Call it bittersweet

Kapitel 65

Angriff

Snape konnte spüren, dass es soweit war, noch ehe sein Herr das Zeichen zum Aufbruch gab. Es war nicht das erste Mal, dass er sich gezwungen sah, bei einem solchen Angriff mitzumachen. Bereits im ersten Krieg hatte er an der Seite des Dunklen Lords gekämpft, obwohl sich die bevorstehende Schlacht mit nichts vergleichen ließ, was er je erlebt hätte. Ein einziges, markerschütterndes Gebrüll brach los. Die Masse setzte sich in Bewegung und jeder, der nicht zu Tode getrampelt werden wollte, musste sich ihr anschließen.

Zu tausenden reckten Hexen und Zauberer ihre Zauberstäbe in die Höhe und brachten die provisorische Barriere, die derweil von den Bewohnern aus Hogwarts um das Schloss herum errichtet worden war, Stück für Stück zum Bröckeln. Nicht lange darauf jagten sich die unterschiedlichen Parteien die ersten Flüche auf den Hals.

Während die Riesen mit ihren langen Schritten leichtes Spiel hatten, stieg Voldemort wie eine schwarze Wolke in die Luft. Einige seiner treuesten Todesser folgten ihm gehorsam, darunter auch Snape.

Dann ging alles schnell. Bei dem hereinbrechenden Chaos war es fast unmöglich, den Überblick zu behalten, ohne dabei gleichzeitig vom Himmel gefegt zu werden. Grelle Lichtblitze nahmen Snape die Sicht und das ohrenbetäubende Gebrüll der Riesen tat sein Übriges, um seine Orientierung zu stören. Nichtsdestotrotz schaffte er es, sich seinem Herrn an die Fersen zu heften, das Ziel Hogwarts unbeirrbar vor sich ausgestreckt.

Gemeinsam rasten sie auf das Schloss zu und durchbrachen mit Leichtigkeit den letzten Rest des magischen Schutzes, der das Gelände umgab. Während der Dunkle Lord seinen Weg ins Innere des Schlosses fortsetzte, zweifelsohne, um nach dem Horkrux zu suchen, gingen die Todesser unmittelbar zum Angriff über.

Noch aus der Luft sah Snape im Innenhof versammelt vertraute Gesichter einiger Schüler, die wahllos auf alles zielten, was sich über ihnen bewegte - Warum waren sie noch hier? Warum hatte niemand sie weggebracht? Wollten sie am Ende vielleicht sogar kämpfen?

Seine Hand, in der er den Zauberstab umklammert hielt, zitterte wie Espenlaub. Er wollte das nicht. Er konnte das nicht. Im Laufe seines Lebens war er schon über zu viele tote Körper hinweg gestiegen. Instinktiv wich er einem der halbherzigen Flüche aus und zog in der Luft einen Kreis, ehe er hinter einem zerbröckelten Mauervorsprung in der Nähe des großen Portals zur Landung ansetzte, um sich so lange wie möglich im Hintergrund zu halten. Anders als die übrigen Todesser war er nicht darauf aus, an jemandem Rache zu nehmen, außer an Voldemort selbst. Lucius und Narcissa jedenfalls schienen genau zu wissen, weshalb sie hier waren. Sie hatten sich bereits mitten ins Getümmel gestürzt, unweit von ihnen Bella.

Von überall her waren Schreie zu hören, unzählige Flüche zuckten durch die Luft. Eine ganze Schar klappernder Rüstungen raste aus dem Portal und schwärmte zu kleinen Grüppchen zusammengeschlossen in verschiedene Richtungen aus.

Snape presste seinen Körper fest an die Mauer und nutzte die Deckung, um einen Moment lang in sich zu gehen. Niemand achtete in dem Durcheinander auf ihn, niemand konnte ihn sehen. Was, wenn er einfach verschwinden würde? Aber so ein Feigling war er nicht ... Und trotzdem! Es war immer noch besser, sich aus dem Staub zu machen, als gezwungen zu werden, früher oder später einen seiner Schüler zu töten...

Geradezu einladend konnte er die Eingangstür sehen, durch die nun zwei Duellanten ins Freie stoben – lange würde er hier nicht mehr bleiben können, denn früher oder später würden noch mehr Todesser versuchen, ins Schloss zu gelangen.

Einer der Kämpfer war Lupin, der andere Dolohow. Mit einer Mischung aus sportlicher Eleganz und Wut jagte Lupin den Todesser aus dem Schloss, um ihm daraufhin einen Fluch aufzuhalsen, der ihm binnen eines Sekundenbruchteils den Hals aufschlitzte. Langsam verblutend ging Dolohow in die Knie und dämmerte in Richtung Jenseits davon. Fast zeitgleich ging auf der anderen Seite des Innenhofs eine Reihe an Explosionen los, die in Snapes Ohren dröhnten und ihm fast den Verstand raubten. Alles kam scheinbar für einen winzigen Moment zum Stillstand, selbst der Staub und die Gesteinsbrocken, die durch die Luft flogen, wirkten aufgrund seiner gestörten Wahrnehmung irgendwie surreal. Bestimmt waren die Knaller meilenweit zu hören gewesen. Ein zerfetzter Körper segelte wie in Zeitlupe durch die Luft und blieb nur wenige Meter von ihm entfernt liegen. Snape schüttelte sich und zwang sich, nicht hinzusehen. Das Letzte, was er im Moment gebrauchen konnte, war der Anblick eines toten Schülers oder einer Schülerin ... Es war schon verstörend genug, dass er sich einbildete, die gurgelnden Atemzüge seines vermeintlichen Gefährten nach ihm rufen zu hören, der anklagend mit dem zittrigen Finger auf ihn zeigte, ehe er vornüber in den Staub fiel.

Mit bloßer Willensanstrengung zwang Snape sich, tief einzuatmen. Dolohow konnte nicht wissen, was in ihm vorging. Niemand konnte das. Nicht einmal der Dunkle Lord ahnte, dass er all die Jahre von ihm betrogen und hinters Licht geführt worden war. Und selbst wenn Dolohow sein Verhalten bemerkt hätte, spielte es keine Rolle mehr, denn niemand würde den Todesser jetzt noch retten können.

Gerade als Snape aus seinem Versteck kommen wollte, um von dort wegzukommen, sauste eine ganze Reihe angriffslustiger Federkiele aus dem Portal. Ein vertrautes Bild von Hermine über ein Buch und ein Stück Pergament gebeugt, formte sich in seinen Gedanken. In dem Moment wurde ihm klar, dass er Hermine vielleicht wirklich nie wieder sehen würde. Das, was er vorhatte, würde ihn unweigerlich als Verräter seiner Sippe enttarnen. Doch wenn er etwas tun wollte, um das Blutvergießen aufzuhalten, musste er handeln. Er durfte keine Zeit verlieren ... Vielleicht, wenn er direkt in das Schulleiterbüro apparieren würde, vorausgesetzt, Minerva hatte ihn nicht gänzlich daraus verbannt, könnte er mit Dumbledore reden.

Lupin war längst weitergezogen, Dolohows Beine hatten zu zappeln aufgehört. Er war tot und jeder sonst in Sichtweite, ob Feind oder Freund, in einen Kampf verwickelt - jetzt oder nie!

Das Ziel unbeirrbar vor Augen konzentrierte er sich darauf und verschwand.

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Im Inneren des Büros war es dunkel. Vorsichtig blickte er sich um und vergewisserte sich, dass er alleine war, da hörte er eine ihm vertraute Stimme.

"Es ist niemand sonst hier, Severus."

Snape entzündete mit einem Schlenker aus dem Handgelenk eine Kerze an der Wand und hockte sich vor Dumbledore an die Kante des Schreibtischs, den Kopf trübselig in den Händen vergraben wie ein alter Greis.

"Es ist ein Bild des Grauens, Albus", sagte er trocken. "Warum hat niemand die Kinder fortgebracht?"

"Das haben sie versucht, Severus", antwortete Dumbledore ernst. "Einige haben es durch den Geheimgang geschafft. Die Volljährigen jedoch …"

Snape schüttelte abgeschlagen den Kopf. "Sie sollten alle nicht hier sein. Was soll ich nur tun?"

"Harry muss die Schlange töten."

"Und wie soll er das anstellen?"

"Er hat das Schwert bei sich."

"Ich glaube, Sie begreifen nicht, was da vor sich geht", stieß Snape verärgert aus. "Sie sind in der Überzahl! Keiner wird verschont -"

"Dann sollte er es schnell tun."

Eine tiefe Furche bildete sich zwischen Snapes Brauen. Er konnte nicht glauben, was er da gehört hatte.

"Sie wollen ihn also wirklich opfern? Nachdem wir ihn jahrelang durchgebracht haben, wollen Sie ihn jetzt aufgeben?"

"Er hat keine Wahl, Severus. Es sei denn, Tom zerstört fälschlicherweise den Horkrux in ihm, wenn er ihn töten will."

"WAS?"

"Ich habe lange darüber nachgedacht. Es ist nicht viel, nur ein winziger Hoffnungsschimmer. Aber wir dürfen Harry trotzdem nicht die Wahrheit vorenthalten, dass er sterben könnte."

Ungläubig raufte Snape sich die Haare.

"Dann haben Sie es die ganze Zeit über gewusst? Sie - Sie wussten, dass es möglich wäre, dass er überlebt?"

Dumbledore nickte beflissen. "Ja."

Aufgebracht schlug der Professor mit der Faust auf den Tisch. Er sah aus, als wäre ihm übel.

"Warum haben Sie das nie erwähnt bei all den Vorkehrungen und Vorbereitungen, die wir getroffen haben?"

"Weil es keine Garantie dafür gibt. Ich weiß selbst nicht, was geschehen wird, Severus."

Snape lachte plötzlich wie ein Irrer auf, das Gesicht zu einer schiefen Grimasse verzogen. "Das ist so typisch für Sie! Nichts als Geheimnisse, habe ich Recht?"

Dumbledores Augen funkelten gefährlich. "Worin wir uns gar nicht so unähnlich sind, meinst du nicht? Doch wie dem auch sei, du hast vollkommen Recht. Zuerst muss die Schlange zerstört werden, erst dann wird sich herausstellen, was geschieht."

Am ganzen Körper zitternd vor Wut stand Snape auf.

"Wenn das so ist, werde ich es tun. Ich werde sie erledigen. Mein Leben ist so oder so vorbei, Albus. Das ist wohl ziemlich das Einzige, was uns beiden immer klar war, nicht?"

Dumbledore antwortete nicht, was eine Seltenheit war. Er schien vielmehr zu befangen zu sein, um etwas zu sagen.

"Keine Sorge", schnaubte Snape abfällig, "niemand braucht die Wahrheit zu erfahren. Sie bleibt ganz unter uns. Wie immer. Es sei denn, ich laufe zufällig Potter über den Weg. Beinahe juckt es mich, es ihm zu verraten, Albus. Beinahe ..."

Damit verstärkte er den Griff um seinen Zauberstab und verließ ohne ein weiteres Wort das Büro.

Wie auf dem Weg zum Schafott stieg er Schritt für Schritt die Treppe hinunter, vorbei an dem Wasserspeier, der selbst etwas neben sich stand, da er bei einer Explosion seinen Kopf verloren hatte. Trotz der Wut in seinem Inneren war Snape erstaunlich gefasst. Er war das Kämpfen, Lügen und Spionieren leid. Er war im Einklang mit sich und seinem Schicksal, wie immer es auch ausgehen mochte. Streng genommen hätte es schon vor Jahren dazu kommen sollen. Und im Grunde war seine Zeit, die er in Hogwarts als Lehrer verbracht hatte, nur ein Aufschub gewesen.

Der Staub knirschte unter seinen Sohlen und verlieh seinem sonst so lautlosen und schwebenden Gang etwas Eigentümliches. Zudem fühlte er sich seltsam leer und einsam, als er durch den Korridor schritt, der ihn immer weiter vom Büro des Schulleiters fortbrachte. Genauso, wie er es früher auch gewesen war, bevor er nähere Bekanntschaft mit Hermine gemacht hatte.

Durch die Fenster drangen gedämmte Schreie und Lichtblitze ins Innere und erregten seine Aufmerksamkeit. Innerlich zerrissen blieb er stehen und sah nach draußen. Das Bild vor seinen Augen erweckte einen nahezu grotesken Eindruck. Ein Stück des Verbotenen Waldes brannte lichterloh, eine riesige Spinne humpelte auf nunmehr fünf Beinen davon.

Er ging weiter. Er würde nicht darum flehen, von Voldemort verschont zu werden. Wozu auch? Hatte er nicht mehr erreicht, als er je für möglich gehalten hätte?

Eine weitere Explosion in seiner Nähe brachte die Fensterscheiben zum Bersten. Der ganze Boden unter seinen Füßen bebte, Glassplitter flogen durch die Luft.

Snape wurde blindlings gegen eine Wand geschleudert. Dort zwang ihn ein stechender Schmerz dazu, auf dem Boden zu verharren. Wenig später, als die Ausläufer der Explosion vorbei waren, hielt er irritiert die Hand vors Gesicht und hustete Blut. Der Druck, den er auf seiner Lunge spürte, war nicht natürlich. Ein grauer Schleier aus feinem Staub nahm ihm die Sicht. Ein Stockwerk weiter unten war ein spitzes Kreischen zu hören, durchbrochen vom Knurren eines wilden Getiers.

Schmerzlich verzog er die Mundwinkel, ohne sich dabei seines eigenen Schmerzes richtig bewusst zu sein. Er wusste, was vor sich ging: Zweifelsohne hatte Greyback ein Opfer gefunden. Er hatte eine geradezu perverse Vorliebe für frisches Fleisch.

Den Zauberstab fest umklammert zwang er sich auf die Füße und stolperte vorwärts. Es gab nur noch eine Sache, die er erledigen musste, einen letzten Auftrag zu erfüllen.

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Hermine hatte den Kopf auf die Hände gestützt und angefangen, mit den Füßen zu wippen. Entnervt warf Ginny ihr einen bitterbösen Blick zu.

"Wirst du wohl aufhören? Du machst mich noch ganz verrückt!"

Hermine zwang sich, still zu halten, und nahm die Hände runter.

"Entschuldige. Es ist nur ... Ich dreh hier noch durch, wenn ich nicht bald weiß, was los ist!"

"Damit bist du nicht allein", sagte Tonks mürrisch.

Etwas Wehmütiges an ihrem Unterton verriet Hermine, dass sie und Lupin es doch noch geschafft hatten, sich miteinander auszusöhnen.

"Dann habt ihr euch also wieder vertragen?", fragte sie vorsichtig.

Tonks nickte. "Ich hab so unglaubliche Angst um ihn, dass ich am liebsten zu ihm möchte. Aber ich weiß, dass er mir das in meinem Zustand nie verzeihen würde."

Ginny schnaubte sarkastisch. "Super, jetzt fühl ich mich gleich besser."

"Wieso?", wollte Hermine wissen. "Hattest du etwa vor, zu türmen?"

Das Weasley-Mädchen zuckte mit den Schultern. "Immer noch besser, als tatenlos hier herum zu hocken."

Alarmiert setzte Hermine sich auf. "Du hast Recht, Gin. Aber nicht einer von euch sollte gehen, sondern ich."

"Was?", kam es wie aus einem Munde zurück.

Hermine seufzte. "Ich weiß, dass ist schwer zu verstehen. Aber nach allem, was Severus und ich durchgemacht haben, muss ich einfach gehen. Bitte seht mich nicht so vorwurfsvoll an! Ich möchte nur das Beste für Harrison, glaubt mir. Aber wäre ich nicht gewesen, würde er nicht existieren. Es war meine Entscheidung, überleben zu wollen. Jetzt muss ich wieder eine Entscheidung treffen. Und wie es aussieht, sagt mir mein Herz, dass ich zu Severus gehen soll. Er ist immerhin sein Vater. Außerdem hat Harry eine ganz spezielle Aufgabe zu erfüllen, bei der ich ihm vielleicht helfen kann, vergesst das nicht. Solange Voldemort weiterlebt, steht die Zukunft von uns allen auf dem Spiel. Und dagegen müssen wir etwas tun."

"Das heißt, du wirst tatsächlich gehen?", hakte Tonks nach.

Sie nickte ernst. "Ja. Ich muss."

"Aber - aber was wird dann aus Harrison?", fragte Ginny besorgt. "Nur einmal angenommen, ihr geht beide dabei drauf, was dann?"

"Dann", sagte Hermine entschieden, "wird er ebenso wie Neville stolz auf seine Eltern sein, weil sie für seine Zukunft gekämpft haben."

Ginny öffnete den Mund und klappte ihn wortlos wieder zu.

"Auch deine Eltern haben sich vor vielen Jahren dazu entschlossen, sich Voldemort entgegenzustellen, Gin. Ebenso wie deine, Tonks. Ich will nur, dass Harrison eine Zukunft hat. Und dass er, anders als wir, ohne Angst leben kann."

Tonks legte beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. "Vielleicht hast du Recht. Ich will dich ja nicht unbedingt dazu ermutigen, aber einer von uns sollte sich ihnen anschließen."

Wild entschlossen blickte Hermine in die kleine Runde. "Sollte mir was passieren, sagt Harrison, was ich euch gesagt habe. Und Severus sagt ihr, dass ich ihn wirklich aus ganzem Herzen liebe."

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Blindlings stolperte Snape weiter. Es kümmerte ihn nicht, dass sich seine Lunge anfühlte, als würde sie in Flammen stehen. Auch der Staub und der Rauch von den Explosionen ließ ihn kalt. Er wollte einfach nur Voldemort und die Schlange finden. Doch im Raum der Wünsche hatte er kein Glück gehabt. Er war aufgrund eines Dämonsfeuers vollkommen zerstört worden, vermutlich das Werk Voldemorts, nachdem er festgestellt hatte, dass der Horkrux verschwunden war. Jedenfalls würde es ewig dauern, ihn wieder in seinen alten Zustand zu versetzen.

Hin und wieder schickte Snape einen Fluch auf eine der Kreaturen los, die sein Herr mit sich gebracht hatte, doch es schien aussichtslos zu sein, der Lage Herr zu werden. Zu viele derer, die sich Voldemort entgegenstellten, waren schon gefallen. Und jeder Weitere, der hinzukam, war einer zu viel.

Es geschah plötzlich, als er die Idee mit dem Dämonsfeuer hatte. Warum war er nicht schon eher darauf gekommen, dass das verfluchte Feuer auch Horkruxe zerstören konnte? Neuer Mut flammte in ihm auf. Doch das euphorische Gefühl war nicht von langer Dauer.

Ein weiteres Mal wurde das Schloss von einer heftigen Explosion heimgesucht und Snape fand sich unmittelbar danach zu einer Kugel zusammengerollt in einer Ecke wieder. Als wäre die Sache mit der Lunge nicht schon ärgerlich genug gewesen, spürte er nun auch noch einen unangenehmen Schmerz in seinem Knie.

„Fred! Steh auf, Fred!"

Eine ganze Mauer vor ihm war weggesprengt worden und offenbarte nun das, was dahinter verborgen war: Beinahe die gesamte Familie Weasley war um einen toten Körper versammelt - sogar Percy hatte zu seiner Familie zurückgefunden, nachdem er so lange von der Rechtschaffenheit des Ministeriums überzeugt gewesen war. Alle rüttelten und zerrten mehr oder weniger an Fred, um ihn zum Aufstehen zu bewegen, doch es gab keine Hoffnung mehr. Es war zu spät.

Den Zauberstab fest umklammert, ignorierte Snape die Schmerzen in seiner Brust und in seinem Knie, rappelte sich auf und stand einfach nur da. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte, so paralysiert war er. Die Vorstellung, dass der Junge, den er aufwachsen sehen und unterrichtet hatte, tot sein sollte, quälte ihn mehr als angenommen. Vielleicht vor wenigen Monaten noch hätte es ihn nicht halb soviel gekümmert. Aber jetzt, wo er selbst Vater war, war eben alles anders.

Potter bemerkte als erster der versammelten Mannschaft seine Anwesenheit. Blanke Wut spiegelte sich in seinen Augen, als er aufstand und ungläubig seinen ehemaligen Professor anstarrte. Und obwohl alle anderen noch immer hektisch agierten, brach eine eigenartige Stille zwischen den beiden Männern aus.

Bebend vor Zorn schluckte Harry. „Er ist tot", sagte er schlicht.

Erst jetzt wurde auch den anderen Weasleys klar, dass sie beobachtet wurden. Molly und Arthur waren so entsetzt, dass sie einfach den Blick abwandten und sich in den Armen lagen. Genauso wie Ron, der sich an seine Eltern drückte, um seinem Kummer freien Lauf zu lassen. George hingegen schien etwas sagen zu wollen, brachte aber nichts hervor. Offenbar hatte er keine Ahnung, wie er reagieren sollte, nachdem das mit seinem Ohr passiert war.

Snape blinzelte unbehaglich. „Ich weiß", sagte er mit gebrochener Stimme an Harry gerichtet. Und nach einer kleinen Pause: „Es tut mir leid."

Ohne ein weiteres Wort wollte er sich umdrehen und verschwinden, Harry jedoch machte einen Satz über den Rest der Mauer und packte ihn mit aller Gewalt am Ärmel.

Abschätzig und wild atmend sah er Snape ins Gesicht. „Wenn Sie wissen, wo er ist, dann sagen Sie es mir."

Es war keine Forderung gewesen, sondern ein Flehen.

Im selben Moment kam ein Schwall Flüche auf sie zu, der von außen durch das Loch ins Innere des Korridors abgefeuert wurde. Instinktiv riss Snape seine Zauberstabhand hoch und feuerte zurück, bis nur Sekunden später bereits der letzte Widerstand verebbte. Seine Brust hob und senkte sich schnell, so außer sich war er. Doch erst jetzt ließ Harry von ihm ab und senkte den Blick.

„Ich dachte, wir könnten es schaffen", sagte der junge Mann bedrückt. „Ich dachte wirklich, irgendwie ..."

Snape schüttelte den Kopf. „Die Schlange, Potter. Alles Weitere wird sich ergeben. Noch ist nichts verloren."

Wieder sahen sie sich an und erst das leise Schluchzen von Molly riss sie aus ihrer Starre.

„Ich war bei Albus", sagte Snape dann mit gesenkter Stimme. „Vielleicht müssen Sie gar nicht sterben. Vielleicht, wenn er irrtümlicher Weise selbst den Horkrux in Ihnen zerstört, gibt es noch Hoffnung."

Harry riss die Augen auf. „Das hat er gesagt?"

Ein dünnes Lächeln umspielte die Mundwinkel des Professors. „Ich sagte, vielleicht", korrigierte er sich selbst. „Nicht, dass es so ist oder so sein wird."

Total überrumpelt von dieser Nachricht blühte Harrys Gesicht auf. Er wusste, dass es unangebracht war, in der Gegenwart der Weasleys so zu reagieren, doch genau jetzt, nach Freds Tod, war dieser Hoffnungsschimmer alles, was er brauchte, um neuen Antrieb zu finden.

So gut er konnte, verbarg er seine Euphorie und klopfte Snape auf die Schulter.

„Danke, Sir."

Mit eng zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepressten Lippen bemühte sich Snape, den stechenden Schmerz zu ignorieren, der nun wieder durch seinen Körper pulsierte. Weitaus seltsamer aber war das unbekannte Gefühl, das die kleine Geste seines Gegenübers in ihm wachgerufen hatte. Etwas, das er sich nur schwer erklären konnte, und das obendrein so unangenehm war, dass er es gar nicht erwarten konnte, fortzukommen.

Ein kurzes Nicken später humpelte er davon.

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Schon einmal hatte Hermine sich von Dobby helfen lassen, heimlich ins Schloss zu gelangen. Diesmal funktionierte es wieder. Sicher und wohlbehalten erreichte sie das Schulleiterbüro, umarmte den Elfen und verabschiedete sich von ihm, damit er schnell wieder das Weite suchen konnte, ehe sie sich Dumbledores Portrait hinter dem Schreibtisch zuwandte.

"Ich will nicht lange um den heißen Brei reden, Professor", fing sie an, "also mache ich es kurz. Ich bin hier, um Severus und die Schlange zu finden. Wissen Sie, wo einer oder eine von beiden ist?"

Dumbledore machte ein ernstes Gesicht. Zeitgleich wurden die Mauern des Raumes von einer in der Ferne hochgehenden Explosion erschüttert.

"Wenn Sie das tatsächlich vorhaben, sollten Sie sich beeilen, Miss Granger. Severus ist zu demselben Zweck aufgebrochen. Zu sich selbst hat er gefunden, denke ich. Was die Schlange anbelangt, dürfte er jedoch vor einem Problem stehen. Tom lässt sie nicht mehr aus den Augen."

Hermine biss sich auf die Lippe. Sie hatte befürchtet, dass Severus vorhaben könnte, sich selbst um Nagini zu kümmern.

"Haben Sie denn eine Ahnung, wo ich nach ihm suchen könnte?"

"Soweit mir die anderen Portraits berichtet haben, hat Tom vor geraumer Zeit den Raum der Wünsche verlassen."

Ihr Herz schlug schneller. Das war kein gutes Zeichen.

"Wo ist er hin?"

"Er wurde beim Verlassen des Schlosses gesichtet. Am besten, Sie nehmen den Ausgang, der zur Heulenden Hütte führt."

"Dann ist er dort? Dieser Feigling haut einfach ab und lässt die anderen für sich kämpfen?"

Dumbledore nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen, ohne näher darauf einzugehen. Wutentbrannt wirbelte Hermine herum und machte sich in Richtung Tür davon.

"Viel Glück, Miss Granger", hörte sie ihn hinter sich sagen. "Sollten Sie Severus sehen, richten Sie ihm aus, er möge zu uns zurückkommen."

Sie hielt inne und sah über die Schulter, wie er seine Brille wieder aufsetzte. Ein am Fenster vorbei zuckender Lichtblitz erhellte gespenstisch die Umgebung, ehe er wieder verglomm. Hatte es einen Zweck, ihm zu sagen, wie sinnlos dieser ganze Krieg war? Wie sehr sie sich wünschte, einfach Hand in Hand mit Severus zu Harrison zurückkehren zu können, anstatt sich von jemandem, der sich für etwas Besseres hielt, herumschubsen zu lassen?

"Ich denke nicht, dass er noch Lust hat, auch nur einen einzigen weiteren Befehl zu befolgen, sei es Voldemorts oder der Ihre", sagte sie trocken in den dunklen Raum hinein. "Glauben Sie, mir ist nicht aufgefallen, dass er immer wieder Ihren Rat gesucht hat? Sie haben ihn benutzt wie jeder andere auch, mich eingeschlossen."

Sie schüttelte sich vor Kälte bei dem Gedanken daran, dass Severus den Lebensmut endgültig verloren hatte, weil er es als seine Pflicht sah, die Schlange zu beseitigen, damit andere weiterleben konnten.

"Jetzt, wo er endlich einen Grund zum Leben hat, hätten Sie ihn verdammt nochmal aufhalten sollen!", setzte sie wütend nach.

"Er hatte all die Jahre über einen Grund, Miss Granger", sagte Dumbledore ermahnend, wobei seine blauen Augen aufblitzten.

"Nein!", stieß sie bitter aus. "Lily war ein Grund für ihn, zu sterben. Er hat sein Leben ihr gewidmet und sich aufgeopfert, damit Harry überlebt. Verstehen Sie denn nicht, worum es hier geht? Er hat es aus Pflichtbewusstsein getan. Genauso wie er nun die Schlange töten will. Aber jetzt, wo er einen Sohn hat, sollte er damit aufhören, sich zum Wohle anderer ausbeuten zu lassen."

"Da stimme ich ganz mit Ihnen überein, Miss Granger", fiel ihr Dumbledore scharf ins Wort. "Nur sollten Sie nicht vergessen, wer er ist und wie er ist. Außerdem wird es immer jemanden geben, der sich opfern muss. Nur einmal angenommen, Sie wären die letzte Überlebende, die von den Horkruxen weiß, würden Sie dann nicht alles daran setzen, Tom aufzuhalten, selbst wenn es um Ihr Leben ginge?"

Hermine stutzte. Natürlich wäre die Frage einfacher zu beantworten gewesen, wäre Harrison nicht gewesen...

"Denken Sie bloß nicht, mir ist entgangen, wie Sie sich im Laufe der Jahre immer wieder für Ihre Freunde eingesetzt haben. Vieles von dem, was Harry erreicht hat, hat er Ihnen zu verdanken. Und das weiß er auch. Genauso wie Severus. Nebenbei gesagt, wenn Sie nicht hier sind, um mit mir zu diskutieren, was Rechtens ist und was nicht, sollten Sie aufbrechen, um Severus zu finden, bevor er Tom findet."