Call it bittersweet
Kapitel 37
Mut zur Wahrheit
Als Harry früh am nächsten Morgen in die Küche kam und Snape dicht neben Hermine in einer Ecke am Tisch sitzend vorfand, schwante ihm nichts Gutes. Das Gefühl, seine Freundin und den Professor so vertraut und innig beieinander zu sehen, konnte nur eines bedeuten. Unweigerlich stieg Übelkeit in ihm hoch. Es war nicht richtig, was sie taten. Es konnte nicht sein! Am seltsamsten dabei war jedoch, dass keiner von ihnen Anstalten machte, das, was er zu sehen bekam, zu verbergen, obwohl sie seine Anwesenheit mit Sicherheit bemerkt haben mussten.
Hermine lehnte entspannt an Snapes Schulter und hatte seine Hand auf dem Küchentisch in ihre genommen. Leise murmelte sie ihm etwas ins Ohr, woraufhin Snape offensichtlich amüsiert grinste.
„Ich hoffe, es gibt eine Erklärung für all das", platzte Harry freizügig heraus. „Oder soll ich noch einmal gehen, damit Sie Ihre Finger von meiner Freundin nehmen können, Professor?"
Snape drehte den Kopf in seine Richtung und sah ihn mit einer hochgezogenen Braue an. „Sie können bleiben, Potter. Es wäre an der Zeit, dass Sie das nachholen, was Sie versäumt haben."
Harry blinzelte mit einer Mischung aus Ekel und Verlegenheit. Einerseits fühlte er sich, als würde der Professor es darauf anlegen, ihm eine Lektion zu erteilen, andererseits lief es ihm kalt über den Rücken, wenn er daran dachte, was die beiden sonst noch so miteinander treiben mochten.
Er würgte unbewusst. Sein Gesicht war inzwischen hochrot angelaufen. „Ich glaube, das ist nicht nötig, Professor. Ich kann mir schon denken, was hier vor sich geht."
Hermine rollte mit den Augen. „Mach jetzt nur keinen Aufstand, Harry. Du hast schon für genug Wirbel gesorgt. Jetzt wird es Zeit, dass ich an die Reihe komme."
Sichtlich aufgebracht wendete Harry den Blick ab und ging zum Kühlschrank, um sich etwas Wasser zu holen. Außerdem wollte er Zeit schinden, damit er sich für den Angriff wappnen konnte. Das freizügige Verhalten der beiden hatte ihn so überrascht, dass er nicht wusste, was er dazu sagen sollte.
„Ich hab Kaffee gemacht", verkündete Hermine wie beiläufig. „Bedien dich ruhig."
„Danke. Hab ich gerochen. Aber ich glaube, mir ist die Lust darauf vergangen."
Hermine lachte leise auf. Sie wirkte so befreit wie seit langem nicht mehr, was nicht einmal Harry abstreiten konnte. Er jedoch fand die Situation alles andere als komisch. Zwar hatte er versucht, ihr gut zuzureden, wo er nur konnte. Sollten sich nun aber seine Befürchtungen, die er seit geraumer Zeit gehabt hatte, bewahrheiten, würde der Spaß hier ein Ende nehmen.
Wütend wirbelte er herum und funkelte sie an. „Ist das Kind von ihm?" Seine Stimmung war so angespannt, dass vor Aufregung sein ganzer Brustkorb bebte. „Natürlich ist es das, oder?"
Entgeistert stand ihr der Mund offen. Nur Snape ließ nicht erkennen, was in ihm vorging. Mit wie üblich eng zusammengekniffen Brauen sah er Harry scharfsinnig an und wartete ab, was geschehen würde.
„Woher weißt du das mit dem Kind?"
„Ich bin nicht blöd, Hermine. Ich hab schon öfters gesehen, wie du versucht hast, beim Gehen den Bauch einzuziehen. Mich wundert nur, dass sonst niemand was gemerkt hat."
Snape setzte sich kerzengerade auf. Schlagartig schien sich seine eben noch so gute Laune bei der Vorstellung, jemand könnte etwas gemerkt haben, zu verschlechtern.
„Ja, jetzt schauen Sie, Professor", zischte Harry ihn an. „Wer hätte gedacht, dass es mal soweit kommt, was? Dass Sie mit Hermine rummachen und zulassen, dass Sie ein Kind von Ihnen bekommt." Er schüttelte den Kopf. „Fast tut mir Draco jetzt leid. Er hatte keine Ahnung, was da gespielt wird, oder?"
Die Kiefermuskulatur des Professors verhärtete sich. „Ich denke nicht, dass Sie den Ernst der Lage beurteilen können, Potter", sagte er steif.
Harry hob abwehrend die Hände. „Ich will Ihre Ausreden gar nicht hören. Sie widern mich an, Professor. Nicht nur, dass Sie mit ihr geschlafen haben. Nein, Sie mussten sie auch gleich schwängern!"
Hermine biss sich auf die Lippe. „Es war nie seine Absicht, das zu tun, Harry."
„Ach nein? Du warst auf der Suche nach einer Lösung, Hermine. Was besseres ist dir da nicht eingefallen?"
Snape knurrte, Hermine aber ließ ihn nicht zu Wort kommen, um zu verhindern, dass die beiden aneinandergeraten konnten. „Lass uns nach nebenan gehen, Harry. Sofort."
Der Ton in ihrer Stimme war so ernst, dass er trotz seiner Vorbehalte gehorchte. Grummelnd steuerte er auf den Flur zu, während Hermine sich mit einem vielsagenden Blick von Snape loslöste und ihrem Freund nach draußen folgte.
Im Wohnzimmer saßen sie sich erst einmal schweigend gegenüber und starrten sich an. Harry hatte die Arme vor der Brust verschränkt und Hermine die Knie angezogen und die Arme darum gelegt. All ihre Bemühungen, die Situation zu entschärfen, scheiterten kläglich, womit sie sich entschied, nicht lange um den heißen Brei zu reden.
„Hättest du lieber gehabt, dass jemand anders es tut?", fragte sie vorsichtig. „Jemand, der nicht auf unserer Seite ist?"
Wütend stieß Harry mit dem Fuß gegen den Sofatisch. „Du brauchst ihn nicht zu verteidigen, Hermine. Noch wissen wir gar nichts. Es mag ja sein, dass Dumbledore ihm vertraut. Ich tue es trotzdem nicht. Draco hat versucht, Ron zu vergiften. Und er hat dabei zugesehen, ohne einzugreifen, immerhin hat er Draco das ganze Schuljahr kaum aus den Augen gelassen. Wer weiß, vielleicht stammt das Gift am Ende ja noch von ihm."
Energisch schüttelte Hermine den Kopf. „So war das nicht, Harry. Es gibt für alles eine Erklärung. Wenn du ihm nur eine Chance geben würdest ..."
„Den Teufel werde ich tun! Wenn Sirius wüsste, dass der in seinem Haus ist und mit dir Händchen hält, würde er ihn hochkant hinauswerfen. Er hat es allein Dumbledore zu verdanken, dass ich zulasse, dass er hier ist. So wie alle anderen vom Orden auch. Ich habe das Haus schließlich nicht zur Verfügung gestellt, dass du einen geheimen Zufluchtsort hast, an dem du deinem Professor nachstellen kannst."
„Musst du wirklich anfangen, uns zu drohen?", fragte sie geknickt. „Sirius war genauso verblendet, wie du es bist. Vergiss doch mal für einen Moment deinen Stolz und lass dir erklären, was es damit auf sich hat. Bitte, Harry. Was hast du zu verlieren?"
Mit zittrigen Händen fuhr er sich durch die Haare. „Ich begreife das nicht, Hermine. Wie konntest du dich nur mit ihm einlassen? Und was ist mit Rons Vergiftung? Er ist mein Freund. Er hätte sterben können."
„Ja. Genauso wie Draco."
Entgeistert sah er sie an und wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
„Hör zu, Harry", fuhr Hermine bestimmt fort. „Beides war ein schrecklicher Zufall. Du wolltest Draco nicht töten. Und Draco wollte ganz sicher nicht Ron töten, weil der vergiftete Met über Slughorn an Dumbledore gehen sollte."
„Dumbledore? Was hat denn Dumbledore damit zu tun?"
„Sehr viel. Wenn du schon auf der Suche nach einem Schuldigen bist, solltest du ihn gleich miteinbeziehen. Er hat das alles geplant. Er wollte nicht Ron vergiften, sondern sich selbst, weil er ohnehin sterben wird."
Harry wich die ganze Farbe aus dem Gesicht. „Was?"
„Es ist kompliziert, Harry. Snape hat zwar das Gift hergestellt, aber nur, um Dumbledore damit einen Gefallen zu tun."
„Das glaubst du doch selbst nicht!", stieß er verärgert aus.
„Doch. Hast du dir Dumbledore in letzter Zeit mal angesehen? Er ist krank und wird elendig zugrunde gehen, wenn nicht ein Wunder geschieht."
„Selbst wenn das wahr ist, verstehe ich nicht, was Draco damit zu tun hatte, Hermine", erklärte er unbeeindruckt.
„Voldemort hat von ihm verlangt, Dumbledore zu töten. Und da Snape für Draco einen unbrechbaren Schwur abgelegt hat, um seine Tarnung für den Orden nicht auffliegen zu lassen, blieb ihm keine andere Wahl, als sich um Draco zu kümmern."
Harry schnaubte. „Er war schon immer sein Liebling an der Schule. Das ist nichts Neues, Hermine."
„Mag sein. Aber du vergisst das Heiratsgesetz, womit ich ins Spiel komme."
„Verstehe", sagte er abfällig. „Jetzt, wo ich Draco für dich aus dem Weg geräumt habe, ist das die perfekte Gelegenheit, dich vor allen anderen mit deinem geheimnisvollen Liebhaber zu zeigen, oder? Aber musstest du das ausgerechnet vor mir tun, Hermine? Du weißt, dass ich den Kerl nicht leiden kann. Er ist so ziemlich der letzte Mensch auf Erden, mit dem ich gerechnet hätte. Doch vorhin, als ich euch zusammen in der Küche gesehen habe, gab es keine Zweifel mehr, dass da was am laufen war."
„Wäre es dir lieber gewesen, wir hätten weiterhin verstecken gespielt? Ich habe es gehasst, das zu tun, das kannst du mir glauben. Aber hier bin ich unter Freunden. Wenigstens ihr solltet es verstehen."
„Ja, weil das so einfach ist", maulte er sarkastisch. „Ehe ich mich mit ihm anfreunde, mache ich ihn kalt."
In Hermine regte sich der Drang, einfach davonzulaufen und Harry eiskalt sitzen zu lassen. Dass er auf die plötzliche Entdeckung nicht begeistert reagieren würde, war ihr natürlich bewusst gewesen. Doch so etwas zu sagen, wo allen noch Dracos plötzlicher Tod im Nacken saß, war alles andere als gerechtfertigt. „Ich habe es nicht darauf angelegt, dass du Draco beseitigst, Harry", warf sie ihm hart entgegen.
„Nein. Aber wenn du ehrlich bist, habe ich dir damit einen riesigen Gefallen getan, nicht wahr?"
Er sah so hasserfüllt aus, dass sie keinen Grund mehr sah, sich länger vor ihm rechtfertigen zu müssen. Enttäuscht stand sie auf und bewegte sich schnellen Schrittes auf die Tür zu. Erst unmittelbar davor hielt sie inne und sah ihn an. „Weißt du, Harry, wenn du so weitermachst, wirst du irgendwann ziemlich alleine dastehen. Ich finde es einfach nur traurig, dass du so reagierst, denn ob du es nun so willst oder nicht, es ist sein Kind, das ich bekommen werde. Und unter diesen Umständen hätte ich mir etwas mehr Verständnis von dir erhofft. Snape ist der Vater. Das heißt, ich werde ihn nicht einfach aufgeben, wie du es tust, weil Sirius dich auf seine Seite gezogen hat."
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Zurück in der Küche fand Hermine Snape am Fenster stehend vor. Obwohl von außen niemand in der Lage war, ihn zu sehen, konnte er sehr wohl erkennen, was sich dort abspielte. Hermines Herz aber klopfte so wild, dass ihr alles, was um sie herum geschah, gleichgültig war. Seine Gestalt wirkte derart anziehend auf sie, dass sie am liebsten auf ihn zugelaufen und die Arme um ihn gelegt hätte. Doch noch ehe es dazu kommen konnte, drehte er sich zu ihr um und richtete das Wort an sie.
„Das war zu erwarten gewesen, Granger", sagte er ruhig.
Errötend kam sie auf ihn zu und hielt vor ihm inne. Der Gedanke, dass Ginny und Ron bei dem Krach schlafen konnten, schien unmöglich zu sein. Noch eigenartiger aber war, dass sie sich vor Harry so offen zu Snape bekannt hatte, obwohl noch gar nicht sicher war, wie es mit ihnen weitergehen würde.
Unsicher blinzelte sie zu ihm hinauf. „Unser Streit war nicht zu überhören, oder?"
Snape ließ die Mundwinkel spielen. „Er wird sich schon wieder beruhigen, sobald ich weg bin. Für mich wird es ohnehin Zeit, zu gehen."
Hermine fühlte einen Stich. Trotz des freudigen Wiedersehens war ihr bewusst, dass noch lange nicht alles zwischen ihnen bereinigt war. Es gab noch so unendlich viel, das sie klären mussten, doch das ließ sich nicht binnen einer Nacht erledigen.
Langsam streckte er die Hand nach ihr aus und strich ihr damit über die Wange. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war ernst und nachdenklich. „Lupin wird in etwa einer halben Stunde hier sein. Ich lege keinen besonders großen Wert darauf, ihn zu sehen. So lange solltet ihr alleine klarkommen."
Sie nickte beklommen. „Dann heißt es wohl Abschied nehmen, Professor." Umgehend schlang sie die Arme um ihn und drückte ihr Gesicht an seine Brust, um noch einmal seinen unverkennbaren Duft einzuatmen, der ihr jedes Mal in Erinnerung rief, wie sehr sie sich doch an ihn gewöhnt hatte. „Wann werde ich Sie wiedersehen?", fragte sie leise.
Snape brachte sie vorsichtig auf Abstand zu sich und sah ihr in die Augen. „Wir werden sehen. Tun Sie mir einen Gefallen und passen Sie auf, dass die Jungs keinen Unfug machen, Granger."
„Nichts leichter als das", bemerkte sie ironisch.
Er lächelte matt, drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und verschwand zur Tür hinaus.
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„Wir müssen reden, Potter."
Entgeistert starrte Harry auf das Gesicht seines Professors und überlegte, was er ihm zuerst an den Kopf knallen wollte. Da er jedoch nebenan in der Küche Hermine vermutete, nahm er sich zurück. „Ach ja? Tut mir leid, Professor, aber daran habe ich kein Interesse."
Eilig zog er an ihm vorbei, um das Weite zu suchen. Das Wohnzimmer schien jetzt, wo der Professor ihn darin aufgesucht hatte, viel zu beengend zu sein, als dass er sich noch länger darin aufhalten wollte.
„Warten Sie, Potter", schnarrte Snape und stellte sich ihm mit vollem Körpereinsatz in den Weg. „Bevor Sie sich bei der nächstbesten Gelegenheit auf mich stürzen, wie Sie es bei Draco getan haben, lassen Sie mich Ihnen sagen, dass es hierbei nicht um mich geht. Vielmehr geht es um Miss Granger und das Baby. Ihnen dürfte wohl bewusst sein, dass außer einer Handvoll Menschen niemand sonst weiß, dass Draco nicht der Vater ist. Das bedeutet, Narcissa und Lucius dürfen nichts vom Verbleib des Kindes erfahren, da sie sonst glauben werden, dass es sich um ihren Enkel handelt. Ich nehme an, Ihnen ist klar, was das zu bedeuten hat?"
Harry sah ihn finster an. Es kostete ihn all seine Kraft, nicht aus der Haut zu fahren, während er seinem Professor in die Augen blickte. „Sie meinen, sie könnten versuchen, das Kind an sich zu reißen?"
Snape nickte. „Ja. Genau das könnte passieren."
"Das haben Sie sich schön ausgedacht, Professor", keifte Harry gehässig zurück. "Jetzt, wo Dumbledore stirbt, brauchen Sie etwas, das mich davon abhält, Sie hinauszuwerfen, damit Sie auch in Zukunft weiterhin hier ein- und ausgehen können. Aber so leicht werde ich es Ihnen nicht machen."
Die Brauen des Professors zogen sich unliebsam zusammen. "Denken Sie das wirklich? Denken Sie wirklich, ich würde Wert darauf legen, von Ihnen geduldet oder akzeptiert zu werden? Ich bin nicht stolz darauf, dass es dazu kam. Ich habe nie zuvor einen Schüler unsittlich berührt."
Harry wendete zähneknirschend den Blick ab. "Ich möchte, dass Sie jetzt gehen."
Snape atmete lang anhaltend aus. Seine Haltung verriet deutlich, dass es ihm zuwider war, sich weiter mit seinem Gegenüber auseinander zu setzen. Er hätte es ohnehin nicht für nötig erachtet, sich vor ihm zu rechtfertigen, wenn es dabei nicht um die Sicherheit von Mutter und Kind gegangen wäre. In Anbetracht dessen aber hatte er das Gefühl, noch etwas loswerden zu müssen. Die unsicheren Zukunftsaussichten, die er in seiner Position hatte, verlangten förmlich nach einer Klärung.
"Ich verstehe Sie, Potter", sagte er eindringlich. "Wäre ich in einer anderen Lage, würde ich genauso reagieren. Aber ich bin es nicht. Ich habe das zu verantworten, niemand sonst. Wenn Sie mir also verbieten wollen, hier her zu kommen, werde ich es akzeptieren. Doch denken Sie daran, dass es nicht Ihr Kind sein wird, sondern Miss Grangers."
Ruckartig riss Harry den Kopf hoch und funkelte ihn an. "Sie haben genug gesagt, Professor."
Ohne Harry weiter zu beachten, apparierte der Professor an Ort und Stelle nach Hogwarts.
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Nachdenklich saß Hermine in der Küche und grübelte über das nach, was Harry gesagt hatte. Sie wollte nicht glauben, dass er es wagen würde, dem Professor etwas anzutun. Ganz besonders nicht, da sie sein Kind erwartete. Die Vorstellung jagte ihr Angst ein, immerhin hatte seine Wut auf Draco derart überhand genommen, dass der Streit zwischen ihnen tödlich ausgegangen war. Fröstelnd schlang sie die Arme um den Leib. Es war schon schlimm genug, mit der Sorge zu leben, dass Snape in ständiger Gefahr war, eines Tages von Voldemort enttarnt zu werden. Wie würde es da erst werden, wenn sich alle, die bisher zu Dumbledore gehalten hatten, gegen ihn verschwören würden, weil er der Vater ihres Kindes war?
Als wenig später Professor Lupin mit neuen Vorräten vom Fuchsbau im Gepäck im Grimmauldplatz eintraf, versammelten sich nach und nach alle Anwesenden in der Küche. Harry vermied es entschieden, Hermine anzusehen, doch da Ron und Ginny nichts von ihrem Streit mitbekommen hatten, schoben sie seine Laune auf das Ereignis mit Draco Malfoy ab. Aber auch sonst war die Stimmung so trist, dass niemand so recht wusste, was er sagen sollte, bis Lupin sich ein Herz fasste und seine ehemaligen Schüler mit der Nachricht überraschte, Tonks heiraten zu wollen. Endlich huschte wieder ein Lächeln über Hermines Gesicht. Wenn sie gestern nicht allesamt so betrübt gewesen wären, hätte Tonks bestimmt von selbst mit der positiven Neuigkeit aufgewartet. Freudig umarmte sie Remus und sprach ihm ihre Glückwünsche aus. Dann machten sie sich zur Feier des Tages gemeinsam über den Kuchen her, den Mrs. Weasley ihm mitgegeben hatte.
Im Laufe des Vormittags zerstreute sich die Versammlung langsam. Nur Hermine und Remus blieben in der Küche zurück, was ihr ganz gelegen kam, um sich endlich einmal wieder mit ihm auszutauschen. Als das Gesprächsthema jedoch brenzlig wurde, überlegte sie, ob sie es riskieren konnte, sich darauf einzulassen. Schon immer hatte sie Lupin gemocht. Auch dass sie ihm vertraute, stand nicht zur Debatte, obwohl es riskant gewesen wäre, mit ihrem Verhältnis zu Snape vorschnell an die Öffentlichkeit zu gehen. Außerdem lag es ihr fern, ihm die Freude auf die bevorstehende Hochzeit trüben zu wollen. Nach der Vielzahl an Ereignissen, die sich jedoch im Laufe des Schuljahres in Hermines Leben eingestellt hatten, fand sie es gerechtfertigt, endlich mit den ungeklärten Gegebenheiten aufzuräumen.
"Ich freue mich wirklich sehr für Sie und Tonks, Professor. Daher erscheint es mir fast unangebracht, Sie mit meinen Problemen zu belasten."
Lupin lehnte sich in seinem Stuhl zu ihr nach vorn und fasste sie eindringlich ins Visier. "Ich hätte dich nicht gefragt, wenn es mir gleichgültig wäre, Hermine."
Sie nickte abwesend. Die ruhige Art, die er an sich hatte, hatte sie schon immer bewundert.
"Ich glaube, wir beide wissen, dass wir versuchen sollten, innerhalb des Ordens so offen wie möglich miteinander umzugehen, um ihn zusammenzuhalten. Es ist so oder so nahezu unvermeidbar, dass es in diesen schweren Tagen zu Spannungen kommt, schließlich tun wir alle, was wir für richtig halten, um Harry auf den bevorstehenden Kampf gegen Voldemort vorzubereiten."
"Da bin ich ganz Ihrer Meinung", sagte sie zustimmend. "Nur leider gehöre ich nicht zum Orden."
Lupin setzte ein schwaches Lächeln auf. "Harry auch nicht. Nicht direkt jedenfalls. Aber wir alle glauben an dieselbe Sache."
Nachdenklich blinzelte Hermine ihn an. "Ist es dann nicht falsch von mir, wenn ich hin und wieder alles infrage stelle? Es ist so viel geschehen, Professor, so unglaublich viel schief gegangen, dass ich mir manchmal gewünscht habe, ich hätte mich anders entschieden."
Lupins Ausdruck wurde schlagartig wieder ernst. "Nach dem Vorfall im Zaubereiministerium letztes Jahr war es sehr mutig von dir, dich trotz allem zu Harry zu bekennen. Zuerst dachten wir, ihr hattet einfach nur großes Glück, dass ihr bei eurem Einbruch so glimpflich davongekommen seid, ohne vom Ministerium näher belangt zu werden. Dass Voldemort in Wahrheit noch ganz andere Dinge im Hinterkopf hatte, konnten wir nicht ahnen."
"Und das sagen Sie, obwohl wir dabei Sirius verloren haben?"
"Er wusste, was er tat und hätte nicht gezögert, Harry zu Hilfe zu kommen, ganz gleich, wie Dumbledore auch versucht hat, ihn davon abzuhalten. Niemand kann Sirius einen Vorwurf machen, dass er genug davon hatte, hier eingesperrt zu sein. Genauso gut konnte niemand ahnen, was Voldemort im Schilde führt. Was das Ministerium daraufhin mit diesem Gesetz verbrochen hat, um dich an Draco zu binden, war eine furchtbare Sache. Sie hatten kein Recht, dich in diese Ehe zu zwingen."
"Dann halten Sie mich nicht für verrückt, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich verzweifelt war und keinen Ausweg gesehen habe, was mich dazu getrieben hat, etwas ganz Schreckliches zu tun? Harry jedenfalls sieht die Sache nicht so harmlos."
Lupin seufzte und sein sorgenvolles, ausgemergeltes Gesicht fiel augenblicklich in sich zusammen. "Du meinst die Sache mit Draco, richtig? Harry hat mir davon erzählt, dass er nicht in der Lage war, dem, was das Ministerium verlangt hat, nachzukommen."
Beschämt sah Hermine auf die Tischplatte. "Ich war gewissermaßen gezwungen, einen Ersatz für ihn zu finden. Und wie Sie vielleicht bemerkt haben, hatte diese Person durchaus Erfolg damit …"
Intuitiv wanderte ihre Hand zu ihrem Bauch und blieb darauf ruhen. Dann sah sie Lupin an. "Es ist Snape, Professor", sagte sie schlicht. "Professor Snape ist der Vater meines Babys."
Lupin schien wie vom Blitz getroffen zu erstarren. Da er auch sonst aufgrund seiner Sorgen nicht besonders gut aussah, hatte Hermine fast Mitleid mit ihm. Insgeheim aber war sie es leid, immerzu diese Reaktion auszulösen, sobald sie ihr Geheimnis lüftete. In ihr wallte derselbe Zorn wie schon so oft zuvor auf, wenn sie das Gefühl hatte, dass jemand zu unrecht verurteilt wurde.
"In Bezug darauf, dass er mein Lehrer war, als wir uns aufeinander eingelassen haben, kann ich verstehen, dass Sie das schockiert. Trotzdem begreife ich so langsam, warum Professor Snape es bevorzugt, allen aus dem Weg zu gehen. Wenn man bedenkt, was er für den Orden tut, wäre es angebracht, ihm etwas mehr Rückhalt zu bieten. Stattdessen begegnet man ihm ständig aufs Neue mit Vorurteilen. Aber hat nicht auch er ein Recht darauf, für das, was er ist und leistet, akzeptiert zu werden?"
Lupin suchte nach Worten. "Glaub mir, ich würde mir mehr als jeder andere wünschen, dass er etwas umgänglicher wäre. Aber das berechtigt ihn noch lange nicht dazu, seine Schülerin gewollt zu schwängern."
Hermine setzte sich aufrecht vor ihm hin. Aus ihrer Sicht gesehen war es keine Frage, dass sie Snape verteidigen musste, schließlich hatte sie die Gegebenheiten ausführlichst mit ihm diskutiert. "Die Anforderungen des Ministeriums ließen mir nicht besonders viele Schlupflöcher übrig, Professor. Wer auch immer dieses Gesetz ins Leben gerufen hat, wusste genau, was er tat. Trotz allem möchte ich Sie bitten, die Angelegenheit zwischen dem Professor und mir vertraulich zu behandeln. Ich bin noch nicht soweit, es offen zu verbreiten. Zu seinem ausdrücklichen Schutz möchte ich hinzufügen, dass ich es war, die zu ihm kam. Nicht umgekehrt. Ich habe ihm keine Wahl gelassen, sonst hätte er sich nicht dazu bereiterklärt, es zu tun. Des weiteren hoffe ich, dass Ihnen das, was Sie über den Orden gesagt haben, ernst ist. Denken Sie daran, dass auch er zum Orden gehört und Tag für Tag dort draußen sein Leben riskiert. Und da ich nicht möchte, dass sein Kind ohne Vater aufwächst, appelliere ich an Ihre Menschlichkeit und Ihre Vernunft gleichermaßen."
"Meine Vernunft? Denkst du, es ist leicht für mich, damit umzugehen? Ich kann nachvollziehen, dass du nicht viel Auswahl hattest, Hermine. Aber er ist kein einfacher Mensch. Er ist bedeutend älter als du und hat immerzu alleine gelebt. Glaubst du, das lässt sich ändern? Glaubst du, er wird seine Gewohnheiten für dich ablegen und irgendwann einmal ein normales Leben führen?"
Hermine mochte es gar nicht, wie abwertend er über Snape sprach, als würde er sich für etwas Besseres halten. "Sie sollten am besten von allen wissen, wie es ist, kein normales Leben führen zu können, denn wenn ich mich recht erinnere, waren Sie auf die Hilfe von Professor Snape angewiesen, während Sie in Hogwarts unterrichtet haben", entgegnete sie steif. "Aber das nur am Rande, Professor. Mich würde vielmehr interessieren, was Tonks zu Ihrer Haltung sagt. Immerhin ist sie nicht wesentlich älter als ich. Trotzdem haben Sie vor, sie zu heiraten."
"Du denkst, das ist dasselbe? Beruhigt es dich vielleicht, wenn ich dir hier und jetzt sage, dass ich alles für sie tun würde? Sonst wäre ich bestimmt nicht bereit gewesen, die Beziehung trotz meiner kleinen Schwäche, zu vertiefen. Bei Severus hingegen bin ich mir da nicht so sicher. Er ist zwar kein Werwolf, hat aber dafür andere Probleme."
Wütend schnaubte sie ihn an. "Sie meinen, weil er ein Todesser ist? Sie sagen zwar, dass Sie ihm vertrauen, weil Dumbledore es tut. Aber meinen Sie das auch so? Was lässt Sie glauben, dass er so anders ist als Sie?"
"Das solltest du ihn selbst fragen. Ich kenne ihn jedenfalls lange genug, um zu wissen, dass er sich nicht an jemanden binden wird. Niemand hat es bisher geschafft, zu ihm durchzudringen. Der einzige Mensch, von dem er sich etwas sagen lässt, ist Dumbledore, was, wenn du mich fragst, nicht mit rechten Dingen zugeht. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass er nicht einmal dann, wenn dabei ein Kind im Spiel ist, etwas in seinem Leben ändern würde. Er ist verbittert und verbohrt, Hermine. Und ich wünsche dir nicht, dass du es bist, die sich an ihm die Zähne ausbeißen muss."
Verblüfft sah sie ihn an. Dann schien es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen zu fallen. Was auf Malfoy Manor geschehen und gesagt worden war, hatte sie nicht vergessen. Erneut drängte sich ihr unweigerlich die Frage nach der Identität der unbekannten Frau auf, die es geschafft hatte, sich in Snapes vereistes Herz zu schleichen. Doch wieso hatte er so ein Geheimnis um sie gemacht, dass selbst Lupin davor zurückzuscheuen schien, es anzusprechen?
"Wie meinen Sie das? Hat das etwas mit dieser Frau zu tun, die Voldemort auf dem Gewissen hat?"
Lupin rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. "Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Geheimnis an die Oberfläche kommt", murmelte er abwesend.
Hermine verlor langsam die Geduld mit ihm. "Was hat das zu bedeuten? Wer war diese Frau, Professor?"
Wie verloren schüttelte Lupin den Kopf. "Es sieht ihm ähnlich, dass er es für sich behalten hat. Dennoch denke ich, hast du ein Recht darauf, es zu erfahren. Aber sei vorsichtig, wem du es anvertraust, denn sollte Harry je dahinterkommen, wirst du dir wünschen, du hättest nie davon erfahren."
