Call it bittersweet
Kapitel 46
Gebrochene Herzen, geplatzte Träume
Der Tod des Schulleiters hatte ein tiefes Loch in Harrys Dasein gerissen, das er wohl nicht so schnell verschmerzen würde. Sichtlich benommen saß er am Tisch im Wohnzimmer des Grimmauldplatzes und starrte auf den Fleck, an dem Snape gemeinsam mit Dobby verschwunden war, um Dumbledores Leichnam ins Schloss zu schaffen. Abgesehen von Hermine hatten sich alle anderen zurückgezogen, um das Ereignis erst einmal zu verdauen. Nur sie war bei ihm geblieben, ebenso wie sie es früher auch getan hatte.
„Ihr werdet also einen Sohn haben", sagte er nach einer Weile vor sich hin.
Hermine nickte. „Ja."
„Gratuliere."
Der bissige Unterton in seiner Stimme behagte ihr gar nicht. In Anbetracht der Lage jedoch sah sie es ihm nach, kam langsam auf ihn zu und setzte sich neben ihn. „Ich weiß, wie viel er dir bedeutet hat, Harry", sagte sie sanft. „Aber glaub mir, dein Hass auf Severus wird ihn dir nicht zurückbringen. Ihn trifft keine Schuld."
Er lachte höhnisch auf. „Das weiß ich selbst, Hermine. Aber was willst du von mir hören? Wir haben heute den Mann verloren, vor dem Voldemort immer die größte Angst hatte."
Gutmütig schüttelte sie den Kopf. „Nein. Du irrst dich, denn du bist es, der ihm am meisten Angst macht. Warum glaubst du denn, würde er sonst so verzweifelt versuchen, dich in die Finger zu bekommen?"
„Das ist ein schwacher Trost, findest du nicht?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Kann schon sein. Trotzdem müssen wir weitermachen. Das sind wir ihm schuldig."
Wie auf Kommando ließ Harry seine Hand in der Jackentasche verschwinden und zog ein Medaillon daraus hervor.
„Hier", sagte er bedrückt, „das ist der Grund für unsere Reise gewesen. Komisch, nicht? Ich mach mir gar nichts aus Schmuck."
Hermine lächelte zaghaft und betrachtete das Medaillon auf eine Art und Weise, die deutlich besagte, dass sie es lieber nicht in ihrer Nähe haben wollte.
„Und?", fragte sie vorsichtig. „Weißt du schon, wie du es zerstören willst?"
Er verzog das Gesicht. „Das wird nicht nötig sein. Es ist eine Fälschung."
Ohne eine weitere Erklärung warf er es auf den Sofatisch und kuschelte sich in die Kissen hinein, während Hermine ihn fragend anstarrte. „Eine Fälschung? Bist du sicher?"
„Ja", sagte er matt. „Dumbledore wusste nichts davon. Er war nicht er selbst. Aber ich habe es gespürt, sobald ich es in den Fingern hatte."
„Wie – wie meinst du das?"
„Ganz einfach. Es hatte keinerlei Effekt auf mich. Nicht so wie sonst, dass ich meine Narbe ziepen gespürt hätte. Da war nicht mal das kleinste Kribbeln. Außerdem sah es anders aus als erwartet."
Irritiert blinzelte sie ihn an. „Hast du trotzdem schon mal versucht, es zu öffnen?"
„Nein. Dazu war keine Zeit. Wir mussten sehen, dass wir von dort wegkommen. In der Höhle, in der es versteckt war, gab es einen See. Und sein Wasser war verseucht mit Inferi ... Du weißt doch noch, das waren die Dinger, von denen Snape uns im Unterricht erzählt hat."
Schnell nickte sie. „Ja, wer könnte das vergessen. Ein Körper der wieder zum Leben erweckt wurde ..." Wenigstens eine Stunde in Verteidigung gegen die Dunklen Künste, in der sie bei sich gewesen war. „So langsam habe ich wirklich genug von diesen dunklen Zaubern. War das Voldemorts Werk, um den Horkrux zu beschützen?"
„Er nimmt eben, was er kriegen kann", grummelte Harry achselzuckend.
„Dann sollten wir ihm besser zuvor kommen." Harry legte die Stirn in Falten, Hermine aber winkte ab und legte tröstend ihre Hand auf seine Schulter. „Ich weiß, dass du enttäuscht bist, Harry. Aber du darfst deswegen nicht einfach aufgeben. Und auch wenn du das vermutlich gar nicht hören willst, solltest du dich an Severus wenden. Wenn Voldemort mit unfairen Methoden kämpft, können wir das auch."
„Wir?"
„Ja. Es muss schließlich irgendeinen Vorteil haben, jemanden auf unserer Seite zu haben, der sich so gut wie kaum jemand sonst mit den Dunklen Künsten auskennt."
„Wow! Mach mal langsam, Hermine. Nur weil ihr beide miteinander auf Familie macht, werd ich mich nicht gleich anschließen."
Unbehelligt schnappte sie sich das Medaillon vom Tisch und betrachtete es. „Wie dem auch sei. Wir sollten es öffnen, Harry. Nur dann können wir herausfinden, was es damit auf sich hat."
Er nickte und Hermine reichte es ihm zaghaft.
„Ich bin schwanger, also ..."
„Schon klar. Lass mich das machen."
Angespannt klemmte sie ihre Lippe zwischen die Zähne und beobachtete, wie Harry das Medaillon entgegennahm, es öffnete und ein Stück zusammengefaltetes Pergament zum Vorschein kam.
Nachdem er es geöffnet hatte, lasen sie gemeinsam die unheilvollen Zeilen, die Harrys Vermutung bestätigten, dass es sich nicht um das Medaillon handelte, nachdem sie gesucht hatten.
Traurig schüttelte Hermine den Kopf. „R.A.B.", sagte sie leise. „Wer auch immer es war, der vor euch das Medaillon gestohlen hat, wusste, was Voldemort getan hat ... R.A.B. Wer kann das sein? Wer war so nah an ihm dran, dass er herausfinden konnte, wofür Dumbledore all die Jahre über gebraucht hat?"
Harry nahm die Hände hoch und rieb sich erschöpft die Schläfen. „Ist doch egal, Hermine. Er ist tot. Du hast gesehen, was da steht. Der Dieb des Medaillons wusste, dass er sterben würde, noch ehe Voldemort herausfinden würde, was er getan hat."
„Dann ist doch sonnenklar, dass sie sich gekannt haben. Vielleicht war es einer seiner Anhänger, ein Todesser, der die Seiten gewechselt hat."
„Wenn du so scharf bist, es herauszufinden, sollten wir es tun."
„Ja, sollten wir", antwortete sie wichtigtuerisch, in Gedanken schon längst wieder bei Severus. „Aber dazu brauchen wir Hilfe ..."
„Vermutlich. Nur bevor ich Snape frage, will ich es zuerst mal auf meine Art versuchen." Noch ehe Hermine daraus schlau werden konnte, gellte auch schon sein Schrei durch das Wohnzimmer: „Kreacher!"
Hermine schwante nichts Gutes. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn sie Severus um Rat gefragt hätten, als diesen vermaledeiten Hauselfen, der sich so vehement geweigert hatte, ihr einen Gefallen zu tun. Doch dafür war es zu spät: Es knallte und der alte Elf stand vor ihnen.
"Der Meister hat gerufen", sagte er mit einem verschlagenen Blick in seinen blutunterlaufenen Augen.
Harry ließ sich davon jedoch nicht verunsichern. Er hatte heute mit Dumbledore so viel Grauen erlebt, dass ihn so schnell nichts mehr aus der Fassung bringen würde.
"Du bist ein Elf, Kreacher. Deine Magie hat weitaus mehr Kräfte als die der Menschen", sagte er schmeichelnd, woraufhin Kreacher leicht verdattert dreinblickte. "Aus diesem Grund möchte ich, dass du mir hilfst, etwas zu finden."
Mit kalter Miene griff Harry nach dem Medaillon und hielt es unter die Nase des Elfen. Als hätte der einen Geist gesehen, zog er den Kopf ein und stierte verängstigt auf das gefälschte Schmuckstück.
Alarmiert setzte Harry sich auf. Die Reaktion des Elfen konnte nur eines bedeuten. "Du hast das schon einmal gesehen", stellte er scharfsinnig fest. "Weißt du, was es damit auf sich hat? Wem hat das gehört?"
Kreacher senkte mit deutlichem Unwohlsein in seinen Eingeweiden den Blick. "Das gehörte Herrn Regulus."
Harry und Hermine sahen sich an. "Sirius' Bruder", stießen sie wie aus einem Munde aus.
Kreacher ließ die Ohren hängen, dass es beinahe so aussah, als würden seine ausgedörrten Hautlappen, die seinen Kopf zierten, zu einem unschönen blassrosa Wachsklumpen verschmelzen.
"Was weißt du über das Medaillon, Kreacher?", versuchte Hermine es freundlich. "Wo ist es?"
Mit Tränen in den Augen zappelte der Elf von einem Fuß auf den anderen. "Ein Schlammblut im Hause meiner Herrin …"
"Kreacher! Du wirst ihr antworten!"
"Es war über all die Jahre hier im Haus", murmelte der Elf leidig.
"Und wo ist es jetzt?"
Kreacher reagierte nicht weiter und starrte gequält auf den Boden, was Hermine das ungute Gefühl vermittelte, dass etwas mit dem Medaillon nicht stimmte.
"Schön. Immer der Reihe nach. Was weißt du noch darüber? Wie ist es ins Haus gelangt?", fragte Harry fordernd.
Weinerlich jaulte Kreacher auf und begann davon zu erzählen, wie er den Anweisungen seines Herrn gefolgt war, um dessen Vorhaben zu verwirklichen, den Horkrux zu finden und zu zerstören.
Als Harry im Anschluss an diese Geschichte aus Mitleid den heulenden Elfen fortgeschickt hatte, hockte er in sich zusammengesunken auf seinem Platz und starrte auf das Pergament mit der Nachricht von Regulus Black.
"Ich glaube, ich sollte dir etwas erzählen, Harry", warf Hermine besorgt ein.
"Nur zu", kommentierte er trocken. "Was für ein Tag! Wir haben für nichts und wieder nichts Dumbledore verloren, weil Regulus mit Kreachers Hilfe den Horkrux gegen eine Fälschung ausgetauscht hat. Ist das noch zu toppen?"
Hermine seufzte. "Das könnte durchaus sein. Als du mit Dumbledore weg warst, war Mundungus Fletcher hier und hat in Regulus' Zimmer herumgeschnüffelt."
Harry lief knallrot an. "WAS?"
Eilig fuhr Hermine fort: "Severus und ich waren auf dem Weg nach oben ..." Er machte ein so desolates Gesicht, dass es ihr fast leidtat, das erwähnt zu haben. "Jedenfalls", setzte sie schnell nach, "haben wir gehört, dass jemand dort oben zugange war. Da die anderen im Wohnzimmer waren, dachte ich, es sei Kreacher und habe nach ihm gerufen. Daraufhin ist der Dieb natürlich geflohen. Erst später erfuhren wir von Tonks, dass sie zufällig Mundungus über den Weg gelaufen war ..."
"Mundungus", wiederholte Harry matt.
Hermine nickte. "Ja. Tonks hat ihn mit Diebesgut aus dem Grimmauldplatz erwischt."
Glühend vor Zorn rieb Harry sich die Knöchel. "Weißt du, mir war schon klar, dass du dich nicht aufhalten lassen würdest, deine Spielchen mit Snape fortzusetzen. Aber ist dir vielleicht mal in den Sinn gekommen, dass das der denkbar ungünstigste Zeitpunkt war, um mit ihm zu vögeln?"
Wie vor den Kopf gestoßen suchte Hermine nach einer Erklärung. Als sie keine fand, nahm sie sich vor, nicht länger um den heißen Brei zu reden. "Ich kann verstehen, dass dich das verärgert. Aber glaubst du denn nicht, dass auch ich allen Grund habe, Angst zu haben? Severus bedeutet mir wirklich sehr viel. Und gerade eben zerreißt es mir das Herz, weil ich nicht weiß, wo er ist und was er tut. Wenn du nur einmal für einen Moment deinen Hass auf ihn ablegen würdest, könntest du sehen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass sich zwischen uns alles so entwickelt hat."
Harry schnaubte. "Soll ich ihn etwa dafür bemitleiden, dass er sich Voldemort stellen muss? Es ist nicht auf meinen Mist gewachsen, dass er ein Todesser wurde. Das war ganz alleine seine Entscheidung."
"Das weiß er, Harry", sagte sie sanft und legte ihre Hand auf seine. "Er hat einen Fehler gemacht."
"Einen Fehler? Er ist freiwillig zu denen gegangen und hat sich ihnen angeschlossen!"
"Wie Regulus auch. Er erkannte erst zu spät, wo die Sache hinführen würde. Aber beide haben versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Vielleicht hat es ja einen Grund, dass alles so gekommen ist. Vielleicht kann Severus uns helfen, die Horkruxe zu finden und zu zerstören."
"Wo wir schon beim Thema sind", murmelte er ausweichend, "du hast Kreacher gehört. Regulus hat versucht, den Horkrux zu zerstören. Aber es ist ihm nicht gelungen, weil sich ein Horkrux nicht so leicht zerstören lässt."
"Ja. Trotzdem müssen wir sichergehen, dass Mundungus den Horkrux nicht doch verkauft hat, bevor Tonks ihn mit dem Diebesgut erwischen konnte. Wie es aussieht, weißt du jetzt genau, wonach du suchen musst. Lass uns hoffen, dass er hier ist."
xxx
Severus Snape war es gewohnt, vor seinem Herrn niederzuknien. Vielleicht sogar mehr als jeder der anderen, weil er wusste, wie viel davon abhing, ihn zufriedenzustellen. Heute jedoch schien das Glück nicht auf seiner Seite zu sein. Einige seiner Muskeln zuckten unkontrolliert, was es ihm deutlich erschwerte, aufrecht sitzen zu bleiben. Der Wunsch, einfach umzufallen, um auf dem kalten steinernen Boden liegenzubleiben, war verlockend. Dennoch kämpfte sein Verstand verbissen gegen die Schmerzen an, die ihn plagten. Die Genugtuung, einfach aufzugeben, wollte er seinen Peinigern nicht geben. Ihm genügte schon das Grinsen auf den Gesichtern von Lucius und Narcissa. Ein Zeichen dafür, dass sie nur darauf gewartet hatten, ihn für Dracos Tod bluten zu sehen.
"Mein Herr, dieser Vorfall ist ein trauriger Beweis für seine Inkompetenz", hörte er Bellatrix flüstern. Es sah ganz danach als, als wäre es nicht an ihm, den Dunklen Lord zu besänftigen. Schon nachdem er zur Begrüßung den ersten Cruciatus empfangen hatte, war ihm bewusst geworden, dass irgendetwas nicht stimmte.
Die fahle Hand streckte sich nach ihrem Nacken und schob sie unsanft beiseite. "Schweig, Bella", höhnte Voldemort mit hohler Stimme. "Und nun zu dir, Severus!"
"Mein Lord", sagte er matt.
"Wie konntest du es nur dazu kommen lassen? Warum hast du ihn nicht zu mir gebracht, dem die Ehre, ihn sterben zu sehen, am meisten gebührt hätte?"
Verdammt sei Albus mitsamt seinen glorreichen Plänen!
Demütig senkte Snape den Kopf und bemühte sich dabei, seinen Unmut nicht zu zeigen. "Er hat mich nicht zu sich gerufen, noch jemand anderen aus dem Kollegium. Als ich ihn in seinem Büro auffand, war er bereits tot."
Voldemort blähte die Nüstern. "Welch ein Jammer, Severus. Zuerst verlierst du Draco, dann deinen Schulleiter. Gib Acht, dass du demnächst nicht auch noch deinen Kopf verlierst."
Snape zuckte kaum merklich zusammen, vorsichtig darauf bedacht, seinen Meister nichts sehen zu lassen, was er nicht sehen sollte. Es ging schließlich um weitaus mehr als nur um seinen Kopf.
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Nach zähen Stunden des Wartens auf eine Nachricht von Snape wurde plötzlich mit einem Schwung die Tür zur Küche aufgestoßen, sodass Harry, Lupin und Hermine wie vom Blitz getroffen vom Tisch aufblickten. Hermines Herz klopfte vor Aufregung schneller. Eine ungeheure Erleichterung durchströmte sie, als sie den Professor sah. Doch das Gefühl war nur von kurzer Dauer, denn als er sich in Bewegung setzte, zeigte seine Haltung unmissverständlich, dass etwas vorgefallen sein musste, das sie am liebsten verdrängt hätte: Irgendeine Form der Bestrafung, die er über sich hatte ergehen lassen müssen. Es tat weh. Natürlich hatte sie gehofft, dass er unbeschadet zurückkommen würde. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass Voldemort aufgrund der jüngsten Ereignisse unzufrieden sein würde, war weitaus höher gewesen.
Schmerzhaft schluckte sie einen Schwall Tränen hinunter und zwang sich zu einem Lächeln. Er sollte nicht sehen, was in ihr vorging. Trotzdem blieben ihre Bemühungen, sich nichts anmerken zu lassen, vergebens. Harry jedenfalls schien ihre Unsicherheit deutlich zu spüren, denn er legte beruhigend seine Hand auf ihre Schulter. Innerlich verfluchte sie sich dafür, so leicht zu durchschauen zu sein. Wenn sie doch nur in der Lage gewesen wäre, ihre Sorge um den Professor in den Tiefen ihres Bewusstseins verschwinden zu lassen, so wie er es konnte...
Snape ging steif auf den Tisch zu und ließ sich gegenüber von ihr auf einem Stuhl nieder. Lupin machte ein eigenartiges Gesicht, sagte aber erst einmal nichts zu seiner Erscheinung. Offenbar war ihm diesmal nicht nach einem Streit zumute. Erst nachdem einige Sekunden vergangen waren, beugte er sich zum Professor vor und sah ihn eindringlich an.
"Und? Hast du den Posten bekommen?"
Snape nickte knapp. "Die Vereidigung hat soeben im Ministerium stattgefunden."
Lupin atmete tief aus. Sein seit geraumer Zeit so abgeschlagenes Gesicht wirkte weder besonders überrascht, noch zufriedengestellt.
"Außerdem", fuhr Snape emotionslos fort, "soll Albus mit allen Ehren auf der Insel im See beigesetzt werden. Auch sein Portrait wurde schon in Auftrag gegeben."
Harry blinzelte. Mit einem Mal wirkte er so, als wäre sein Mitgefühl, das er eben noch für Hermine empfunden hatte, wieder verschwunden. "Das war alles?"
Gebannt biss sie sich auf die Lippe und blickte in die Runde. Dass er von der Nachricht nicht begeistert sein würde, war verständlich. Trotzdem hoffte sie darauf, dass es nicht zu einer neuerlichen Auseinandersetzung zwischen den Männern kommen würde.
"Was, Potter?", fragte Snape kühl. "Hatten Sie etwa eine schriftliche Einladung erwartet? Hogwarts braucht eine Hand, die es führt."
"Das schon", blaffte Harry unfreundlich. "Aber Dumbledore liegt noch nicht mal unter der Erde und schon sind Sie vereidigt. Mir geht das alles etwas zu schnell."
Angestrengt seufzend fuhr Snape mit seiner Hand durch die Haare und Hermine entging dabei nicht das Blut, das an seinen Fingern klebte. "Wir haben darauf hin gearbeitet, dass es dazu kommt. Streng genommen können wir uns glücklich schätzen, dass er uns damit entgegengekommen ist."
Harry rollte mit den Augen. "Sicher doch."
Abschätzig legte Snape den Kopf schief. "Sind Sie etwa anderer Meinung, Potter? Ich kann mich nicht erinnern, dass Dumbledore das weitere Vorgehen mit Ihnen ins Leben gerufen hätte. Oder irre ich mich da vielleicht? Verzeihen Sie, dass ich frage, aber wo waren Sie, als er mir die Angelegenheit mit dem Ring anvertraute und mir bewusst wurde, dass er sterben würde, wodurch schnelles Handeln vonnöten war?"
In Harrys Augen flammte blanker Hass auf, dem Snape mit einem eigenartigen Grinsen entgegenwirkte.
Hermine fröstelte. Sie wollte einfach nicht wahrhaben, was sie zu sehen bekam. Der Anblick, wie sich die beiden erneut dazu herabließen, sich gegenseitig anzufeinden, brach ihr das Herz. Es konnte unmöglich sein, dass es fortan immer so weitergehen würde.
Hilflos blickte sie zu Lupin und erkannte zum ersten Mal überhaupt, dass auch er genug von diesen Spielchen zu haben schien. Wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch. "Severus! Harry! Ich finde, das reicht. Wir haben besseres zu tun als uns mit Vorwürfen zu überschütten."
Snape rollte die Mundwinkel zurück und verschränkte ohne ein weiteres Wort die Arme vor der Brust. In der daraufhin aufkommenden Stille suchte Hermine seinen Blick. Als er jedoch nicht auf sie reagierte, beugte sie sich kurzentschlossen zu ihm hinüber und faltete seine Arme auseinander. Zuerst sah er sie einfach nur an. Seine Brauen waren eng zusammengezogen und sie konnte spüren, dass sein Puls aufgrund der Anspannung schneller ging. Als sie dann aber vorsichtig seine Hände in ihren hielt, wurde er ganz ruhig.
"Wann musst du zurück?", fragte sie leise.
Er öffnete langsam den Mund, ohne sie aus den Augen zu lassen. "Bald."
Hermine spürte einen Stich. Traurig nickte sie. Im nächsten Moment stand sie auf und zog an seiner Hand. "Komm. Ich möchte nicht, dass du so ins Schloss zurückkehrst. Du bist jetzt der Schulleiter. Lass mich etwas gegen das Blut tun. Niemand muss dich so sehen."
Ungläubig unterdrückte Harry einen Würgereiz. Er war sich fast sicher, dass Snape es missbilligte, dass Hermine so mit ihm redete. Dennoch ließ er es ungestraft zu, kam von einem sanften Rascheln seines Umhangs begleitet auf die Füße und ließ sich von ihr zur Tür führen.
Wie vor den Kopf gestoßen starrte Harry den beiden nach. "Was zur Hölle war das denn eben?"
Lupin schüttelte sanft den Kopf. "Ich glaube, das weißt du nur zu gut. Sie brauchen einander."
"Aber das ist widerlich", beharrte Harry und schüttelte sich. "Bin ich der einzige, dem aufgefallen ist, wie er sie angesehen hat?"
"Findest du? Meiner bescheidenen Meinung nach war das das erste Mal, dass er etwas richtig gemacht hat. Er hat um ihretwillen nachgegeben, Harry. Du solltest dich daran gewöhnen. Severus ist im Begriff, sich zu wandeln. Dein Vater war damals nicht viel anders, als er angefangen hat, sich für Lily zu interessieren. Und auf einmal ist aus einem stolzen Pfau ein Ehemann und Vater geworden."
