Call it bittersweet
Kapitel 39
Hilferufe
Nachdem Tonks die nächste Wache im Grimmauldplatz übernommen hatte, kehrte Snape umgehend ins Schloss zurück. Das Aufeinandertreffen mit Miss Granger hatte wie üblich einen verstörenden Effekt auf ihn. Wäre sie nicht von so anhänglicher Natur gewesen, hätte er es leichter gehabt, mit der Sache umzugehen. Auf diese Art jedoch tat er sich schwer, den Gedanken an sie loszulassen.
Kaum war er in Dumbledores Büro angelangt, ließ Snape sich mit verschränkten Beinen und auf die Hand gestütztem Kopf seinem Schulleiter am Schreibtisch gegenüber nieder, wo er darauf wartete, dass Fawkes von den Streicheleinheiten, die er sich von Dumbledore holte, genug hatte. Am Ende stolzierte der Phönix majestätisch über den Tisch, schlug einmal kräftig mit den Schwingen und flog dann auf seine Stange zurück. Dort steckte er den Kopf unter den Flügel und tat so, als würde er schlafen. Snape jedoch traute dem Frieden nicht sonderlich und blickte mit gerunzelter Stirn auf sein schillerndes Gefieder. Wann immer der Vogel im Büro war, hatte er das ungute Gefühl, beobachtet zu werden.
„Er wird schlafen, Severus", sagte Dumbledore in die Stille hinein. „Du kannst also ungestört berichten, was geschehen ist."
Snape drehte den Kopf in seine Richtung und sah ihn scharfsinnig an. „Er schläft nie." Schon immer hatte er sich gefragt, wie Dumbledore es anstellte, das zu erraten, was in den Köpfen anderer Leute vorging. Ganz besonders, wo Snape wie kaum ein anderer Mensch in der Lage war, seinen Geist vor dem Eindringen anderer zu verschließen.
Auf dem Gesicht des Schulleiters tauchte ein sanftes Lächeln auf. „In diesem Punkt seid ihr euch sehr ähnlich, Severus."
Snape schnaubte abfällig. „Es gibt wie üblich jede Menge zu tun. An Schlaf ist dabei kaum zu denken."
„Und jede Menge zu berichten, nehme ich an. Trotzdem sträubst du dich dagegen."
Seufzend nahm Snape die Hände hoch und verschränkte sie hinter dem Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich das noch durchstehen kann. Er will unbedingt wissen, wo der Junge steckt."
„Was hast du ihm gesagt?"
Wie beiläufig zuckte der Zauberer mit den Schultern. „Das Übliche. Er sei aus Frucht irgendwo bei einem Mitglied des Ordens untergetaucht."
„Gut so. Er soll ruhig denken, Harry sei schwach. Das ist nur zu unserem Vorteil. Und weiter?"
„Seine Methoden des Verhörs haben sich verändert, was bedeutet, je ungeduldiger und unzufriedener er ist, umso länger lässt er uns zappeln. Lucius hat sich vor ihm übergeben, bis er fast an seinem eigenen Erbrochenen erstickt ist. Aufgrund der Vermählung von Draco und Miss Granger hatte ich das Glück, dass der Dunkle Lord seine Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet hat."
„Keine schöne Vorstellung, Severus", bemerkte Dumbledore trocken.
„Der Cruciatus ist nun mal, was er ist. Er dient der Folter, nicht mehr, nicht weniger."
Das Lächeln auf dem Gesicht des Schulleiters war verschwunden. Abwesend wippte er mit dem Kopf. „Armer Lucius. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Tom dahinterkommt, dass er unbrauchbar ist und ihm keine Informationen liefern kann. Ich wünschte, ich könnte dir mehr Zeit verschaffen, aber die haben wir nicht. Ich muss auf eine Reise gehen, vermutlich wird es sogar meine letzte sein. Außerdem will ich, dass Harry mich begleitet."
Verwundert setzte Snape sich auf. „Potter? Wozu?"
Müde schüttelte Dumbledore den Kopf. „Wenn ich dir noch mehr verrate, wirst du noch mehr Sorgen in deinem Kopf haben. Sieh zu, dass du die Angelegenheit mit Miss Granger nicht versehentlich verrätst."
„Ich habe nie etwas verraten, was er nicht wissen sollte", schnarrte Snape ungehalten. „Außer damals, als ich von der Prophezeiung erfuhr."
Dumbledore hob seine geschwärzte Hand und betrachtete sie interessiert. „Hast du dich je gefragt, was geschehen wäre, wenn du es nicht getan hättest?"
„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke."
Eindringlich sah Dumbledore sein Gegenüber an. „Du musst aufhören, dich damit zu belasten."
„Und wie soll ich das anstellen?", fragte Snape mit verzerrtem Gesicht. „Wäre ich nicht gewesen, würde sie noch leben."
„Ich weiß, dass das schwer zu verstehen ist. Doch je länger du dich quälst, desto weniger wirst du selbst dir verzeihen können, Severus. Nach all dieser Zeit hältst du noch immer an ihr fest. Das ist nicht gut. Damals hattest du keine andere Wahl. Dadurch, dass du dein Wissen über die Prophezeiung weitergegeben hast, konntest du Toms Vertrauen gewinnen. Und genau das brauchen wir heute. Außerdem gibt es keine Garantie, dass sie noch leben würde, wenn du es nicht getan hättest. Du kanntest Lily und James. Sie hätten sich nicht einfach nur versteckt und dort gewartet. Ebenso war es bei Sirius."
Snape blinzelte. Es behagte ihm gar nicht, die Sache weiter zu vertiefen. „Da ist noch etwas, das Sie wissen sollten", sagte er matt. „Miss Granger wird einen Sohn haben. Ich – ich bin in den Krankenflügel gegangen, um das Geschlecht des Kindes zu erfahren."
Fragend lugte Dumbledore über den Rand seiner Brille hervor. „Poppy?"
Snape nickte wortlos.
„Verstehe", antwortete Dumbledore ruhig. „Es war richtig, dass du es mir gesagt hast. Aber das heißt nicht, dass du die Erlaubnis hast, deine Kollegen mit einem Zauber zu belegen, verstanden?"
Wieder nickte er. „Es wird nicht mehr vorkommen, Albus."
Dumbledores Blick schien finsterer denn je zu werden. "Gut."
Genau genommen war nichts gut. Snape spürte den Unmut seines Vorgesetzten nur zu deutlich und konnte es kaum erwarten, endlich von hier zu verschwinden, um ins Bett zu kommen. Beunruhigt verzog er das Gesicht. "Kann ich dann gehen?"
"Noch eine Sache, Severus. Jemand muss sich um Miss Grangers Eltern kümmern. Wenn ich nicht mehr da bin, wird Tom nicht davor zurückschrecken, nach ihnen zu suchen. Er wird allen nur erdenklichen Hinweisen nachgehen, bis er etwas über Harry herausfindet, das ihm von Nutzen sein kann."
Snape behagte der Gedanke gar nicht, noch ein Problem mehr am Hals zu haben. "Verstehe", sagte er leise. "Was soll mit ihnen geschehen?"
"Vorerst dürfte es genügen, wenn du sie so weit wie möglich von hier fortschaffst. Miss Granger wird dir bestimmt behilflich sein, ihnen die passende Identität zu verschaffen."
Natürlich. Was für eine Wahl hatte sie schon.
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"Wenn du mich weiterhin auf Schritt und Tritt verfolgst, schreie ich. Ich warne dich, Harry. Zuerst gehst du mir aus dem Weg und redest kein Wort mehr mit mir. Und jetzt das!" Wütend fuchtelte Hermine mit den Armen herum, ehe sie sich auf das alte Sofa im Wohnzimmer des Grimmauldplatzes fallen ließ.
Ron und Ginny blickten alarmiert von ihrem Schachspiel auf. Eigentlich hatten sie gehofft, hier ihre Ruhe vor den beiden Streitenden zu haben. Doch da lagen sie falsch. Harry schien sich nicht um Hermines Anfall zu kümmern. Beharrlich trottete er hinter ihr her und setzte sich zu ihr aufs Sofa.
"Ich will nur wissen, was ihr neulich so lange in der Küche gemacht habt", sagte er fordernd. "Es ist mein Haus, Hermine. Da habe ich wohl ein Recht, zu erfahren, was hier vor sich geht."
Hermine schnaubte und verschränkte eingeschnappt die Arme vor der Brust. "Ich habe dir gesagt, dass wir miteinander geredet haben. Es ist nichts gelaufen, okay? Genügt dir das jetzt endlich?"
Ron räusperte sich leise. "Würde es euch was ausmachen, nicht weiter darüber zu reden? Mir gefällt die Vorstellung, Snape und dich zusammen dabei zu erwischen, wie ihr es treibt, nicht sonderlich gut."
"Ron! Da war nichts. Wir haben uns zum Abschied nur geküsst, nichts weiter."
"Ha! Seht ihr? Genau das meine ich", stieß Harry angewidert aus. "Ihr habt euch geküsst! In meiner Küche?!"
Hermine rollte mit den Augen. "Was ist schon dabei? Er ist immerhin der Vater meines Kindes."
Ginny kicherte verhalten in sich hinein, die Jungs hingegen fanden das gar nicht lustig.
"Vielleicht könnten wir uns alle darauf einigen, das Thema ruhen zu lassen, solange wir hier festsitzen. Wirklich, euer Gezanke geht mir gewaltig auf den Keks."
"Sicher doch, Ron. Als würdest du damit klarkommen", murmelte Harry verbissen.
"Tue ich auch nicht. Ich hab dir gesagt, wie ich dazu stehe. Aber wenn wir damit weitermachen, uns deswegen zu streiten, werden wir nicht vorankommen. Nimm es hin, Harry. Du kannst es nicht ändern."
"Nein, kann ich nicht. Aber ich kann es ihm irgendwann heimzahlen. Da kannst du drauf wetten."
"Untersteh dich, so zu reden, Harry", sagte Hermine hart. "Du weißt, was beim letzten Mal passiert ist, als du so eine Drohung losgelassen hast."
"Und wenn schon. Um Snape wäre es nicht schade."
Hermine schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass ihm der unbeabsichtigte Zwischenfall mit Draco mehr zu schaffen machte als er sich eingestehen wollte. Bei Snape hingegen war sie nicht sicher, wie weit er gehen würde.
"Sag mal, Hermine", warf Ron dazwischen, "hast du wenigstens was Neues von ihm erfahren? Weiß er, was Dumbledore im Schilde führt?"
"Nicht wirklich. Ich bezweifle so langsam, dass Snape die Einzelheiten seiner Pläne kennt. Solange wir hier festsitzen, müssen wir abwarten."
Harry stöhnte auf. "Super. Das bringt uns ja echt weiter. Er macht mit dir rum und schafft es nicht mal, dir ein paar läppische Informationen zukommen zu lassen."
Hermine starrte ihn empört an. "Was soll das nun wieder heißen?"
"Ganz einfach. Deine Beziehung zu ihm ist ein glatter Witz."
"Ich habe nie behauptet, dass wir eine Beziehung haben, Harry."
"Stimmt. Euch reicht es, miteinander ins Bett zu gehen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken."
Wütend stand sie auf. "Weißt du was? Mir reicht es wirklich. Bleib du hier. Ich werde in die Küche gehen und mir was zu essen machen. Und komm ja nicht auf die Idee, mir nachzulaufen."
Schon eilte sie zur Tür, ohne Harry weiter zu beachten.
"Das hast du toll hingekriegt", bemerkte Ron leise. "Musst du ständig auf ihr herumhacken?"
"Ist doch wahr ..."
Kopfschüttelnd meldete sich nun auch Ginny zu Wort. "Er hat Recht, Harry. Sie hat es im Moment nicht leicht. Glaubst du denn wirklich, sie hätte sich mit Snape eingelassen, wenn sie einen anderen Ausweg gesehen hätte?"
"Keine Ahnung. Ich kann eben nicht anders. Sobald es um ihn geht, legt sich in meinem Kopf ein Schalter um, der mir sagt, dass der Kerl nur Ärger macht."
"Das wissen wir. Mit Snape ist noch nie zu Spaßen gewesen. Aber lass es nicht an ihr aus. Sie kann doch nichts dafür, dass das Ministerium solchen Mist baut. Es ist Voldemort, der dahintersteckt."
Harry seufzte. "Ich hoffe nur, Dumbledore weiß, was er tut. Wenn wir nicht bald vorankommen, kann ich für nichts mehr garantieren."
"Und? Was hast du vor?", fragte Ginny vorsichtig. "Du willst doch nicht etwa abhauen?"
Achselzuckend sah Harry aus den Fenster. "Ich kann Sirius verstehen. Es ist deprimierend, hier festzusitzen, während dort draußen alle versuchen, uns zu helfen. Um den Orden steht es nicht gut. Habt ihr gemerkt, wie fertig Lupin ausgesehen hat? Und eure Mum erst. Sie hatte so ein sorgenvolles Gesicht, dass sie mir fast Angst gemacht hat. Was glaubt ihr, wie lange es noch dauern wird, bis Dumbledore zu schwach sein wird, weitere Reisen zu machen und Hinweise zu sammeln, die mir bei der Zerstörung von Voldemort helfen werden? Und was, wenn er stirbt, ohne dass er die Gelegenheit hatte, mir alles zu sagen, was ich wissen muss? Es macht mich verrückt, dass er mich so hinhält. Wie soll ich etwas gegen Voldemort ausrichten, solange er unsterblich ist?"
Ginny streckte die Hand nach ihm aus und legte sie beruhigend auf seine. "Das sind eine Menge Fragen auf einmal, Harry. Ich wette, nicht mal Dumbledore wüsste eine Antwort darauf."
"Sieht so aus", entgegnete er trocken. "Sonst würde er wohl mehr tun."
Die unter den Anwesenden vorherrschende angespannte Stimmung im Grimmauldplatz beruhigte sich erst wieder, nachdem Professor Lupin mit einer Vielzahl an neuen Informationen und Anweisungen auf der Bildfläche erschien, mit deren Hilfe er die Neugier der untergetauchten Schüler zu besänftigen wusste. Gemeinsam steckten alle in der Küche die Köpfe zusammen, um sich anzuhören, was er zu berichten hatte. Wie befürchtet, nahm das Vorgehen der Todesser gegenüber Muggeln immer gewalttätigere Züge an, was jedoch in den Zeitungen zu einem Großteil verschleiert wurde. Viele der muggelstämmigen Schüler fürchteten sich davor, bis zum Ende des Schuljahres überhaupt nach Hogwarts zurückzukehren. Alleine die Tatsache, dass Dumbledore noch immer Schulleiter war, schien Voldemort davon abzuhalten, das Ministerium gänzlich in die Knie zu zwingen. Wie viele der Mitarbeiter im Ministerium jedoch schon von ihm kontrolliert wurden, ließ sich nicht mit Gewissheit sagen. Auch Arthur Weasley geriet immer mehr in Bedrängnis. Ebenso zu schaffen machte dem Orden die Tatsache, dass nicht einmal mehr den Auroren vertraut werden konnte. In ihrem Ehrgeiz gingen sie mindestens ebenso rigoros wie die Todesser vor und verhafteten jeden, der auch nur halbwegs den Eindruck erweckte, etwas mit den Dunklen Künsten am Hut zu haben. Die Wut, die aufgrund dieser Nachrichten in Hermine aufkeimte, war kaum noch zu unterdrücken. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Schwangerschaft fühlte sie sich dazu veranlasst, auf eigene Faust mit den Jungs zusammen etwas in die Wege zu leiten, um Voldemort aufzuhalten.
Doch soweit sollte es nicht kommen. Noch am selben Abend tauchte Snape in ihrer Mitte auf. Zum Glück gab es diesmal aber keine weitere Auseinandersetzung zwischen den beiden Professoren. Dennoch wartete Hermine ungeduldig darauf, dass Lupin sich verabschiedete und die anderen die Küche verließen, damit sie ungestört mit Snape reden konnte.
Kaum waren sie alleine, drückte der Professor die Tür ins Schloss und baute sich mit steifer Haltung vor ihr auf. „Ihre Eltern sind Muggel, nicht wahr?" fragte er ohne Umschweife.
Hermine sah ihn mit offenem Mund an, ohne so recht zu wissen, was er von ihr wollte. „Wollen Sie sich nicht erst einmal setzen?"
Wie erwartet kam keine Reaktion von ihm, lediglich seine Augen blitzten auf. „Ich nehme an, Lupin hat Sie über die neuesten Entwicklungen aufgeklärt. Der Schulleiter hat mich aufgrund dessen gebeten, mit Ihnen gemeinsam Vorbereitungen zum Schutz Ihrer Eltern zu treffen."
Hermine blinzelte unbeholfen zu ihm hinauf. „Müssen Sie immer gleich mit der Tür ins Haus fallen?"
Snape hob eine seiner Brauen an. „Um mit Ihnen zu diskutieren fehlt mir leider die Zeit, Miss Granger."
Beflissen nickte sie. „Das dachte ich mir schon. Ich bin nur überrascht, das ist alles. In meiner Verzweiflung habe ich gar nicht weiter darüber nachgedacht, dass meine Eltern ebenfalls in Gefahr sind. Sie wissen ja noch nicht einmal von meiner Hochzeit mit Draco, geschweige denn davon, dass sie Großeltern werden ..."
Erst jetzt, da sie es ausgesprochen hatte, kam Hermine so richtig in den Sinn, dass sie ihre Eltern seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Zwar hatte sie ihnen hin und wieder einen Brief geschrieben und darin vorgegaukelt, dass alles in bester Ordnung sei, was natürlich eine glatte Lüge gewesen war. Im Großen und Ganzen aber hatte sie so mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen gehabt, dass sie nicht weiter an sie gedacht hatte.
„Wie soll diese Schutzmaßnahme denn aussehen, Professor?", fragte sie geknickt.
„Wir werden ihnen eine neue Identität verschaffen und dafür sorgen, dass sie so weit wie möglich von hier verschwinden."
Sie schluckte. „Das klingt einleuchtend."
„Finde ich auch. Nun denn, haben Sie vielleicht einige Informationen über Ihre Eltern, die mir von Nutzen sein könnten?"
„Ich glaube nicht, dass ich Sie richtig verstanden habe. Was genau möchten Sie denn wissen?"
„So viel wie möglich, Miss Granger. Die neuen Identitäten sollen schließlich glaubwürdig erscheinen."
Angespannt klemmte Hermine ihre Lippe zwischen die Zähne und überlegte. „Meine Eltern sind Einzelkinder. Da meine Großeltern bereits tot sind, gibt es nur noch uns. Sie sind Zahnärzte und haben eine eigene Praxis … Da fällt mir ein, was soll nur daraus werden, wenn meine Eltern weg sind? Wie lange wollen Sie sie denn fortschaffen?"
Snape schüttelte den Kopf. „Machen Sie sich keine Gedanken darüber. Wenn erst einmal ein paar Zauberer mit Masken und Kapuzen bei Ihren Eltern vor der Haustür stehen, haben Sie ganz andere Sorgen."
Hermine schluckte. „Was Sie nicht sagen."
Um sich eingehender mit den Konsequenzen dieser Vorsichtsmaßnahme zu befassen, ließ er ihr keine Zeit. Stattdessen fing er an, sie über sein Vorhaben aufzuklären. Da Hermine ohnehin keine Erfahrung mit solchen Gegebenheiten hatte, stimmte sie zu. Hauptsache war, dass ihre Eltern in Sicherheit gebracht wurden. Und nachdem sie schon vor einer ganzen Weile beschlossen hatte, ihm zu vertrauen, schien es jetzt nicht anders zu sein. Trotzdem empfand sie eine solche Wehmut, dass es ihr einen Stich versetzte. Wie hatte sie nur so tief sinken können, dass ihr das Leben ihrer Eltern so gleichgültig geworden war, dass sie sie in ihrem Kummer beinahe vergessen hatte? Den Tränen nahe versuchte sie, ihr Gewissen zu beruhigen. Doch es half nichts, dagegen anzukämpfen. Die Gewissheit, von der Hilfe anderer abhängig zu sein, sorgte unweigerlich dafür, dass sie sich schwach fühlte.
Erschöpft sackte sie in ihrem Stuhl zusammen und sah zu ihm auf als wäre er die Lösung all ihrer Probleme und Sorgen. „Wo werden Sie sie hinbringen?"
Snape hielt einen Moment inne und überlegte, ehe er antwortete. „Wo hätten Sie sie denn gerne?"
Planlos zuckte Hermine mit den Schultern. „Sie haben immer davon geredet, eines Tages nach Australien auszuwandern."
„Das sollte machbar sein. Weit weg ist es jedenfalls. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen. Ich werde alles Nötige in die Wege leiten ..." Damit wandte er sich auch schon von ihr ab.
Entgeistert sprang Hermine auf die Beine und griff nach seinem Arm. „Warten Sie! Das war alles? Sie wollen jetzt einfach so gehen?"
Wenig erfreut über ihren Einwand legte er den Kopf schief und blickte auf sie hinunter. „Was hatten Sie erwartet, Granger? Dass ich sie hier herbringe und Sie sich in aller Ruhe von ihnen verabschieden können?"
Hermine wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber das war es nicht."
Sein Blick verschärfte sich, dass es schon fast unangenehm für Hermine wurde, ihn weiterhin anzusehen. "Wann haben Sie zuletzt an Ihre Eltern gedacht, Miss Granger?", fragte er hart. "Wann haben Sie ernsthaft darüber nachgedacht, ihnen einen Besuch abzustatten?"
Peinlich berührt suchte sie nach Worten. "Sie waren immer in meinem Herzen. Ich habe immer gehofft, dass es ihnen gut geht. Aber ich bin nicht in der Lage gewesen, mich um sie zu kümmern. Ich konnte es nicht. Das mit der erzwungenen Heirat zwischen Draco und mir hätten sie nie verstanden. Ebenso wenig das mit Ihnen und der Schwangerschaft."
Bestimmend entzog er ihr seinen Arm und richtete sich zu seiner vollen Größe vor ihr auf. "Dann wäre es besser, wenn sie nie davon erfahren."
Hermine spürte, wie die Tränen über ihre Wangen liefen, ohne dass sie sie aufhalten konnte. "Was hätte ich denn tun sollen? Ihnen die Wahrheit sagen? Ich dachte, es wäre besser, wenn sie glauben, dass es mir gut geht. Also habe ich sie angelogen."
Erst jetzt entspannte er seine Haltung ein wenig. "Sie sehen müde aus. Gehen Sie nach oben und ruhen Sie sich aus."
Beharrlich schüttelte sie den Kopf. "Ich wollte nie, dass das geschieht", sagte sie leise. "Meine Eltern haben mir ein wunderbares Zuhause gegeben. Sie waren neben Harry und Ron immer die wichtigsten Menschen in meinem Leben und verdienen etwas Besseres als eine Tochter, die sich nicht um sie kümmert ..."
"Sie müssen mir keine Rechenschaft darüber ablegen. Es sind schließlich Ihre Eltern."
"Trotzdem möchte ich nicht, dass Sie glauben, ich hätte das gerne getan."
Snape legte seine Hände auf ihre Schultern und hielt sie fest. "Meine Meinung dazu spielt keine Rolle, Granger."
"Doch, tut sie. Für mich ist wichtig, was Sie denken." Unbewusst griff sie nach seinen Armen und streckte sich zu ihm empor, bis sie seinem Gesicht ganz nahe war. "Seit Monaten spuken Sie in meinem Kopf herum. Ich kann nicht anders. Ich muss einfach immerzu an Sie denken. Und insgeheim hoffe ich darauf, dass Sie irgendwann genauso empfinden wie ich. Verstehen Sie? Obwohl ich weiß, dass es extrem egoistisch von mir ist, an Ihnen festzuhalten, zähle ich auf Sie. Genau aus diesem Grund hasse ich es, wenn Sie einfach fortgehen und ich nicht weiß, was geschieht. Ich möchte nicht, dass Sie mich mit dieser Ungewissheit zurücklassen, Professor. Es frisst mich auf. Es tut weh."
Snape ließ von ihr ab und umfing mit seinen Händen ihren Kopf. Für etliche Sekunden sah er sie einfach nur an und das Schwarz seiner Augen wirkte so durchdringend wie nie zuvor. Dann, als er den Mund öffnete, war die Anspannung in Hermine so gewaltig angestiegen, dass ihre Knie einzuknicken drohten. Sie wusste nicht, was in ihm vorging. Auch nicht, wie er letztendlich auf ihr schmerzvolles Geständnis reagieren würde. Unergründlich wie immer ragte seine Gestalt vor ihr auf, dass es ihr fast das Herz brach, keine Erwiderung auf ihre Gefühle zu erfahren.
"Haben Sie nicht gerade eben gesagt, Ihre Eltern, die Ihnen stets so nahe standen, würden es nicht verstehen, wenn sie die Wahrheit wüssten? Denken Sie nach, Granger. Sie haben gesehen, wie unser Umfeld darauf reagiert, wenn es erfährt, was wirklich geschehen ist. Glauben Sie da, dass es einfacher für Sie wäre, wenn ich mich gehen lasse und mich Ihnen hingebe?"
"Aber Sie waren schon einmal bereit, das zu tun."
Er nickte kurz angebunden. "Vielleicht war ich das. Nur lässt sich auf diese Weise nicht wiedergutmachen, was wir getan haben."
Hermine schluckte. "Und was wäre, wenn ich das gar nicht wiedergutmachen möchte? Was, wenn es mir nicht mehr genügt, einfach nur mit Ihnen zu schlafen, um bei Ihnen sein zu können? Wenn ich mehr will als ständig darauf zu warten, dass Sie hier herkommen und auf uns aufpassen? Seien Sie ehrlich, Professor. Es sieht nicht so aus, als würde ich nach Hogwarts zurückkehren können. Aber alleine die Vorstellung, Sie gehen zu lassen und dabei nicht zu wissen, wann ich Sie wiedersehen werde, macht mir schreckliche Angst. Ich wünschte nur, Sie würden das verstehen, anstatt mich anzusehen, als wäre ich eine unglaubliche Last für Sie. Wir könnten so viel ändern, so viel mehr voneinander haben, wenn wir aufeinander zugehen würden."
Sein Ausdruck wurde hart, sodass sie fröstelte. "Mit anderen Worten, Sie wünschen sich, dass ich Ihnen entgegenkomme."
"Ja."
"Und wie stellen Sie sich vor, dass es daraufhin weitergeht? Nur einmal angenommen, ich würde Ihre Gefühle akzeptieren, was dann, Granger?"
"Ich weiß es nicht", sagte sie offen heraus. "Doch ich möchte mich nicht länger vor der Wahrheit verschließen. Ich will nicht dagegen ankämpfen, dass Sie es waren, der für mich da war."
Er ließ die Hände sinken und zog die Brauen in die Höhe. "Muss ich Sie daran erinnern, dass die Umstände Schuld daran waren? Nicht etwa die Tatsache, dass wir uns zueinander hingezogen gefühlt hätten."
"Das weiß ich doch. Aber Gefühle können sich nun einmal ändern." Langsam streckte sie den Arm nach ihm aus und legte ihre Finger auf seine raue Wange. "Sagen Sie mir nicht, Sie würden das nicht fühlen, Professor. Sagen Sie nicht, es spielt keine Rolle, was ich tue. Ich kann es Ihnen ansehen. Sie weigern sich, es zuzugeben, weil Sie sich davor fürchten, was als Nächstes kommt."
Snape sah sie auf befremdliche Weise an und lehnte sich ein ganzes Stück nach vorn, sodass ihre Körper aneinander prallten und Hermine fast die Luft wegblieb.
"Und was, wenn Sie sich irren?", fragte er in einem bedrohlichen Flüstern. "Was, wenn Sie glauben, Sie könnten das mit uns lenken, obwohl es nicht funktionieren kann, Granger? Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass noch weiteres Übel über Sie hereinbricht. Ich kann das nicht tun. Ich bin nicht dazu geeignet, Ihnen das zu geben, wonach Sie suchen. Sie brauchen jemanden, der an Ihrer Seite sein kann. Jemanden, der für Sie da ist."
Es wurde schlagartig still und Hermine konnte nur noch seine aufgewühlte Atmung hören. "Wir wissen beide, dass es falsch war, was wir getan haben", gestand sie leise. "Aber wir können es nicht ändern. Selbst dann, wenn ich mich irren sollte, war es jede einzelne Minute mit Ihnen wert. Sie haben mir eine vollkommen neue Seite an Ihnen gezeigt. Jedes Mal, wenn Sie gehen, kann ich es kaum erwarten, Sie endlich wiederzusehen. Und jetzt, wo Sie hier sind, zweifeln Sie obgleich all der Geschehnisse daran, ob Sie es wagen können, sich auf mich einzulassen? Wieso?"
Snape schluckte schwer, sagte jedoch nichts darauf.
Kurzerhand drehte Hermine sich von ihm weg und senkte den Blick auf den Boden. "Ich bin es müde, mit Ihnen zu streiten, Professor. Ich möchte nicht um Ihre Anerkennung kämpfen müssen. Trotzdem sollen Sie nicht gehen, ohne zu wissen, dass ich darauf warten werde, Sie wiederzusehen."
Noch ehe sie eine Antwort von ihm erhalten hatte, rannte sie los und ließ ihn alleine. Wie angewurzelt harrte der Professor aus und starrte auf den Fleck am Boden, wo sie eben noch gestanden hatte. Dann konnte er unmissverständlich die Tür hören, die leise hinter ihr ins Schloss fiel.
