Call it bittersweet

Kapitel 47

Neue Sorgen

Für eine schiere Ewigkeit standen sie voreinander in Hermines Zimmer und sahen sich an. In beiden arbeitete es so gewaltig, dass Hermine nicht wusste, was sie tun sollte. Einerseits brannte sie darauf, ihm die Sache mit dem Horkrux zu erzählen. Andererseits wollte sie unbedingt erfahren, was passiert war. Doch dann stürzte sie einfach nach vorn und schlang die Arme um ihn. Das Verlangen in ihr, ihn zu spüren und zu halten, war nicht mehr zu bändigen.

„Was haben sie mit dir gemacht? Er darf das nicht tun! Hörst du? Du gehörst jetzt mir! Du bist mein."

Snape schluckte hart, sagte aber nichts darauf. Obwohl ihr bewusst war, dass er Schwierigkeiten hatte, mit ihren Gefühlsausbrüchen klarzukommen, war es ihr gleich. Sehnsüchtig drückte sie ihr Gesicht an ihn und sog seinen Duft in sich ein, um sich zu vergewissern, dass nicht alles nur ein Traum war.

„Mir ist egal, was die anderen denken, Severus. Du bist hier. Du bist bei mir."

„Ja. Aber ich muss zurück."

„Nein", stieß sie beharrlich aus. „Musst du nicht!"

Snape versteifte sich umgehend. Erschrocken über sich selbst stellte sie fest, dass ihre Stimme ein scharfes Zischen gewesen war, während er sie vorsichtig auf Abstand brachte und sie ansah.

„Warum bist du so impulsiv, Hermine? Was ist hier los?"

Hermine blickte auf seine Brust und strich abwesend mit der Hand über die Knöpfe. „Es ist viel passiert, Severus. Ich habe so verbissen darauf gewartet, dich zu sehen, dass es weh tat."

Er legte den Kopf schief und ein sanftes Lächeln huschte über seine Lippen. „Jetzt hast du mich gesehen. Wäre das nicht ein Grund, sich zu beruhigen?"

Sie sah auf und sah direkt in seine schwarzen Augen. „Das kann ich nicht", sagte sie traurig. „Das reicht mir nicht mehr. Ich möchte, dass es dir gut geht. Aber offensichtlich tut es das nicht."

Ihre Hände suchten die seinen und hielten sie vor ihr Gesicht, um sie zu betrachten.

„Siehst du, was ich meine? All das Blut gefällt mir gar nicht."

Snape schüttelte den Kopf. „Mir geht es gut. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas vorgefallen ist, das du mir verschweigst." Ruckartig entzog er ihr seine Hände und griff nach ihren Schultern. „Also?"

Hermine senkte beschämt den Blick. Der eigenartige, fast schon sorgenvolle Ausdruck auf seinem Gesicht war etwas vollkommen Untypisches für ihn, mit dem umzugehen sie erst noch lernen musste. Immerhin jedoch war seine Ehrlichkeit und seine Offenheit besser als eine Lüge, wofür sie über alle Maßen dankbar war.

"Wie sich herausgestellt hat, gab es Komplikationen mit dem Horkrux", erklärte sie leise. "Aber am Ende hat sich alles so gefügt, wie es sein sollte."

Eindringlich beugte er sich zu ihr hinab. "Das heißt, es ist nichts weiter passiert." Eine kleine Pause trat ein, in der sie seine Unsicherheit zu spüren bekam. "Nicht wahr, Hermine?"

Zuerst war sie sich nicht sicher, worauf er hinaus wollte. Als er aber seine Hand auf ihren Bauch legte, wurde ihr unmissverständlich klar, dass seine Sorge nicht ganz unbegründet war. Immerhin hatte Dumbledore durch den Horkrux diesen Fluch auf sich gezogen.

Energisch schüttelte sie den Kopf. "Mir geht es gut, Severus. Harry würde nicht zulassen, dass ..."

Er schnaubte. "Der Junge ist kaum in der Lage, sich vor sich selbst zu beschützen", sagte er hart, die Augen kühl und berechnend von ihr abgewandt. "Außerdem wissen wir beide, dass er mich nur billigt, solange es eine Verwendung für mich gibt."

Zutiefst verletzt durch seine Worte nahm sie sein Gesicht in ihre Hände und brachte ihn dazu, sie anzusehen. "Harry ist vielleicht verdammt stur, wenn es um dich geht. Aber er würde nicht wollen, dass einem Baby etwas Schlechtes widerfährt. Und jetzt lass uns nicht weiter davon reden. Wir können das ein andermal klären."

Fest entschlossen, ihn nicht gehen zu lassen, ehe sie sich davon überzeugt hatte, dass mit ihm soweit alles in Ordnung war, fing sie an, die Knöpfe an seinem Hals zu öffnen. Stück für Stück arbeitete sie sich voran, bis er schließlich mit nacktem Oberkörper vor ihr stand und sie das Ausmaß der Bestrafung in Augenschein nehmen konnte, das aus etlichen Schnitten, blauen Flecken und Blutergüssen bestand.

Was sie zu sehen bekam, gefiel ihr nicht sonderlich gut. Doch es war nichts, was sie nicht wieder in Ordnung bringen konnten. Schnell wies sie ihn an, sich aufs Bett zu setzen. Dann holte sie eine Schüssel warmes Wasser, ein paar Tücher und Verbandszeug aus dem Badezimmerschrank, wusch das Blut von seinem Körper und seinen Händen und versorgte die Wunden. Grummelnd ließ er es geschehen. Alleine der Umstand, miteinander Zeit verbringen zu können, war weitaus mehr, als er wenige Stunden zuvor auf dem Boden in Malfoy Manor kauernd zu hoffen gewagt hatte.

"Ich kann nicht glauben, dass er so reagiert hat", sagte sie bedrückt, während er mit dem Zauberstab die blutigen Flecke aus seinem Hemd entfernte.

Snape zuckte wie beiläufig mit den Schultern. "Wir hatten noch Glück, Hermine."

Ungestüm tauchte sie die Tücher in die Schüssel und drückte sie darin aus, als könnte sie dadurch ihre ganze Wut auf Voldemort ertränken. "Falls es dir entgangen ist, es ist keine Schande, sich zu sorgen, Severus. Nicht unter den Umständen, mit denen wir zu kämpfen haben. Ich dachte immer, ich könnte mich eines Tages von dir loslösen. Aber da lag ich falsch. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mir eingestehen musste, dass du mir tatsächlich etwas bedeutest. Und jetzt? Sieh mich an. Ich brauche dich. Voldemort hat kein Recht, dich mir zu nehmen. Du gehörst zu mir."

Kaum dass sie ausgesprochen hatte, spürte sie, wie er sie mit einem Ruck zu sich heranzog. Unsanft kollidierte sie mit seiner nackten Brust. Dann, als sie aufblickte, fand sie sich mit seinen lodernden schwarzen Augen konfrontiert.

"Gerade weil du ihn erlebt hast, solltest du wissen, dass ich die Wahrheit sage", stieß er verärgert aus. Dann ließ er wieder von ihr ab und fuhr sich wie verloren mit den Händen durch die unordentlichen Strähnen. Nur mühsam gelang es ihm, seinen aufgewühlten Atem unter Kontrolle zu bringen. "Die meiste Zeit über spielen wir auf Glück, Hermine. Albus wusste das. Aber er war nicht bereit, es sich einzugestehen."

Hermine lachte bitter auf. "Ja. Er hat seine Hoffnungen lieber auf dich und Harry gesetzt, nicht wahr?"

Snape verzog wie von einem eigentümlichen Schmerz getroffen die Mundwinkel. "Es fällt mir nicht leicht, mir das einzugestehen, aber so war es nun mal. Jetzt bin ich es, der seine Hoffnungen darauf setzt, dass Potter der ist, für den Albus ihn immer gehalten hat. Du siehst, das macht die Sache nicht gerade einfacher. Weder für mich, noch für euch."

Vollkommen unvermittelt ging er auf das Bett zu, setzte sich darauf nieder und blickte sie an. Die Müdigkeit in seinen Augen war nun so deutlich erkennbar, dass es ihr fast leid tat, ihre Sorge zum Ausdruck gebracht zu haben.

"Du hast gesagt, es gab Komplikationen mit dem Horkrux. Was ist passiert?"

Hermine trocknete mit einem Tuch ihre Hände und gesellte sich zu ihm, dankbar für jede Minute, die er ihr schenkte, obwohl sie wusste, dass er schon längst nicht mehr bei ihr sein sollte.

Erschöpft lehnte sie den Kopf an seine Schulter und schloss für einen Moment die Augen. "Der Horkrux war nicht mehr da, wo Voldemort ihn versteckt hatte. Harry hat gespürt, dass es eine Fälschung war. Aber jetzt ist der Horkrux hier. Harry hat ihn bei sich und will ihn auch nicht mehr ablegen, bis er weiß, wie er ihn zerstören kann."

Ein Schauder erfasste ihn, den sie nur zu gut nachvollziehen konnte. Die Nachricht hatte auch sie getroffen, als Harry davon berichtet hatte. Und so begann sie, ihm zu erzählen, was sie von Kreacher erfahren hatte, wie Mundungus mit den gestohlenen Sachen verschwunden war und Tonks ihn gestellt hatte. Im Anschluss daran schmiegte sie sich an ihn und ließ sich von ihm in die Arme nehmen.

„Er sollte ihn nicht tragen", bemerkte er ernst. „Du weißt, was mit Albus passiert ist."

Überrascht sah sie ihn an. „Sorgst du dich etwa um Harry?"

Snape schnaubte abwertend. „Sag deinem Freund, er darf unter keinen Umständen das sichere Versteck verlassen. Wenn ich wiederkomme, muss ich dringend mit ihm reden."

„Wozu willst du mit ihm reden?"

„Da gibt es viele Gründe. Wichtig ist, dass ihr alle hierbleibt. Außerdem sollten wir besprechen, wie wir ihn zerstören wollen. Ich habe einen Plan. Aber der funktioniert nur, wenn ihr mir nicht dazwischenfunkt."

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Erst im Anschluss an die Begegnung mit ihrem Professor wurde Hermine so richtig bewusst, wie viel Glück sie gehabt hatten, dass Tonks so beharrlich an Mundungus drangeblieben war. Wer weiß, wo der Horkrux gelandet wäre, wenn sie die gestohlenen Sachen nicht zum Grimmauldplatz zurückgebracht hätte. Es kam ihr wie eine Ironie vor, dass der Horkrux die ganze Zeit über im Haus gewesen war, ohne dass jemand etwas davon geahnt hatte. Wenn Harry sich nur etwas mehr mit Sirius' Hinterlassenschaft auseinandergesetzt hätte, hätte er bestimmt gespürt, dass damit etwas nicht in Ordnung war. Doch so war Kreacher der einzige gewesen, der den Besitz der Blacks zu schätzen gewusst hatte.

Nachdem Snape wieder verschwunden war, gesellte Hermine sich zu Harry und Ron auf das Sofa im Wohnzimmer. „Er ist wieder weg, Harry", verkündete sie sarkastisch. „Du kannst aufhören, so schief zu gucken."

Harry brummte leise. „Und was hat er gesagt?"

„Dass er einen Plan hat, wie wir den Horkrux zerstören können. Aber es ist wichtig, dass wir auf jeden Fall hier in unserem Versteck bleiben, um nichts zu riskieren."

Harry verschränkte wenig begeistert von dieser Nachricht die Arme vor der Brust. „Das klingt nicht gerade nach meinem Geschmack, Hermine. Bald ist Dumbledores Beerdigung. Sollen wir die etwa auch verpassen?"

Vorsichtig zuckte sie mit den Schultern. „Es ist besser so. Glaub mir. Dort draußen wird es nur so vor Todessern wimmeln. Wenn du also nicht willst, dass die anderen Schüler in Gefahr geraten, weil du Abschied von Dumbledore nehmen willst, solltest du tun, was Severus gesagt hat."

Gerade als Harry dagegen aufbegehren wollte, meldete sich Ron zu Wort. „Ich glaube, sie hat Recht, Harry. Wir können sowieso nichts tun. Dumbledore wusste, was auf dem Spiel steht. Er würde nicht wollen, dass wir riskieren, dass sie dich schnappen."

Missmutig schüttelte Harry den Kopf. „Und wie soll es dann weitergehen, Hermine? Ich kann unmöglich hier herumsitzen und nichts tun, während Voldemort weiterhin frei dort draußen herumläuft und seine Leute auf wehrlose Menschen hetzt."

„Das wirst du auch nicht", sagte sie ernst. „Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wo die anderen Horkruxe versteckt sind. Am besten, wir fangen gleich damit an."

Obwohl sie in Wahrheit todmüde war, war ihr beinahe jedes Mittel recht, mit dem sie Harry auf andere Gedanken bringen konnte. Gemeinsam fassten sie zusammen, was sie über die Horkruxe wussten. Dabei erfuhr Hermine von Harry, dass Voldemort einst vorgehabt hatte, sich um eine Stelle in Hogwarts zu bewerben, was Dumbledore jedoch vehement abgelehnt hatte.

„Er wollte die Stelle unbedingt, Hermine. Ich habe das Gespräch während meines Privatunterrichts mit Dumbledore im Denkarium miterlebt."

„Eigenartig", gestand Hermine.

„Du denkst also, ein weiterer Horkrux könnte in Hogwarts sein?", fragte Ron skeptisch.

Harry nickte beflissen. „Vielleicht sind es sogar mehr. Jedenfalls wollte Voldemort nicht grundlos nach Hogwarts zurück. Da ist es doch naheliegend, dass …"

„Das bestreite ich auch gar nicht, Harry" fuhr Hermine ihm dazwischen. „Aber hat Dumbledore dir auch verraten, nach was du suchen sollst? Bevor du da wieder reingehst, musst du erst mal wissen, worauf du dich einlässt."

„Er war überzeugt davon, dass es etwas von historischer Bedeutung sein musste. Etwas, das mit den Gründern der Schule zu tun hatte."

„Vielleicht das Schwert von Gryffindor", warf Ron blitzartig ein.

„Es wäre durchaus möglich", gab Harry zu. „Da das Schwert aber im Schulleiterbüro aufbewahrt wird, halte ich es für ausgeschlossen. Ich war so oft dort, da hätte mir doch was auffallen müssen."

„Schon. Aber dir ist auch nicht aufgefallen, dass der Horkrux, den Mundungus gestohlen hat, die ganze Zeit hier im Grimmauldplatz versteckt war."

Betreten fummelte Harry an seiner Brille herum. „Ehrlich gesagt habe ich mich immer davor gescheut, Sirius' Sachen anzurühren. Ich wollte alles so lassen, wie es war. Was hätte ich denn schon mit dem Krempel seiner Familie anfangen sollen, wenn er schon nichts dafür übrig hatte?"

Hermine seufzte mitfühlend. „Das kann ich gut nachvollziehen. Doch so oder so, glaubt ihr nicht, Dumbledore hätte etwas von dem Schwert erwähnt, wenn es ein Horkrux gewesen wäre? Er sitzt doch nicht Tag für Tag in seinem Büro und kriegt nicht mit, dass er es mit einem Horkrux zu tun hat. Außerdem funktioniert das Schwert anders."

„Richtig", sagte Harry kühl. „Also zurück zu Snapes Plan. Wie soll der gleich nochmal aussehen?"

Erleichtert über sein Einlenken fuhr Hermine fort, zu erzählen, wie es weitergehen würde. „Das Schwert wurde von Kobolden geschmiedet und kann nur Eigenschaften in sich aufnehmen, die es stärken. Gute Eigenschaften eben, so wie das Blut des Basilisken. Und genau das ist das, was wir brauchen. Nur wenige Dinge können einem Horkrux etwas anhaben. Aber wenn wir mit dieser Vermutung richtig liegen, sollte es uns gelingen, mithilfe des Schwertes den Horkrux zu zerstören."

„Das leuchtet ein", sagte Ron zustimmend. „Aber wie kommen wir an das Schwert ran?"

„Das müssen wir Severus überlassen. Jetzt wo Dumbledore tot ist, wird das Ministerium versuchen, es an sich zu nehmen, was bedeutet, dass die Todesser es bekommen werden."

Harry stöhnte auf. „Na wunderbar. Voldemort hat wirklich an alles gedacht, wie es aussieht. Sag doch gleich, dass wir es nie wiedersehen werden!"

Unbeeindruckt von seinem Ausbruch schüttelte Hermine den Kopf. „Hab etwas vertrauen, Harry. Es ist vorgesehen, dass das Schwert in Bellatrix Lestranges Verlies aufbewahrt werden soll. Aber Severus und Dumbledore haben schon längst eine Kopie davon anfertigen lassen. Diese Kopie wird Severus nun in das Verlies bringen, damit wir an das Original rankommen."

„Und du bist sicher, dass ihm das gelingen wird?"

„Ja. Warum nicht?"

„Ich meine ja nur. Findest du das nicht etwas seltsam, wo Snape doch selbst einer von denen ist?"

Hermine verdrehte die Augen. „Lass den Unsinn, Harry. Ich werde ganz bestimmt nicht schon wieder mit dir über Severus streiten. Also. Unser Vorteil ist der, dass kein Todesser je den Unterschied merken würde. Nur ein Kobold erkennt das wahre Schwert, wenn er es sieht. Und Kobolde sind bekanntlich scharf auf Gold."

„Dann hat er vor, die Kobolde zu bestechen?"

„Wenn es sein muss", sagte sie trocken.

Innerlich behagte ihr die Vorstellung gar nicht. Was, wenn irgendetwas schief gehen würde? Sie wollte lieber nicht wissen, woher das Gold stammte. Ihre Sorge um Severus genügte vollends.

In den nächsten Tagen gab es keine Spur von Snape. Niemand vom Orden wusste etwas über seinen Verbleib mit Ausnahme von Professor McGonagall. Doch da das Schloss inzwischen nicht mehr ausschließlich in der Hand der Lehrer war, war es zu gefährlich, kontinuierlich Kontakt zueinander herzustellen. Den letzten Berichten aus Hogwarts zufolge war das Schuljahr früher als geplant beendet worden. Dennoch warteten immer noch etliche Schüler auf den Beginn der Ferien, ehe sie ihre Heimreise antreten konnten. Indes bereiteten sich die Todesser darauf vor, fester Bestandteil des Kollegiums zu werden, damit das bevorstehende Schuljahr ganz nach Voldemorts Vorstellungen beginnen konnte. Eine neue Ära stand Hogwarts bevor, die mit Sicherheit nicht viel Gutes mit sich bringen würde.