Call it bittersweet

Kapitel 43

Abwarten

Nachdem sich die Versammelten nach und nach zerstreuten, machte auch Snape Anstalten, die Küche zu verlassen, womit Hermine ihm kurzerhand nach draußen auf den Flur folgte. Dort standen sie und sahen sich an. Es war schwer, die richtigen Worte zum Abschied zu finden, der ihnen ohne Zweifel bevorstand.

Gerade als Hermine seine Hand nehmen wollte, um ihn zu sich zu ziehen, ertönte mit einer Schimpftirade hinter ihnen die altbekannte Stimme der ehemaligen Hausherrin. Blitzschnell wandte sich der Professor dem Portrait von Sirius' verstorbener Mutter zu und brachte ihre Zunge mit einem Zauberspruch zum Schweigen.

Zufrieden mit dem Ergebnis grinste er in sich hinein. Dann schnappte er sich Hermines Hand und führte sie nach nebenan ins Wohnzimmer, wo sie ungestört sein konnten.

„Ich nehme nicht an, dass ich Sie heute noch einmal sehe, Professor", stellte Hermine vorsichtig fest.

Er zuckte mit den Achseln. „Das wird sich noch herausstellen. Im Moment wird Potter froh sein, mich loszuhaben."

„Als hätte Harrys Meinung Sie je aufgehalten", gab sie spöttisch zurück.

Snape ließ die Mundwinkel spielen, entgegnete jedoch nichts darauf, sodass Hermine verträumt die Arme um ihn legte und zu ihm hinauf blinzelte. „Müssen Sie wirklich schon gehen? Wir haben Samstag."

„Gut beobachtet, Granger", murmelte er mit einer hochgezogenen Braue. „Aber das heißt noch lange nicht, dass ich deshalb meine Arbeit vernachlässigen darf."

Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. „Die Vorstellung, Sie gehen zu lassen, gefällt mir ganz und gar nicht, Professor. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit miteinander."

Er nahm seine Hand und umfasste damit ihr Gesicht, um ihr in die Augen zu sehen. „Wer weiß, vielleicht das nächste Mal, Granger."

Hermine schüttelte den Kopf. „Und was, wenn nicht? Ich möchte nicht, dass Sie gehen, weil ich genau weiß, wo Sie hingehen werden."

Verwundert legte er die Stirn in Falten. „Und was für einen Unterschied macht das, wo ich hingehe?"

„Machen wir uns doch nichts vor. Sie gehen zu ihm, zu Voldemort. Und das ist gefährlich."

Snape schnaubte leise. „Dann sollten wir zusehen, dass wir ihn zufriedenstellen. Andernfalls wird er nicht erfreut sein, mich zu sehen."

Entrüstet starrte sie ihn mit offenem Mund an. „Sehen Sie? Das ist genau das, was ich damit zum Ausdruck bringen wollte. Sie sehen alles immer nur von der sarkastischen Seite. Ist Ihnen denn gar nicht komisch zumute, wenn Sie wissen, was Ihnen bevorsteht?"

„Erstens weiß ich keineswegs, was mich erwartet, Granger", entgegnete er trocken. „Das kann ich Ihnen garantieren. Es wäre ja auch zu einfach, wenn er sich in die Karten schauen lassen würde. Zweitens erhält mich dieser Sarkasmus am Leben, denn ohne ihn wäre ich schon längst wahnsinnig geworden."

„Hilft es Ihnen denn, wenn Sie so abgebrüht auf alles reagieren?"

„Es ist Teil des Spiels, das Sie einmal so treffend erwähnt haben. Genügt Ihnen das?"

Hermine senkte abwesend den Blick. „Nein. Aber was weiß ich schon, nicht wahr? Es gibt nichts, das ich tun kann. Außer warten."

Er lachte leise auf. „Sie haben schon genug getan, Miss Granger. Dieser Morgen war zugegebenermaßen nicht das, was ich erwartet hatte."

Beschwichtigt nickte sie und blickte in sein vertrautes Gesicht. „Sagen Sie mir noch eins, Professor. Die Nachricht, war sie wirklich von Dumbledore?"

Snape wurde wieder ernst. „Nichts ist mehr so, wie es sein sollte, Granger. Die Dinge haben sich geändert. Unsere Pläne sind nutzlos geworden und Albus wird sterben. Wir improvisieren, so gut wir können. Alles andere wäre eine Lüge. Doch manchmal bleibt uns einfach keine Wahl. Sehen Sie sich an, Granger. Sie bekommen ein Kind. Ist Ihnen bewusst, was das für mich bedeutet? Ich war immer alleine, jetzt bin ich es nicht mehr."

Als er verstummte, wusste sie zuerst nicht so recht, was sie darauf antworten sollte. Es war rührend und beschämend zugleich, so etwas aus seinem Munde zu hören.

Noch ehe sie sich wieder gefasst hatte, nahm er sie fest bei den Schultern. "Ich sollte dann wohl besser gehen."

Hermine spürte einen eigenartigen Stich. "Passen Sie auf sich auf, Professor."

Eine dünnes Lächeln legte sich über seine fahlen Lippen. "Wiedersehen, Granger."

xxx

Wenn Hermine geglaubt hatte, es würde mit der Zeit einfacher werden, ihn gehen zu lassen, hatte sie sich getäuscht. Gemeinsam mit Harry und Lupin saß sie im Wohnzimmer, um das auszudiskutieren, was Snape angesprochen hatte. Doch trotz der ernsthaften Lage fiel es ihr schwer, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Immer wieder spukte ihr der Gedanke im Kopf herum, wie Snape damals beim Abendessen in Malfoy Manor von Voldemort bloßgestellt worden war. Bestimmt war es seit Dracos Tod für den Professor nicht unbedingt leichter geworden, sich vor seinem Herrn zu rechtfertigen, womit Hermine nicht umhin kam, sich um ihn zu sorgen. Ihr Interesse und ihre Bewunderung für ihn waren größer denn je. Immer mehr schienen sich die einzelnen Bruchstücke seines Lebens zu einem komplexen Ganzen zusammenzufügen. Ebenso gewannen die kostbaren Momente, in denen er ihr etwas über sich anvertraute, an unermesslicher Bedeutung für sie. Im Gegensatz dazu erschienen Hermine all die schmerzlichen Ereignisse, die sie im Laufe der Jahre mit Snape als Lehrer durchlebt hatte, geradezu grotesk. Doch irgendwie hatte sie es geschafft, darüber hinwegzusehen. Nur die anderen würden ihm nicht so schnell verzeihen, was auch kein Geheimnis war.

Tief in ihre Gedanken versunken hörte sie nur noch halbherzig hin, was Harry und Lupin zu sagen hatten. Auf einmal jedoch konnte sie sich nicht länger zurückhalten. "Sag mal, Harry, hast du etwa tatsächlich vor, ihn aus dem Orden rauszuschmeißen, wenn Dumbledore nicht mehr da ist?" Es ließ sie nicht los. Nach wie vor hoffte sie darauf, dass Harry eines Tages seinen Hass auf Snape ablegen würde.

Harry blinzelte überrascht. "Wieso fragst du mich das? Du hast dich doch die vergangenen Monate auch nicht dafür interessiert, wie es weitergehen wird."

"Das ist nicht fair! Ich hatte einfach nur viel um die Ohren."

"Ja. Weil du lieber mit Snape abgehangen hast, anstatt mit deinen Freunden zusammen zu sein."

Hilflos sah sie zwischen ihm und Lupin umher. Der jedoch wehrte ab, um anzudeuten, dass er damit nichts zu tun haben wollte.

"Ich gebe zu, dass ich zu wenig Zeit für dich hatte. Aber was hätte ich denn tun sollen?"

"Du hättest zum Beispiel mit Ron und mir darüber reden können, bevor du zu Snape rennst."

"Das habe ich ja versucht. Doch leider wusstet ihr auch keine Lösung."

"Nein, die wussten wir nicht. Aber vielleicht hätte Dumbledore eine gehabt."

Verbissen schüttelte sie den Kopf. "Nein."

"Woher willst du das wissen?"

"Ich weiß es einfach, okay?" Dass das so nicht ganz richtig war, behielt sie lieber für sich, denn nach allem, was Snape ihr gesagt hatte, hätte auch Dumbledore nicht weitergewusst. "Hör zu, Harry. Es mag ja sein, dass du glaubst, dass Dumbledore die ultimative Lösung für alle Probleme zur Stelle hat. Aber so ist das nicht. Er hat selbst genug Probleme, um die er sich kümmern muss. Außerdem ist er unheilbar krank. Denkst du nicht, er hätte längst etwas unternommen, wenn er wüsste, was er tun soll?"

"Vielleicht ist er ja nur in dieser Lage, weil Snape ihm nicht helfen will."

Sie stutzte. "Was soll das jetzt wieder heißen?"

"Überleg doch mal! Snape hat das Gift für Draco hergestellt, damit der eine Möglichkeit hatte, ihn zu beseitigen. Für mich sieht es fast so aus, als würde Snape tatsächlich wollen, dass Dumbledore stirbt. Andernfalls hätte er bei dem Wissen, das er darüber hat, bestimmt ein Gegengift gefunden, um Dumbledore zu helfen, den Fluch zu besiegen, der seinen Körper heimgesucht hat."

Aufgebracht fuhr Hermine ihn an. "Das meinst du nicht im Ernst!"

Lupin hob beschwichtigend die Hände. "Beruhigt euch wieder. Ich verstehe ja deine Zweifel, Harry. Aber das geht nun wirklich zu weit. Du hast kein Recht, zu behaupten, Severus würde Dumbledore absichtlich töten wollen."

"Wieso nicht? Hatten Sie nicht selbst Ihre Zweifel, Professor?"

"Das mag ja sein. Aber inzwischen wissen wir, dass sie zusammen diesen Plan ins Leben gerufen haben, um uns einen Vorteil gegenüber Voldemort zu verschaffen. Wir brauchen einen Spion in seinen Reihen. Ich rate dir daher dringlichst, von allen anderen Spekulationen Abstand zu nehmen. Und was dich angeht, Hermine, ich kann zwar nicht gutheißen, was da zwischen dir und Severus läuft, aber ich persönlich sehe keinen Sinn darin, ihn auszuschließen. Wenn wir nicht im Dunkeln tappen wollen, sind wir auf ihn angewiesen. Dubledore jedenfalls ist fest davon überzeugt, dass wir ihm trauen können."

"Und wenn nicht?", warf Harry bockig ein.

"Wenn du so sprichst, solltest du dich vielleicht fragen, ob du immer noch auf Dumbledores Urteil vertraust, Harry", antwortete Lupin streng. "Ich jedenfalls tue es. Alles andere müsst ihr unter euch ausmachen." Er stand auf und blickte die beiden Freunde der Reihe nach mahnend an. "Ich werde euch jetzt besser alleine lassen, damit ihr das ausdiskutieren könnt. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, hoffe ich, dass ihr die Angelegenheit beigelegt habt."

Damit verschwand er auch schon zur Tür hinaus und ließ Hermine mit Harry allein.

"Ich denke, er hat Recht", gestand Hermine nachdenklich. "Wir sollten das besprechen, Harry. So kann es ja unmöglich weitergehen."

"Dem stimme ich zu."

"Schön. Wie wäre es dann, wenn du mir ein wenig hilfst, den Anschluss an das zu finden, was zwischen dir und Dumbledore vorgeht? Wie es aussieht, hab ich jede Menge verpasst." Und damit meinte sie nicht nur das, was sie in Bezug auf Harrys Privatunterricht bei Dumbledore versäumt hatte, sondern natürlich auch das, was das Buch des Halbblutprinzen anbelangte, in dem Snape seine Zaubersprüche aufgeschrieben hatte.

"Warum fragst du das nicht lieber Snape? Er scheint ja bestens über alles Bescheid zu wissen, was du in Erfahrung bringen willst."

"Würdest du bitte damit aufhören? Es ist auch für ihn nicht so leicht, mit der ganzen Situation zurechtzukommen."

"Denkst du, das wüsste ich nicht? Es ist für uns alle nicht leicht. Aber wenn du auf ihn zählen willst, wird er sich ganz schön zusammennehmen müssen, damit ich ihm nicht in den Arsch trete. Oder erwartest du etwa, dass er von sich aus zu dir und dem Kind stehen wird?"

"Warum nicht? Er macht sich doch ganz gut."

Harry tippte sich an die Stirn. "Träum weiter."

Hermine schnaubte. "Weißt du was? Ich habs mir anders überlegt. Mit dir darüber zu reden, hat einfach keinen Sinn."

Enttäuscht stürmte sie davon und suchte in der Küche Zuflucht. Dort angelangt drückte sie die Tür zu und lehnte sich dagegen. Unweigerlich schossen ihr Tränen in die Augen. Wie sollte sie das, was ihr bevorstand, nur durchstehen können, wenn Snape nicht bei ihr sein würde? Und warum war Harry nur so versessen darauf, Snape ständig aufs Neue abzulehnen?

"Du magst ihn sehr", sagte da plötzlich eine Stimme.

Hermine zuckte zusammen. Im gedimmten Licht der Küche hatte Tonks es sich am Fenstersims bequem gemacht sah sie voller Erwartung an. Sichtlich überrumpelt wischte Hermine ihre Tränen beiseite und setzte sich an den Tisch. "Ja, das tue ich."

Tonks wippte nachdenklich mit dem Kopf. "Ich muss zugeben, dass ich am Anfang ziemlich überrascht war, als ich davon erfuhr. Ich meine, er ist nicht gerade das, was ich mir für dich vorgestellt hätte. Aber Remus ist ja auch nicht das, was sich alle anderen für mich vorgestellt hätten." Sie lächelte verschmitzt und Hermine runzelte fragend die Stirn. "Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich damit klar komme."

Erleichtert atmete sie auf. "Dann bist du so ziemlich die einzige Ausnahme hier."

Tonks hopste von Fenstersims und gesellte sich zu ihr an den Tisch. "Weißt du, im Grunde genommen solltest du dir überhaupt keine Gedanken darüber machen, was andere davon halten. Das ist oft nicht leicht, ich weiß. Auch meine Eltern waren dagegen, dass Remus und ich zusammen sind. Aber sie können es nicht ändern, also haben sie es mehr oder weniger akzeptiert. Und jetzt werden wir heiraten."

"Das freut mich wirklich sehr für dich", sagte Hermine offen. "Doch wenn meine Eltern wüssten, was hier vor sich ginge, würden sie es bestimmt nicht akzeptieren. Außerdem ist es dafür ohnehin zu spät. Sie sind sozusagen untergetaucht. Ich weiß nicht einmal, ob ich sie je wiedersehen werde."

Wie beiläufig zuckte Tonks mit den Schultern. "Abwarten. Wer weiß schon, was als Nächstes kommt. Wir alle sitzen mehr oder weniger im selben Boot, bis irgendwann Harrys großer Tag kommen wird. Bis dahin solltest du aufhören, dir so viele Gedanken über das zu machen, was in den anderen vorgeht. Glaub mir, das habe ich hinter mir. Aber es bringt dich nicht weiter. Wenn du Snape haben willst, nimm ihn dir. Du solltest jede Stunde genießen, die du mit ihm haben kannst."