Call it bittersweet
Kapitel 51
Harrys großer Tag
Die im Grimmauldplatz vorherrschende Lage war angespannt, obwohl es rund um Hogwarts für einige Zeit ruhig gewesen war und es Snape häufiger als sonst gelang, das Schloss zu verlassen. Mit ein Grund für die Spannungen war Harrys Geburtstag. Einerseits konnte er es kaum erwarten, endlich volljährig zu werden, damit er die magische Spur verlieren würde, die ihm auferlegt war. Andererseits war ihm aber auch bewusst, dass sich dadurch erst einmal im wesentlichen nichts ändern würde, bis er das Haus verlassen konnte. Die Zauber, die Dumbledore noch vor seinem Tode im Hauptquartier gewirkt hatte, bewahrten ihn davor, durch das Ministerium aufgespürt werden zu können. Und auch Snape hatte etliche weitere Vorkehrungen getroffen, um die Anwesenden vor einem Eindringen unerwünschter Besucher zu schützen. Ganz besonders jetzt, wo Harrison bei ihnen lebte, musste Harry feststellen, dass der Professor einen übertriebenen Hang dazu zeigte, ständig neue Zaubersprüche und magische Formeln auszutüfteln, auf die vermutlich nicht einmal Dumbledore gekommen wäre.
Als es dann an der Zeit für Harry war, unten in der Küche mit den anderen zusammenzutreffen, um die Feierlichkeiten für seinen Geburtstag zu begehen, wartete Snape schon mit einer neuen Überraschung auf: Dem Schwert von Gryffindor. Natürlich war Harry bewusst, dass es Irrsinn war, es als Geschenk zu betrachten, schließlich hatte er kein Vorrecht darauf, es zu besitzen, nur weil er derjenige war, der Voldemort gegenübertreten musste. Außerdem hatte Snape es ihm auf Dumbledores Anweisung hin zukommen lassen und dabei bestimmt nicht geplant, es an diesem Tag zu tun. Trotzdem spürte er so etwas wie Dankbarkeit, es wieder in seinen Händen halten zu dürfen, wo es ihm doch damals geholfen hatte, den Basilisken zu zerstören.
Nachdem er es ehrfürchtig entgegengenommen hatte, gab es keine Frage mehr, dass er es war, der den Horkrux zerstören sollte. Der Hintergedanke, einen Teil von Voldemorts Seele an seinem Geburtstag zu zerschlagen, hatte etwas Symbolisches an sich. Dennoch war allen, die mit der Angelegenheit betraut waren, bewusst, dass sie vor dem, was vor ihnen lag, auf der Hut sein mussten.
Nachdem Lupin und Tonks gegangen waren, blieben Snape, Ron und Hermine bei Harry in der Küche, während Molly sich mit Harrison und Ginny ins Wohnzimmer zurückzog. Sie hatten sich daran gewöhnt, keine Fragen zu stellen, wenn das Trio etwas ausheckte, noch dazu, wo der Professor bei ihnen war. Trotzdem ließ Molly es sich nicht nehmen, alle zur Vorsicht zu mahnen.
Gebannt nahm Harry das Medaillon von seinem Hals und legte es in der Mitte des Raumes auf den Küchenboden. Während Snape Hermine und Ron anwies, sich im Hintergrund zu halten, konzentrierte Harry sich darauf, das Schwert in das Medaillon zu stoßen, sobald Snape es mit dem Zauberstab öffnen würde. Beide wirkten äußerst angespannt, als der Professor seinem ehemaligen Schüler ein Zeichen gab, sich bereitzuhalten.
"Was auch immer geschieht, Potter, lassen Sie sich nicht von dem beeinflussen, was hier vor sich geht. Wir wissen nicht, wie sich der Horkrux äußern wird. Nutzen Sie also die erstbeste Gelegenheit, ihn zu zerstören. Wenn Sie auch nur eine Sekunde zögern, wird das ausreichen, seine Macht zu entfalten."
"Denkst du, er könnte uns angreifen?", fragte Hermine mit einem unguten Gefühl in der Magengegend.
"Das wäre durchaus möglich. Wobei ich nicht damit rechne, dass es sich auf uns stürzen wird. Vielmehr wird es seine dunklen Kräfte dazu benutzen, etwas Unvorhergesehenes passieren zu lassen. Es könnte eine Erscheinung heraufbeschwören oder eine für alle im Umfeld befindlichen Personen sichtbare Vision erzeugen."
Hermine, Ron und Harry sahen sich an. "Etwas wie das, was mit Tom Riddles Tagebuch geschehen ist?", fragte Harry beklommen und Hermine musste nicht lange überlegen, um zu erkennen, dass ihm der Gedanke gar nicht behagte.
"Was auch immer es ist, wir können sicher sein, dass es nichts Gutes ist. Machen Sie sich auf alles gefasst, Potter. Fertig?"
Harry nickte. Er war fest entschlossen, Voldemort diesen Krieg nicht gewinnen zu lassen. Das Medaillon zu zerstören, war dabei nur ein weiterer unumgänglicher Schritt von vielen.
"Wartet!", warf Hermine besorgt ein. "Was machen wir denn, wenn er spürt, dass wir einen seiner Horkruxe erledigt haben? Wird er dann nicht wütend sein?"
Snape seufzte angestrengt. "Dazu müssten wir ihn erst einmal zerstören, Hermine. Aber wenn es dich beruhigt, bitte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiß, was passiert, wenn ein Teil seiner abgespaltenen Seele stirbt, weil er keinen Bezug zu seiner Seele hatte. Sie sollte ihm nur dazu dienen, ihn unsterblich zu machen."
Obwohl sich nicht vermeiden ließ, dass seine Hände bei diesen Worten zu schwitzen anfingen, umklammerte Harry mit eisernem Griff das Schwert.
Snape fuhr indes fort. "Es wird ihn schwächen und ihn verwundbar machen. Vielleicht wird es ihm später sogar einmal bewusst werden. Aber mit Sicherheit nicht, solange er selbst sich in Sicherheit wiegt."
"Tut er das denn?", fragte Ron vorsichtig.
"Offensichtlich", kommentierte Snappe nüchtern. "Sonst hätte er es nicht kürzlich erst riskiert, zwei seiner fähigsten Leute umzubringen."
Nur wenig überzeugt gaben Ron und Hermine sich damit zufrieden. Das eigenartige Grinsen auf Snapes Gesicht ließ jedoch keine Zweifel daran, dass er es endlich hinter sich bringen wollte.
"Tun Sie es", sagte Harry vollkommen unvermittelt. "Öffnen Sie das Medaillon."
Snape streckte den Arm und richtete seinen Zauberstab auf den Horkrux. Ein paar lautlos gesprochene Silben kamen über seine Lippen und das Medaillon begann auf unheimliche Weise zu ruckeln. Dicht an Ron gedrängt hielt auch Hermine ihren Zauberstab bereit, obwohl ihr bewusst war, dass sie wohl kaum etwas gegen den Horkrux ausrichten konnte, sollte etwas schiefgehen.
Zuerst leise, dann immer lauter klappernd ruckelte das verwunschene Schmuckstück auf der Stelle hin und her, ehe es mit einem Mal in der Mitte aufsprang und die Innenseiten beider Hälften vor ihnen zum Vorschein kamen. Zugleich jagte auf einen grauenhaften Schrei gefolgt ein nebelartiger Schleier auf Harry zu, der wie paralysiert mit hoch über dem Kopf erhobenen Schwert dastand und auf das blickte, was der Horkrux ihm zeigen wollte.
Hermine stockte fast der Atem. Sie erkannte, was Harry so sehr beunruhigte, dass er sein Vorhaben ganz zu vergessen schien: Es war eine Erscheinung von ihr in Snapes Büro. Verzweifelt trat sie vor ihn, um ihn um Rat zu fragen. Voller Horror musste sie dabei miterleben, wie die Erinnerung an diesen Tag immer mehr in ihr Bewusstsein zurückkehrte. Eigentümlicherweise erschien gleich darauf Snape, in seinem Beisein wieder Hermine, wie er sie offenbar durch eine Tür hindurch in sein Schlafzimmer führte.
Im Unterbewusstsein dämmerte ihr, dass der Horkrux die Gunst der Stunde nutzen und Harrys Anfälligkeit bezüglich allem was mit Snape zu tun hatte, verwenden würde, um die beiden Angreifer, die den Horkrux zerstören wollten, gegeneinander auszuspielen. Sie fühlte, wie ein eisiger Hauch sie streifte, als sie auf das Gesicht von Snapes Abbild blickte. Nie würde sie die Härte vergessen, die darin gelegen hatte. Doch davon war nichts mehr zu erkennen. Im Gegenteil. Der Professor schien ein süffisantes Grinsen auf den dünnen Lippen zu haben, genau der Ausdruck, den Harry seit jeher verabscheute.
Obwohl Hermine wusste, dass das, was sie zu sehen bekamen, nicht der Wahrheit entsprach, hoffte sie inständig, dass Harry es ebenfalls wissen würde; sie wagte kaum daran zu denken, was geschehen würde wenn er jetzt die Nerven verlieren würde. Zwar hatte er nach dem Vorfall mit Draco besonnener als gewöhnlich reagiert, dennoch war es beunruhigend, dabei zuzusehen, wie verbissen er gegen den Drang ankämpfte, mit dem Schwert auf Snape loszugehen, bis plötzlich dessen Stimme zu ihnen vordrang.
"Verdammt, Potter!"
Wie es aussah, hatte er Mühe, das Medaillon mithilfe seines Zauberstabs auf der Stelle zu halten, das wie ein verletztes spinnenartiges Getier über den Boden zu kriechen schien, wobei die Kette ein lautes Rattern von sich gab.
Wie erschlagen überwand Hermine ihre Angst vor der schmerzhaften Vision und brüllte Harry an: "Nun mach schon, Harry! Tu es endlich!"
Sie konnte sehen, dass er vor Wut am ganzen Körper zitterte, ihr selbst ging es schließlich nicht viel anders. Doch so plötzlich wie das Bild vor ihnen erschienen war, verschwand es wieder und ein neues tauchte auf. Diesmal war zu sehen, wie Hermine und der Professor nackt auf dem Bett lagen, wobei Hermine am liebsten vor Scham im Erdboden versunken wäre. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie nervös sie gewesen war, als er sie das erste Mal so zu Gesicht bekommen hatte.
Aber das Entsetzen stand auch den anderen ins Gesicht geschrieben. Ganz besonders Harry. Ron wirkte kreidebleich vor Übelkeit, Snape hingegen rasend vor Zorn. Keiner der Anwesenden war darauf vorbereitet gewesen, dass der Horkrux ausgerechnet die Fehde, die zwischen Harry und dem Professor herrschte, dazu benutzen würde, um sich vor einem Angriff zu wappnen.
"Harry!", brüllte Hermine noch einmal. Sie hatte wahrlich keine Lust, das grauenhafte Schauspiel, das auf ihre Kosten stattfand, unbehelligt weitergehen zu lassen.
Endlich kam auch Harry zur Besinnung. Mit einem Ruck stieß er die Arme hinab und jagte die Spitze des Schwertes gezielt in das vor Bosheit strahlende Herz des Medaillons, das seine letzten Vibrationen von sich gab und daraufhin kreischend in Flammen aufging und zu Asche verglomm.
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Eine dünne Rauchfahne stieg aus der erkaltenden Asche empor, die auf dem Küchenboden vor ihnen lag. Außer dem kümmerlichen Häufchen war nichts weiter übriggeblieben, was auf den zerstörten Horkrux gedeutet hätte.
Schwer atmend ging Harry auf die Knie und ließ das Schwert aus den Händen fallen. Noch immer bebte sein ganzer Körper. Snape ließ indes mit einem Schlenker seines Zauberstabs die Asche verschwinden, steckte den Zauberstab weg und machte einen Schritt auf Harry zu. Bedrohlich kauerte er über seinem Schützling und fletschte die Zähne.
"Diesmal haben Sie sich selbst übertroffen, Potter", knurrte er unliebsam hervor. "Ich sagte, dass das passieren könnte."
"Ach ja?", fragte Harry kühl. "Tun Sie nur nicht so, als hätten Sie gewusst, dass es ausgerechnet dazu kommen würde!"
Die tiefe Furche zwischen Snapes Brauen zitterte so angespannt, dass Hermine fast fürchtete, er könnte die Kontrolle über sich verlieren und seinen Frust an Harry auslassen. Mit aller Kraft zwang sie sich dazu, es nicht soweit kommen zu lassen und schritt beschwichtigend ein. "Es ist vorbei. Wir sollten uns ausruhen und das erst einmal verdauen, meint ihr nicht?"
"Nichts leichter als das", schnaubte Harry sardonisch.
Der einzige im Raum, der bisher nichts weiter zu dem Vorfall von sich gegeben hatte, war Ron. Er sah immer noch aus, als wäre ihm übel.
Hermine hatte ohnehin genug. Sie ging nicht auf Harrys Kommentar ein und stellte sich zwischen die beiden Männer. Fest entschlossen, der Vorstellung ein Ende zu bereiten, griff sie nach Snapes Hand und zog ihn mit sich zur Tür hinaus. Alles war besser als jetzt zusammen mit den anderen in der Küche zu bleiben. Sie wollte auch nicht länger über das nachdenken, was geschehen war. Es war entwürdigend genug gewesen.
"Ich denke nicht, dass Molly etwas dagegen hat, noch ein Weilchen nach Harrison zu sehen", sagte sie kleinlaut, als sie ihn die Treppe hinaufführte.
Snape brummte leise, erwiderte aber nichts darauf. Es war auch so unschwer zu erkennen, dass es in ihm brodelte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er vermutlich am liebsten einen Gedächtniszauber angewandt, um die Jungs vergessen zu lassen, was sie gesehen hatten. Hermine konnte es ihm kaum verübeln. Dennoch war es nicht der richtige Weg, um die Spannungen zwischen ihnen zu beseitigen. Ein Teil von ihr sehnte sich danach, sich auf dem Bett zu verkriechen und in Tränen auszubrechen. Solange Severus jedoch nicht vorhatte, sich aus dem Staub zu machen, wollte sie die seltene Zeit nutzen, mit ihm alleine zu sein.
Oben angekommen legten sie sich gemeinsam aufs Bett und Hermine kuschelte sich wohlig in die Biegung seines Körpers. Sie mochte das Gefühl, endlich wieder seine Nähe spüren zu können. Es war die beste Ablenkung, die sie sich vorstellen konnte. Seine bloße Gegenwart, sein Geruch...
Sehnsüchtig streckte sie sich nach hinten und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. Sie konnte hören, dass er tief ausatmete, ehe er ihr entgegenkam und den Kuss erwiderte. Zugleich kamen seine Arme hervor und drückten sie an sich. Überrascht registrierte Hermine dabei die Härte seines Unterleibs, die ihr binnen Sekunden entgegen ragte. Es war eigenartig, aber erst in diesem Moment wurde ihr so richtig bewusst, dass sie nie mit ihm darüber gesprochen hatte, wie fest die Bindung war, die sie zueinander hatten. Natürlich hatte sie sich hin und wieder gefragt, ob er auch mit anderen Frauen ins Bett ging, wenn er längere Zeit nicht bei ihr gewesen war. Bisher hatte sie sich jedoch beharrlich dagegen gewehrt, den Gedanken vor ihm auszusprechen.
Als hätte er gespürt, dass irgendetwas sie beschäftigte, unterbrach er den Kuss und legte sich zurück aufs Bett. Hermine wälzte sich herum und stützte den Kopf auf den Ellenbogen. Wie sie vermutet hatte, arbeitete es gewaltig in ihm. „Du weißt, wie sehr ich mit dir schlafen möchte, Severus", begann sie ernst.
Er sah sie an und nickte kurz angebunden. „Ja. Obwohl kaum zu glauben ist, dass du deine Einstellung dazu geändert hast, ist das nicht der richtige Zeitpunkt. So kurz nach der Geburt werde ich ganz sicher nicht mit dir schlafen."
Hermine wurde rot. „Eigentlich wollte ich etwas anderes sagen, aber okay."
Snape hob eine seiner Brauen an. „Und was wolltest du sagen?"
Verunsichert klemmte sie ihre Lippe zwischen die Zähne. „Ich habe mich gefragt, wie wir jetzt zueinander stehen. Es ist ja nicht gerade so, dass wir eine normale Beziehung zueinander haben, Severus."
„Wohl kaum", murmelte er sarkastisch, was ihr einen eigenartigen Stich versetzte.
Frustriert stöhnte sie auf. Manchmal fiel es ihr selbst schwer, zu verstehen, was sie an ihm fand. Doch dann brauchte sie ihn nur anzusehen und alle Zweifel waren wie weggeblasen.
„Ich finde es gut, dass du jetzt besser mit den Jungs zusammenarbeitest", bemerkte sie nachdenklich, den Blick fest auf seine Brust geheftet, um ja nicht in Versuchung zu kommen, sich von seinen stechenden schwarzen Augen irritieren zu lassen, die ihr jedes Mal wieder den Verstand raubten. „Früher wäre das undenkbar gewesen. Aber abgesehen davon haben wir beide in den letzten Monaten nur sehr wenig Zeit miteinander verbracht. Deshalb frage ich mich, ob du auch noch mit anderen Frauen schläfst, Severus."
Erst jetzt sah sie auf und musste erkennen, dass er sie abschätzig durch seine Strähnen hindurch musterte, fast so, als wäre er zutiefst verwundert über ihre Bemerkung.
Etliche Sekunden verstrichen, ehe er Anstalten machte, darauf zu antworten. Seufzend fuhr er sich mit den Händen durch die Haare, das Gesicht zu einer ernsten Maske verhärtet. „Ich kann verstehen, dass du so denkst, Hermine", sagte er dann mit erstaunlicher Ruhe, die wenigstens etwas von ihrer Anspannung verjagte. „Lange Zeit war ich nicht bereit, es zu wagen, überhaupt so etwas wie ein Verhältnis zu dir in Betracht zu ziehen. Versteh das nicht falsch. Wir wussten beide, dass es ein Fehler war, was wir getan hatten. Ich hatte nicht das Recht, mich in dein Leben zu drängen, andersherum war es genauso. Mein Bezug zu dir als Lehrer war aus dem Gleichgewicht geraten. Jetzt, wo ich nicht mehr dein Lehrer bin, ist das anders, was nicht bedeutet, dass es dadurch viel einfacher geworden ist, dir gegenüberzustehen, weil du zu einem Teil für mich immer wie eine Schülerin sein wirst." Wieder schien er ihre Unsicherheit zu spüren, denn schlagartig verhärtete sich seine Kiefermuskulatur und er senkte die Stimme. „Denk darüber nach, was das bedeutet, bevor du dich darüber aufregst. Auch dann, wenn ich dich nicht mehr unterrichte, bist du noch sehr jung. Und das wirst du im Vergleich zu mir immer sein."
Gebannt starrte Hermine in sein Gesicht, ohne aus ihm schlau zu werden. „Schön und gut, Severus. Obwohl du dir vielleicht denken kannst, dass es nicht leicht für mich ist, das so stehenzulassen, ist das nicht die Antwort auf meine Frage gewesen."
„Das ist richtig", entgegnete er steif.
Hermine zuckte mit den Schultern. Langsam verlor sie die Geduld mit ihm. „Heißt das jetzt, du hast mit anderen Frauen geschlafen?"
„Nicht in letzter Zeit. Für mich lag darin nie das, was andere darin sehen. Es war mir nicht wichtig, körperliche Befriedigung zu erlangen, weil es mir nie das Gefühl gegeben hat, die Vollkommenheit zu erlangen, nach der ich gesucht habe."
„Dennoch hast du dich mit anderen Frauen getroffen", stellte sie klar.
„Hin und wieder", gab er forsch zurück. „Die meiste Zeit jedoch war ich alleine, Hermine, weil ich nicht das haben konnte, was ich wollte. Ich wollte mich nicht binden. Genauso wenig wollte ich wahllos mit irgendwelchen Menschen in der Gegend herumhuren, die mir nichts bedeuteten."
„Und was wolltest du dann, Severus?", fragte sie ungläubig. „Du bist ein Mann. Ich hatte nie den Eindruck, dass du unerfahren gewesen wärst."
„Unerfahren? Das wäre aus deinem Standpunkt auch schwer zu sagen gewesen, meinst du nicht? Sex ist Sex, Hermine. Du kannst mit dir selbst Sex haben oder mit anderen. Ich hatte Sex. Aber nicht so, dass er mir etwas bedeutet hätte. Hin und wieder war er Mittel zum Zweck, manchmal auch eine willkommene Abwechslung zu all meinen Problemen. Du vergisst, dass ich um einiges älter bin als du. Wenn du das in Betracht ziehst, sind die sexuellen Eskapaden, die ich in all den Jahren hatte, nicht weiter nennenswert."
Beklommen schluckte sie. Im Grunde genommen konnte sie nur erahnen, worauf er hinauswollte. „Du hast von Vollkommenheit geredet, Severus. Was – was wolltest du damit ausdrücken? Dass du wegen Lily darauf verzichtet hast?"
Mit einem gequälten Ausdruck auf dem Gesicht wendete er den Blick ab. „Ja."
In Hermine überschlug sich alles. Sie war so darauf versessen gewesen, die Wahrheit zu erfahren, dass sie kaum darauf geachtet hatte, wie sehr es ihn verletzte, ihr das anzuvertrauen.
Beschämt schmiegte sie sich an ihn. „Ich danke dir für deine Offenheit, Severus", sagte sie leise.
Er schnaubte wortlos und legte den Arm um sie. Dann schlossen sie beide die Augen und dösten nachdenklich vor sich hin.
