Call it bittersweet

Kapitel 45

Abschied

An einem Tag wie diesem war es schwer, die richtigen Worte zu finden. Dennoch hatten die Stunden des Wartens weitaus größere Fortschritte nach sich gezogen, als Hermine für möglich gehalten hätte.

Nachdem sie noch eine Weile für sich geblieben waren, um die unverhoffte Zweisamkeit auszukosten, entschieden sie sich dazu, dass es an der Zeit war, zu den anderen zurückzukehren. Langsam zogen sie sich an, gingen die Treppe hinunter und von dort aus in die Küche, wo sie schon von Ginny, Ron und Lupin erwartet wurden. Auch Tonks war inzwischen angereist.

Wie befürchtet, stieß ihre stundenlange Abwesenheit nicht sonderlich auf Begeisterung, doch weder Snape noch Hermine wollte sich davon beunruhigen lassen, womit sie sich nah beieinander an den Tisch setzten. Für geraume Zeit wurde es daraufhin sehr still. Erst als Lupin und Tonks nervöse Blicke tauschten, beugte Snape sich nach vorn und faltete auf der Tischplatte die Hände ineinander. "Ich schlage vor, du sagst, was du zu sagen hast, Remus. Sollte es jedoch um mich oder Hermine gehen, sieh dich vor."

Überrascht horchten alle auf. Dass er es bis zuletzt vermieden hatte, so direkt von Hermine zu reden, war wohl niemandem hier verborgen geblieben.

Lupin machte ein unglückliches Gesicht. "Nicht immer geht es nur um euch. Vielmehr finde ich, solltet ihr erfahren, dass wir einen Verdächtigen geschnappt haben, was den Vorfall in Regulus' altem Zimmer anbelangt."

Snape versteifte sich und Hermine legte wie selbstverständlich die Hand auf seinen Arm und sah Lupin an. "Was genau hat das zu bedeuten, Professor?"

"Ich habe Mundungus Fletcher in Hogsmeade getroffen", verkündete Tonks offen. "Das Ministerium hatte mich zusammen mit einigen anderen Auroren dorthin bestellt, um eine Kneipe zu säubern, in der Todesser gesichtet wurden."

"Soll das ein Witz sein?", platzte es aus Hermine heraus. "Die Auroren unterstehen doch längst den von Voldemort eingesetzten Mitarbeitern des Ministeriums!"

Tonks zuckte mit den Schultern. "Nicht alle, wie wir wissen. Glaub mir, es macht auch mir nicht besonders viel Spaß, zwischen den Fronten zu stehen."

Snape schnaubte ungeduldig. "Könnten wir bitte zum Punkt kommen?"

Tonks warf ihm einen finsteren Blick zu und fuhr fort. "Da Mundungus es sehr eilig zu haben schien, bin ich ihm gefolgt. Er wirkte ziemlich zerstreut und hat sich ständig umgedreht, als würde er fürchten, dass ihm jemand folgt. Mit mir hat er dabei natürlich nicht gerechnet. Irgendwann wurde es mir dann zu bunt und so habe ich ihn gestellt. Wie sich herausstellte, hatte er ein paar Kostbarkeiten aus dem Versteck bei sich - ich habe das Wappen der Blacks auf den Silberlöffeln erkannt, die er, wie ich vermutete, an einen Antiquitätenhändler verkaufen wollte."

Interessiert zog Snape die Brauen in die Höhe. "Und weiter?"

"Nachdem ich ihn ausgequetscht und sein Gedächtnis modifiziert hatte, um sicherzugehen, dass uns der Knabe nicht verrät, hab ich den Kram zusammengepackt und mitgebracht."

Snape brummte. "Saubere Arbeit. Wenigstens wissen wir jetzt, wer der Dieb war."

"Allerdings", gab Remus steif von sich. "Welch ein Glück, dass es dir erspart geblieben ist, herumzuschnüffeln, Severus."

Mit zu engen Schlitzen zusammengekniffenen Augen legte Snape den Kopf schief. "Ist das nicht eher deine Aufgabe, Remus? Ich hatte noch nie etwas für Diebstahl übrig und sehe daher auch keinen Grund, in Euphorie auszubrechen, solange nicht sicher ist, ob der Fall erledigt ist."

"Dafür hast du vorhin aber ziemlich gleichgültig reagiert. Oder ist es angebracht, heimlich mit seinem Mädchen auf dem Zimmer zu verschwinden, obwohl wir innerhalb des Ordens ein Sicherheitsleck entdeckt haben?"

Angriffslustig rollte Snape die Mundwinkel zurück. Hermine jedoch fiel ihm ins Wort. "Das war alleine meine Schuld. Wenn ich nicht so voreilig gehandelt hätte, wäre der Dieb nicht einfach disappariert."

"So oder so hatten wir Glück, dass nicht mehr geschehen ist", gab Lupin zu bedenken. "Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, was alles hätte passieren können, während ihr seelenruhig damit beschäftigt wart, in der Küche Händchen zu halten."

"Dem stimme ich nur bedingt zu", sagte Snape in einem finsteren Knurren. "Wir alle sollten auf der Hut sein. Deshalb habe ich die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal überprüft und Nachbesserungen durchgeführt. Außer unseren Wachposten wird fortan kein anderes Mitglied des Ordens mehr das Haus betreten können. Zuzüglich zu Potter bleiben natürlich Albus, Minerva, die Weasleys und die Hauselfen."

Erleichtert atmete die Runde auf. Der Schock, dass irgendein Eindringling sie verraten könnte, war nicht spurlos an ihnen vorübergegangen.

"Ich finde, das sind gute Neuigkeiten", verkündete Ginny plötzlich. "Und jetzt lasst uns besser nicht mehr davon reden, bis sich die Sache mit Dumbledore und der Reise geklärt hat. Harry wird nicht gerade erfreut sein, wenn er erfährt, dass jemand versucht hat, Sirius' Sachen zu stehlen. Wenn wir also wissen wollen, ob alles vollzählig ist, müssen wir wohl oder übel auf seine Rückkehr warten."

Beschwichtigend stimmte Hermine zu. "Ich glaube, Ginny hat Recht. Der Zeitpunkt, es Harry jetzt zu sagen, wäre denkbar ungeeignet. Außerdem habe ich eine hervorragende Idee, wie wir feststellen können, ob etwas fehlt."

"Tatsächlich?", wollte Ron wissen. "Wie willst du das anstellen?"

"Ganz einfach! Wir brauchen nur jemanden zu fragen, der sein ganzes Leben hier verbracht hat. Wenn jemand das Inventar des Hauses kennt, dann ist es Kreacher. Er hat seine Herrin buchstäblich vergöttert."

"Schon klar", antwortete Ron belustigt. "Es gibt ja auch nichts Leichteres als ihn zum Reden zu bringen. Vielleicht ist es dir entgangen, Hermine, aber er hört nicht auf uns. Oder hast du ihn heute schon mal gesehen? Die Küche hat er jedenfalls nicht aufgeräumt. Und mal abgesehen davon: Wenn überhaupt jemand mit ihm reden sollte, wäre das Harry. Es ist sein Haus, sein Zeug und sein Elf."

"Die Hausarbeit muss Kreacher auch gar nicht erledigen", entgegnete sie streng. "Wir könnten ihn trotzdem bitten, einen Blick auf die Sachen zu werfen."

Ron rollte mit den Augen. "Fang nicht schon wieder damit an! Du kannst einen Hauselfen nicht einfach lieb um etwas bitten."

"Warum nicht? Sieh dir Dobby an."

"Ja. Er ist aber auch nicht wie die anderen. Kreacher war es gewohnt, sein Leben lang das zu tun, was die Blacks von ihm verlangt haben. Er wird nur Befehle von einem wie ihnen annehmen."

"Du meinst, von reinblütigen Zauberern und Hexen. Ist es das?"

"So etwas in der Art. Du weißt, was ich damit ausdrücken will. Ich bin ein Blutsverräter, falls du das vergessen hast, was für ihn mindestens genauso schlimm ist. Aber egal. Tatsache ist, dass er das nicht mehr los wird, nur weil du dich bei ihm einschleimst."

Hermine konnte aus den Augenwinkeln sehen, dass Snape neben ihr ein Grinsen aufgezogen hatte.

Eingeschnappt reckte sie die Nase in die Höhe. "Ich habe auch keinesfalls vor, mich bei ihm einzuschleimen, Ron."

"Wie du meinst", gab er kopfschüttelnd zurück. "Lass dich nicht aufhalten."

xxx

Es war nicht leicht, sich einzugestehen, dass ihr Vorhaben keinen Sinn hatte. Wie Ron gesagt hatte, blieb Kreacher unauffindbar. Als dann aber von einem lauten Knall gefolgt Harry inmitten der Küche auftauchte, war alles andere vergessen. Auf seinen Schultern stützte er Dumbledore, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

"Helft ihm!"

Es war nicht nötig, das zweimal zu sagen. Mit einem Schlag kehrte das Leben ins Haus zurück. Schon beim Anblick der beiden wurde klar, dass es Schwierigkeiten gegeben haben musste; ein unbeschreibliches Chaos breitete sich aus. Snape und Lupin schafften den stark geschwächten Zauberer nach nebenan ins Wohnzimmer und legten ihn dort aufs Sofa. Harry zitterte am ganzen Leib. Er atmete so angestrengt, dass er kaum ein Wort hervorbrachte, während Dumbledore mit heiserer Stimme wimmerte, als würde er unsagbare Schmerzen haben.

Im Nu kniete Snape an seiner Seite, um sich zu vergewissern, was ihm fehlte. "Albus! Können Sie mich hören?"

Dumbledore jedoch reagierte nicht darauf. Er blickte mit weit aufgerissenen Augen an die Decke und faselte leise vor sich hin.

"Er hat irgendein Gift getrunken … Es sollte verhindern, den Horkrux zu stehlen", schnaufte Harry zur Antwort.

Der Professor legte seine Hand unter Dumbledores Kopf, um ihn zu stützen. Dann holte er mit der anderen wortlos einen Becher Wasser herbei und flößte es ihm ein. "Er wird langsam aber sicher dehydrieren, genau wie durch das Gift beabsichtigt", murmelte er mit ernster Miene und fuhr fort, irgendeinen Zauber auszuführen, den Harry nicht kannte.

Als er fertig war, hatte Dumbledore sich offensichtlich beruhigt und Harry starrte Snape an. "Geht es ihm besser?"

"Ich kann ihm nur seine Schmerzen nehmen, Potter."

"Ist das alles? Gibt es denn nicht irgendein Gegengift? Einen Trank oder ein Kraut?"

Kaum merklich schüttelte Snape den Kopf. "Das war's. Mehr können wir nicht tun. Was wir hier sehen, ist die Art von dunkler Magie, die wir nicht bezwingen können. Dagegen wirkt kein Zauber und kein Mittel, das ich kenne."

"Aber ..."

Langsam erhob sich Snape, baute sich zu seiner vollen Größe vor dem jungen Mann auf und sah ihm ungebrochen ins Gesicht. "Kein Aber, Potter. Zweifeln Sie etwa an meinem Urteil? Nur zu, fragen Sie das Buch, mit dem Sie sich Ihre Leistungen erkauft haben. Es wird Ihnen sicher weiterhelfen. Andernfalls lassen Sie ihn gehen. Er wusste, dass der Dunkle Lord einen Tribut fordern würde." Blitzschnell sauste sein Finger hervor und zeigte auf Dumbledores Gestalt, die inzwischen kaum mehr ein Lebenszeichen von sich gab. "Sehen Sie hin, Potter. Das ist der Preis für den Horkrux."

Harry schnaubte mit hochrotem Kopf. "Sie lügen! Sie wollen ihm nur nicht helfen, damit Sie das bekommen, was Sie von Anfang an im Sinn hatten, seit Sie nach Hogwarts gegangen sind!"

Abschätzig zog Snape die Brauen zusammen und entblößte seine Zähne. "Und was sollte das sein?", schnarrte er. "Ruhm und Wohlstand? Ich kann Ihnen nicht verdenken, dass Sie meine Motive anzweifeln. Die wenigsten Menschen wären bereit, soweit zu gehen, mir zu vertrauen -"

Hermine hatte genug. Energisch trat sie auf die beiden zu und stemmte die Hände in die Hüften. "Hört gefälligst auf damit, euch wie Kinder zu benehmen! Alle beide. Seid ihr verrückt, dass ihr das ausgerechnet jetzt austragen müsst?"

Dumbledore wälzte sich herum und gab ein schwaches Stöhnen von sich. Augenblicklich richtete sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden zurück auf ihn. "Gebt euch die Hände", flüsterte er leise. "Ich möchte, dass ihr bis zu Toms Tod zusammenhaltet. Was danach passiert, ist mir gleich."

Entrüstet fuhr Harry zusammen. Seinem Ausdruck war deutlich zu entnehmen, dass er nicht besonders viel von Dumbledores Forderung hielt. Bei Snape war es nicht anders.

Hermine aber schüttelte lediglich den Kopf darüber. "Schön. Ihr habt ihn gehört. Wird's bald?"

Blankes Entsetzen strahlte ihr entgegen. Wild entschlossen, ihrem sterbenden Schulleiter diesen vermutlich letzten Gefallen zu tun, schnappte sie sich jeweils eine Hand der beiden Rivalen und nahm sie fest in ihre eigenen.

"Wenn euch das Leben eines ungeborenen Kindes irgendetwas bedeutet, werdet ihr beide dafür sorgen, dass wir diesen verdammten Krieg gewinnen, klar? Wir werden einen Sohn haben, Severus. Und du, Harry, solltest am besten von allen wissen, wie es ist, keine Familie zu haben. Ich will nicht, dass meinem Kind dasselbe widerfährt. Reißt euch also gefälligst zusammen und tretet Voldemort gemeinsam in den Arsch!"

"Das war wie immer sehr aufschlussreich", raspelte Dumbledore und lächelte befreit zu ihnen empor. Dann schloss er friedfertig mit sich und der Welt die Augen. Für immer.

xxx

Das dunkle Mal am Himmel über Hogwarts sorgte zuerst für Verwirrung, ehe sich die Nachricht vom Tode des Schulleiters wie ein Lauffeuer verbreitete. Gemeinsam mit Professor McGonagall stand der zukünftige Schulleiter von Hogwarts in Dumbledores verlassenem Büro und wartete dort auf die Anweisungen des Ministeriums. Bis jetzt hatte Voldemort noch keine Reaktion vernehmen lassen, dennoch rechnete der Professor jeden Augenblick damit, zu ihm gerufen zu werden.

Es war eine eigenartige Stille, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte, während sie auf das warteten, was als Nächstes geschehen würde. Lediglich draußen vor den Fenstern war das Wehklagen des Phönix zu hören, der am dunklen Himmel seine Kreise zog.

Snape seufzte und fuhr sich mit den Händen durch die langen Strähnen. Glücklicherweise war der Transport des Leichnams zurück ins Schloss ohne Zwischenfälle vonstatten gegangen. Die Lehrer zu informieren, war da schon weitaus schwieriger gewesen. Wie zu erwarten gewesen war, war Hagrid in Tränen ausgebrochen. Aber auch McGonagall wirkte zutiefst erschüttert, obwohl sie gewusst hatte, dass es bald soweit sein würde.

"Was wirst du ihm sagen?", schluchzte sie leise in ihr Taschentuch hinein.

Er zuckte zusammen. Im Gegensatz zu dem, was er in den vergangenen Monaten mit Hermine Granger erlebt hatte, würde die ihm bevorstehende Einsamkeit noch viel schlimmer werden. "Am besten das, was er hören will", murmelte er abwesend.

Sie blickte auf und sah ihn mit wässrigen Augen an. "Ist es wirklich so einfach für dich?"

Für einen Moment war er nicht sicher, was er darauf antworten sollte. Er hasste es, mit derlei Fragen konfrontiert zu werden.

"Nein", gab er schließlich zurück und McGonagall wirkte vorerst einmal zufriedengestellt.