Call it bittersweet

Kapitel 63

Zwiegespräch mit Harry

Der Gedanke, dass nur noch zwei Horkruxe übrig waren, die sie von Voldemorts Sterblichkeit fernhielten, ließ Hermine und ihre Freunde nicht los. Aber was nun? Harry hatte langsam darauf hingearbeitet, Voldemort Stück für Stück zu zerstören, während Hermine schon längst ums nackte Überleben gekämpft hatte. Trotz aller Schwierigkeiten hatte sie ihr Ziel verfolgt und es geschafft. Draco nicht.

Hermine ertappte sich in letzter Zeit immer häufiger dabei, darüber nachzudenken, was wohl geschehen wäre, wenn er noch leben würde. Bestimmt hätten Narcissa und Lucius nicht gerade freudig auf den Nachwuchs reagiert, sobald ihnen klar geworden wäre, dass er nicht die geringste Ähnlichkeit zu ihrem Sohn aufweisen konnte. Jetzt, wo sich dieses Problem mehr oder weniger von selbst gelöst hatte, war es sinnlos, sich weiter damit auseinanderzusetzen. Es gab auch so schon genug Komplikationen, die sie meistern musste. Und irgendwie musste es ja weitergehen. Die Frage war nur, wie sie es anstellen sollte, dabei nicht vor Kummer und Sorge verrückt zu werden. War die Entscheidung, die sie gemeinsam in der Küche getroffen hatten, überhaupt richtig gewesen? Gab es denn wirklich keinen anderen Weg, als Voldemort direkt zu konfrontieren?

Eine Träne lief über ihre Wange. Liebevoll drückte sie Harrison an sich und hielt ihn fest. Wenn das, was sie vorhatten, funktionieren würde, würde sie Severus nie wieder fortschicken müssen. Sie würde ihn auch nie wieder bitten müssen, bei ihr zu bleiben, weil er nie wieder auf diese Weise fortgehen müsste. Er würde ganz einfach freiwillig bei ihr und Harrison bleiben. Für immer. Vielleicht würde sie ja sogar eines Tages ihre Eltern wiedersehen und ihnen ihren Enkel vorstellen. Vielleicht würde auch irgendwo vollkommen verwahrlost Krummbein um ihr Elternhaus streichen und sich dazu überreden lassen, zu seinen einstigen Besitzern zurückzukommen, die ihn einfach im Stich gelassen hatten - plötzlich schämte sie sich dafür, dass sie nicht an ihn gedacht hatte, während sie so mit ihrem persönlichen Kampf ums Überleben beschäftigt gewesen war. Hoffentlich hatte sich jemand des armen Tiers angenommen...

Hermine erstarrte. Voldemorts Tod würde vermutlich auch bedeuten, Harry zu verlieren. Sehr wahrscheinlich sogar. Aber sie wollte überhaupt niemanden verlieren. Nicht Severus, nicht Harry, nicht Ron; niemanden, der ihr etwas bedeutete.

Unten in der Küche war ein Knall zu hören und Hermine schreckte auf. Harrison nicht. Er war so zufrieden mit sich und seiner Welt, dass ihn so schnell nichts aus der Fassung bringen konnte. Wie auch immer, da die anderen schon vor Stunden zu Bett gegangen waren, konnte es eigentlich nur einen geben, der die nächtliche Ruhe im Haus störte.

Voller Erwartung kam Hermine auf die Beine und legte Harrison zurück in sein Bett.

"Warte schön hier", flüsterte sie ihm leise zu und machte sich auf den Weg nach unten.

In der Küche angekommen musste sie feststellen, dass nicht etwa die Ankunft von Severus der Grund für die Unterbrechung gewesen war, sondern Harry, der eine Flasche Feuerwhisky zerschlagen hatte. Hilflos dreinblickend stand er vor dem Scherbenhaufen und starrte auf seine blutende Hand.

"Was machst du da?", fragte Hermine besorgt.

Schnell versorgte sie mit dem Zauberstab seine Wunde und beseitigte die Misere auf dem Fußboden.

"Komm, setz dich", forderte sie ihn dann auf, nachdem er noch immer nichts gesagt hatte.

Wortlos ließ er sich von ihr zum Tisch führen. Nicht die geringsten Anzeichen einer Gegenwehr waren erkennbar und Hermine machte sich langsam aber sicher richtig Sorgen.

Nachdem sie Platz genommen hatten, seufzte sie leise. "Ich hoffe, du hattest nicht vor, die zu trinken, Harry. Wenn ja, muss ich dir sagen, dass das auch keine Lösung ist."

Er schüttelte den Kopf. "Du verstehst das nicht, Hermine."

"Vielleicht. Aber du kannst es mir ja erklären."

Den Blick langsam in ihre Richtung gleiten lassend sah er sie an. "Meine Hände zittern. Aber ich kann nicht mal sagen, dass ich Angst davor habe, zu sterben", erklärte er trocken. "Nicht wirklich jedenfalls. Ich habe eher Panik, dass was schief geht. Was, wenn ich versage und er hinterher immer noch am Leben ist? War dann alles umsonst?"

Sie schüttelte gutmütig den Kopf. "Hör auf, daran zu denken. Ich will nicht, dass du stirbst."

"Wenn es aber sein muss?", fragte er bockig. "Du weißt, was Dumbledore herausgefunden hat. Und irgendwie ergibt es sogar einen Sinn ..."

"Auch Dumbledore kann sich irren, denkst du nicht? Außerdem macht dein Tod absolut keinen Sinn. Du bist noch so jung und hast noch so viel vor dir."

Er schnaubte abfällig. "Ich glaube, so langsam verstehe ich, wie du dich damals gefühlt haben musst."

Im ersten Augenblick war Hermine sich nicht sicher, was er damit meinte, doch gleich darauf dämmerte es ihr und sie wurde rot.

"Oh, weißt du, das war nicht ganz dasselbe."

"Nein?"

"Nein. Außerdem habe ich ja dann einen Ausweg gefunden ..." Sie verstummte und senkte mit deutlichem Unwohlsein in der Magengegend den Blick auf die Tischplatte. "Entschuldige. War nicht so gemeint."

Harry runzelte die Stirn. "Jedenfalls hab ich keine Ahnung, wie ich es Ginny sagen soll. Ron weiß zwar Bescheid, tut aber ständig so, als würde es nie dazu kommen. Ich glaube, er verdrängt die Wahrheit ganz gut."

"Mach ihm keinen Vorwurf deswegen, Harry. Er will genauso wenig wie ich, dass du stirbst. Er liebt dich wie einen seiner Brüder."

"Ja, ich weiß."

Hermine biss sich auf die Lippe, als sie den resignierten Unterton in seiner Stimme hörte. Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen oder tun konnte, damit er sich besser fühlte.

"Weißt du noch, damals, als wir vor dem großen Schachbrett standen und uns entscheiden mussten, was wir tun? Wir dachten doch tatsächlich, dass Snape dahintersteckt. Deine Wut auf ihn hat dich immer angetrieben, Harry."

"Ja, das hat sie. Aber jetzt bin ich mir nicht mal mehr darin sicher, Hermine. Ich weiß nicht, ob ich ihn noch hassen soll oder nicht. Er hat dicht gehalten. Die ganze Zeit über hat er nicht ein Wort über mich, Dumbledore oder euch verraten. Verrückt, oder? All die Jahre habe ich versucht, Gründe zu finden, um ihn nicht mögen zu müssen. Mein Dad und Sirius, sie haben es ihm nicht leicht gemacht, schätze ich. Was ich damals im Denkarium gesehen habe, das war ... es war absolut grausam. Aber so sollte es nicht sein."

"Nein", sagte sie schlicht.

Er atmete tief ein. "Vielleicht muss ich es Ginny gar nicht sagen. Ich will ihr nicht noch mehr zumuten. Immerhin steht mir fast ihre ganze Familie zur Seite."

Hermine nickte. "Ich weiß, was du meinst. Ich habe selbst genug Angst, dass was schief geht, Harry. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich hier bei Harrison bleiben oder mit euch gehen soll. Es ist nicht leicht, das zu entscheiden. Ich liebe Harrison. Aber ich liebe auch Severus. Und euch alle. Ihr seid meine Freunde, meine große, verrückte Familie."

Er sah sie mit einem eigentümlichen Ausdruck auf dem Gesicht an, der ihr das Gefühl vermittelte, etwas Falsches gesagt zu haben.

Und da passierte es auch schon. "Du kannst nicht mit", fauchte er entschieden. "Du musst bei deinem Kind bleiben, Hermine. Egal was kommt, verlasst unter gar keinen Umständen das Versteck. Hier seid ihr so sicher wie sonst nirgends im ganzen Land."

Hermine schüttelte sich. Die Vorstellung, sie alle gehen zu lassen, während sie hier ausharren sollte, tat weh.

"Wer sagt, dass dem so ist? Ich weiß, dass Severus getan hat, was er konnte, um das Haus gegen Eindringlinge abzuschirmen. Aber das heißt noch lange nicht, dass nicht ein gezielter magischer Angriff einer Übermacht sämtliche Schutzzauber durchbrechen könnte. Bisher hatten wir einfach Glück. Dadurch, dass niemand mehr den Eingang benutzt, ist Voldemorts Handlangern da draußen auf der Straße nie etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Aber früher oder später könnte ihnen doch noch einfallen, dich hier zu suchen. Es war immerhin das Haus deines Paten."

Er stutzte. "Dann willst du also genauso wie Lupin handeln und dein Kind im Stich lassen?"

Vollkommen perplex bewegte sie die Lippen, doch es dauerte, ehe Worte hervorkamen.

"Was? Wie kommst du nur darauf?"

"Ach, hör doch auf, Hermine. Hat Snape dir wirklich so den Kopf verdreht, dass du ihm willenlos in den Kampf folgen wirst?"

Sie schluckte hart. "Wow, du bist ja total übergeschnappt! Das hat nichts mit Severus zu tun, sondern einfach damit, dass ich will, dass dieser verdammte Krieg endlich ein Ende findet! Wenn wir Voldemort tatsächlich angreifen wollen, wirst du jede noch so kleine magische Kraft und jeden Zauberstab an deiner Seite brauchen können. Ich will jedenfalls nicht, dass Harrison für den Rest seines Lebens hier eingesperrt sein muss, Harry."

"Das will ich auch nicht", entgegnete er forsch. "Aber du hast immer noch die Möglichkeit, mit ihm das Land zu verlassen. Geht fort, versteckt euch irgendwo am anderen Ende der Welt. Vielleicht solltest du ja sogar zu deinen Eltern gehen, denn da wird euch garantiert so schnell niemand finden - alle sollten gehen."

Die Aufregung über das Gesprächsthema stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, kaum dass er ausgesprochen hatte. Er bebte am ganzen Körper. Die Enttäuschung über Lupins Verhalten war zu groß gewesen. Aber nicht nur das. Auch Hermine atmete so heftig, dass ihre Lunge zu brennen schien.

"Du willst, dass ich gehe?", fragte sie entrüstet.

Harry schlug hart die Kiefer aufeinander, fast so, wie auch Severus es schon etliche Male getan hatte, wenn sie sich gezankt hatten. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Männern war nur der, dass es unheimlich schwer war, hinter Severus' Fassade zu blicken, wohingegen Harry seine Gefühle bereitwillig offenbarte.

"Nein", sagte er hart. "Aber manchmal lässt uns das Leben keine andere Wahl, habe ich Recht? Du solltest dich und den Kleinen in Sicherheit bringen. Und nimm Ginny am besten gleich mit."

Hermine fühlte einen schmerzlichen Stich. Darum ging es also.

"Willst du sie denn wirklich einfach so abschieben?"

"Was soll ich denn sonst tun?", platzte es ungestüm aus ihm heraus. "Wenn wir alle Horkruxe zerstören wollen, muss ich sterben. Ich weiß, dass Ginny nie gehen würde. Alle Menschen, die ihr etwas bedeuten, sind bereit, mir zu folgen. Aber es ist nicht richtig von mir, das einzufordern. Sie sollte eines Tages ein glückliches Leben haben, mit Kindern und einer richtigen Familie. Das wünsche ich ihr. Ich wünsche es ihr wirklich. Nur sieht es eben leider so aus, als wäre es nicht an mir, daran teilzuhaben."

Traurig rieb er sich die Stirn und schien darauf zu warten, dass Hermine etwas sagte. Aber da war nichts, das einen Sinn ergeben hätte. Es tat einfach nur unglaublich weh, ihn so zu sehen. Sie konnte und wollte nicht glauben, dass alles so endgültig sein sollte.

"Irgendwas passiert da, Hermine. Meine Narbe brennt. Ich hab's einfach im Gefühl. Ich kann dir nicht mal sagen, was es ist. Aber es fühlt sich gar nicht gut an. Deshalb fürchte ich, je länger wir warten, desto mehr Zeit verschaffen wir Voldemort, seine Kräfte um sich zu scharren. Seit einer Weile schon versucht er, alle magischen Wesen auf seine Seite zu ziehen, ganz gleich, ob er sie in ihrer Art respektiert oder nicht. Jeder, der sich ihm entgegenstellt, wird dazu gezwungen, sich ihm anzuschließen. Hagrid hat mir das damals klar gemacht, als er von den Riesen zurückgekommen ist. Und wie es aussieht, ist es noch längst nicht vorbei. Der See voller Inferi, der in der Höhle lag, in der ich mit Dumbledore war, war sein Werk. Was, wenn er in den letzten Jahrzehnten noch mehr von denen erschaffen hat?"

Hermine starrte ihn mit unnatürlich großen Augen an. Sie war zu geschockt, um etwas von sich zu geben. Das Einzige, was sie hervorbrachte, war ein ersticktes Wimmern. Und jede Menge Tränen, die über ihre Wangen liefen.

"Was wirst du also jetzt tun?", fragte sie nach einigen Minuten des Schweigens.

Er zuckte mit den Schultern. "Weißt du, ich würde gern noch einmal mit Ginny schlafen. Ihr seid nicht die Einzigen, die regen Sex miteinander haben. Und dann? Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung. Vielleicht renne ich ihm ja einfach ins offene Messer. Das war es dann."

Leise schluchzend beugte Hermine sich zu ihm vor und legte die Arme um ihn.

"Du bist so ein Arsch, wusstest du das? Denkst du, Ginny schläft ständig mit dir, weil es irgendwann damit vorbei sein könnte?"

Harry nickte. "Schon möglich, dass ich langsam durchdrehe. Aber mal ehrlich, Snape macht genau dasselbe mit dir. Er besucht dich und er schläft wie selbstverständlich mit dir, in dem Bewusstsein, dass es jedes Mal das letzte Mal sein könnte. Es ist dir eben nur noch nicht aufgefallen, weil du total vernarrt in ihn bist."

Harrys Worte hinterließen auch Stunden später noch einen üblen Nachgeschmack in ihrem Gefühlsleben. Was, wenn er mit dieser Andeutung Recht hatte? Die Vorstellung, dass Severus Angst haben könnte, sie zu verlieren, war absurd, obwohl sie mehr als jeder andere Mensch in der Lage war, Snapes Gemütslage einzuschätzen. Bisher hatte sie sein unerklärliches, zuweilen auch zurückhaltendes Verhalten immer mit seiner Vergangenheit in Bezug auf Lily in Verbindung gebracht. Nicht, dass er nicht zärtlich oder liebevoll zu ihr gewesen wäre. Nein. Er hatte seine ganz eigene Art, ihr zu zeigen, wie viel sie ihm bedeutete. Trotzdem kostete es ihn nach wie vor Überwindung, sich in der Gegenwart der anderen gehen zu lassen. Es war ja auch absurd, sich vorzustellen, dass ein Professor Snape seine Gefühle offen auf der Zunge tragen könnte.

Entgegen aller Überlegungen und Vorsätze musste sie nun erneut erkennen, dass sich nicht alles im Leben planen ließ. Monatelang hatte sie darum gekämpft, Snape als rechtmäßigen Vater ihres Kindes zu akzeptieren und ihn selbst dazu zu bringen, die Vaterschaft anzuerkennen. Jetzt, da sie endlich zueinandergefunden hatten, schien ihr das Schicksal einen weiteren Strich durch die Rechnung zu machen. Wenn sogar Harry aufgefallen war, wie das Leben des Professors jedes Mal wieder auf der Kippe stand, sobald er das Haus verließ, musste etwas nicht mit rechten Dingen zugehen.

Es war nicht fair. Es konnte nicht wahr sein! Doch irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass dieser Krieg nicht ohne weiteres Blutvergießen beendet werden konnte. Sie musste einsehen, dass Severus, ebenso wie Harry, in größter Gefahr war, obwohl er selbst diese Erkenntnis mit aller Wahrscheinlichkeit lieber mit ins Grab nehmen würde, anstatt sie vor ihr zu offenbaren.