Call it bittersweet
Kapitel 60
Selbstverständlichkeit
Der Streit in der Küche hatte ein Ende genommen, keiner von ihnen sagte ein weiteres Wort. Doch noch bevor Hermine realisierte, was sie tat, weinte sie, so erdrückend war die Wahrheit.
Irgendwann senkte sie den Blick, vielleicht aus Scham, sich vor ihm gehen zu lassen, vielleicht aber auch aus Trauer oder Wut. Snape konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Er stand vor ihr und sah sie an. Er wusste ja selbst nicht, was er sagen oder tun sollte. Schon immer hatte er Situationen wie diese gehasst. Sie erinnerten ihn an seine Kindheit und daran, wie sein Vater seine Mutter wieder und wieder dazu gebracht hatte, sich in ihrem Kummer zu vergraben, so lange, bis sie irgendwann damit aufgehört und fortan nie mehr auch nur ein einziges Wort gesprochen hatte.
Hilflos machte er einen Schritt auf sie zu und nahm ihren Kopf in seine Hände.
Hermine sah auf. Das mit Tränen überströmte Gesicht der jungen Frau, die er trotz all der widrigen Umstände lieben gelernt hatte, brach ihm das Herz.
"Wann wirst du es ihm sagen?", fragte sie unbeholfen.
"So bald wie möglich."
Sie rebellierte innerlich dagegen, wollte sich von ihm losmachen, wollte allein sein. Er konnte es deutlich spüren; die erschütternde Nachricht über das Schicksal ihres besten Freundes hatte sie zutiefst getroffen. Doch trotz ihres flehenden Blicks wusste er, dass es, wenn er sie jetzt verlieren würde, kein Zurück mehr geben würde. Ihre Beziehung, die auf nichts als zerbrechlichen Pfeilern aufgebaut war, drohte bei jeder noch so kleinen Auseinandersetzung einzuknicken wie eine Handvoll Streichhölzer.
"Tu das nicht, Hermine", sagte er mit rauer Stimme. "Es sei denn, es ist das, was du wirklich willst."
Als sie nicht antwortete, nahm er vorsichtig ihre Hand, zog sie auf die Beine und zu sich an seine Brust, wo sie verzweifelt die Arme um ihn schlang und ihr Gesicht an seiner Schulter verbarg.
"Ich weiß nicht, was ich will, Severus", beteuerte sie leise. "Ich weiß nur, dass ich Angst davor habe, auch nur einen von euch zu verlieren."
Er verzog die Mundwinkel, was sie jedoch nicht sehen konnte. Es tat weh, mit Potter gleichgestellt zu werden. Aber was hatte er erwartet? Dass sie ihm, nachdem er sie mit diesen Aussichten konfrontiert hatte, den Vorzug geben würde? Nein. Es war nicht fair, eine solche Entscheidung von ihr zu fordern. Obwohl es ihm äußerst schwer fiel, sich selbst dabei in den Hintergrund zu setzen, würde er doch alles tun, um ihr weiteren Kummer zu ersparen.
Entschieden löste er sich von ihr los und nahm sie bei den Schultern. „Was auch geschieht, ich werde versuchen, das zu verhindern", sagte er ernst.
Hermine blinzelte ihn an. „Und wie willst du das anstellen?"
„Hast du nicht gesagt, wir sind so weit gekommen, Hermine? Dieser Krieg betrifft alle, die auf derselben Seite stehen. Wir dürfen uns nur nicht entzweien lassen."
Es war leichter, das zu sagen, als es umzusetzen. Als Snape Harry mitteilte, dass ein Teil von Voldemorts Seele in ihm steckte, zog Harry sich für etliche Tage auf sein Zimmer zurück und war für niemanden zu sprechen. Das Gefühl in Harry, sich Voldemort stellen zu müssen, war stärker denn je. Aber auch Snape erschwerten die immer wiederkehrenden Übergriffe der Todesser auf muggelstämmige Zauberer und Muggel zusehends das Leben. Obwohl er mit seiner neuen Aufgabe als Schulleiter von Hogwarts weitestgehend das Vorrecht hatte, den Gräueltaten seiner Gefährten nicht beiwohnen zu müssen, gab es nach wie vor eine Vielzahl an Aufgaben und Pflichten, die ihm der Dunkle Lord aufbürdete. Außerdem gab es in Hogwarts selbst genug zu tun.
In der Nacht des 31. Oktober dann, als sich der Todestag der Potters einmal mehr jährte, kam Snape erschöpft in das Haus am Grimmauldplatz. Voller Zorn brachte er das Portrait der alten Frau Black zum Schweigen, versetzte unbemerkt in der Küche mit einem Schlenker des Zauberstabs Tonks in den Tiefschlaf und schlich dann die Treppe hinauf in den ersten Stock. Jedes Jahr an diesem Tag fühlte der Professor sich so verloren, dass er am liebsten alles um sich herum in Schutt und Asche gelegt hätte. Dennoch wusste er, wie sehr Hermine an ihm festhielt. Es gab also nur einen Ort, an den er wirklich gehörte; und der war da, wo seine Familie war.
Schwer atmend hielt er vor der Tür zu ihrem Zimmer inne und steckte endlich den Zauberstab weg. Er wusste, dass sie nichts dafür konnte. Es war auch nicht so, dass er sie dafür verantwortlich machen wollte. Dennoch hatte er panische Angst davor, dass irgendwann eines fernen Tages vielleicht, nichts mehr von den Erinnerungen an Lily übrig sein würde. Was also, wenn Potter tatsächlich sterben würde? Innerlich verwünschte er sich für derlei Gedanken. Die Wahrscheinlichkeit, dass er selbst diesen Krieg überleben würde, war mehr als gering.
Lautlos schloss er die Tür hinter sich und fand Harrison friedlich schlummernd in seinem Bettchen vor. Ein Blick über die Schulter verriet, dass auch Hermine schlafen musste. Nicht eine Menschenseele in diesem Haus wusste etwas von seiner Anwesenheit. Weasley pennte für gewöhnlich wie ein Stein, Potter und das Mädchen waren ein Fall für sich.
Snape besah sich einen Augenblick die Gestalt seines Sohnes, beugte sich über ihn und strich zaghaft mit der Hand über seinen Kopf. Es war nie seine Absicht gewesen, Kinder in die Welt zu setzen. Und hätte er die Geburt nicht mit eigenen Augen erlebt, hätte er seine Zweifel daran gehabt, dass es möglich sein konnte, hier sein eigen Fleisch und Blut vor sich zu haben. Trotz allem konnte auch er nicht leugnen, dass der Kleine gewisse Ähnlichkeiten zu ihm aufwies. Die Augen jedenfalls stammten zweifelsohne von Eileen, seiner eigenen Mutter.
Tief in seine Gedanken versunken fragte er sich, was sie wohl von ihrem Enkel halten würde, würde sie noch leben. Das Herz seines Vaters Tobias hätte er mit Sicherheit nicht erwärmt. Bei ihr jedoch ... Es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken, schließlich waren beide tot.
Behände legte er den Umhang ab, öffnete mit geübten Fingern die Knöpfe seiner Sachen und zog sich aus. Dann schlüpfte er nackt zu Hermine unter die Bettdecke, drückte sich an ihren warmen Körper und legte vorsichtig den Arm um sie, um sie nicht zu wecken. Es tat gut, sie einfach nur zu spüren, obwohl er sich eingestehen musste, dass er nicht alleine deswegen gekommen war. Er wollte mehr. Er hatte sich so sehr an sie gewöhnt, dass es fast schon selbstverständlich geworden war, mit ihr zu schlafen, wann immer ihm danach verlangte. Zumeist jedenfalls, es sei denn, sie hatten sich gestritten.
„Ich habe gehofft, dass du kommst", sagte sie in einem leisen Flüstern und drehte den Kopf nach hinten.
Überrascht sah er sie an. Obwohl es beinahe zur Gänze dunkel war, entging ihm nicht der zurückhaltende Ausdruck auf ihrem Gesicht, der durch das ins Zimmer scheinende, fahle Licht des Mondes zu erkennen war.
„Du schläfst nicht?", fragte er ausweichend.
Sie schüttelte sanft den Kopf. „Nein. Ich bin nicht taub, Severus. Ich habe gehört, dass jemand ins Haus appariert ist."
„Hmm, wenigstens passt einer auf. Tonks saß in der Küche und schien sich nicht sonderlich darum zu kümmern, was hier vor sich geht."
„Sie ist durcheinander, Severus, mach ihr keinen Vorwurf deswegen. Lupin war hier und hat fürchterlich mit ihr gestritten."
Er brummte leise. „Das erklärt dann wohl alles."
Hermine strich mit der Hand über seinen Arm. Der sarkastische Unterton in seiner Stimme gefiel ihr überhaupt nicht.
„Sie ist schwanger", sagte sie mit einem unmissverständlichen Funkeln in den Augen.
Ein unangenehmes Schlucken war zu hören und Hermine wusste sofort, was in ihm vorging. Das Thema rund um Schwangerschaften, Kinder und Geburten war nach wie vor eine wunder Punkt zwischen ihnen.
„Ja, wer hätte das gedacht, nicht wahr? Es liegt mir zwar fern, hinterrücks über sie zu reden, aber früher oder später erfährst du es sowieso. Ihre Tätigkeit für den Orden ist jedenfalls erst einmal auf den Innendienst beschränkt."
„Dann haben wir also noch ein Mitglied verloren, das uns von Nutzen sein kann", knurrte er wenig begeistert.
„Sag doch so was nicht! Lupin war ziemlich gemein zu ihr, dabei ist es ja nicht so, als wäre er nicht daran beteiligt gewesen. Anscheinend wollte er kein Kind, genauso wenig wie du."
„Das ist etwas ganz anderes, Hermine. Du kannst unseren Fall nicht mit seinem vergleichen."
„Trotzdem. Auch wenn man verhütet, kann was schiefgehen. Er wusste, dass immer ein gewisses Risiko bleibt, schwanger zu werden, wenn er mit ihr schläft."
Er zuckte kaum merklich zusammen, Hermine aber ging nicht näher darauf ein. Ohne die Sache leichtfertig hinnehmen zu wollen, hatte sie genug davon, jedes Mal wieder mit ihm über Verhütung zu diskutieren, sobald sie alleine waren.
„Sein Gebrechen war der Hauptgrund für ihren Streit", erklärte sie vorsichtig. „Alleine die Vorstellung, dass sein Kind ebenso wie er sein könnte, macht ihm Angst."
Snape fühlte einen eigenartigen Stich. Er konnte zwar nicht gerade behaupten, dass er Lupin jemals sonderlich gemocht hätte, immerhin war er einer der Rumtreiber gewesen, dennoch war es nicht weiter schwer, sich vorzustellen, was in ihm vorgehen musste - wie seltsam das Leben manchmal so spielte, dachte er verbissen. Beinahe sah es so aus, als hätten sie am Ende noch mehr miteinander gemein, als sie vertragen konnten.
„Er hat sogar davon gesprochen, dass es ein Fehler war, sie zu heiraten", sagte Hermine fassungslos. „Kannst du dir das vorstellen? Jeder hier weiß doch, wie viel sie ihm bedeutet. Und dann das! Die arme Tonks war total fertig. Sie hat ernsthaft überlegt, ob sie vorübergehend zu ihren Eltern ziehen soll, bis sich herausstellt, wie es mit ihnen weitergehen wird."
„Du meinst doch nicht wirklich, dass er sie verlassen möchte", murmelte er abschätzig.
Die Vorstellung, dass Lupin so reagieren könnte, war selbst für ihn befremdlich.
„Das haben wir uns auch schon gefragt. Harry war schockiert. Lupin war immer wie ein Vorbild für ihn gewesen, seit er ihm gezeigt hat, wie man den Patronus heraufbeschwört."
„Verstehe", sagte er trocken.
„Außerdem sollte es selbstverständlich sein, dass er sich seiner Verantwortung stellt. Aber den Eindruck hatten wir alle nicht. Dabei war doch immer Sirius der Draufgänger gewesen, nicht Lupin. Jedenfalls, Tonks bleibt früher oder später gar nichts anderes übrig, als kürzer zu treten. Und natürlich weiß sie, dass Lupin nicht rund um die Uhr bei ihr bleiben kann. Aber es ist trotzdem nicht richtig von ihm, wenn er ihr jetzt Vorwürfe macht oder ihr unter dem Vorwand, kein Kind zu wollen, aus dem Weg geht."
Snape schnaubte abfällig. In diesem Punkt musste er Potter Recht geben, denn streng genommen passte dieses Verhalten so gar nicht zu Lupin.
„Und ausgerechnet er wollte mir eine Moralpredigt halten", sagte er in Gedanken.
Interessiert horchte Hermine auf. „Was meinst du damit?"
Er schüttelte den Kopf. „Nichts weiter. Er wird sich schon wieder beruhigen. Hat Tonks gesagt, wie lange sie es schon weiß?"
„Was? Ist das denn wichtig?"
Er zuckte mit den Achseln. „Das kommt ganz darauf an. Nur einmal angenommen, ich hätte sie bei dem Angriff auf den Fuchsbau getötet, dann hätte ich alle beide auf dem Gewissen gehabt."
„Oh nein, Severus!", unterbrach sie ihn energisch. „Daran darfst du nicht einmal denken."
Snape seufzte tief, erwiderte aber nichts darauf. In ihm arbeitete es ohnehin schon genug.
„Wie dem auch sei, tu mir bitte den Gefallen und sei nett zu ihr, wenn du sie das nächste Mal siehst. Sie war eine der wenigen in unserem Umfeld, die das mit uns locker gesehen hat."
Er stutzte. Es war nicht weiter schwer, sich auszumalen, was Hermine davon halten würde, wenn sie wüsste, dass er Tonks einfach mit einem Zauber belegt hatte.
Ahnungslos strich Hermine mit der Hand über seinen Kopf. Sie konnte spüren, dass er etwas vor ihr verbarg. Da sie aber wusste, was heute für ein Tag war, hoffte sie inständig, dass er nichts Dummes angestellt hatte. Auch dann, wenn er sie mit seinem Verhalten manchmal in den Wahnsinn trieb, war sie doch dankbar, wie sich alles zwischen ihnen entwickelt hatte.
„Ich bin froh, dass du hier bist, Severus", sagte sie aufrichtig. „Es ist ein scheußliches Gefühl, nicht zu wissen, wo du steckst."
Er lächelte matt. „Dann frag doch Phineas. Albus und er haben eine wahre Freude daran, mir Ratschläge zu erteilen."
„Wenn es weiter nichts ist! Sie machen sich eben Sorgen um dich."
„Meinst du das wirklich? Wenn ich in meinem Büro bin, komme ich mir vor wie ein unmündiger Teenager. Außerdem wissen wir beide, dass Albus in erster Linie daran interessiert ist, seine Ziele zu verfolgen."
Ein Grinsen huschte über Hermines Gesicht. Sie ließ die Hand unter die Decke gleiten und fuhr damit direkt zwischen seine Beine, sodass er wollüstig aufstöhnte.
„Dann bist du also nur hier, um ihnen eins auszuwischen?", fragte sie herausfordernd.
„Wer weiß", entgegnete er mit rauer Stimme, ehe er ihr Vorhaben erwiderte und seine Finger in sie schob, um sie zu streicheln.
Bald darauf war das Zimmer von unterdrückten Atemgeräuschen und dem Geraschel des Bettzeugs erfüllt.
Erwartungsvoll presste Hermine sich an ihn, so fest sie konnte, wobei sich bei jeder noch so kleinen Bewegung seine harte Männlichkeit an ihrem Po rieb. Mehrmals spürte sie, wie er aus lauter Sehnsucht beinahe von hinten in sie eindrang, ehe er im allerletzten Moment seine Hand auf ihre legte und alles zwischen ihnen zum Stillstand brachte, sodass nur noch das aufgewühlte Atmen im Raum zu hören war. Längst konnte sie den Schweiß fühlen, der auf seinen Schläfen prangte, sobald sie ihren Kopf an seinen legte; offenbar war er noch immer zerrissen, ob er es wagen sollte, weiterhin mit ihr zu schlafen. Es kam ihr jedes Mal wieder eigenartig vor, dass er versuchte, sich ihr zu entziehen, wo er sie doch so offensichtlich haben wollte.
Zielstrebig rubbelte sie mit der Hand seinen Penis und hörte sein Stöhnen an ihr Ohr dringen, während er mit den Fingern seiner anderen Hand in ihr war, um sie ebenfalls bis aufs Äußerste zu reizen. Irgendwann konnte sie selbst sich kaum noch zurückhalten und stöhnte deutlich hörbar auf.
Instinktiv kam sie seinem Körper mit dem Becken entgegen, griff mit der anderen Hand nach hinten und versenkte sie in seinen langen Haaren.
Es geschah plötzlich, als Snape ihre Hand nahm und sie fest in seiner hielt. Er drehte sie auf den Rücken, rollte sich auf sie und sah ihr ins Gesicht.
Hermine fröstelte. Wenn sie ihn heute ansah, sprachen seine Augen Bände. Sie wusste, dass er sich vergewissern wollte, dass sie ihn wirklich wollte und konnte es ihm nicht einmal verübeln.
„Du weißt, warum ich nie ein Kind haben wollte", sagte er ernst.
Hermine nickte sanftmütig. Nur zu gut erinnerte sie sich an eines der Gespräche, das sie vor einer schieren Ewigkeit mit ihm geführt hatte. Aufgrund seines Gehabes hatte er es immer wieder geschafft, sie zum Heulen zu bringen.
„Du sagtest, dein Vater war ein Psychopath. Und danach hast du mich mehr oder weniger charmant darum gebeten, dass ich mich ausziehe. Doch das ist lange her, Severus. Ich weiß, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, aber inzwischen ist viel geschehen."
Snape atmete scharf ein. Es war ein Wunder, dass sie heute so frei darüber reden konnte.
„Jedenfalls", setzte er nach, „sollst du wissen, dass ich froh bin, dass du die Mutter meines Sohnes bist."
Sie spürte seine harte Männlichkeit nach Erlösung fordernd auf sich ruhen, griff in seinen Nacken und zog ihn zu sich, bis ihre Lippen sich berührten. Innig drückte sie ihm einen Kuss darauf.
„Das bin ich auch", sagte sie leise. „Das bin ich sogar sehr."
Unmittelbar auf ihre Worte hin verlagerte er sein Gewicht auf seine Arme und bäumte den Oberkörper auf. Dann tauchte er mit einem Rutsch in ihre feuchte Mitte ein.
