Call it bittersweet

Kapitel 52

Spiel mit dem Feuer

Ein plötzlich aufkommender, stechender Schmerz holte Snape unsanft aus seinen Träumen. Wie immer war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der Dunkle Lord ihn zu sich bestellen würde. Ausgerechnet jetzt, dachte er bitter, wo er die Nacht nicht alleine verbringen musste. So leise er konnte, rappelte er sich auf und spannte die Muskeln in seinem linken Arm an, wobei ihm schnell bewusst wurde, dass das Brennen des Mals so stark war, wie schon seit langem nicht mehr.

Verträumt richtete Hermine den Oberkörper auf und sah ihn an. Schnell erkannte sie den Grund für die unerwünschte Störung. Die gemeinsame Zeit mit Severus, so innig sie auch gewesen sein mochte, neigte sich unverkennbar dem Ende zu.

Beruhigend legte er seine Hand auf ihre Wange. "Ich muss sofort zu ihm. Es scheint dringlich zu sein. Sorg dafür, dass die Jungs unter keinen Umständen das Versteck verlassen. Was auch immer geschieht, ihr müsst hierbleiben, versprochen?"

Hermine nickte abwesend. Ein schneller Blick auf Harrisons Gestalt, der friedlich in seinem Bettchen schlummerte, zeigte ihr, dass er nichts von alldem mitbekam, was um ihn herum geschah. Wie schön es doch war, wenn man unbefangen und sorglos leben konnte!

Dann streckte sie sich und reichte ihm seinen Umhang, den er bei seiner Ankunft in ihrem Schlafzimmer abgelegt hatte. Den Rest seiner Sachen hatte er stoisch anbehalten. Seit Harrys Geburtstag vergangen war, hatten sie zwar ausführlich miteinander gekuschelt, jedoch immer noch nicht miteinander geschlafen. Obwohl sie dankbar war, dass er sie nach den Ereignissen mit der Geburt nicht dazu drängte, war es gleichzeitig auch frustrierend, länger darauf warten zu müssen, ihn wieder voll und ganz bei sich spüren zu können. Soviel in Sachen Fortschritt, schoss es Hermine in den Kopf. Jedes Mal, wenn sie und der Professor dabei waren, sich besser kennenzulernen, trat irgendetwas ein, das alles wieder zunichte zu machen drohte. Dabei hatte sie sich fest vorgenommen, es nicht mehr zu derartigen Zwischenfällen kommen zu lassen. Sogar Severus war bereit gewesen, die Angelegenheit mit dem Horkrux nicht weiter zu vertiefen. Bisher hatte er in Gegenwart von Harry und Ron kein Wort mehr darüber verloren, was durchaus einen positiven Effekt auf Harrys Verhalten dem Professor gegenüber gehabt hatte. Aber auch alle anderen schienen sich langsam damit abzufinden, dass Snape nun regelmäßig bei Hermine ein- und ausging und bis in die frühen Morgenstunden hinein bei ihr blieb, ehe er ins Schloss zurückkehrte. Grund dafür war ein von Hermine ausgetüfteltes Warnsystem, das Phineas mithilfe seiner Portraits dazu verdammte, Alarm zu schlagen, wenn Severus' Anwesenheit im Schloss erforderlich war.

Snape nahm wortlos den Umhang entgegen und griff nach seinem Zauberstab. Kaum hatte er ihn ausgestreckt, kamen aus der Innentasche seines Umhangs eine verzauberte Robe und eine Maske zum Vorschein, die sich in seinen Händen zu ihrer wahren Größe entfalteten.

Schaudernd stellte Hermine fest, dass das die Utensilien gewesen waren, die die Todesser damals im Zaubereiministerium getragen hatten. Sie schluckte hart.

"Du erwartest doch nicht etwa, heute wieder bestraft zu werden, oder?", fragte sie halb scherzend, halb im Ernst.

Snape lächelte verhalten. "Genau genommen denke ich eher, dass er einen Auftrag für mich hat."

"Sagst du das, damit ich mich besser fühle oder schlechter?"

"Weder noch. Wenn er möchte, kann er uns spüren lassen, dass wir uns alle versammeln sollen. Und genau so hat es sich angefühlt. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass uns dabei etwas Gutes bevorsteht, ist eher gering."

Nachdem er sich von ihr und Harrison verabschiedet hatte, verließ er das Zimmer. Im Haus war es trügerisch still, wie gewöhnlich, wenn er anwesend war, was nicht zwingend damit zusammenhängen musste, dass es bereits nach Mitternacht war. Snape verlor keine Zeit, sich weiter darüber Gedanken zu machen. Es war wichtig, einen klaren Kopf zu haben, wenn er keinen Fehler begehen wollte. Zuerst richtete er den Zauberstab auf seinen linken Arm, um sich zu vergewissern, wo genau er erwartet wurde. Dann apparierte er ein Stück weit außerhalb des vorgesehenen Treffpunkts in den schier endlosen Gärten von Malfoy Manor, um keine Spur nach sich zu ziehen.

Dort angelangt nahm er mit einem Zauber alle fremden Gerüche von sich, die darauf hingedeutet hätten, wo er sich aufgehalten hatte, ehe er die Maske aufsetzte und den Umhang umlegte, der ihn überall in der Welt der Zauberer als Todesser kennzeichnete. Er hatte ihr den Anblick ersparen wollen, schließlich gab es kaum etwas, das er mehr verabscheute als diese Entscheidung getroffen zu haben, die sein ganzes Leben zerstört hatte. Wenn es nach ihm ging, gab er dem Umstand, ein Todesser geworden zu sein, eine gehörige Mitschuld an Lilys Tod. Es hatte nicht einen Tag gegeben, an dem er sich keine Vorwürfe dafür gemacht hatte. Doch so traurig die Sache auch war, kam er nicht umhin, sich einzugestehen, dass sie ihn selbst dann aus ihrem Leben gedrängt hätte, wenn er nicht einer von ihnen geworden wäre. Schon nachdem sie in Hogwarts auf die verschiedenen Häuser verteilt wurden, hatte der Zerfall ihrer eigenartigen Freundschaft begonnen. Die Rivalität zwischen Gryffindor und Slytherin machte bekanntlich vor nichts Halt.

Den Rest des Weges legte er auf die Art zurück, wie die meisten Todesser es taten. Für ihn war diese Art des Fliegens die bei weitem angenehmste Version des Reisens. Auch dann, wenn er nicht mit Sicherheit sagen konnte, was ihn an seinem Ziel erwartete.

Im Haus angekommen, stellte er zu seiner Verärgerung fest, dass schon längst alle anderen versammelt waren. Stillschweigend harrten sie auf ihren Plätzen an der langen Tafel aus, an der üblicherweise die festlichen Gelage der Gutsbesitzer stattgefunden hatten, bevor Voldemort entschieden hatte, das Haus zu seinem Eigentum zu erklären. Snape verzog unter seiner Maske unliebsam die Mundwinkel. Hoffentlich brachte ihm die kleine Verspätung keine Schwierigkeiten ein. Seit Dracos Eltern aufgrund der unzureichenden Informationen bezüglich Hermine Granger vor dem Dunklen Lord in Ungnade gefallen waren, hatte er an ihrer statt einen gewaltigen Bonus innegehabt.

Wie alle anderen auch gesellte er sich in der Runde an seinen üblichen Platz und begrüßte Voldemort mit einer untertänigen Verbeugung in seine Richtung.

„Ich bin froh, dass du gekommen bist, Severus. Einen Augenblick lang dachte ich schon, du würdest dich anders entscheiden."

Snape senkte erneut in einer angedeuteten Verbeugung den Kopf, um nicht in die unheimlichen Augen seines Herrn starren zu müssen. „Niemals, mein Lord."

Irgendwo am anderen Ende der Runde war Bellas Knurren zu hören. Doch darauf konnte er im Moment keine Rücksicht nehmen. Außer ihm durfte niemand erfahren, dass alles nur eine Lüge war.

Voldemort lachte hohl auf. „Wie immer ein ergebener Diener, nicht wahr? Nun, lasst uns beginnen."

Die ohnehin schon gespenstische Stille wurde bei seinen Worten noch unheimlicher als Snape es für möglich gehalten hätte. Beinahe lautlos erhob Voldemort sich von seinem Stuhl und glitt zwischen den Plätzen der Todesser umher, die allesamt hofften, nicht von ihm belangt zu werden. Unmittelbar neben Snape angelangt hielt er plötzlich inne und beugte sich zu ihm hinab.

„Irgendwelche Neuigkeiten aus Hogwarts?"

„Wir blicken erwartungsvoll dem Beginn des neuen Schuljahres entgegen, um eure Botschaft an die Muggel in die Welt hinaustragen zu können, mein Lord. Einige vielversprechende junge Zöglinge aus unseren Reihen werden das Haus Slytherin mit Stolz erfüllen." Es war zweifelsohne eine grausame Zukunft, die alle muggelstämmigen Schüler zu erwarten hatten.

In seinem Bemühen, Ruhe zu bewahren, verbarg der Professor all seine Gedanken in den dunkelsten Tiefen seines Seins, um nichts davon nach außen durchdringen zu lassen, sollte Voldemort sich seiner bemächtigen. Doch nichts dergleichen geschah. Lautlos glitt er davon und gesellte sich zu Peter Pettigrew.

„Nun denn, Wurmschwanz. Erzähl uns bitte, worüber wir uns erst kürzlich unterhalten haben."

Ein Anflug von Panik wollte sich in Snapes Innerem breitmachen, den er gekonnt unterdrückte. Er ahnte schon, worum es ging. Fraglich war nur, warum die Sache ausgerechnet jetzt zur Sprache gebracht werden sollte, wo sie doch bereits ein gutes Jahr zurücklag.

„Sehr wohl, mein Herr", sagte Pettigrew schleimend. „Wie von Euch befohlen verbrachte ich den vergangenen Sommer in Snapes Haus, um ihm bei der Verrichtung der Hausarbeit zu helfen."

Am liebsten hätte der Professor lauthals aufgelacht. Das bisschen Hausarbeit, das er während der Ferien zu verrichten gehabt hatte, wäre mit einem lockeren Schlenker seines Zauberstabs zu erledigen gewesen. Zweifelsohne hatte Voldemort ihm die Ratte nur ins Haus geschickt, um ihn bespitzeln zu lassen.

„Eines Tages erhielten wir Besuch von den Schwestern Narcissa und Bellatrix", fuhr Pettigrew indes fort, woraufhin ein leises Raunen durch die Menge der anwesenden Todesser ging. Nur die vertrautesten Diener ihres Herrn hatten offenbar von der Angelegenheit erfahren.

„Und würdest du uns bitte sagen, was daraufhin geschehen ist?", unterbrach Voldemort das Gemurmel.

Sofort wurde es wieder still und Pettigrew rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. „Es kam zu einem Schwur, mein Herr. Einem unbrechbaren Schwur, den Snape und Narcissa ablegten, um sicherzustellen, dass Draco bei seiner Aufgabe, den Schulleiter von Hogwarts zu töten, nicht versagen würde."

Voldemort wippte aufgeregt mit dem Kopf. Lucius und Narcissa hingegen blickten gequält auf die blank polierte Tischplatte.

„Haben das alle gehört? Ihr seht, es hat keinen Sinn, mir etwas vorzumachen. Ich hatte ausdrücklich angeordnet, dass über die Angelegenheit Stillschweigen herrschen möge. Dennoch hat Narcissa meinen Befehl missachtet. Und mit ihr Bellatrix."

„Aber mein Lord!", kreischte Bella dazwischen, wurde jedoch sofort von einem mahnenden Blick Voldemorts zum Schweigen gebracht.

„Jetzt, ein Jahr später, sind sie beide tot", sagte er kalt. „Draco und Dumbledore haben diese Welt verlassen. Aber ich bin nach wie vor hier, bin bereit, meine Macht auszudehnen. Muss ich euch da immer wieder daran erinnern, wie enttäuscht ich bin, dass ihr meine Befehle missachtet? Du, Bellatrix, bist so unterwürfig, dass es schon fast wehtut. Und du, Wurmschwanz, lieferst mir nichts als nutzlose Informationen. Wärst du nicht so feige gewesen, hättest du mich wie alle anderen auch verrotten lassen. Du widerst mich an. Ebenso wie du, mein lieber Severus."

Blitzartig wirbelte er herum und sah Snape direkt in die Augen. Wie erstarrt hielt dieser seinem Blick stand. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, jetzt Einspruch zu erheben, also ließ er das Gesagte sacken und wartete darauf, dass Voldemort fortfahren würde. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Tod oder Leben. Weder das eine noch das andere würde den Dunklen Lord zufriedenstellen, also wog er wie immer den Nutzen seines Informanten ab, der darüber entscheiden sollte.

„Hast du mir nichts zu sagen, Severus?"

Auf alles gefasst unterdrückte Snape ein Schaudern. Jeder, der es wagen würde, ihm zu widersprechen, wäre ein Narr gewesen. Er wusste das. Dennoch war er vorbereitet und antwortete.

„Wie Ihr wisst, mein Lord, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass Dumbledore Vorkehrungen getroffen hat, ihn so zu verstecken, dass es uns nahezu unmöglich sein wird, ihn zu finden."

„Ah. Da haben wir es. Hast du nicht gesagt, der Junge sei vermutlich bei einem Mitglied des Ordens untergetaucht, Severus?"

So gelassen er konnte, nickte Snape, dem Blick aus Voldemorts roten Augen standhaltend. „Ja. Doch bedenkt, wo auch immer er sich im Augenblick aufhält, ist nicht gewiss."

Obwohl er hoffte, dass alle sicher im Grimmauldplatz untergebracht waren, bestand nach wir vor eine große Chance, dass Potter irgendetwas Dummes im Schilde führen würde, so wie er es früher auch getan hatte.

„Seht ihr?", fragte Voldemort mit vor Erregung geblähten Nasenschlitzen. „Ein Jammer, dass du nicht mehr in Erfahrung bringen konntest."

„Mein Lord", sagte Snape ergeben. „Ihr wisst, dass zwar Dumbledore mir traute. Der Orden jedoch tut es nicht."

Es war das erste Mal seit seiner Ankunft, dass er etwas von sich geben konnte, das nicht gänzlich gelogen war.

„Sei es drum, Severus. Da wir seit geraumer Zeit keine wesentlichen Fortschritte machen konnten, Harry Potter zu fangen, habe ich entschieden, dass es soweit ist, die Taktik zu ändern. Die Nacht ist noch jung. Wir alle haben uns hier versammelt, um den Orden wachzurütteln. Deshalb werden wir ihnen einen kleinen Streich spielen und dabei sehen, ob wir nicht vielleicht sogar einen Erfolg landen können. Schwärmt aus und sucht nach ihm. Am besten, ihr fangt bei seinen Blutsverräter-Freunden an. Sollte jemand von euch Potter finden, so wünsche ich, dass ihr ihn mir lebendig bringt. Alle anderen gehören selbstverständlich euch."

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„Und er hat dir nicht gesagt, wo er hin ist?"

„Nein, Harry. Außer dass es eine Versammlung geben würde, wusste er nicht, was Voldemort im Schilde führt."

Harry setzte seine Brille ab und rieb sich müde die Augen. „Es könnte alles Mögliche sein, oder?" Hermine nickte und er stöhnte auf. „Mir gefällt das nicht, Hermine. Eine Versammlung mitten in der Nacht ... Das kann nur heißen, dass er vorhat, irgendjemanden anzugreifen. Aber wo? Und wen?"

„Vielleicht sollten wir abwarten, was Kingsley herausfinden kann", bemerkte Ron beschwichtigend.

Wenn er etwas herausfinden kann. Er hat schon eine halbe Stunde nichts mehr von sich hören lassen."

Bedrückt musste auch Hermine einsehen, dass Harry Recht haben konnte. Wozu sonst sollte Voldemort seine Todesser versammeln, wenn nicht dazu, um etwas Schreckliches auszuhecken? Ihre Sorge galt Snape und all jenen, die sich Voldemort entgegenstellten, gleichermaßen. Inständig hoffte sie, dass der Professor bald wieder unbeschadet zurück sein würde.

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Snape wusste nicht, wie ihm geschah, als er die Worte seines Herrn auf sich einwirken ließ. Doch um etwas zu unternehmen, blieb keine Zeit. Voldemort hatte sie alle gemeinsam auf Besen verbannt, denn nicht jeder Todesser vermochte es, so wie er und Snape in der Gestalt des Rauchs zu fliegen. Erst einmal in der Luft, gab es nicht die geringste Gelegenheit für den Professor, die Formierung zu verlassen, die sich aufmachte, um dem Wunsch ihres Herrn nachzukommen. Eine Warnung an den Orden abzugeben, war mindestens genauso unmöglich, ohne dabei Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Bis sie alle den Fuchsbau erreicht hatten, hatte er gehofft, einem Irrtum zu unterliegen. Nicht etwa, weil er mit den Weasleys besonders gut befreundet gewesen wäre, sondern weil es gegen seine Prinzipien verstieß, einen unfairen Kampf zu kämpfen; ohne Vorwarnung und grundlos, nur weil sie Muggeln gegenüber freundlich gestimmt waren. Außerdem war nicht sicher, ob die Familie gegen eine derartige Überzahl an Angreifern gewappnet war.

Das Gesicht unverkennbar unter seiner Maske verborgen, fühlte er sich wie ein Feigling. Im Sturzflug sauste er umringt von den anderen auf das Haus zu und wünschte sich fast, dass irgendjemand ihn vom Besen jagen würde, noch ehe er dazu kommen konnte, selbst einen Fluch auf einen Menschen loszulassen.

Wie die anderen auch, zückte er mechanisch den Zauberstab, umrundete einmal das Haus und stürzte sich in ein unübersichtliches Getümmel aus niedergehenden Flüchen und grellen Lichtblitzen. Es war nicht das erste Mal, dass er bei solcherlei Aktionen mitmachte. Wohl aber das erste Mal, dass es sich dabei um Menschen handelte, von denen er behaupten konnte, sie näher zu kennen. Seit jeher zählten Molly und Arthur zu den wenigen Menschen, die ihren Unmut auf ihn immer im Griff gehabt hatten.

Schon bald bekamen sie die erste Gegenwehr aus dem Haus zu spüren. Einige der Bewohner wagten sich todesmutig ins Freie, wie etwa Fred, George und Bill. Abgesehen von den älteren Weasley-Söhnen konnte Snape auch Mitglieder des Phönix-Ordens erkennen, die regelmäßig im Fuchsbau anwesend waren, allen voran auf seinem Besen der Auror Mad-Eye Moody. Aber auch eine kreischende Schneeeule preschte aus einem Fenster hervor, unverkennbar Potters Eule, die Snape aus Hogwarts kannte. Wild mit den Flügeln um sich schlagend, hackte sie mit ihrem scharfen Schnabel auf einen Todesser ein, der sich einen Spaß daraus gemacht hatte, sie zu jagen. Dann musste Snape seine Aufmerksamkeit wieder seinem Besen widmen, wenn er nicht irgendwo dagegen prallen wollte. Hindernisse gab es inzwischen genug.

Nachdem er ein paar Abwehrzauber abgefeuert und Schutzschilde heraufbeschworen hatte, um sich den Rücken freizuhalten, schwebte er kreisend über dem Haus und verschaffte sich einen Überblick über die Lage. Dafür, dass die Todesser so zahlreich überlegen waren, hielten sich die Verteidiger erstaunlich gut. Er selbst hatte seine Zauber bisher nur auf das Haus und die Scheune gelenkt, obwohl er wusste, dass es ihm Ärger einbringen würde, wenn er nicht endlich einen gezielten Treffer landen würde. Aber war es auch das, was er wollte? Nein. Nicht mehr. Nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Die Zeiten, zu denen er blind Befehle ausgeführt hatte, waren vorbei. Schon zu viele Menschen hatten seinetwegen gelitten.

Herausfordernd stürzte wie aus dem Nichts von oben herab Tonks auf ihn zu. Wenn sie hier war, war sehr wahrscheinlich auch Lupin nicht weit. Snape knurrte leise. Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüssten, wer unter der Maske verborgen war? Es gab nur einen Weg, es herauszufinden.

Von seinem Instinkt geleitet, riss Snape den Besen herum und steuerte durch das Getümmel aus Lichtblitzen, Menschen und Besen geradewegs der angriffslustigen Aurorin entgegen. Noch hatte Tonks kein freies Schussfeld, was nicht hieß, dass es nicht jeden Moment soweit sein konnte.

Der Zauberstab in Snapes Hand zuckte bedrohlich. Dennoch zögerte er, ihn zu benutzen. Er wollte es nicht. Er konnte es nicht. Sein Inneres war so zerrissen, dass er mit dem Gedanken spielte, Hermine die Demütigung zu ersparen, die sie unweigerlich durch ihre Freunde zu spüren bekommen würde. Vorwürfe, Tränen … All die Opfer, die sie erbracht hatte, um irgendwie am Leben bleiben zu können. Harrison, der später einmal erfahren sollte, wie sein Vater gewesen war...

In diesem Moment entschied er, dass es ehrenhafter war, sich selbst töten zu lassen, als ihre Illusionen zu zerstören, was unweigerlich geschehen würde, wenn er Tonks das Leben nehmen würde.

Als Tonks ihren Arm ausrichtete, gab es plötzlich einen Lichtblitz. Rauch stieg von Snapes Besen auf, er taumelte und trudelte in einer Schleife auf die Erde zu, wo er mitsamt seinem Besitzer in der Dunkelheit verschwand.

Verwundert brachte Tonks ihren Besen in der Luft zum Stehen und sah sich um. Unmittelbar neben ihr bremste Mad-Eye ab und fuhr sie an.

„Worauf hast du gewartet, Kleine?"

„Der hat mir gehört, Mad!" Zornig spuckte sie auf die Erde hinunter. „Ich dachte, ich kenne ihn. Er hat nicht auf mich geschossen. Die Frage ist nur, warum!"

Mad-Eye klopfte ihr grob auf die Schulter. „Ist doch egal! Hör auf, dir Gedanken zu machen. Es sind noch genug andere da, um die wir uns kümmern müssen."

Schnaubend setzte sie sich von ihm ab und stürzte sich wieder ins Getümmel. Es war eigenartig, aber irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass der Todesser sie gar nicht töten wollte. Vielmehr hatte er darauf gewartet, von ihr getroffen zu werden.

Während sie damit beschäftigt war, gedanklich sämtliche in der Aurorenzentrale registrierte Todesser aufzuzählen, um deren Merkmale abzugleichen, machte sie zwei weitere Angreifer kampfunfähig. Einer von ihnen bekam einen Schockzauber ab und segelte ungebremst gute fünfzehn Meter auf den Boden zu. Der andere folgte wenig später, als sie wütend „Impedimenta!" schrie.

Während sie ihm dabei zusah, wie er von dem Fluch getroffen eine Weile in der Luft hing, fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen. Obwohl sich auf den ersten Blick all die kapuzenvermummten Gestalten ziemlich ähnlich sahen, hatte sie während ihrer Ausbildung gelernt, ihnen gewisse Eigenarten zuzuordnen, um sie besser voneinander unterscheiden zu können.

Bleich vor Schreck drehte sie ab und ging nach unten, um die Stelle abzusuchen, an der Mad-Eye zuvor den anderen Todesser abgeschossen hatte. Dass es inzwischen kaum noch zu neuen Angriffen kam, registrierte sie nur unterschwellig. Vielmehr wollte sie herausfinden, ob sie mit ihrer Vermutung richtig lag, denn wenn sich ihre Befürchtungen bewahrheiten sollten, würden sie alle in ziemlichen Schwierigkeiten stecken: Der Orden, Hogwarts und Hermine.