Call it bittersweet
Kapitel 54
Mut
Natürlich hatte Snape nicht die Absicht, sich nach dieser Aktion mit Vorwürfen überhäufen zu lassen. Er hatte schon genug davon, als Voldemort ihn und seine Kameraden endlich entließ. Weder der Dunkle Lord noch Dumbledore würde jemals mit ihm zufrieden sein. Gleich, was auch immer er tat, es war zu wenig. Grimmig hatte er mit dem Gedanken gespielt, zuerst in den Grimmauldplatz zurückzukehren, bevor er Dumbledore gegenübertreten wollte, um die neuesten Entwicklungen mit ihm auszutauschen. Dennoch wusste er, dass es unumgänglich war, ihm zu erzählen, was er getan hatte.
In seinem Büro in Hogwarts angekommen, ließ er sich, den Blick starr auf das Portrait seines ehemaligen Schulleiters gerichtet, erschöpft auf den großen Stuhl hinter seinem Schreibtisch fallen und stützte den Kopf auf die Hände. Dumbledore setzte ein passives Gesicht auf und sah zu ihm hinab.
"Ich bin wahrlich nicht dafür in Stimmung, mit Ihnen zu reden, Albus. Also machen Sie es kurz, damit wir es hinter uns bringen können", begann Snape gereizt. Und das war noch milde ausgedrückt.
Zwar hatte Lucius ihn ganz ordentlich behandelt, doch das alleine reichte nicht aus, seine Wunden zu heilen. Vor allem nicht die seelischen, so wie das bedrückende Gefühl, nichts tun zu können, um diesem Spuk endlich ein Ende zu setzen. Er war seinem Herrn ausgeliefert, ohne zu wissen, was als Nächstes geschehen oder wann es wieder zu solch einem Übergriff kommen würde.
Die blauen Augen des Portraits blitzten auf. "Ich bin nicht dabei gewesen, Severus", sagte er milde. "Bestimmt wirst du deine Gründe gehabt haben, das zu tun, was du getan hast."
Snape schnaubte sarkastisch und schickte einen finsteren Blick zu Phineas hinüber. "Lasst mich raten. Jemand hat mich erkannt und hat dann im Grimmauldplatz alles erzählt. Ich bin es leid, bespitzelt zu werden, Phineas. Wer war es? Tonks? Lupin? Moody?"
Das betroffene Portrait schüttelte den Kopf. "Abwarten, bis Sie den Rest der Geschichte hören, Snape. Den Teil, den Sie verpasst haben."
In Snape machte sich ein ungutes Gefühl breit. Phineas hatte Recht. Es war nicht der geeignete Zeitpunkt, um jetzt mit Dumbledore darüber zu diskutieren, ob es richtig gewesen war, seine Tarnung zu gefährden, als er sich dazu entschieden hatte, nicht auf Tonks zu zielen. Noch wusste er nicht, was während des Kampfes alles geschehen war, geschweige denn, was sich nach seinem Absturz ereignet hatte. Lediglich von Lucius hatte er ein paar Dinge erfahren. Doch nichts Neues über den Verbleib der Ordensmitglieder oder die Bewohner des Grimmauldplatzes. Alarmiert setzte er sich auf und sah zwischen den beiden Bildern umher.
"Was ist passiert?"
"Moody ist tot", sagte Dumbledore ohne Umschweife. "Genauso Harrys Eule. George Weasley hingegen fehlt ein halbes Ohr."
Snape verzog schmerzhaft die Mundwinkel. "Das mit dem Ohr war nicht beabsichtigt, Albus. Es wurde gekämpft. Ich tat, was ich konnte, um so wenig Schaden wie möglich anzurichten."
Dumbledore nickte gutmütig. "Niemand macht dir einen Vorwurf."
Nein. Niemand außer er sich selbst. Und das auch nur so lange, bis er den Weasleys wieder gegenüberstehen würde, die bestimmt eine Erklärung für den dunklen Fluch haben wollten, der George getroffen hatte. Der Fluch, den er damals selbst ins Leben gerufen hatte, um sich die Herumtreiber vom Hals zu halten, die ihm das Leben zur Hölle gemacht hatten. Der Fluch, mit dem Potter Draco getötet hatte...
Es dauerte einen Moment für Snape, um zu begreifen, welche Auswirkungen Moodys Tod für den Orden haben würde. Sie konnten es sich nicht erlauben, weitere Mitglieder zu verlieren. Im letzten Jahr Sirius, dann der Ausfall von Mundungus; nicht dass er einen der drei sonderlich vermissen würde. Sirius war ein Fall für sich gewesen, wie der Rest der Herumtreiber auch. Und damit nicht genug. Im ganzen Orden gab es kaum jemanden, der ihn akzeptierte. Moody hatte ihm zeitweise das Leben schwer gemacht, wie kein anderer Auror. Ganz abgesehen von den persönlichen Rivalitäten, die sie miteinander gehabt hatten, denn immerhin war Moody nie von Snapes Motiven überzeugt gewesen, die ihn dazu getrieben hatten, sich an Dumbledores Seite zu gesellen. Sei es drum. Trotz der Schwierigkeiten mit ihm, kam der Professor nicht umhin, ihm seine Verdienste anzuerkennen. Der hartgesottene Auror war dafür bekannt gewesen, alles aufs Spiel zu setzen, um gegen Voldemort und die Todesser vorzugehen ... Ebenso wie er selbst, dachte er bitter und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
"Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen muss?"
"Harry und seine Freunde sind wohlauf", sagte Dumbledore beflissen.
Snape schloss die Augen. Es war eine Erleichterung, das zu hören.
"Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich mich jetzt ins Bett legen", murmelte er mit rauer Stimme.
Dumbledore nickte. "Tu das. Du siehst aus, als könntest du etwas Ruhe durchaus gebrauchen. Ich schlage vor, dass Phineas unterdessen im Grimmauldplatz von deiner Rückkehr berichtet."
"Nichts lieber als das", warf Phineas wenig begeistert ein.
Snape ignorierte ihn und sah stattdessen Dumbledore an.
"Danke."
Er hatte nicht vor, Hermine hinzuhalten oder ihr gar noch größeren Kummer zu machen, da er sich denken konnte, wie besorgt sie war. Zuerst jedoch musste er dringend seinen Kopf klären. Der Gedanke daran, dass er im Vergleich zu Moody relativ glimpflich davon gekommen war, ließ ihn schaudern. Was, wenn es anders gekommen wäre? Was, wenn er tatsächlich draufgegangen wäre? Hatte der Auror vielleicht absichtlich so schlecht auf ihn gezielt, weil er wusste, mit wem er es zu tun gehabt hatte? Snape konnte sich kaum vorstellen, dass jemand, der so gerissen und geübt wie Moody war, einen derart stümperhaften Fluch auf einen Todesser jagen würde. Doch wieso hätte der alte Haudegen ihm damit einen Gefallen tun sollen, wo er den Professor immer mehr als alle anderen im Auge gehabt hatte? Es kam ihm seltsam vor. Trotzdem sah es fast danach aus, als hätte Moody ihm dadurch das Leben gerettet.
Ohne sich länger mit den beiden Portraits auseinandersetzen zu wollen, glitt er von seinem Platz und zog sich in sein Schlafzimmer zurück. Als hinter ihm die Tür ins Schloss fiel, lehnte er sich mit dem Rücken dagegen und schloss die Augen. Dass es ausgerechnet Moody erwischen würde, hätte er nicht erwartet. Tonks ja. Sie war für ihre Schusseligkeit bekannt. Aber so konnte man sich täuschen. Wenigstens die Weasleys waren soweit in Ordnung. Er hatte all ihre Kinder unterrichtet und sie aufwachsen sehen. Nicht einmal jemandem wie ihm, der so viel erlebt hatte, war es gleichgültig, was aus ihnen wurde.
Snape schüttelte den Kopf. Für Rührseligkeiten war kein Platz in seinem Leben. Er wusste, worauf er sich zu konzentrieren hatte. Seine Arbeit ging allem anderen voran. Doch zuerst musste er dringend etwas Schlaf finden. Erschöpft setzte er sich aufs Bett und zog die Schuhe aus. Dann sank er mitsamt seiner Kleidung auf die Bettdecke nieder und schlief ein.
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Es war nicht gerade das, was Hermine erwartet hatte, als Phineas in seinem Portrait auftauchte und ihnen mitteilte, dass der Schulleiter ins Schloss zurückgekehrt war. Gleich darauf murmelte er irgendwas von "eine Menge Arbeit im Schloss" und verschwand wieder in sein anderes Portrait, ganz so, als hätte er es eilig, wegzukommen. Obwohl Hermine eine unglaubliche Erleichterung über die Nachricht verspürte, versetzte sie ihr gleichzeitig auch einen eigenartigen Stich.
"Das ist wieder mal typisch", grummelte sie leise vor sich hin. "Ich sitze hier herum und warte auf ihn und ihm fällt nichts Besseres ein, als Phineas vorbeizuschicken."
Ron zuckte mit den Schultern. "Er muss sich ja schließlich auch irgendwann mal wieder ums Schloss kümmern, meinst du nicht?"
Hermine verschränkte die Arme vor der Brust. "Was willst du damit sagen?", fragte sie spitz. "Dass er zu viel Zeit mit mir und Harrison verbringt? Das glaube ich kaum."
"Das nicht. Aber er hat eben auch noch andere Verpflichtungen. Er kann unmöglich einen auf Familie machen und gleichzeitig ein Todesser und der Schulleiter von Hogwarts sein."
"Toll, Ron", schnaubte sie ihn an, sodass Harry und Tonks sich verhaltenen ansahen. "Stell dich nur auf seine Seite. Aber weißt du was? Wenn ich sauer auf ihn bin, lass mich. Du hast kein Recht, ihn zu verteidigen."
"Tue ich auch gar nicht", erklärte er mit einem hilflosen Blick an Harry. "Ich wollte dir nur zu verstehen geben, dass er seine Gründe dafür hat."
Tonks setzte ihre Teetasse auf dem Tisch ab und seufzte. "Er hat Recht, Hermine. Snape kann nicht überall zur gleichen Zeit sein."
"Nein, kann er nicht", stimmte sie energisch zu. "Aber er sollte wenigstens soviel Anstand besitzen, hier vorbeizuschauen. Ihr wisst nicht, wie ich mich in den letzten Stunden gefühlt habe."
"Wieso bist du dir da so sicher?", fragte Tonks scharf. "Wir alle haben Freunde und Familienangehörige da draußen, die ihr Leben riskieren. Remus war dabei, wir sind jetzt verheiratet. Und George wurde verletzt. Ganz zu schweigen von Moody, den wir nie wieder sehen werden." Sie schluckte mit Tränen in den Augen. "Ich weiß, dass die wenigsten von euch sich vorstellen können, wie viel er mir bedeutet hat. Mad-Eye war ein harter Brocken. Aber er war immer für mich da, fast wie ein bedeutend älterer, großer Bruder. Er hat mich während meiner Ausbildung unter seine Fittiche genommen und ich hab jede Menge von ihm gelernt. Er war einfach klasse."
Jetzt war es Hermine, die schluckte. Beschämt besah sie sich die Tischplatte und wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Es stimmte. Jeder von ihnen hatte Angst um seine Freunde oder seine Angehörigen. Und doch fühlte sie jedes Mal wieder Panik in sich hochkommen, wenn Severus nicht in ihrer Nähe war. Sie ahnte, dass es ihm missfiel, wenn sie so reagierte, schließlich war er alt genug, um zu wissen, was er tat. Seine Position aber machte es ihr alles andere als einfach, damit umzugehen. Wie konnte sie ihn gehen lassen und hilflos auf seine Rückkehr warten, wenn nicht sicher war, dass er wiederkommen würde? Was konnte sie gegen die Angst ausrichten, die sie innerlich aufzufressen drohte, während sie wie ohnmächtig auf seine schwarze Rückseite starren musste, die ihn mit jedem Meter, dem er sich der Tür näherte, Voldemort näher brachte und ihn dabei ihr wegnahm? Selbst dann, wenn sie sich einzureden versuchte, dass er wusste, was er tat, kam es ihr vor, als würde sie Ausflüchte suchen, die es berechtigten, ihn gehen zu lassen. Moody wusste schließlich auch, was er tat. Doch er war tot.
"Hast du was dagegen, Harry, wenn wir den Feuerwhisky aufmachen, den Sirius im Küchenschrank aufbewahrt hat?", fragte Ron vollkommen unvermittelt. "Ich glaube, wir könnten alle einen Schluck vertragen, meint ihr nicht? Abgesehen von dir, Ginny. Mum würde uns umbringen, wenn sie erfährt, dass du Alkohol getrunken hast."
Harry schüttelte den Kopf und richtete seinen Zauberstab auf den Schrank. "Accio Feuerwhisky."
Die Tür flog auf und die Flasche mit dem Whisky kam auf ihn zugeflogen. Geschickt fing er sie auf, so wie er es beim Quidditch mit dem Schnatz getan hatte. Danach zauberte er einen Stapel kleiner Gläschen herbei und füllte sie. Abgesehen von Ginny, die ja noch nicht volljährig war und es vorzog, Ärger mit ihrer Mutter aus dem Weg zu gehen, weil diese ohnehin schon genug Kummer mit George hatte, tranken alle auf Moody.
Hermine, die eigentlich nichts für Alkohol übrighatte, klammerte sich verzweifelt an die Hoffnung, dass eines Tages alles besser werden würde. Irgendwann würde Severus nicht mehr weggehen müssen und für sie und Harrison da sein...
Der Gedanke ließ sie neuen Mut schöpfen. Schwungvoll hielt sie Harry ihr Glas vors Gesicht.
"Noch einen, bitte."
Bereitwillig schenkte Harry nach. Er fühlte sich selbst so leer, dass er am liebsten einfach aufgesprungen und davongelaufen wäre. Niemand seiner Freunde verdiente es, derart in Gefahr zu geraten, während er sicher versteckt in Sirius' Haus ausharren sollte. Da war es kein Wunder, dass Sirius sich nutzlos gefühlt hatte. Außerdem brannte seine Narbe seit ein paar Stunden so höllisch wie lange nicht mehr. Voldemort war bestimmt rasend vor Wut, dass sein Plan, ihn zu fangen, nicht aufgegangen war.
Das nächste Glas ging auf George, in der Hoffnung, dass er sich schnell erholen würde. Bald schon ging es in der zuvor noch so traurigen Runde recht lustig zu. Tonks erzählte, wie Moody ihr anfangs immer Angst eingejagt hatte, bis er irgendwann einsehen musste, dass sie aufgrund ihrer Wandlungsfähigkeit den Auroren ziemlich nützlich sein konnte.
Als sich dann der Inhalt der Flasche dem Ende zuneigte, meldete sich nebenan im Wohnzimmer Harrison zu Wort. Sofort machte sich ein schlechtes Gewissen in Hermine breit. Wie konnte sie nur so verantwortungslos sein, sich neuen Mut anzutrinken, wo sie sich doch um den Kleinen kümmern musste? Glücklicherweise erklärte Ginny sich bereit, ihm sein Fläschchen zu geben. Hermine indes ging nach oben und legte sich ins Bett, um wenigstens ein oder zwei Stündchen zur Ruhe zu kommen. Seit Severus gegangen war, hatte sie kein Auge mehr zugetan. Aber auch jetzt, wo sie alleine war, fiel es ihr schwer, all die Geschehnisse, die sich vergangene Nacht ereignet hatten, zu verarbeiten. Vor allem eins machte ihr zu schaffen: Wie konnte sie dabei nur so naiv sein, zu glauben, dass es irgendwann besser werden würde? Es war ja schließlich nicht so, dass sie und Severus sich gesucht und gefunden hatten. Im Gegenteil. Ihre Beziehung zu ihm, sofern man davon sprechen konnte, war ein einziges Chaos.
Leise schluchzte sie auf, da klopfte es an der Tür. Ausgerechnet jetzt, wo sie nichts als mit all ihren Sorgen und Problemen alleine sein wollte, die ohnehin niemand anders verstehen würde...
Schnell wischte sie sich die Tränen ab und brachte ein verstimmtes „Ja?" hervor.
Gleich darauf stand Severus vor ihr und sah sie mit hochgezogener Braue an. „Ich hoffe, du bist nicht halb so betrunken wie Tonks und die Jungs. Andernfalls steckst du in gewaltigen Schwierigkeiten, würde ich sagen. Mrs. Weasley scheint die einzige Bewohnerin im ganzen Haus zu sein, die halbwegs bei Verstand ist."
Hermine schluckte baff ihren ganzen Ärger auf ihn hinunter, sprang mit einem Satz aus dem Bett und warf die Arme um seinen Hals.
„Wo bist du nur so lange gewesen?", heulte sie in sein rabenschwarzes Haar hinein. „Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht!"
Snape brachte sie vorsichtig auf Abstand zu sich und sah sie an. Wie aus dem Nichts kam seine Hand hervor und strich über ihre Wange, um die Überbleibsel ihrer Tränen zu trocknen.
„Ich war im Schloss, Hermine", sagte er mit eindringlicher Stimme. „Dort lag ich in meinem Bett und hatte die seltsamsten Träume."
Verlegen blinzelte sie zu ihm hinauf. Das Gefühl kannte sie nur zu gut.
„Ging mir genauso. Ich fühle mich ganz furchtbar, Severus", gab sie aufrichtig zurück. „Wie soll ich nur immer hier sein und auf dich warten, wenn du mir jedes Mal so einen Schrecken versetzt?"
Er lächelte müde. „Wie kann ich dich alleine lassen, wenn du immerzu wie ein Kind zu heulen anfängst, sobald ich dir den Rücken zudrehe?"
Beschämt verbarg sie ihr Gesicht wieder an seiner Schulter, damit er nicht sehen konnte, wie besorgt sie um ihn war. Ihr war nicht entgangen, dass er aussah, als wäre er binnen der vergangenen Stunden um Jahre gealtert. Wichtig war nur, dass er bei ihr war.
