Call it bittersweet
Kapitel 53
Botschaften
Snape flog. Es war das erste nennenswerte Ereignis, das er wahrnahm, als er seine Augen öffnete. Dann kam der Schmerz, der an verschiedenen Stellen seines Körpers auf ihn einhämmerte.
Ruckartig riss er den Oberkörper hoch, eine unsichtbare Kraft jedoch hielt ihn zurück und presste ihn der Länge nach auf eine schmale, harte Unterlage, die sich anfühlte wie ein Stock, der ihm ins Kreuz stach. Lediglich seine Beine baumelten unangenehm im freien Fall in der Luft.
„Ah, du bist wach", hörte er eine Stimme sagen. „Ich dachte schon, du würdest es nicht schaffen."
Er blinzelte. Der kühle Wind, der um seine Ohren peitschte, war eigenartig. Einerseits vertraut, so als würde er auf einem Besen durch die Luft rauschen, andererseits aber auch beunruhigend.
Es gab ein unschönes Ruckeln, das ihm wieder ins Bewusstsein rief, dass irgendetwas mit seinem Körper nicht stimmte, dann sah er plötzlich Lucius vor sich sitzen, der ihm den Kopf entgegen reckte.
„Kannst du dich alleine auf dem Besen halten oder soll ich dich weiterfliegen?"
So langsam wurde ihm klar, was hier vor sich ging.
„Wo sind wir?", fragte er mit rauer Stimme. Sofort perlte Schweiß auf seiner Stirn. Jede Bewegung seines Körpers strengte ihn ungeheuer an. Das Luftholen an sich war eine Qual, dass es ihm so vorkam, als wäre mindestens eine seiner Rippen gebrochen.
„In zwanzig Minuten erreichen wir den Landsitz", sagte Lucius kühl.
Snape entging nicht, dass der Blonde es vermieden hatte, von seinem Landsitz zu reden. Seit Voldemort dort eingezogen war, war eben nichts mehr wie früher. Der Hochmut seines alten Kameraden hatte stark unter Dracos Tod zu leiden gehabt.
Fieberhaft überlegte Snape. Er konnte sich zwar daran erinnern, dass Mad-Eye ihn mit einem Fluch getroffen hatte und sein Besen ins Trudeln gekommen war. Was danach passiert war, blieb jedoch ein tiefes, schwarzes Loch. Er wusste weder, wie der Kampf ausgegangen war, noch wie er zu Lucius auf den Besen gelangt war.
Mühsam zwang er sich zu einem aufgesetzten Grinsen. „Und? Haben wir wenigstens gewonnen?"
Lucius verzog abschätzig die Mundwinkel. „Das ist schwer zu sagen, würde ich meinen. Wir haben Verluste hingenommen, die anderen auch. Du bist am Leben, ich bin am Leben. Potter war jedenfalls nicht da, wenn du das wissen willst."
Erleichterung durchströmte Snape, die er jedoch gekonnt zu verbergen verstand. Endlich hatte der Junge mal was richtig gemacht und auf einen der zahlreichen Ratschläge gehört, die er versucht hatte, ihm zu übermitteln. Vielleicht war der Einfluss, den Hermine auf Potter hatte, doch größer als angenommen.
„Weißt du, ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, ob du es wert bist, dass ich dich mitnehme", bemerkte Lucius nach einer Weile.
Fast tat es Snape leid, dass Lucius die friedfertige Stille durchbrochen hatte, in der sie dahinsegelten, wo er endlich dabei war, sich daran zu gewöhnen. Der Wind, die aufgehende Morgensonne...
„Das stimmt. Du hättest mich ebenso gut zurücklassen können", murmelte er sarkastisch. Doch was dann geschehen wäre, wollte er sich lieber nicht vorstellen. Nach diesem Überfall hatte das Ministerium bestimmt alle Hände voll zu tun, eine Erklärung dafür zu finden. Oder noch besser einen Schuldigen, den sie dafür anprangern und nach Askaban stecken konnten.
Lucius sah ihn finster von oben herab an. „Ich habe nichts mehr zu verlieren, seit Draco tot ist. Es wäre also nur eine schwache Genugtuung gewesen. Wie dem auch sei, tot nützt du mir nichts."
„Lebendig noch viel weniger, Lucius", gab Snape mit einem schiefen Grinsen von sich.
Der Ausdruck auf Lucius' Gesicht verhärtete sich dadurch noch mehr. Es war unschwer zu erkennen, dass er keine Lust auf Spielchen hatte. „Schon möglich. Aber dann kam mir Pettigrews überaus ergreifende Rede in den Sinn." Er schüttelte theatralisch den Kopf. „Was soll ich dazu noch sagen, Severus? Er hatte Recht. Du warst der Einzige, der seinen Hals riskiert hat, um Draco zu helfen. Oder?"
Snape schluckte mit trockener Kehle. Die Situation behagte ihm gar nicht. Er wusste zwar, dass er es besser als Lucius verstand, seine wahren Gedanken und Gefühle zu verbergen. In Anbetracht der Lage aber musste er sich eingestehen, dass es gefährlich werden könnte, ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein.
„Hast du mit Narcissa darüber geredet?", fragte er ernst. „Weißt du, warum sie ausgerechnet zu mir kam?"
„Ja. Sie wusste deine Integrität und deine Loyalität immer zu schätzen."
Obwohl ihn seine Intuition davor warnte, entschied Snape, dass der blonde Todesser aufrichtig geklungen hatte. Lucius wirkte so, als würde er über alle Maßen an Narcissa festhalten wollen, weil sie alles war, was ihm geblieben war. Er mochte zwar ein gebrochener Mann sein, dennoch hatte er nicht vor, sie aufzugeben. Genau diesen Umstand wollte Snape nutzen, um ihm gut zuzureden.
„Dann weißt du auch, dass ich im Beisein ihrer Schwester gezwungen war, den Schwur zu leisten, Lucius. Ich mochte Draco und habe ihn immer unterstützt. Aber es war kein Heldenmut, der mich dazu brachte, mich seiner anzunehmen. Es war auch nicht meine Absicht, die Befehle des Dunklen Lords zu missachten. Ich tat es, weil Bellatrix soweit gegangen wäre, mich für ihren Wahn bluten zu lassen. Sie würde jeden einzelnen von uns vor ihm anklagen, wenn sie könnte ... Wer weiß, vermutlich würde sie sogar ihre eigene Schwester hinrichten, um ihm für einen Moment gefällig werden zu können."
Eindringlich sah er Lucius an und hoffte, dass seine Furcht, am Ende auch Narcissa zu verlieren, ihn davor bewahren würde, in weitere Schwierigkeiten zu geraten. Lucius jedoch wendete unterkühlt den Blick ab.
„Wenn wir uns unsere Standpauke angehört haben, werde ich dich zusammenflicken. Dann kannst du ins Schloss zurückkehren."
Schweigend flogen sie weiter und durchbrachen bald darauf die Grenzen von Malfoy Manor.
xxx
Tonks sah fast schon erschreckend verwandelt aus, als sie im Grimmauldplatz ankam. Ihre Haare hatten einen flammenden Rotton angenommen, der Ron alle Ehre machte. Aber auch ihr Ausdruck hatte etwas Hartes angenommen, das Hermine zutiefst beunruhigte. Aufgeregt wuselte die junge Aurorin durch das Haus und scheuchte seine Bewohner auf, damit sie sich in der Küche versammelten, was nicht gerade dazu beitrug, Hermines Sorgen um Severus zu beschwichtigen.
Mit einem mulmigen Gefühl in der Bauchgegend setzte sie sich zu Harry, Ron und Ginny an den Tisch und hörte sich an, was Tonks zu sagen hatte. Tonks vergeudete keine Zeit und kam gleich zur Sache.
"Letzte Nacht hat es einen Angriff auf den Fuchsbau gegeben."
Eine eigentümliche Stille breitete sich aus. Niemand wagte es, sich zu rühren.
Sie holte Luft, offenbar gebannt darauf, dass es bald zu einem Tumult kommen würde. "Die Weasleys sind soweit wohl auf. Nur George hat was am Ohr abgekriegt. Aber das ist erst der Anfang. Ich hab euch so viel zu erzählen, dass ich gar nicht weiß, wo ich loslegen soll."
Blankes Entsetzen machte sich breit. Allen wich die Farbe aus dem Gesicht, denn damit hatte offenbar niemand gerechnet.
"Er wird doch aber wieder gesund, oder?", fragte Hermine besorgt.
Ron und Ginny wirkten zu verängstigt, um etwas zu sagen. Eigentlich hätte ihre Familie in Kürze ein freudiges Ereignis zu feiern gehabt, da Bill und Fleur heiraten wollten. Jetzt sah es nicht danach aus, als würden die Feierlichkeiten unbeschwert vonstatten gehen können.
Tonks nickte kurz angebunden. "Sie sind gerade dabei, sein Ohr zu richten. Es fehlt zwar ein Stück, das durch den dunklen Fluch, den er abbekommen hat, nicht zu ersetzen ist, aber Molly meinte, er wird wieder."
Erleichtert atmete Hermine auf. Hauptsache war doch, dass er sich wieder erholen würde.
In Ron dagegen fing es heftig zu brodeln an. Sein ganzer Kopf war rot angelaufen. "Es hat wohl keinen Sinn, sich zu fragen, wer dahintersteckt, meint ihr nicht auch?"
"Nein", sagte Tonks bestätigend. "Wir alle wissen, wer dafür verantwortlich ist. Trotzdem wird das Ministerium keine Zeit vergeuden, den Vorfall herunterzuspielen."
"Natürlich!", stieß Harry aufgebracht aus und schlug mit der Hand auf den Tisch. "Darum war Voldemort ja auch so scharf drauf, seine Leute da reinzubringen."
Hermine biss sich auf die Lippe. Obwohl es ihr fern lag, Ärger heraufzubeschwören, wollte sie natürlich wissen, was sonst noch geschehen war. Vor allem aber, ob der Professor dabei gewesen war.
"Was kannst du uns noch sagen? Weißt du was von Severus?"
Tonks machte ein ernstes Gesicht. "Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen soll, Hermine. Es ist ganz schön was los gewesen. Der Angriff kam wie aus dem Nichts. Ich schätze, dass es so an die dreißig Todesser waren. Alle auf Besen."
"Dreißig?", fragte Harry ungläubig.
"Ja."
"Wie habt ihr euch gegen die denn geschlagen?"
"Es war sofort klar, dass sie auf der Suche nach dir waren, Harry. Als sie am Ende merkten, dass es umsonst war, uns weiter aufzumischen, haben sie sich zurückgezogen. Wir hatten wirklich Glück, dass Hermine Remus gleich Bescheid gegeben hat, nachdem Snape weg war. Dadurch konnten wir alle alarmieren, auf der Hut zu sein. Kingsley und ich waren zufällig im Fuchsbau. Dann waren da noch Bill, Fleur, Fred und George, Molly, Arthur und Mad-Eye. Sogar Hedwig hat mitgemischt."
"Hedwig?", fragte Harry baff. Einerseits war er erfüllt von Stolz auf seine Eule. Andererseits bekam er es aber auch mit der Angst zu tun. Wie eine böse Vorahnung spürte er eine unbändige Wut in sich hochkommen, dass er zugelassen hatte, Hedwig im Fuchsbau wohnen zu lassen, anstatt sie in den Grimmauldplatz mitzunehmen.
"Ja. Es tut mir leid, Harry. Aber sie hat es nicht geschafft."
Sanft schüttelte Ginny den Kopf. "Mach dir deswegen keine Vorwürfe, Harry. Sie hatte ein schönes Leben und bestimmt eine tolle Zeit im Fuchsbau. Immerhin musste sie nicht hier eingesperrt sein."
Harry starrte Ginny dumpf an. Innerlich fragte er sich natürlich, was besser war: Ein schönes Leben in Freiheit oder eines in Sicherheit, dafür in ständiger Ungewissheit.
Es war aber auch für alle anderen ein Schock, den sie erst einmal verdauen mussten. Doch wie es aussah, war Tonks noch nicht fertig. Ihr Ausdruck jedenfalls verriet nur zu deutlich, dass es noch mehr zu erzählen gab. Anscheinend wusste sie nur nicht so recht, wie sie das anstellen sollte, was ihr streng genommen niemand verübeln konnte. Wer wollte schon gerne schlechte Nachrichten überbringen?
"Da ist noch was, das ihr wissen solltet", setzte sie gedankenverloren nach. "Mad-Eye ist tot."
Entsetzt kreischten Hermine und Ginny auf.
Harry schluckte schwer. "Moody und tot?"
Obwohl der raubeinige Auror nicht jedermanns Freund gewesen war, hatte doch jeder der Anwesenden gewisse Eigenarten an ihm zu schätzen gewusst.
Tonks wippte wortlos mit dem Kopf auf und ab. Alle wussten, wie sehr ihr Moodys Tod zu schaffen machen musste, immerhin hatten sie sich erstaunlich nahegestanden. Abgesehen von einigen Sticheleien war sie einer der wenigen Menschen gewesen, die es verstanden hatte, mit ihm umzugehen.
"Und was ist mit Severus?", wollte Hermine wissen. Die Angst, die in ihrer Stimme lag, war nicht zu überhören. "Hast du ihn gesehen?"
Verunsichert senkte Tonks den Blick auf die Tischplatte. Tränen standen in ihren Augen. "Ja. Ich glaube es zumindest. Ich hab ihn natürlich nicht richtig gesehen, sie trugen ja alle Masken und Umhänge. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass er es war."
"Du hast ihn doch nicht abgeschossen?!", platzte es vorwurfsvoll aus Hermine heraus.
"Na ja, ich hatte ihn schon im Visier, aber dann ... ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber irgendeine Stimme in meinem Kopf sagte mir, dass ich nicht auf ihn zielen sollte. Da hab ich gezögert und abgewartet, was er tut."
"Sekunde!", warf Harry dazwischen. "Das war ganz schön riskant, was du da gemacht hast. Bei einem Todesser darf man nicht zögern, sonst verliert man den Kopf."
"Ja, du Grünschnabel! Meinst du, das weiß ich nicht? Ich hätte nur nicht gedacht, dass das ausgerechnet von dir kommt, wo du doch dafür bekannt bist, deine Gegner immer nur zu entwaffnen ..."
Harry sperrte entrüstet den Mund auf, sagte aber nichts dazu.
"Jedenfalls, als wir aufeinander zuflogen, hatte ich das Gefühl, dass er mich gar nicht töten wollte. Außerdem kam er mir plötzlich so bekannt vor. Nicht wie die anderen Todesser, die ich während meiner Ausbildung voneinander zu unterscheiden gelernt habe."
"Was ist dann passiert?", drängte Hermine ungeduldig weiter.
"Mad-Eye kam dazwischen und hat ihn mit einem Fluch erwischt."
Wie elektrisiert sprang Hermine auf. "WAS?"
Ihre ganze Gestalt zitterte. Die Vorstellung, Severus könnte etwas zugestoßen sein, war einfach zu grausam.
"Ich bin später noch mal zu seiner Absturzstelle geflogen, um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht getäuscht habe. Aber da war niemand."
In Hermine überschlug sich alles. Was auch immer das zu bedeuten hatte, war ihr nicht geheuer.
Beruhigend legte Tonks ihre Hand auf Hermines Arm. "Bestimmt haben ihn seine Kumpels mitgenommen, Hermine. Er wusste, was er tat. Außerdem ist er unglaublich zäh ..."
"Das war Moody auch", schluchzte Hermine bitter.
Ron nickte zustimmend. "Sie hat Recht. Nichts gegen dich, Tonks, du weißt, ich hab riesigen Respekt vor dir und deiner Arbeit. Du bist spritzig und gerissen", manchmal etwas tollpatschig, fügte er stillschweigend an, „Aber Moody war von einem anderen Schlag. Er hatte es im Blut. Er musste nicht mal darüber nachdenken, was er tat. Er tat es einfach."
Leise wimmernd kam Hermine ein Gedanke. "Glaubt ihr nicht auch, dass da was faul an der Sache ist? Ich meine, wenn Moody so erfahren war, wieso hat er Severus dann nicht erkannt? Oder hat er ihn vielleicht doch erkannt und mit Absicht auf ihn gezielt?"
"Wir werden es vermutlich nie erfahren, denn Moody ist tot", sagte Harry mit zusammengekniffenen Augen. Er wirkte nicht gerade sonderlich überzeugt von Hermines derzeitigem Ermittlungsstand. "Es hat sowieso keinen Sinn, sich jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen, wo Snape abgeblieben ist, Hermine. Wir wissen ja noch nicht mal mit Sicherheit, dass er es war."
"Man, wer soll es denn sonst gewesen sein?", bemerkte Ron zynisch. "Allzu viele Todesser, die nicht den Mumm haben, einen Auroren abzuknallen, werden wohl nicht herumlaufen."
Hermine schluchzte leise auf und sank auf ihren Platz zurück. "Das hat mit Mumm gar nichts zu tun, Ron. Severus ist alles andere als ein Feigling! Versteht ihr denn nicht, worum es hier geht?"
"Das hab ich damit auch gar nicht gemeint", sagte er entschuldigend. "Du weißt, was ich damit ausdrücken wollte. Er ist zwar ein mieser Lehrer, aber Mut hat er, das muss ich ihm lassen."
Bebend vor Angst schluckte Hermine ihre Tränen hinunter. Sie musste einsehen, dass es keinen Sinn hatte, sich jetzt verrückt zu machen, wo sie nichts weiter tun konnte, als abzuwarten, bis es weitere Neuigkeiten gab. Hoffentlich erfreulichere als die, die Tonks mitgebracht hatte.
