in ihr Schicksal und ließ sich von ihm küssen. Um etwas zu tun, ganz gleich was, war sie schlichtweg zu geschockt.
Nach nur wenigen Sekunden löste er sich von ihr los und legte den Kopf schief. "Gute Nacht, Granger."
xxx
„Er hat es schon wieder getan", schoss es ihr durch den Kopf. „Er hat mich geküsst."
Immer wieder musste sie daran denken. Und dann brachen die Tränen über sie herein. Was zum Teufel hatte das zu bedeuten? Wie konnte er nur so etwas tun und dann einfach verschwinden?
Die letzten Tage in Malfoy Manor waren zu Ende gegangen. Seit gut fünf Stunden war sie wieder in Hogwarts. Doch nichts war mehr so wie zuvor. Harry und Ron hatten sie so lange mit Fragen über ihren Aufenthalt bei den Malfoys gelöchert, bis sie schließlich nachgegeben und von ihrem Abend mit Voldemort erzählt hatte. Wie befürchtet war Harry alles andere als angetan von der Vorstellung, seine beste Freundin und den Mörder seiner Eltern an einem Tisch sitzen zu sehen. Ein riesiger Krach folgte, bei dem auch Ron nicht weiterhelfen konnte. Seither lag sie einsam und verloren auf ihrem Bett im Mädchenschlafsaal und heulte sich die Augen wund. Was sollte sie nur tun? Wie sollte sie den Jungs klar machen, dass sie das alles nicht wollte? Und vor allem, was sollte sie von Snapes Auftritt in Malfoy Manor halten? Ganz zu schweigen von diesem Kuss.
Irgendwann, es war kurz vor Mitternacht, entschied sie sich dazu, in die Kerker zu gehen. Er musste einfach da sein und sie anhören.
Mit ihrer zwischen die Zähne geklemmten Lippe harrte sie vor der Tür zu seinen Privaträumen aus und wartete darauf, dass er die Tür öffnen würde.
Dann stand er vor ihr.
"Ich habe mich schon gefragt, wie lange Sie es aushalten würden, nicht zu mir zu kommen, Granger", murmelte er sachlich.
Hermine zog die Nase hoch. All die Tränen, die sie seinetwegen vergossen hatte, wirkten jetzt, wo er wie üblich in seinem schwarzen Aufzug vor ihr stand, wie eine bittere Ironie. Es war nur Snape, sagte sie sich selbst. Doch es half nichts. Die Enttäuschung in ihr war nicht zu bändigen. Hinzu kamen unzählige Fragen, die sie ihm an den Kopf knallen wollte, in der Hoffnung, wenigstens eine sinnvolle Antwort von ihm zu erhalten.
"Ach ja?", fragte sie in einem bemüht unterkühlten Tonfall. "Was fällt Ihnen ein, mich einfach zu küssen? Und dann verabschieden Sie sich und gehen, als wäre nichts passiert! Ich kann nicht glauben, dass Sie das getan haben ..."
Er kniff bedrohlich die Brauen zusammen. "Nicht hier", knurrte er sie an.
Hermine klappte den Mund zu und ließ sich von ihm ins Innere seines Wohnzimmers bugsieren. Dort standen sie eine gefühlte Ewigkeit und sahen sich an, ohne dass auch nur einer von ihnen wusste, was er sagen sollte, bis er sich schließlich räusperte und unbeholfen seine Hände durch die Haare schob.
"Es ist kompliziert, Granger."
Am liebsten hätte sie laut aufgelacht, doch danach war ihr nicht zumute.
"Ach ja? Kompliziert trifft es bei Weitem nicht! Es gibt keine Beschreibung für das!"
Sie streckte die Arme aus und deutete auf seine hagere schwarze Gestalt.
"Sehen Sie sich an, Professor. Sie sind nicht mal besonders attraktiv!"
Er zog verwundert die Brauen in die Höhe. "Tut mir leid, wenn ich nicht Ihren Erwartungen entspreche, Miss."
Sie schüttelte vehement den Kopf. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals etwas für Sie empfinden würde. Aber so ist es nun mal. Und mir ist total egal, wie Sie aussehen. Wir haben miteinander geschlafen ... Wir bekommen ein Kind!"
Atemlos starrte sie auf sein fragendes Gesicht und holte Luft.
"Ergibt das einen Sinn?"
Snape straffte seine Haltung. "Vermutlich nicht."
Vollkommen verloren machte sie einen Schritt auf ihn zu. "Es tut mir leid, was ich eben gesagt habe. Ich bin einfach nur durcheinander, weil Sie eigentlich zu alt für mich sind. Außerdem sind Sie mein Professor ... Sie sind attraktiv. Zumindest auf Ihre Art. Das heißt, Sie sind nur so ganz anders als erwartet." Er runzelte wortlos die Stirn und sie machte weiter. "Ich wünsche mir so sehr, dass Sie mich in die Arme nehmen. Aber gleichzeitig habe ich Angst davor, dass es falsch ist, das zu tun. Verstehen Sie das?"
Er schluckte mit trockener Kehle. Dann, ganz langsam, legte er die Arme um sie und zog sie zu sich an seine Brust.
"Ist es so genehm, Granger?", fragte er zynisch.
Hermine nickte und schloss die Augen. Sein für ihn typischer Duft sorgte dafür, dass ihr ganz schummerig wurde. Gleichzeitig fühlte sie sich in seiner Geborgenheit unwahrscheinlich wohl. Genau das war es, was sie gesucht hatte. Jetzt, wo sie es hatte, wollte sie es nicht mehr loslassen.
Eine wehmütige Träne kullerte über ihre Wange. "Wie soll das hier weiter gehen?", fragte sie erschöpft.
Snape zuckte mit den Schultern. "Bleiben Sie heute Nacht bei mir. Morgen sehen wir weiter."
Befreit schmiegte sie sich an ihn. "Das klingt wunderbar, Professor."
