Call it bittersweet

Kapitel 40

Herausforderungen

Snape stand für eine ganze Weile wie verloren auf dem Platz in der Küche, an dem sie ihn zurückgelassen hatte. Bis zuletzt hatte er nicht wahrhaben wollen, dass dieses Mädchen (er weigerte sich immer noch, anzuerkennen, dass sie eine junge Frau geworden war) so beharrlich an ihm festhalten würde. Nach allem, was er erlebt hatte, war er nicht sonderlich gut auf andere Menschen zu sprechen. Schon gar nicht, wenn sie versuchen wollten, sich in sein Leben zu drängen.

Gerade als er in sich selbst zurückgezogen damit haderte, ihr nachzulaufen, ging die Küchentür auf und Harry Potter erschien im Türrahmen. Der Anblick des Professors wirkte selbst für ihn grotesk, obwohl er mit Snape schon so einiges erlebt hatte.

Wütend stemmte er die Hände in die Hüften und sah auf die dunkle Rückseite des Professors, die wie ein schwarzer Wall vor ihm aufragte. "Was haben Sie nun schon wieder getan?", fragte er in unfreundlichem Ton.

Snape zuckte zusammen und wirbelte wie vom Blitz getroffen herum, als hätte er die Anwesenheit des jungen Mannes erst jetzt bemerkt. Seine Mundwinkel rollten sich zurück, dann folgte ein bedrohliches Knurren. "Hat man Ihnen nicht beigebracht, anzuklopfen, bevor man einen Raum betritt, Potter?"

Überschäumend vor Wut schnaubte Harry zurück. "Sie können von Glück reden, dass Hermine so große Stücke auf Sie setzt. Andernfalls würde sie Sie wohl nicht verteidigen ..."

Snapes Brauen zogen sich zusammen und Harry stockte. Das Bild vor ihm schien so gar nicht mit dem übereinzustimmen, das er in der Vergangenheit von seinem Gegenüber gehabt hatte.

„Was, Potter? Hat es Ihnen jetzt die Sprache verschlagen?"

Entgeistert starrte Harry in das Gesicht seines Professors und flüsterte: „Sie mögen Sie wirklich. Ist es nicht so?"

Wie schon des öfteren an diesen eigenartigen Tagen wurde es totenstill in der Küche. Auf einmal jedoch schlug sich Harry mit der Hand an die Stirn und lachte höllisch auf. „Natürlich! Das ist es! Sie veranstalten diesen ganzen Zirkus hier nur, weil Sie tatsächlich einen Narren an ihr gefressen haben."

Ungläubig schüttelte er den Kopf, und noch mehr Gelächter folgte, dem Snape ein äußerst missmutiges Gesicht entgegensetzte. Beinahe nichts war so schlimm für ihn, wie der Gedanke, von anderen zum Narren gehalten zu werden.

„Sie wissen nicht, was Sie da sagen", zischte er seinen Schüler eisig an.

Dann wurde Harry plötzlich wieder ernst und fasste den Professor mit einem vernichtenden Blick ins Visier. „Ist das zu fassen? Schämen Sie sich denn nicht, ihr das anzutun?"

Snape wurde es langsam aber sicher zu bunt. „Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden, Potter."

Blitzartig wollte er an Harry vorbeiziehen, der jedoch stellte sich ihm gekonnt in den Weg und schlug die Tür zu.

„Ach nein?", fragte Harry mit gespielter Unschuld. „Dann werde ich Ihnen auf die Sprünge helfen! Es hat Ihnen wohl nicht gereicht, Hermine das Leben zu versauen. Anstatt vor ihr zuzugeben, was da läuft, halten Sie sie auch noch hin, belügen sie ..."

So schnell wie noch nie hatte Harry seinen Zauberstab aus der Tasche seiner Jeans hervorgezogen. Blanker Hass flackerte in seinen Augen auf.

Snape jedoch war ihm zuvorgekommen und hielt seinen Arm geradewegs auf Harrys Gesicht gerichtet. „Wenn Sie noch ein Wort sagen, werde ich Ihnen bei lebendigem Leibe das Hirn aus der Nase ziehen, Potter. Haben wir nicht gemeinsam versucht, Ihnen beizubringen, wie man seinen Geist verschließt? Ihr Zauberstab ist zwecklos, meine Zeit vertan, solange Sie nichts dazulernen -"

„Crucio!", erdröhnte Harrys Stimme in der Küche.

Snape blockte mühelos den zornigen Zauber und grinste ihn an. „War das schon alles? Nur zu, versuchen Sie es noch einmal. Aber diesmal mit etwas mehr Gefühl. Ihre Wut alleine reicht dazu nicht aus. Oder wollen Sie Hilfe holen, wie Ihr Vater es gemacht hat? Alleine war er ja nicht in der Lage, es mit mir zu versuchen ..."

In Harry überschlug sich alles. Er wollte Snape nur noch eins auswischen. Zugleich dachte er an das Buch, in dem er den Spruch gefunden hatte, mit dem er am Ende Draco zur Strecke gebracht hatte. Als Nächstes kam ihm Hermine in den Sinn, die vermutlich in diesem Moment oben in ihrem Bett lag und sich die Augen aus dem Kopf heulte. Blind vor Hass schüttelte er sich, da sah er Snapes Gestalt vor sich, der scheinbar gelangweilt dastand und mit dem Fuß auf den Boden klopfte – Hatte er tatsächlich schon wieder seine verdammte Fähigkeit benutzt, in seinen Geist einzudringen?

„Sagen Sie es, Potter", höhnte Snapes eiskalte Stimme. „Sectumsempra. Es ist ganz einfach. Bei Draco hat es ja auch funktioniert ..."

Harry überlegte nicht lange. Er nutzte die Gelegenheit, während Snape ihm mit seidenweicher Stimme eine Lektion erteilen wollte und feuerte den Fluch, der so voller dunkler Magie steckte, auf seinen verhassten Professor ab. Der wiederum blockte den Spruch aus dem Handgelenk und riss Harry mit einem ungesagten Zauber von den Füßen, sodass dieser mit Rücken und Kopf gegen die Tür prallte und benommen blinzelte.

„Ich werde Kingsley informieren, dass er den Rest meiner Wache übernimmt", sagte Snape scheinbar ungerührt, obwohl es in Wahrheit gewaltig in ihm brodelte. „Ich habe wahrlich Besseres zu tun, als mir Ihr schwachsinniges Gerede anzuhören."

Damit apparierte er vom Fleck weg nach Hogwarts. Er hatte genug gesehen, was seine Befürchtungen nur noch untermauerte. In Bezug auf Potters Gelächter konnte er sich nicht erinnern, je zuvor so froh gewesen zu sein, dass Dumbledore ihm direkten Zugang zum Schloss gegeben hatte.

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"Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass es sich um Horkruxe handelt, Albus? Der Junge ist so offen zu lesen wie ein Buch. Sollte der Dunkle Lord sich seiner bemächtigen, wird er ihm alles verraten, was er wissen will." Erschöpft rieb er sich die Schläfen. Er konnte nicht fassen, dass Dumbledore ihn nicht eingeweiht hatte.

"Dann wirst du verstehen, dass ich es keinesfalls riskieren kann, alles auf eine Karte zu setzen."

"War der Ring einer davon?"

Dumbledore nickte wortlos. Snape aber genügte es, um ihm zu sagen, wie sehr er es bedauerte, ihn angesteckt zu haben.

"Und Tom Riddles Tagebuch? Auch ein Horkrux?"

"Es ist zu spät, um sich gegen die Fakten zu wehren, nicht wahr, Severus?", begann Dumbledore milde und setzte sich auf.

Er wirkte so ausgelaugt, dass Snape schmerzhaft die Mundwinkel verzog. Obwohl er immer wieder Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vorgesetzten gehabt hatte, behagte ihm der Gedanke, eines Tages ohne ihn Hogwarts leiten zu müssen, überhaupt nicht.

"Du musst dich damit auseinandersetzen, dass Harry es ist, der Tom am Ende gegenüberstehen wird. Hab etwas mehr Vertrauen in ihn."

"Vertrauen", wiederholte Snape sarkastisch. "Er wird nichts gegen ihn ausrichten können. So sieht es aus."

"Deshalb ist es wichtig, dass er die Suche fortsetzt, die ich begonnen habe. Er muss die Horkruxe finden und sie zerstören."

"Weiß er denn, wie er das anstellen soll? Wie viele gibt es, Albus? Wo soll er suchen? Sie könnten überall sein."

"Harry wird nicht alleine sein, Severus. Seine Freunde sind mit ihm und werden ihm helfen."

Leise schnaubend wendete Snape den Blick ab und ließ ihn aus dem Fenster gleiten. Dass Miss Granger schwanger war, war dabei nur ein weiteres Hindernis, das sie schwer umgehen konnten.

"Dann ist es also wahr", sagte er abwesend. "Sie überlassen unser aller Schicksal ihm?" Gutmütig schüttelte Dumbledore den Kopf, bis er ihn wieder ansah. "Und was, Albus, wenn er versagt?"

Dumbledores Miene verhärtete sich. "Hilf ihm. Greif ihm unter die Arme. Und noch etwas, Severus. Wenn er am Ende steht, wenn er Tom gegenübersteht, muss er die Wahrheit kennen."

"Die Wahrheit?", spuckte Snape gehässig. "Die Wahrheit darüber, dass er sterben wird, weil er selbst zu einem Horkrux geworden ist?"

"Ja", sagte sein Gegenüber schlicht.

Fröstelnd schlang Snape die Enden seines Umhangs um den Leib und wickelte sich darin ein. Es hatte gedauert, bis er die einzelnen Teile des Puzzles zusammengesetzt hatte. Potters Gedanken waren dabei nur die fehlenden Hinweise gewesen; nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn Voldemort von Dumbledores Plänen wüsste.

"Und was, wenn Sie sich irren? Wenn Sie mit Ihren Vermutungen und Theorien zu weit gegangen sind und der Lord trotzdem nicht sterben wird? Dann haben Sie ihn geopfert wie uns alle."

Dumbledore legte den Kopf schief. "Wie du selbst schon bemerkt hast, müssen wir alle unsere Opfer erbringen. Aber wir müssen es zumindest versuchen."

Spät in der Nacht in den Kerkern angelangt, legte Snape seine Sachen ab und kroch ins Bett. Die Tatsache, dass er es war, der die Botschaft an Harry übermitteln sollte, kam ihm vor wie eine bittere Ironie. Nach allem was er heute mit ihm erlebt hatte, käme es einem Wunder gleich, wenn ihm der Junge überhaupt je wieder zuhören würde; nicht dass er das zuvor sonderlich aufmerksam getan hätte, schoss es ihm durch den Kopf.

Gerade als er die Augen zumachen wollte, klopfte es draußen an seiner Tür. Grummeln schlug er die Decke zurück und schnappte sich seinen Umhang, in den er sich einwickelte. Dann stakste er auf bloßen Sohlen durch die Wohnung um zu öffnen.

"Minerva." Seine Haltung verriet seinen Unmut über den unerwarteten Besuch nur zu deutlich. Dennoch entging ihm nicht das nervöse Zucken ihrer Mundwinkel und die eilig zusammengewürfelte Kleidung. So besorgt wie sie aussah, wirkte sie, als hätte sie den ganzen Tag damit zugebracht, darauf zu warten, ihn sprechen zu können.

"Kann ich reinkommen, Severus? Ich habe das Gefühl, dass wir dringend miteinander reden müssen."

Er kräuselte die Lippen. Wieso musste er immerzu Recht behalten?

"Es ist mir wie immer ein Vergnügen, dich zu so später Stunde zu empfangen", antwortete er überzogen und trat beiseite.

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McGonagall ließ sich unbehaglich auf dem Rand des Sofas nieder und schlug die Beine übereinander. "Wer hätte gedacht, dass ich das einmal sage, aber langsam glaube ich, Albus verliert die Kontrolle über das Geschehen."

Snape seufzte und setzte sich gegenüber von ihr in einen Sessel. "Und damit kommst du zu mir?", fragte er mit erhobener Braue.

"Du bist der einzige Mensch im ganzen Schloss, auf dessen Meinung er überhaupt hört", sagte sie spitz. "Jedes Mal, wenn ich versuche, mit ihm zu reden, weicht er mir aus."

"Denkst du das wirklich? Ich bin vielmehr der einzige Idiot hier, der seinem größten Widersacher in den Arsch kriecht, um einen Vorteil für uns herauszuholen."

Bestürzt über seine Ausdrucksweise schürzte sie die Lippen. "Ich mache mir ernsthaft Sorgen um ihn, Severus. Wenn wir nicht bald wissen, was hier vor sich geht, fürchte ich, wird es zu spät sein, etwas in die Wege zu leiten. Er sieht nicht gut aus. Außerdem weigert er sich, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen."

Snape schnaubte leise, streckte seine langen Finger und fuhr sich damit durch die Strähnen. "Was willst du von mir hören? Ich habe getan, was ich konnte. Doch der Fluch ist nicht aufzuhalten."

"Was für eine Art Fluch ist es denn?"

"Einer von der schlimmsten Sorte, die du dir nur vorstellen kannst. Albus ist geschwächt. Er ist am Ende. Trotzdem müssen wir verhindern, dass der Dunkle Lord davon erfährt."

"Und wie lange wollt ihr dieses Spiel noch spielen?"

"So lange, wie wir es müssen. So lange wie möglich."

Mit wässrigen Augen schüttelte sie den Kopf. "Und danach? Was wird passieren, wenn er - wenn er stirbt?"

Snapes Blick verfinsterte sich zusehends. Er hasste es, mitansehen zu müssen, wie der Plan, den er ursprünglich mit Dumbledore ins Leben gerufen hatte, mehr und mehr zerbröckelte und immer neue Mitwisser in die Geheimnisse eingeweiht wurden, die sein Leben zu bedrohen schienen, sollte Voldemort je davon erfahren.

"Hör zu, Minerva", entgegnete er steif. "Wenn ich verhindern will, dass unser Wissen in die falschen Hände gerät, kann ich dir nicht noch mehr verraten. So oder so solltest du dafür beten, dass Potter weiß, was seine Aufgabe ist. Wenn es nach Albus geht, ist er unsere einzige Hoffnung …"

"Denkst du etwa, ich würde euch verraten?", platzte es aus ihr heraus. "Kennst du mich nach all den Jahren immer noch nicht?"

Ihre Stimme klang so verletzt, dass es ihm einen Stich versetzte. Nachdenklich überlegte er, ob er es wagen konnte, ihr zu vertrauen, denn üblicherweise lag es nicht in seiner Natur, so etwas leichtfertig zu tun. Andererseits war seit geraumer Zeit schon nichts mehr so, wie es früher gewesen war...

Tief in seine Gedanken versunken lehnte er sich zu ihr vor und stützte den Kopf auf die Hände. "Es ist nicht nur eine Frage des Vertrauens, Minerva", sagte er ernst. "Es ist ebenso gut eine Frage dessen, ob ich es riskieren kann, mein Leben in anderer Leute Hände zu legen. Wie dem auch sei, sollte mir etwas zustoßen, wäre es vielleicht von Vorteil, wenn du weißt, was zu tun ist. Denn sollte früher oder später der Fall eintreten, dass Albus stirbt, muss der Junge so lange wie möglich in seinem Versteck bleiben und versuchen, von dort etwas auszurichten, ob es ihm nun gefällt oder nicht. Andernfalls sind wir chancenlos. Unsere Aufgabe hingegen wird es sein, dafür zu sorgen, dass die Schüler vor dem größtmöglichen Schaden bewahrt werden. Ja, Minerva, Hogwarts könnte wie befürchtet schon sehr bald fallen und das Chaos ausbrechen."

Mit bleichem Gesicht starrte sie ihn an. "Dann stimmt es also? Du wirst der neue Schulleiter sein, nicht wahr? Ich habe lange vermutet, dass ihr etwas ausgeheckt habt, wie ihr verhindern wollt, dass Tom Riddle selbst hierher zurückkommt. Wenn ich mich nicht täusche, bist du sein auserkorener Bote, der zukünftig die Aufgabe haben wird, den Schülern das Grauen zu lehren. Daher war die Flucht von Potter und seinen Freunden die einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass das Ministerium ihn in die Finger bekommt."

"Das Ministerium wird schon längst von den Anhängern des Dunklen Lords kontrolliert, Minerva", warf er ungerührt ein.

Sie nickte klamm. "Die Zeitungen lügen. Das ist nichts Neues. Aber was wird mit Miss Granger und dem Baby geschehen?"

Er runzelte die Stirn. "Was fragst du mich das?", entfuhr es ihm verwundert.

"Tu nicht so unschuldig. Bestimmt habt ihr einen Plan, wie ihr sie schützen wollt."

Snape lief es alleine bei dem Gedanken an das Baby eisig den Rücken hinunter. Schaudernd vor Kälte senkte er den Blick, sodass ihm etliche seiner ungepflegten Strähnen vor die Augen fielen. "Albus und ich, wir tappen mehr oder weniger im Dunkeln, Minerva", bekannte er leise. "Dracos Tod hat unerwartet neue Probleme hervorgerufen, die all unsere Pläne zunichte gemacht haben. Außerdem weißt du selbst, wie es um den Orden steht. Es gibt zu wenige von uns …"

„Das weiß ich. Trotzdem haben wir die Pflicht, uns um sie zu kümmern."

Aufmerksam reckte er den Kopf in die Höhe. „Du meinst wohl, ich hätte die Pflicht, mich um sie zu kümmern."

Sie nickte knapp. „Versteh mich nicht falsch, ich weiß, dass du deine Gründe gehabt haben musstest, dich auf sie einzulassen. Aber musstest du denn wirklich so weit gehen?"

Seine Nasenflügel erzitterten. „Du weißt nichts, Minerva. Glaub mir, denn sonst würdest du es nicht wagen, mich darauf anzusprechen." Ruckartig erhob er sich von seinem Platz und blickte steif auf sie hinunter. „Wenn du nicht willst, dass ich dich hinauswerfe, solltest du jetzt gehen."

Seufzend stand sie auf und sah ihm ins Gesicht. „Ich hoffe nur, du weißt, was du tust, Severus", sagte sie betrübt.

Snape schnaubte. „Das hoffe ich auch."