Call it bittersweet
Kapitel 64
Aufbruch
Snape hatte keine Gelegenheit gehabt, eine Warnung zum Grimmauldplatz zu schicken, als man ihn in den großzügigen Salon der Malfoys rief, wo er mit einem grausamen Anblick konfrontiert wurde. Der einst auf Hochglanz polierte Raum glich nunmehr einem Ort des Massakers. Etliche Mitarbeiter der Zaubererbank Gringotts waren hierher verschleppt, verhört und hingerichtet worden. Sofort wurde dem Professor klar, dass es nur einen Grund für das Blutbad geben konnte: Den gestohlenen Horkrux. Obwohl er sicher war, dass ihn aufgrund zahlreicher Zauber und Vorkehrungen niemand in Gringotts erkannt hatte, war die Gefahr damit noch lange nicht gebannt. Wenn das, was ihm in Gedanken vorschwebte, eintreten würde, wäre Hogwarts Voldemorts Willkür hilflos ausgeliefert.
Wie immer glitt Snape erhaben auf seinen Herrn zu und küsste seine weiße Hand. Gleich was auch in ihm vorgehen mochte, er durfte es nicht zu erkennen geben.
Voldemort winkte ihn vorbei, dann widmete er sich dem nächsten Ankömmling. Erst als seine treuesten Diener versammelt waren, richtete er das Wort an sie. Er tobte innerlich und machte keinen Hehl daraus, es zu verbergen. Kurz darauf rief er Nagini an seine Seite und sie brachen wie ein unheilvoller Schwarm todbringender Vögel, der sich in die Lüfte erhob, einer nach dem anderen auf.
Zuerst wollte Snape nicht wahrhaben, was hier vor sich ging. Er hatte gehofft, sich zu irren. Genau genommen jedoch war es unumgänglich, dass sich sein Herr davon überzeugen wollte, dass die anderen Horkruxe wohlbehütet in ihren Verstecken waren. Doch wie hatte der Lord überhaupt davon erfahren? War es am Ende seine Paranoia gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, sich zu vergewissern, ob alles so war, wie er es beabsichtigt hatte? Er bezweifelte, dass die anderen Todesser den Grund für die Mission kannten; Voldemort traute niemandem. Vielleicht Lucius und Bella, doch keinesfalls dem Rest des widerlichen Abschaums. Doch streng genommen brauchten sie auch keinen Grund, um ihm zu folgen, sie waren ohnehin blind genug, alles zu tun, was er von ihnen verlangte.
Snape spürte Übelkeit in sich hochkommen, als er umgeben von den anderen Todessern die äußersten Grenzen von Hogwarts erreichte. Anders als beim Angriff auf den Fuchsbau hatten sie es hier überwiegend mit Kindern zu tun. Aber er konnte das unmöglich durchziehen! Er konnte schon alleine den Gedanken nicht ertragen, seine Schüler, die Albus in seine Obhut gegeben hatte, hinterrücks zu überfallen, damit sein Herr seinen Durst nach Blut stillen konnte. Er hatte die kalte Wut in seinen roten Augen aufblitzen sehen und wusste, wie erbarmungslos er vorgehen würde, sobald er herausgefunden hatte, dass der Horkrux im Raum der Wünsche nicht mehr da war, wo er sein sollte.
Kaum dass seine Füße den Erdboden berührten, wünschte er sich, tot zu sein. Vor ihm lag das Schloss. Offen wie ein Buch. Hogwarts wurde von zwei sehr fähigen Todessern und im Hintergrund agierenden korrupten Mitarbeitern des Ministeriums regiert, die unter der Hand Geschäfte miteinander machten. Sämtliche Schutzvorkehrungen, die Albus einst eingerichtet hatte, waren nicht mehr von Belang. Fast noch schlimmer aber war die Übermacht der Angreifer, die sich hier versammelt hatte ... Mein Gott! Er hatte ja keine Ahnung gehabt! Wie hatte es nur dazu kommen können? Und jede Minute wurden es mehr. Monströse Spinnen aus dem Wald, Riesen und Trolle aus den Bergen, Dementoren aus Askaban und eine ganze Horde Inferi. Es gab eine breite Palette an Gestalten und Lebewesen, die allesamt nützlich sein konnten, das Schloss dem Erdboden gleichzumachen. Aber wozu? Hatte er wirklich vor, jede Seele im gesamten Umkreis auszulöschen, um damit Rache am Verlust seiner eigenen zu nehmen?
Snape suchte seinen Platz an Voldemorts Seite, verschränkte geduldig die Hände vor dem Schoß und wartete; zum Greifen nah wand sich Nagini vor seinen Augen, neuerdings umgeben von einer magischen Sphäre, die es jedem unmöglich machte, zu ihr durchzudringen. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Voldemort sich nicht mehr von ihr trennen würde, um sie seine schmutzigen Aufträge ausführen zu lassen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens, während derer das gewaltige Ausmaß der Streitkraft Voldemorts sich über den gesamten ersichtlichen Horizont erstreckte, schwanden Snapes letzte Hoffnungen, die Schüler irgendwie heil da hinauszubringen. Bestimmt war den Lehrern nicht entgangen, was sich dort draußen abspielte. Es war ein einziges Spektakel. Doch selbst wenn sie es geschafft hätten, sich der Carrows zu entledigen, um wenigstens die jüngsten der Kinder aus dem Schloss zu schmuggeln, war es beinahe unmöglich, alle in Sicherheit zu bringen. Die früheren Geheimgänge rund ums Schloss waren vom Ministerium versiegelt worden und wurden seit Schulbeginn mithilfe der Dementoren überwacht. Soweit er erfahren hatte, gab es nur noch einen einzigen Weg, über den man unbemerkt aus dem Schloss und auch hineingelangen konnte; und der führte mitten durch den Eberkopf, wo Albus' Bruder seine zwielichtige Bar hatte.
Entgegen aller Erwartungen schien der Dunkle Lord keine Eile zu haben, den Angriff zu starten. Vielmehr sonnte er sich in seiner Macht, etwas, das offengestanden weitaus beunruhigender und zermürbender war, als wenn er sofort zugeschlagen hätte. Immer wieder konnte Snape inmitten der Menge das Gerangel der verschiedensten magischen Wesen hören, sobald sie ungeduldig wurden oder auf einen verhassten Mitstreiter trafen. Manch einer verlor dabei seinen Kopf. Doch niemand schien sich wirklich darum zu kümmern, so groß war die Anspannung und auch die Erwartungshaltung, die allen in den Knochen steckte.
Snape schloss die Augen. Wäre nicht das lüsterne Gezeter all der versammelten Kreaturen gewesen, hätte er den Wind hören können, der hier oben auf dem Hügel durch die Bäume fegte ... Ob er den Sonnenaufgang noch erleben würde? In einer Situation wie dieser kam er nicht umhin, sich Gedanken über sein Leben zu machen. Es stand wie die Jahre zuvor auch auf der Kippe, nur dass es jetzt endlich einmal einen Sinn zu ergeben schien.
Langsam sog er die kühle Nachtluft in seine Lungen. Er war es gewohnt, lange zu stehen und zu warten. Und trotzdem war er es leid, seine Zeit so zu verschwänden. Er wollte seinen Sohn aufwachsen sehen, so eigenartig das auch klang. Er wollte mit Hermine vögeln, bis sie den letzten Rest seines Samens aus ihm herausgepresst hatte. Auf keinen Fall jedoch wollte er hier sein, wo sie ihn zum Mörder seiner eigenen Schüler machen würden, denn nicht einmal der Orden würde heute einen Unterschied zwischen ihm und den anderen Todessern erkennen, wenn es um die Kinder ging. Er konnte es ihnen schlecht verübeln. Und trotzdem wäre es schön gewesen, wenn es anders geendet hätte. Nicht hier, nicht so.
Bitter rollte er die Mundwinkel zurück und machte die Augen wieder auf. Was machten ein paar Stunden mehr oder weniger schon aus? Fort konnte er ohnehin nicht, ohne sich verdächtig zu machen. Außerdem war jede gewonnene Minute eine Gelegenheit für den Orden, sich ebenfalls zu formieren.
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Schweißgebadet wachte Hermine auf und raste hinunter in die Küche, wo sie das Portrait von Phineas brüllen gehört hatte. Die Nachricht, dass Voldemort mit seiner Armee vor dem Schloss aufwartete, ließ ihr sprichwörtlich die Nackenhaare zu Berge stehen. Sie hatte gefühlt, dass ein Unheil nahte. Doch dass es so aussehen würde, wo sie doch alle mitten in den Vorbereitungen für einen Angriff auf Malfoy Manor gesteckt hatten, damit hätte nun niemand gerechnet.
Außer sich vor Sorge um Severus und die Schule brach sie zwischen Tonks und Ginny auf einem Stuhl zusammen.
Wie sie sogleich von Phineas erfuhr, hatte Harry sich heimlich mit Ron aus dem Staub gemacht, als Harrys Narbe ihn geweckt hatte.
"Was sollen wir denn jetzt machen?", schluchzte sie leise.
"Auf jeden Fall hier bleiben", riet das Portrait ernst.
Hermine schüttelte sich und tauschte einen scharfen Blick mit ihren Freundinnen, der besagte, dass allen beiden das überhaupt nicht gefiel.
"Hätten Sie uns denn nicht eher wecken können?", fragte Ginny anschuldigend.
"Wozu? Wir werden wohl kaum eine Minderjährige, eine Schwangere und eine junge Mutter in den Kampf schicken. Außerdem hatte ich Anweisungen von der stellvertretenden Schulleiterin, so lange nichts zu unternehmen, bis die beiden sicher im Schloss sind."
"Minerva hat jetzt also das Sagen?", platzte es ungestüm aus Tonks heraus.
"Wissen Sie denn was von Severus?", wollte Hermine wissen.
"Soweit ich aus der Unterhaltung zwischen Professor McGonagal und Dumbledore herausgehört habe, wurde er bei den seinen gesichtet."
Hermine verzog das Gesicht. Dann hatte sie eine Idee.
"Ich nehme nicht an, dass die Möglichkeit besteht, ihn über einen Patronus zu kontaktieren?"
Phineas legte den Kopf schief. "Wenn Sie ihm gleich sein Grab schaufeln wollen, Mädchen, nur zu."
Tief getroffen wendete sie den Blick ab und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Irgendwas müssen wir doch unternehmen …"
"Tun Sie mir einen Gefallen und hören Sie auf zu jammern", fuhr das Bild dazwischen. "Das ist ja nicht auszuhalten!"
Tonks funkelte ihn an. "Na, Sie haben leicht reden. Sie sind genauso nutzlos wie wir."
Mit offenem Mund sah Phineas sie an. "Wenn das so ist, kann ich ja wieder verschwinden. Guten Tag die Damen."
Hermine und Ginny sprangen zugleich auf die Beine.
"Warten Sie!"
Doch es war zu spät. Enttäuscht sanken sie zurück auf ihre Plätze.
"Gut gemacht, Tonks", maulte Ginny unfreundlich. "Den sehen wir bestimmt so schnell nicht wieder."
Tonks zuckte unbehelligt mit den Schultern. "Bevor ich mich von seiner schlechten Laune runterziehen lasse, ist es mir lieber, wenn er in Hogwarts bleibt und alles beobachtet. Früher oder später kommt er ja doch zurück."
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Obwohl es schwer vorstellbar war, dass noch immer aus allen Teilen des Landes Kämpfer anrückten, um sich auf die jeweiligen Seiten der Wartenden zu begeben, war noch längst kein Ende des Zustroms in Sicht. Auch auf der anderen Seite des Schlosses war eine Armee aufgetaucht, eine Armee aus verzweifelten Hexen und Zauberern, die unbedingt verhindern wollten, dass Hogwarts und seine Bewohner vernichtet wurden.
Nachdem sich der erste Ansturm der Aufregung unter den Todessern gelegt hatte, machte sich Ernüchterung breit. Sie konnten nicht begreifen, was hier vor sich ging.
"Warum greift er nicht einfach an?", fragten einige leise.
"Wozu stehen wir noch hier rum?"
Voldemort reagierte nicht darauf, er schien so in Gedanken zu sein, dass ihn etwas ganz anderes kümmerte. Snape hingegen spürte einen Triumph. Er wartet auf Potter, ihr Dummköpfe, dachte er voller Genugtuung.
Nachdem auch Voldemort genug vom Warten hatte, löste er sich langsam aus der Gruppe los und murmelte: „Ich dachte, er wird zu mir kommen, Nagini."
Dann fing er an, in Parsel mit seiner Schlange zu reden und die Anspannung in den vorderen Reihen kehrte zurück. Wie es aussah, hatten sie erwartet, endlich angreifen zu können.
Etwas weiter hinten, wo niemand mehr genau erkennen konnte, was vor sich ging, brach ein kleiner Tumult aus. Wie eine Welle setzte er sich durch die Menge fort, flüsternd, murmelnd, stets gerade laut genug, um vom Wind bis zur Elite der Todesser getragen zu werden, an deren Spitze Voldemort mit Nagini stand.
Wie auf Kommando drehte er sich zu seinem Gefolge um und hob die Hand. Augenblicklich verstummte alles Gemurmel.
„Ich muss euch nicht sagen, dass Harry Potter ein Feigling ist", sagte er gebieterisch obgleich seiner hohen kalten Stimme. „Aber ihr seid nicht hier, um Vergebung zu zeigen, also werden wir ohne ihn anfangen."
Langsam holte er einen Zauberstab aus seinem Gewand hervor und hielt ihn an seine Stimmbänder, sodass jeder im Umkreis aller versammelten Kämpfer, Schüler, Lehrer und Kreaturen hören konnte, was er mitzuteilen hatte.
„Nun, ich weiß, dass ihr kämpfen werdet. Es bleibt euch auch gar nichts anderes übrig. Doch seid versichert, dass wir euch an Zahl und Kraft überlegen sind. Wenn ihr also nicht wollt, dass wir jeden Einzelnen von euch töten werden, fordere ich euch auf, mir Harry Potter auszuliefern."
Er wartete einen Moment auf Antwort. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis ein gleißend weißes Licht in Form einer angriffslustigen Kanonenkugel auf ihn zugeschossen kam und unmittelbar vor ihm innehielt.
„Scher dich zum Teufel, Tom!", schimpfte McGonagalls Stimme lautstark, sodass auch ihre Worte überall zu hören waren. „Nichts wirst du von uns bekommen, außer vielleicht das!"
Das Licht machte eine eigenartige Bewegung und verwandelte sich in eine Faust mit deutlich ausgestrecktem Mittelfinger.
Voldemort stierte erst einmal, bemühte sich dann aber, seinen Unmut mit einem unbeholfenen Lächeln zu kaschieren. Etwas nervös huschte er mit seinen nackten Füßen von links nach rechts und ballte die Hand um den Zauberstab fest zur Faust.
Erneut spürte Snape eine eigenartige Genugtuung in sich. Wie Albus auch hatte Minerva ihren Feind mit seinem verhassten Vornamen angesprochen; sie war wohl richtig schön in Fahrt.
Das gleißend weiße Licht wurde wieder zu einer Kugel, machte schwungvoll kehrt und sauste in die entgegengesetzte Richtung davon.
Mit dem Kopf nickend wandte Voldemort sich zurück an sein Gefolge. Obwohl seine Nasenflügel vor Erregung bebten, sprach er ganz leise und ruhig: „Dann also nicht. Schön. Wie ihr wollt."
