Call it bittersweet
Kapitel 30
Geplauder
Erschöpft und friedfertig in seinen Armen zur Ruhe zu kommen war etwas vollkommen anderes als das, was sie sonst so von ihm gewohnt war. Normalerweise hatte er davon Abstand genommen, sich länger als unbedingt nötig mit ihrer Gegenwart zu befassen, geschweige denn, ihr Zärtlichkeiten zukommen zu lassen. Umso bewundernswerter fand sie nun sein fürsorgliches Handeln, wie er sie sorgsam an seine Brust drückte und sie zudeckte.
Überwältigt von ihren Gefühlen schmiegte sie sich an ihn und ließ in ihre Gedanken versunken ihre Fingerspitzen über seine nackte Haut gleiten, während er sanft ihre zerzausten Strähnen durchpflügte.
"Ich glaube nicht, dass ich mich je zuvor so wohl gefühlt habe", sagte sie irgendwann. "Sie vermitteln mir das Gefühl, vollkommen in Sicherheit zu sein, Professor."
Er schnaubte amüsiert. "Der Eindruck täuscht, Granger. In Wahrheit gäbe es nichts, das ich für Sie tun könnte, wenn auch nur irgendjemand jetzt durch die Tür käme."
Hermine seufzte verträumt. "Sie könnten an Ort und Stelle mit mir verschwinden und mich von hier fortbringen."
Er sah sie mit gerunzelter Stirn an. "Was lässt Sie das glauben?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Sie sind Dumbledores wichtigste Verbindung zu Voldemort. Er kann unmöglich von Ihnen erwarten, dass Sie in den Kerkern herumlungern und abwarten, was geschieht, während in der Welt außerhalb das Chaos herrscht. Da ist es nur logisch, dass Sie im Gegensatz zu den anderen Lehrkräften ungebunden im Schloss ein- und ausgehen können."
Interessiert nickte er. „Und? Wo würden Sie jetzt gerne sein?"
Hermine stutzte. „Wie meinen Sie das?"
„Nun, Sie klingen ganz so, als hätten Sie Lust auf ein kleines Abenteuer. Einen Ausflug, eine Reise ..."
Sie lachte auf, den Blick beschämt auf seine Brust gesenkt. „Das wäre wirklich ein wunderbarer Gedanke. Aber nicht unter diesen Umständen. Ich komme kaum zur Ruhe, seit das Ministerium derart in mein Leben eingegriffen hat."
Er wippte matt mit dem Kopf. „Verständlich. Mir geht es nicht anders, seit Sie damit bei mir aufgekreuzt sind."
Es wurde still und Hermine klemmte nachdenklich ihre Lippe zwischen die Zähne. Was wäre wohl geschehen, wenn sie ihn nicht um Hilfe gebeten hätte? Wäre sie dann jetzt überhaupt noch am Leben?
Vollkommen unvermittelt strich er mit seiner Hand über ihre Wange, sodass sie ihn ansah. „Es war unangebracht, das zu sagen, Granger. Sie trifft keine Schuld."
Hermine setzte ein unbeholfenes Lächeln auf. „Ebenso wenig wie Sie."
Snape schmunzelte. „Vielleicht haben Sie ja irgendwann die Gelegenheit dazu, das zu tun. Eine Reise unternehmen zum Beispiel."
Ein schmerzlicher Stich traf sie in der Seite. „Das glaube ich kaum. Es sieht nicht danach aus, als wäre ich je wieder ein freier Mensch. Bei den Malfoys habe ich mich gefühlt wie in einem Gefängnis. Die meiste Zeit dort habe ich auf meinem Zimmer verbracht, da war das Essen mit Voldemort schon fast eine willkommene Abwechslung gegen die Einsamkeit."
Er brummte leise. „Ob Sie es glauben oder nicht, ich kann Sie verstehen. Es liegt ein gewisser Reiz darin, allen anderen etwas vorzuspielen und ihnen das zu sagen, was sie hören wollen. Obwohl es gefährlich ist."
„Sie meinen, so wie das, was Sie zu ihm gesagt haben? Gibt Ihnen das einen Kick, wenn niemand weiß, was in Ihnen vorgeht?"
„Das ist schwer zu erklären, Granger", sagte er mit plötzlicher Zurückhaltung. „Ich glaube nicht, dass ich das näher vor Ihnen erörtern sollte. Ich hätte erst gar nicht damit anfangen sollen ..."
„Wieso nicht?"
Er nahm die Hand hoch und fuhr sich damit durch die Haare. „Weil es eben so ist."
Hermine musterte verhalten sein Gesicht und überlegte, wie weit sie gehen konnte, ohne ihn zu verärgern. „Sie spielen mit ihm, nicht wahr?"
Seine Brauen zogen sich finster zusammen. „So würde ich es nicht ausdrücken. Ich tue, was von mir verlangt wird. Dazu gehört auch, ihm das zu sagen, was er hören will."
„Das ist mir nicht entgangen, Professor. Aber haben Sie nicht Angst, dass Sie eines Tages auffliegen?"
„Möglich."
Hermine schauderte. Was dann geschehen würde, wollte sie sich lieber nicht vorstellen.
„Denken Sie, er hat etwas gemerkt?", fragte sie vorsichtig. „Ich meine, unsere Lüge betreffend."
Er schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Sonst hätte er nicht gezögert, Sie eingehender zu überprüfen."
„Dann haben wir wohl Glück gehabt."
„Dass er diesmal darauf verzichtet hat, heißt nicht, dass er es wieder tun wird. Er ist unberechenbar, Granger. Vielleicht fällt ihm ein, dass er Sie morgen oder auch nächste Woche sehen will, um Sie auf die Probe zu stellen. Es könnte jedoch genauso gut erst in einigen Monaten sein."
„Aber das würde bedeuten, dass er das Baby gefährdet."
Er nickte kaum merklich. „Wie gesagt, es liegt bei ihm. Doch wenn dem so sein sollte, können Sie nichts tun."
Fröstelnd drückte sie sich an ihn. „Ich kann nicht begreifen, wie Sie so leben können. Als ich beobachtet habe, wie er mit Ihnen spricht, ist beinahe mein Herz stehen geblieben. Nichts an ihm wirkte dabei noch menschlich. Aber genauso wenig konnte ich mit Ihrer Reaktion umgehen. Ich muss zugeben, das hatte ich nicht erwartet. Sie sind mir ein Rätsel, Professor."
Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm. „Es war nicht beabsichtigt, dass Sie mir dabei zusehen. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich vermeiden wollte, mich näher mit Ihnen zu befassen."
„Sie wollen verhindern, dass jemand davon erfährt, was Sie tun, damit niemand Sie verletzen kann, habe ich recht? Ich werde es keinem sagen. Nicht einmal Harry."
Er schnaubte abwertend. „Er ist so ziemlich der Letzte, der davon erfahren sollte, Granger. Das müssen Sie mir glauben."
Hermine nickte zustimmend. „Ich weiß zwar nicht, wieso das so ist, dass Sie eine derartige Abneigung zueinander haben, aber was Sie gesagt haben, überrascht mich nicht. Sollte er je mitbekommen, dass das Baby von Ihnen ist, möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken."
Snape lachte sarkastisch auf. „Dann sehen Sie zu, dass er nicht davon erfährt. Ich kann nicht dafür garantieren, ihn am Leben zu lassen, sollte er auch nur eine freche Bemerkung von sich geben."
„Ich bin nicht blöd, Professor. Ich weiß, was für uns alle auf dem Spiel steht."
„Ja. Aber würden Sie genauso denken, wenn Ihr Leben nicht davon abhinge? Haben Sie sich jemals mit dem Gedanken befasst, mir zu vertrauen, bevor Sie in dieser Lage waren?"
Hermine schluckte. Etwas an seinem Blick war mit einem Mal ziemlich beunruhigend. „Ich kann mir schon denken, worauf Sie hinauswollen. Harry und Ron sind fast immer einer Meinung, wenn es um Sie geht. Aber ich bemühe mich, wo es geht, keine Vorurteile zu haben."
Enttäuscht schüttelte er den Kopf. „Das beantwortet nicht meine Frage. Gehen Sie in sich und suchen Sie nach dem Grund, der Sie glauben lässt, Sie könnten mir vertrauen. Und wagen Sie ja nicht, das zu bestreiten. Sonst wären Sie jetzt nicht hier."
Sie biss sich auf die Lippe. Er hatte recht. Ihre Beharrlichkeit, sich ihm anzunähern, kam nicht nur daher, dass sie Dumbledores Wort glaubte. Es war mehr.
„Es ist schwer, das zu verstehen", sagte sie leise. „Aber Tatsache ist, dass ich Ihnen vertrauen möchte. Ich kann und will nicht glauben, dass Sie so sind, wie alle anderen behaupten. Dafür kenne ich Sie inzwischen zu gut."
Ein Funkeln legte sich über seine Augen. „Und das sagen Sie, obwohl Sie an jenem Abend dabei waren? Obwohl Sie gesehen haben, wie es ist, wenn man seinen eigenen Augen und Ohren nicht trauen kann?"
Sie nickte. „Ja. Weil ich Sie beobachtet habe. Was auch immer Sie tun, Sie tun es, um Harry zu helfen, Voldemort zu bekämpfen. Außerdem, wenn Ihnen gleich gewesen wäre, was mit mir passiert, sobald wir das Kind gezeugt haben, hätten Sie sich nicht die ganze Zeit über solche Vorwürfe gemacht. Sie wollten das nicht. Genauso wenig wie ich."
Er sah sie mit einem durchdringenden Blick an. „Ihre Eltern hätten dafür sorgen sollen, dass Sie nicht so leichtgläubig sind, Granger. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem Sie bereuen werden, sich auf Ihre Gefühle verlassen zu haben."
Hermine zuckte mit den Schultern. „Mag sein. Aber ich denke nicht, dass das etwas ist, worüber Sie sich Sorgen machen sollten, richtig? Es sei denn, Sie empfinden mehr für mich, als Sie es sich eingestehen wollen."
Snape kniff die Brauen zusammen. „Nach allem, was geschehen ist, wäre es in Ihrem Beisein irrsinnig, zu behaupten, die Ereignisse hätten mich unabhängig von meiner Verantwortung Ihnen gegenüber kaltgelassen. Machen Sie sich trotzdem keine Hoffnungen, unbeschadet da heraus zu kommen. Mein oberstes Ziel wird immer dasselbe bleiben. Und weder Sie, noch sonst jemand, wird daran etwas ändern."
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„Ich habe dir gesagt, dass ich nichts tun konnte, Harry! Warum kannst du mir das nicht glauben?"
Er ballte wütend die Hand zur Faust und schlug damit auf den Sofatisch im Gemeinschaftsraum ein.
„Weil die Vorstellung, wie du mit Voldemort beim Abendessen sitzt, einfach zu absurd ist!" Er stutzte. „Da fällt mir was ein. Wie hast du es überhaupt geschafft, ihn in dem Glauben zu lassen, deine Ehe mit Malfoy wäre in bester Ordnung? Was treibst du so, um das Ministerium zufrieden zu stellen?"
Hermine starrte ihn mit offenem Mund an. „Wenn du so herumschreist, kannst du gleich einen Artikel in den Tagespropheten setzen, damit alle anderen davon erfahren." Sie schüttelte sich. All die Mühen, die sie auf sich genommen hatte, um in dieser Welt zu bestehen, wären hinfällig, wenn auch nur ein Wort nach außen dringen würde.
Harry rollte unbeeindruckt mit den Augen. „Wir haben einen Schutzzauber ausgesprochen, Hermine. Wenn die anderen, von denen du sprichst, also tatsächlich so dumm sein sollten, uns zu beobachten, würden sie nur sehen, wie wir uns streiten. Mehr nicht."
„Aber genau das ist der Punkt. Ich will nicht mit dir streiten. Mir geht es zur Zeit nicht besonders gut, denn wie du dir vielleicht vorstellen kannst, wenn du mal deinen unbändigen Hass auf die Welt ablegst, ist es nicht gerade mein Traum gewesen, mit Draco verheiratet zu werden. Wir haben einfach überhaupt keine Gemeinsamkeiten. Und auch sonst nicht das geringste Interesse aneinander."
Harry atmete tief ein. „Schön. Das glaube ich dir sogar. Aber was ist mit dem Rest, Hermine? Wie hast du es geschafft, das Ministerium auszutricksen, ohne dass sie dich nach Askaban gesteckt haben?"
Entrüstet blinzelte sie ihn an. „Du glaubst doch nicht etwa, ich hätte tatsächlich mit ihm geschlafen!"
Er zuckte mit den Schultern. „Na ja, irgendwie muss es wohl geklappt haben, oder?"
„Pah! Das ist wieder mal so typisch für dich! Ist dir vielleicht schon mal aufgefallen, dass ich durchaus in der Lage bin, etwas weiter zu denken? Glaub mir, bei ihm war nichts zu machen. Er war es also nicht, der mir geholfen hat, am Leben zu bleiben."
Harry legte den Kopf schief. „Wer war es dann? Rück endlich raus mit der Sprache. Dann können wir von mir aus diese Diskussionen beenden und da weitermachen, wo wir davor aufgehört haben."
Hermine schüttelte vehement den Kopf. „Das könnte dir so passen! Du sagst mir ja auch nicht haargenau, was du so mit Dumbledore treibst, wenn er dich zu sich in sein Büro bestellt. Außerdem bin ich mir wirklich nicht sicher, wie du das, was ich zu sagen hätte, auffassen würdest."
„Das klingt ganz so, als wäre es was Schlimmes."
„Ist es auch."
Harry sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Irgendwann werde ich es ja doch erfahren."
„Vielleicht."
Sehr wahrscheinlich sogar.
