Call it bittersweet
Kapitel 49
Verflucht
Die friedfertige Idylle der kleinen Familie währte nicht lange. Nachdem Hermine und das Baby mit den notwendigsten Prozeduren versorgt waren, begannen die Mitbewohner des Hauses ins Wohnzimmer zu drängen, um sich zu vergewissern, dass die Geburt ohne weitere Schwierigkeiten verlaufen war. Vor allem aber auch, um den Neuankömmling zu begrüßen, der fortan in ihrer Mitte wohnen würde.
Einer von ihnen war Harry. Vollkommen überfordert von dem Anblick, seine Freundin mit ihrem schwarzhaarigen Baby im Arm auf dem Sofa liegend vorzufinden, stockte ihm der Atem. Ron ging es nicht viel anders. Obwohl es in seiner Familie immer reichlich Nachwuchs gegeben hatte, hatte auch er sich bisher nichts aus Babys gemacht. Umso ungewöhnlicher war es daher, Snape neben Hermine sitzen zu sehen, der mit einem unleserlichen Ausdruck im Gesicht und vor der Brust verschränkten Armen über die beiden zu wachen schien. Sehr zu Harrys Ärger wurde er das Gefühl nicht los, dass der Professor ihn zwischen seinen Strähnen hindurch beobachtete, ohne ihn dabei auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Es war beunruhigend und erinnerte ihn unweigerlich daran, wie sie sich schon damals bei ihrer ersten Begegnung im Unterricht angefeindet hatten.
Verzückt klatschte Ginny in die Hände und holte alle in die Gegenwart zurück. Sie und Lupin waren die ersten Besucher, die sich an das Baby heranwagten. Auch ihnen gegenüber reagierte Snape verhalten, womit es keine Zweifel mehr gab, dass er diesen ganzen Zirkus missbilligte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er vermutlich am liebsten den Raum verbarrikadiert, damit niemand Hermine und dem Baby zu nahe kommen konnte. Im ersten Augenblick kam es Harry eigenartig vor, Snape die Rolle als Beschützer eines Babys zuzuschreiben, ganz besonders, da er ihn nie hatte leiden können. Andererseits musste er sich aber auch eingestehen, dass der Professor damals schützend für sie alle eingetreten war, als Lupin sich zum Werwolf verwandelt hatte.
Da es bei den Jungs noch eine Weile dauern würde, ehe sie den Schock verdaut hätten, übernahm Ginny die Aufgabe, Mutter und Kind zu begrüßen. "Oh, seht euch seine kleinen Fingerchen an", jauchzte sie vor Freude. "Er ist ja so niedlich!"
Harry schluckte. Obwohl er erleichtert war, dass das Baby mehr mit Hermine als mit Snape gemein hatte, fand er es hinsichtlich Ginnys Reaktion durchaus angebracht, das Thema Verhütung noch einmal auf den neuesten Stand zu bringen. Nichts wäre zum jetzigen Zeitpunkt schlimmer gewesen, als selbst Vater zu werden. Erschöpft aber glücklich strahlte Hermine in die Runde und er zwang sich zu einem Lächeln. Die Strapazen der Geburt waren ihr deutlich anzusehen. Dennoch konnte Harry kaum glauben, dass das wirklich geschehen war.
"Wie heißt er denn?", fragte Ginny neugierig. Augenblicklich schien Snape sich zu versteifen, was Harrys Skepsis in Bezug auf Snaps Verhalten nur noch mehr anstachelte. Es war das erste Mal seit Harry den Raum betreten hatte, dass er den Blick von ihm nahm.
"Harrison", sagte Hermine unbefangen.
Mit offenem Mund starrte Harry auf seinen ehemaligen Lehrer, sichtlich nicht imstande, seine Verwunderung zu verbergen. Diese Ähnlichkeit mit seinem eigenen Namen konnte kein Zufall sein.
Snape ließ indes die Mundwinkel spielen. Vermutlich bereute er gerade, nicht schon längst wieder nach Hogwarts geflohen zu sein.
„Tatsächlich?", fragte Harry vorsichtig. „Wessen Idee war das?"
Amüsiert schüttelte Hermine den Kopf. „Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass es meine war. War es aber nicht. Harrison soll uns immer daran erinnern, wofür wir kämpfen, Harry. Ich hoffe, du hast nichts dagegen."
Den letzten Satz hätte sie sich sparen können. Ginny warf ihm ein derart finsteres Funkeln aus ihren Augen zu, dass er gar nicht auf die Idee kam, etwas dagegen einzuwenden. Stattdessen riskierte er einen prüfenden Blick zu Snape, der ihn jedoch nicht mehr beachtete. So eigenartig der Umstand auch war, der Namenspate des Babys zu sein, musste er trotz allem erkennen, dass er auch gerührt war. Vielleicht hatte der Entschluss des Professors ja irgendetwas zu bedeuten. Vielleicht war es ein Zeichen seinerseits, das Kriegsbeil zu begraben...
Verwundert über sich selbst verdrängte Harry den Gedanken wieder. Eher würde die Hölle zufrieren, als dass er sich mit Snape verbrüdern würde.
Im Anschluss an die kleine Besichtigung scheuchte Mrs. Weasley unter dem Vorwand „Mutter-und-Kind-bräuchten-dringend-Ruhe" alle wieder aus dem Wohnzimmer. Es war offensichtlich, dass sie einstweilen die Aufgabe übernehmen würde, für das Wohl der beiden zu sorgen, während Madam Pomfrey nach Hogwarts zurück musste.
Snape stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Die erste Hürde hatte er überstanden. Doch auch für ihn war es an der Zeit, das Weite zu suchen, wenn er sich nicht verdächtig machen wollte.
Nachdem er sich von Hermine, Molly und dem Baby verabschiedet hatte, verließ er das Wohnzimmer und fand dort Lupin vor, der legere mit den Händen in den Hosentaschen an einer Wand im Flur lehnte und ihn mit einem eigenartigen Blick bedachte, der besagte, dass er nur darauf gewartet hatte, ihn unter vier Augen sprechen zu können.
„Wo willst du hin, Severus?", fragte er witzelnd. „Hast du etwa schon genug? Weißt du, ein Kind zu haben, bedeutet, ein Leben lang für es da zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du schon mit ihm fertig bist. Oder vielleicht doch?"
Snape schnaubte leise. Das überhebliche Gebaren seines ehemaligen Kollegen störte ihn nicht weiter. Es hätte schlimmer kommen können. Ganz besonders, da er sich die Blöße gegeben hatte, bei der Namensfindung für sein Kind an Harry zu denken.
„Abwarten, Lupin", antwortete er kühl. „Wenn du soweit bist, können wir uns ja miteinander austauschen. Bis dahin viel Vergnügen mit deinen zukünftigen Schwiegereltern."
Lupin wippte nachdenklich mit dem Kopf und richtete sich auf. Es war ungewöhnlich für alle beide, sich alleine gegenüberzustehen, ohne dabei aufeinander loszugehen. „Nicht jeder kann es sich erlauben, die Eltern der Zukünftigen einfach bis ans andere Ende der Welt zu verfrachten. Wo hast du sie hingebracht? Amerika? Australien? Außerdem, wer weiß, wenn die Umstände anders wären, hätte ich dich vielleicht zur Hochzeit eingeladen. Doch leider können wir es nicht riskieren, einen Todesser in unserer Mitte zu haben. Ich hoffe, es macht dir nichts aus."
„Entspann dich, Remus", sagte Snape träge und rieb mit den Fingern über die Stoppel an seinem Kinn. Er musste sich dringend frischmachen. „Du gehörst zu deinesgleichen, ich zu den meinen. Die Entscheidung ist schon vor Jahren gefallen. Warum sollten wir ihr ausgerechnet jetzt nachweinen?"
Auf Lupins Gesicht tauchte ein dünnes Lächeln aus. „Pass auf, wem du über den Weg läufst, wenn du hier raus bist. Du riechst wie ein neugeborenes, unschuldiges, Baby, Severus. Ich bin mir nicht sicher, ob das zu dir passt. Außerdem dürfte das der Schlange nicht sonderlich gefallen."
Snape grinste verschlagen und murmelte ein leises „Idiot" hervor.
Unschuldig zuckte Lupin mit den Schultern und schlenderte in die Küche. „Wir sehen uns, Severus."
„Worauf du dich verlassen kannst."
Er hatte nicht vor, so schnell den Löffel abzugeben. Dennoch musste er vorsichtig sein, wenn er sich nicht verraten wollte. Remus hatte Recht. Es war gefährlich, sich hier aufzuhalten. Bevor er jemand anderem gegenübertreten konnte, musste er zusehen, den Geruch des Babys loszuwerden, um sicherzugehen, dass niemand je davon erfahren würde.
xxx
Fast schon ungeduldig wie ein Junge hatte er darauf gewartet, zu seinem Herrn gerufen zu werden. Er hatte seit Tagen geahnt, dass es bald soweit sein würde. Ein regelmäßiger und zufriedenstellender Report war seine beste Lebensversicherung. Aber der Zeitpunkt, zu dem es letztendlich passierte, war mehr als schlecht. Obwohl er sich keine Vorwürfe machen musste, zu sorglos mit der Angelegenheit umgegangen zu sein, die sich im Grimmauldplatz ereignet hatte, war es dennoch verstörend, zu spüren, dass er sich den Unmut Voldemorts zugezogen hatte. Vermutlich hing es aber auch einfach mit der wachsenden Unzufriedenheit aufgrund Potters Verschwinden zusammen. Damit, dass niemand ihn finden und ausliefern konnte. Oder damit, dass der Dunkle Lord sein Vergnügen daran hatte, jemanden grundlos zu bestrafen. So oder so hätte Snape sich liebend gern gewünscht, ihm für diesmal auszukommen. Es war nicht so einfach wie sonst, von den Dingen Abstand zu nehmen, die geschehen waren. Die Gefühle, die seine Miss Granger in ihm geweckt hatte, waren ihm fremd. Obendrein erschien es ihm grotesk, dass ausgerechnet jemand wie er alles getan hätte, um ihr die Schmerzen und die Demütigung zu ersparen, die sie seinetwegen erduldet hatte, obwohl er wusste, dass es keinen Ausweg gegeben hätte. Seine über viele Jahre hinweg antrainierte Maske drohte angesichts jedes Besuchs bei Mutter und Kind zu fallen. Und das ausgerechnet jetzt, wo er stark sein musste, weil er endlich einen Grund gefunden hatte, seinem Leben Zukunftsaussichten zu verleihen, einen Grund, der ihn davon abhielt, sterben zu wollen.
Snape unterdrückte einen Schauder. Es war gefährlich, so zu denken. Mühsam zwang er sich dazu, seine Gedanken an die vergangenen Tage abzuschirmen, um nichts davon nach außen durchsickern zu lassen, während er vor seinem Herrn auf dem Boden kniete und abwartete, was geschehen würde. Er war schließlich nicht hier, um Vergebung oder Absolution zu erhalten. Er war hier, weil Voldemort die Macht hatte, ihn an sich zu binden. Und diese Macht ließ er ihn spüren. Langsam umrundete er sein Opfer und sprach einige zischelnde Silben zu der Schlange, die lauernd über den Boden glitt, als könne sie es nicht erwarten, ihre giftigen Zähne zum Einsatz zu bringen.
Es hatte etwas Eigenartiges an sich, seine Anwesenheit hinter sich zu spüren, ohne zu wissen, wann er den Fluch aussprechen würde. Sich mental darauf vorzubereiten war seine einzige Waffe. Alles ausblenden, solange wie nur irgend möglich. Unzufrieden mit ihm oder nicht, der Cruciatus, den der Dunkle Lord auf ihn jagte, traf ihn diesmal besonders hart. Hinterrücks schlug sich der Fluch in seinen Nacken und riss ihn fast nach vorne um. Er kannte die Prozedur, wusste, wie es sich anfühlte, nicht mehr Herr über den eigenen Körper zu sein. Fast so musste es bei der Geburt gewesen sein. Leben und Tod trafen aufeinander, machten es ihm unfähig, seine Gedanken zu kontrollieren, machten ihn verwundbar. Würde der Dunkle Lord jetzt in seinen Geist eindringen, wäre alles verloren. Doch seine Überheblichkeit glaubte nicht daran, dass der zitternde Mann zu seinen Füßen eine Lüge lebte. Snape wollte darüber lachen. Sein Sarkasmus erhielt ihn aufrecht. Am Ende aber blieb ihm nur noch der Schmerz. Wie es aussah, würde er ohnehin nie erfahren, warum er überhaupt bestraft werden sollte. Es war ihm gleich. Im Kern der Sache spielte der Grund keine Rolle. Der Schmerz blieb immer derselbe. Ebenso wie die Angst, die damit einherging, zu versagen.
xxx
Die Nachricht, dass der Schulleiter wieder im Schloss war, verbreitete sich unter den Portraits wie ein Lauffeuer. Dumbledore wies Phineas an, sofort im Grimmauldplatz Meldung zu machen, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Panik, die Hermine daraufhin verspürte, war unglaublich. Doch noch ehe die Bedeutung dessen so richtig in ihr sacken konnte, war Molly Weasley schon dabei, ihren Patronus an Tonks und Lupin zu senden, die daraufhin ihre Hochzeitsfeierlichkeiten unterbrachen und ins Hauptquartier reisten. Bisher hatte Hermine nicht geglaubt, dass überhaupt jemand vom Orden darauf reagieren würde, wenn so etwas passieren würde. Snape war nicht gerade bekannt dafür, Freunde zu haben. Dennoch war es ein Zeichen des guten Willens, wie eng sie in den vergangenen Monaten zusammengerückt waren, seit sie mit Ginny und den Jungs zusammen hier wohnte.
Hilflos musste sie mitanhören, wie Phineas davon berichtete, dass Snape in sein Büro appariert und aufgrund der Folgen mehrerer Cruciatus-Flüche bewusstlos auf dem Boden zusammengebrochen war. Im Moment waren Professor McGonagall und Madam Pomfrey bei ihm, um darauf zu warten, dass er wieder zu sich kam. Offenbar hatte er Glück im Unglück gehabt, dass kein Todesser ihn aufgefunden hatte, so blieb ihm zumindest die Demütigung erspart, weiter von ihnen gefoltert zu werden, solange er außerstande war, sich dagegen zu wehren.
Hermine wusste nicht, was sie tun, geschweige denn, wie sie damit umgehen sollte. Zuvor hatte sie all ihre Sorgen um Severus überwiegend für sich behalten, schließlich war den wenigsten bewusst gewesen, in welchem Verhältnis sie tatsächlich zu ihm stand. Trotzdem hatte sie es satt, ihren Kummer stumm zu erdulden. Er war hier gewesen und hatte sich vor allen anderen offen zu seinem Sohn bekannt. Verdiente er es da nicht, dass sie es ebenso handhabte?
Ungeduldig ging sie in der Küche auf und ab, wo sich alle versammelt hatten. Mit jeder verstreichenden Minute fühlte sie sich elender, ebenso wie ihre Gedanken verworrener wurden. Harrison lag nebenan in seiner Wiege und schlief. Es war riskant, etwas Unüberlegtes zu versuchen, aber einfach nichts zu tun, war genauso schlimm. Sie fühlte sich schuldig. Sie fühlte sich verantwortlich für das, was er auf sich nahm.
„Ich muss ihn sehen", platzte es plötzlich aus ihr heraus und der Raum wurde schlagartig still. Alle sahen sie an und Hermine holte Luft. „Ich weiß, dass es riskant ist. Aber ich will zu ihm. Bitte. Ich bin es ihm schuldig. Harrison ist bei Molly in guten Händen. Bitte lasst mich gehen."
Harry war der erste, der zum Protest ansetzte. „Was? Bist du irre? Du kannst nicht zu ihm! In Hogwarts regieren jetzt die Todesser, Hermine. Sie würden dich auf der Stelle umbringen."
„Oder schlimmer noch", gab Lupin zu bedenken.
Hermine schluckte. „Das mag sein. Aber ich habe darüber nachgedacht. Es gibt einen Weg, wie ich ungesehen in sein Büro komme und wieder zurück. Es ist ganz einfach."
„Und wie willst du das anstellen?", fragte Ron bestürzt.
Wie beiläufig zuckte sie mit den Schultern. „Ich werde Dobby bitten, dass er mich ins Schulleiterbüro bringt. Einen Kamin zu benutzen, wäre zu riskant. Aber die Hauselfen können problemlos rein und raus apparieren."
Nur wenig überzeugt setzte Lupin sich auf. „Und weiter? Was erwartest du dir davon, zu ihm zu gehen? Er ist verletzt und Poppy kümmert sich um ihn. Was glaubst du, kannst du jetzt für ihn tun?"
Frustriert sah sie in an. Allem Anschein nach hatte sie sich zu früh gefreut, Bündnisse zu knüpfen, die bereit waren, für den Professor einzustehen. „Ich weiß, dass das nicht der richtige Zeitpunkt ist, um eine Heldentat zu vollbringen", sagte sie aufrichtig. „Aber darum geht es hier auch gar nicht. Es geht darum, dass ich für ihn da sein möchte. Er ist der Vater meines Kindes. Er braucht jemanden, der ihm zeigt, dass er an ihn glaubt."
„Dann solltest du hierbleiben und hier auf ihn warten, bis er zurückkommt", bemerkte Tonks ernst. „Es ist glatter Wahnsinn, beide Eltern in diesen Krieg zu schicken."
Hermines Entrüstung steigerte sich bei diesen Worten nur noch mehr. Ungläubig stemmte sie die Hände in die Hüften. „Ich kann nicht glauben, dass du das sagst. Du hast heute geheiratet!"
„Das ist nicht der Punkt, Hermine. Ihr habt jetzt ein Baby. Jemand muss sich darum kümmern. Jemand muss für das Kind da sein."
„Das werden wir. Doch wir dürfen eins nicht vergessen: Wir stecken alle mit drin, solange Voldemort nicht endgültig tot ist. Und wenn wir Severus verlieren, werde ich nicht mehr froh, weil ich nicht bereit war, etwas zu unternehmen. Er soll spüren, dass er nicht alleine ist. Genau deshalb will ich zu ihm. Ich will ihm sagen, wie viel er mir bedeutet. Wie wichtig es ist, dass er zurückkommt."
Verständnislos schüttelte Lupin den Kopf. „Das weiß er auch so, Hermine. Glaub mir. Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal erleben würde, aber es sieht ganz danach aus, als würde er endlich einen Sinn in seinem Leben sehen. Etwas, das ihn antreibt."
Fest entschlossen kniff sie die Augen zusammen. „Ich habe mich entschieden. Ich will zu ihm. Und jeder, der mich aufhält, sollte nicht damit rechnen, dass ich zimperlich mit ihm umgehen werde, nur weil ich jetzt ein Baby zu versorgen habe. Denn ich bin mir ganz sicher, dass mein Sohn ziemlich enttäuscht wäre, wenn er eines Tages erfährt, dass ich zu feige war, mich nach seinem verletzten Vater zu erkundigen."
Noch während die anderen weiter darüber diskutieren wollten, rief sie nach Dobby, der auch sofort an ihrer Seite auftauchte und bis über beide Ohren strahlte, dass er es war, der ihr einen Gefallen tun durfte.
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Das apparieren mit einem Elfen war mindestens genauso gewöhnungsbedürftig wie das apparieren mit einem Menschen. Anders zwar, aber nicht weniger beunruhigend, wenn man keine Übung darin hatte. Das erste, was Hermine bemerkte, nachdem sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, waren die Gerüche, die sich im Schulleiterbüro von Hogwarts im Vergleich zu früher verändert hatten. Ganz besonders der eigentümliche Duft nach Pergament und Tinte, den sie aus Snapes Büro in den Kerkern kannte.
Langsam fand sie wieder zu sich und versuchte, sich zu orientieren. Dann fiel ihr auf, dass der Raum nur spärlich mit Kerzen beleuchtet war, die hier und da brannten. Noch eine Eigenart von Severus.
Verunsichert und auf wackeligen Beinen, den Zauberstab fest in der Faust, blickte sie sich um. Neben ihr stand Dobby und schien darauf zu warten, weitere Anweisungen zu empfangen. „Weißt du, ob sonst noch jemand hier im Zimmer ist?", formte Hermine lautlos mit den Lippen. „Jemand, dem wir lieber nicht trauen sollten?"
„Nein, Miss", quiekte er eifrig. „Niemand außer Dobby und Miss Granger und Wände voller Bilder."
Erleichtert ließ Hermine den Zauberstab sinken. „Danke, Dobby. Du hast mir einen riesigen Gefallen getan. Wenn du mir jetzt noch verraten könntest, wo Professor Snape sich aufhält, wäre ich dir sehr dankbar."
Hinter sich hörte sie ein leises Räuspern, das Dobby dazu veranlasste, die Ohren hängen zu lassen. Den Arm blitzschnell wieder erhoben fuhr sie herum und blickte auf das Portrait Dumbledores, das ihr im schwachen Licht der Kerzen entgegen strahlte; wie im wahren Leben auch mit einem milden Lächeln auf den Lippen.
„Guten Abend, Miss Granger. Ich hatte schon befürchtet, dass wir bald das Vergnügen haben würden."
Mit klopfendem Herzen ließ sie den Anblick auf sich einwirken. Es war zu komisch, um wahr zu sein. Dennoch steckte ihr die Anspannung sichtlich in den Knochen. „Guten Abend, Professor", gab sie durch ihre eng aufeinanderliegenden Kiefer zurück, wie auch Snape es immer wieder getan hatte. „Wo ist Severus?"
Dumbledores Lächeln erstarb. „Wie ich sehe, kommen Sie gleich zur Sache. Dobby, wärst du so freundlich, uns allein zu lassen?"
Mit einem Plopp verschwand der Elf, noch ehe Hermine die Gelegenheit gehabt hätte, sich von ihm zu verabschieden.
„Severus befindet sich nebenan in seinem Schlafzimmer und wird bestmöglich versorgt", betonte Dumbledore scharf.
Verwundert stellte Hermine fest, wie lange sie schon nicht mehr im Schloss gewesen war. Seit Dracos Tod war eine schiere Ewigkeit vergangen. Eigenartig war auch, dass Severus nie erwähnt hatte, dass er jetzt nicht mehr in den Kerkern schlief. Kopfschüttelnd blinzelte sie das Portrait an. Was hatte sie denn erwartet?
„Hören Sie, Professor. Ich bin nicht hier, weil es mir Vergnügen macht, gegen so ziemlich alle Regeln zu verstoßen, die ich kenne. Ich weiß, dass ich streng genommen kein Recht habe, das zu tun. Aber Severus braucht mich. Glauben Sie mir. Sonst wäre ich bestimmt nicht so töricht gewesen, den Versuch zu wagen, ihn zu sehen."
Langsam entspannte sich das Gesicht ihres früheren Schulleiters wieder. Auch seine blauen Augen funkelten rege über den Rand seiner Brille. „Das bestreite ich keineswegs, Miss Granger. Doch glauben Sie nicht, dass es immer so leicht sein wird, ihm einen Besuch abzustatten. Sie hatten heute großes Glück, dass die meisten Todesser auswärts sind. Das Treffen, zu dem Severus gerufen wurde, dauert noch immer an ..."
Hermine wurde bleich. Nicht etwa, weil sie Mitleid mit den anderen Todessern hatte, sondern einfach schlicht und ergreifend, weil ihr bewusst wurde, dass Severus relativ glimpflich davongekommen sein musste, wenn Voldemort ihn so frühzeitig entlassen hatte.
„Wieso ist er dann so verletzt?", fragte sie angestrengt nach Atem ringend. Die Vorstellung von dem, was er durchgemacht hatte, nahm ihr schier die Luft.
„Das kann viele Gründe haben", erklärte Dumbledore ernst. „Manchmal aber auch einfach nur den, das man existiert."
Schaudernd spürte Hermine, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie noch mehr darüber erfahren wollte. In Anbetracht dessen, dass sie so sehr darauf brannte, zu Severus zu gelangen, bekam sie Angst davor, wie es sein würde, tatsächlich vor ihm zu stehen und ihn leiden zu sehen.
„Ich kann nicht länger warten", sagte sie entschieden. „Ich muss zu ihm."
Dumbledore nickte ruhig. „Wenn wir uns das nächste Mal sehen, haben wir hoffentlich die Gelegenheit, über das Baby zu sprechen. Gehen Sie. Er kann etwas Beistand brauchen."
Aufmunternde Worte waren das nicht gerade. Dennoch stürmte sie in die Richtung davon, in die das Portrait mit seinen strahlend blauen Augen deutete, in der Hoffnung, nichts vorzufinden, was das ungute Gefühl in ihrem Inneren bestärken würde.
