Call it bittersweet
Kapitel 34
Feststellungen
Für eine gefühlte Ewigkeit sagte keiner von ihnen mehr ein Wort. Weder der Professor, noch Hermine war imstande, das auszusprechen oder zu vertiefen, was geschehen würde, wenn jemand von ihren heimlichen Eskapaden wüsste. Vielleicht hatten sie noch einmal Glück gehabt. Vielleicht würde ja niemals jemand davon erfahren...
Nachdem sich der erste Schock gelegt hatte, rückte Hermine ein Stück auf ihn zu und zog seinen Kopf zu sich heran. Snape ließ es geschehen und lehnte sich an sie.
Vorsichtig fing Hermine an, über seine Hand zu streicheln, die auf seinem Schoß lag. "Wenn er etwas wüsste, hätten Sie es gemerkt, Professor."
Er schnaubte leise. "Seine Tante Bellatrix hat ihn in Okklumentik unterrichtet. Ich denke nicht, dass er so schwach ist, wie Sie ihn einschätzen, Miss Granger."
Hermine schluckte. "Aber Sie sind immer sein bevorzugter Lehrer gewesen. Bestimmt würde er nicht wollen, dass Sie Schwierigkeiten bekommen."
Er sah sie an. "Ich fürchte, Sie verstehen nicht, mit wem wir es zu tun bekommen, sobald etwas davon an die Öffentlichkeit gerät. Der Dunkle Lord kennt keine Gnade. Wenn es also um das nackte Überleben geht, hat Draco keine andere Wahl als uns zu verraten."
Beschämt biss sie sich auf die Lippe und sagte nichts mehr darauf. Sie wollte die gemeinsame Zeit mit ihm nicht damit verbringen, Trübsal zu blasen. Dennoch saß beiden der Schrecken im Nacken, womit es ein sehr ruhiger und nachdenklicher Abend wurde. Früher als ursprünglich geplant kehrte sie in ihren Turm zurück.
Genau genommen hatte Hermine sich nie so richtig Gedanken darüber gemacht, wie alt der Professor tatsächlich war. Natürlich nicht, denn wieso hätte sie das auch tun sollen? Doch jetzt, wo alles so kompliziert geworden war, war das anders. Was Draco gesagt hatte, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Ihrer Meinung nach war es weitaus schlimmer, die Zahl vierzig vor Augen zu haben als die Tatsache, dass er einfach nur zwanzig Jahre älter war als sie. Sie hatte es hingenommen, denn alleine von seinem Äußeren darauf zu schließen, wie viele Jahre er mit sich herumschleppte, kam ihr schier unmöglich vor. Streng genommen hätte er sogar noch viel älter sein können, wenn sie sich manche seiner Narben ins Gedächtnis rief, die seinen Körper überzogen und damit seiner Haut ein eigentümliches Bild verpassten. Aufgrund seines Lebenswandels war es ohnehin schwer, zu sagen, was er schon alles durchgemacht hatte. Warum auch immer, sie hatte es einfach nicht über sich gebracht, ihn danach zu fragen, nachdem Draco so überraschend vor der Tür gestanden hatte, womit sie sich alleine damit auseinandersetzen musste.
Inzwischen war sie wieder in ihrem Turm, wo sie alles ihren Freunden berichtet hatte. Den Kopf auf die Hände gestützt, hockte sie zwischen Harry und Ron im Gemeinschaftsraum und grübelte. Die Stimmung war dabei alles andere als ausgelassen.
Unweigerlich tat sich die Frage in ihr auf, wie sie es schaffen konnte, Gefühle für jemanden zu entwickeln, der streng genommen ihr Vater hätte sein können. Was stimmte nicht mit ihr? Hatte sie denn nicht schon genug Sorgen am Hals? Musste sie da wirklich noch eins obendrauf setzen und sich in ihren Professor vergucken? Hermine kam es wie eine Ironie vor, schließlich war er zu allem Überfluss auch noch der Erzeuger ihres Kindes. Berechtigte dieser Umstand am Ende nicht vielleicht doch dazu, mehr für ihn zu empfinden als angemessen war?
„Ich hab dir gleich gesagt, dass da etwas faul an der Sache ist", bekräftigte Harry besserwisserisch.
Hermine nickte. Allmählich konnte sie es nicht mehr hören. Insgeheim hoffte sie immer noch, dass sie ihm nicht zu viel verraten hatte. Doch die Begegnung zwischen Snape und Draco war eindeutig etwas, das sie mit ihren Freunden teilen musste. Sonst gab es ja kaum noch etwas, das sie ihnen anvertrauen konnte. „Ja, Harry. Deshalb dachte ich auch, es könnte dich interessieren."
„Ich kapier das trotzdem nicht. Wenn Draco tatsächlich zu Snape wollte, um ihm ein Geburtstagsgeschenk zu geben, wollte er sich doch bestimmt nur bei ihm einschleimen, oder?"
Sie rollte mit den Augen. „Ich hab dir doch gesagt, dass das nicht von ihm ausging, sondern von seinen Eltern."
„Und wenn schon. Ich bleib dabei, dass die beiden nichts Gutes im Schilde führen."
Hermine schüttelte den Kopf. „Sagt mal, weiß einer von euch beiden, wie alt er eigentlich ist?"
„Wer? Draco?"
„Nein. Snape. Ich hab nur so gedacht, dass er ziemlich alt aussieht, dafür, dass er mit James und Sirius zur Schule gegangen ist."
Ron überlegte. „Meine Mum hat neulich was gefaselt. Ihr wisst ja, Snape ist im Orden und sie schickt jedem Mitglied eine Karte zum Geburtstag. Ich glaube, er müsste jetzt siebenunddreißig sein."
„Was?", fragte Hermine plötzlich hellwach.
„Ja. Jetzt, wo du damit angefangen hast, würde mich glatt interessieren, ob sie ihm auch eine Karte geschrieben hat. Was er wohl dazu sagt?"
"Mir ist egal, wie alt er ist", grummelte Harry. "Von mir aus kann er so alt wie Dumbledore sein. Entscheidend ist, dass wir nicht wissen können, wem wir noch vertrauen sollen."
Hermine hörte nicht mehr hin. Harry und Ron würden ohnehin nicht verstehen, was in ihr vorging. Sie war in Gedanken schon längst wieder wo anders.
Obwohl Hermine und Snape bei ihrer letzten Begegnung nicht geklärt hatten, wie es mit ihnen weitergehen sollte, spürte sie doch, dass er sie gerne bei sich gehabt hatte. Und wenn es nur die Sehnsucht nach sexueller Erfüllung war, die sie zusammenbrachte, war es ihr recht.
Kaum dass sie Harry und Ron am nächsten Tag mit einer Ausrede abgespeist hatte, stand fest, dass sie zu ihm musste.
In den Kerkern angelangt achtete sie diesmal besonders darauf, dass niemand sie beobachtete. Geradewegs hatte sie an Snapes Tür geklopft, da ging sie auch schon mit einem Ruck auf und er zerrte sie blitzschnell ins Innere.
Hermine stolperte und prallte gegen seine Brust. Noch ehe sie sich wieder gefasst hatte, fand sie sich in seinen Armen wieder. Energisch und zielgerichtet bewegte er sich mit ihr ins Schlafzimmer, drückte sie unter sich auf das Bett nieder und fing an, sie auszuziehen.
Überrascht rang sie nach Atem. Dass er so ungezügelt auf ihren Besuch reagieren würde, hatte sie nicht erwartet. Entgegen aller Vorstellungen zeigte ihr dieses Verhalten jedoch, dass sie mit ihrer Vermutung richtig gelegen hatte. Er hatte die Einsamkeit satt und hieß die Abwechslung, die sie in sein Leben brachte, willkommen.
Schaudernd und nackt bis auf die Haut lag sie vor ihm und wartete darauf, bis er sich selbst aus seinen Sachen befreit hatte, woraufhin er sich umgehend auf ihr platzierte. Mit seinen langen Fingern drückte er ungeduldig ihre Schenkel auseinander und schob seine harte Männlichkeit in sie.
Hermine erzitterte am ganzen Körper. Das Bedürfnis, ihm entgegenzukommen, war mindestens ebenso groß wie sein Verlangen, sie mit allem, was er ihr geben konnte, auszufüllen. Innig vergrub sie ihre Finger in seinen Haaren und presste ihn an sich. Nicht lange darauf wurden seine Bewegungen schneller. Snape erreichte den Höhepunkt und verbarg das Gesicht in ihren wirren Locken. Wieder schoss ihr ins Bewusstsein, warum sie es zuließ, dass er sie einfach nur benutzte um sein Ziel zu erreichen, ohne die Zeit zu vergeuden, auf ihren Rhythmus Rücksicht zu nehmen. Doch das Verlangen nach ihm war nach wie vor ungebrochen, was nun einmal bedeutete, Opfer zu bringen, wenn sie dem nachgeben wollte.
Schweigend lauschte sie seinem unruhigen Atem, bis er sich langsam beruhigte, wobei er noch immer auf ihr lag und auch keine Anstalten machte, sich von ihr loszulösen. Hermine nutzte die seltene Gelegenheit der Zweisamkeit und erkundete mit ihren Fingern seine schweißnasse Haut. Vielleicht hatte sie sich grundsätzlich in allem getäuscht. Nicht nur in ihm, sondern auch darin, dass es prinzipiell möglich sein konnte, dass sich die Empfindungen, die man in Bezug auf eine Person hatte, wandelten. Es gab schließlich keine Gewissheit, dass ein anderer Mann in der Lage wäre, ihr mehr zu geben als er. Jedenfalls nicht, solange sie nicht bereit wäre, ihm ihr Herz zu schenken. Im Moment jedenfalls sah es ganz so aus, als würde alles darauf hinauslaufen, dass sie diesen Teil ihres Seins an den Menschen verlieren würde, mit dem sie am allerwenigsten gerechnet hatte. Dabei hätte sie es nur wenige Monate zuvor nie für möglich gehalten, dass sie sich jemals so danach sehnen würde, ihn auf diese Weise kennenzulernen. All seine vielfältigen Facetten und Eigenarten waren ihr vertraut geworden. Selbst die an sich erschreckende Tatsache, dass er ein Mann mittleren Alters war, schien dabei wieder in den Hintergrund zu rücken. Was sie sich von ihm erhoffte, war lediglich, dass er ihre Gegenwart respektierte und sie nicht fallen ließ. Und solange sie sich sicher war, dass sie es so wollte, musste es genügen. Denn mehr würde sie nicht bekommen.
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Für einen Moment fühlte Hermine sich unendlich hilflos, als sie von Rons Beinahe-Tod hörte, der ihn so unerwartet in Professor Slughorns Gegenwart ereilt hatte. Irgendjemand hatte es darauf angelegt, eine Flasche Met zu vergiften und sie dann dem Professor unterzujubeln.
Panisch kam ihr in den Sinn, dass sie viel zu viel Zeit mit Snape und zu wenig davon mit den Jungs verbracht hatte, seit sie regelmäßig in den Kerkern ein- und ausging, was nicht gerade dazu beitrug, ihr schlechtes Gewissen in Bezug auf die Freundschaft zu den Jungs zu beruhigen. Und so saß sie betrübt im Krankenflügel und hielt Rons Hand, der sich im Tiefschlaf befand und nichts von dem mitbekam, was um ihn herum passierte.
"Wie ich sehe, komme ich ungelegen", höhnte auf einmal eine vertraute Stimme hinter ihr.
Mit offenem Mund fuhr sie herum und starrte Snape an. Noch immer fiel es ihr hin und wieder schwer, mit dieser Seite an ihm klarzukommen. Es war fast so, als wäre er in diesen Momenten ein ganz anderer.
"Wissen Sie schon was Neues, Professor? Er wird doch wieder gesund werden, oder?"
Snape kam näher und stellte sich neben sie, das Profil mit der markanten Nase mürrisch auf das Bett ihres Freundes gerichtet. "Nehmen Sie es mir nicht übel, Granger, aber aus meiner Sicht besteht nicht die Notwendigkeit, wegen des Vorfalls so ein Theater zu veranstalten."
Fassungslos setzte sie sich auf. "Was? Er wurde vergiftet! Und wenn ich mich nicht täusche, wissen wir beide sehr wohl, wer dahintersteckt."
Snape verzog unliebsam die Mundwinkel und fixierte sie mit seinen schwarzen Augen. "Vorsicht, Miss Granger. Es steht Ihnen nicht zu, derartige Anschuldigungen zu machen."
Hermine schnaubte. "Ich weiß genau, wo ich so eine Flasche schon einmal gesehen habe", sagte sie felsenfest vom ihrem Urteil überzeugt. "In Ihrer Wohnung, als plötzlich Draco vor der Tür stand und Ihnen ein Geschenk überreicht hat."
"Tatsächlich? Nun, dann muss es noch mehr Leute geben, die auf diesen Fusel stehen."
Aufgebracht funkelte Hermine ihn an. "Wieso sind Sie überhaupt hier, wenn Sie alles ins Lächerliche ziehen? Ich würde mich wohler fühlen, wenn Madam Pomfrey die Aufsicht für Ron übernehmen würde."
"Das kann ich Ihnen nicht einmal verdenken, Miss Granger. Aber leider sind Gifte nun einmal mein Spezialgebiet."
Hermine kochte innerlich vor Wut. "Für Sie ist alles immer nur ein Witz, oder? Ron hätte sterben können und Sie machen Ihre Scherze damit. Ich hätte von Anfang an wissen müssen, dass es keinen Sinn hat, in Ihnen etwas Menschlichkeit zu suchen. Sie sind und bleiben kalt und berechnend. Hauptsache, am Ende springt für Sie etwas dabei heraus."
Er presste hart die Kiefer aufeinander. Im Gegensatz zu so oft war sein Gesicht nun von einer Vielzahl an Emotionen durchzogen. "Sind Sie jetzt fertig? Dann werde ich Ihnen mal was sagen. Niemand hat Sie gezwungen, meine Nähe zu suchen, Miss Granger. Es war Ihre Idee. Ich habe auch nicht darum gebeten, dass Sie wiederkommen, wenn Sie sich erinnern. Das passierte ebenfalls, weil Sie es so wollten."
Den Tränen nahe sah sie ihn an, sah in sein verhärmtes Gesicht und konnte nicht anders als sich nach Halt suchend nach vorne zu werfen, ihm entgegen.
Snape stand einfach nur stocksteif da, während sie ihr Gesicht an ihn drückte und so fest sie konnte die Arme um seinen Leib legte. "Ich habe solche Angst, Professor", schluchzte sie leise. "Wenn Ron stirbt? Was dann? Oder Harry?"
Er schluckte. "Das wird nicht passieren, Miss Granger. Es ist meine Aufgabe, das zu verhindern. Obwohl ich für nichts garantieren kann."
Mit ihrem von Tränen verschmierten Gesicht sah sie auf und suchte seinen Blick. "Und wenn Sie sterben, Professor? Was wird dann passieren?"
"Dann soll es so sein. Es hat alles seine Richtigkeit. Wir sind vergänglich. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Dunkle Lord keine Notwendigkeit mehr für mich sieht. Doch ich bin mir sicher, dass es die ein oder andere Person gibt, die damit vollauf zufrieden wäre."
Ein neuer Schwall Tränen lief über ihr Gesicht. Genau das hatte sie befürchtet. Sie hatte es nur nicht wahrhaben wollen. Jetzt, wo er ihr ihre tiefsten Ängste entlockt hatte, war ihr, als würde die Welt um sie herum aufhören, sich zu drehen. In der beschaulichen Einsamkeit des Krankenflügels gab es kein Urteil mehr, das sie über ihn fällen konnte. Es existierte nur noch er und sie, sowie das heranwachsende Leben in ihrem Körper, das sie mit einem Mal in einem völlig anderen Licht betrachtete als je zuvor. Es war das Bindeglied zwischen ihr und ihm. Etwas, das sie miteinander geschaffen hatten. Etwas, das sie immer an ihn erinnern würde.
