xxx
Nachtrag:

Liebe Hermines Mum,
vielen Dank für deine Zeilen zu meiner Story. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, auch wenn ich dich mit dem Ende zum Heulen gebracht habe.
Oft bin ich beim Schreiben unberechenbar. Obwohl ich mir noch nicht ganz sicher war, wie es dazu kommen sollte, wusste ich bald, dass es so sein würde. Bellas Rolle in der Geschichte rund um Harry Potter war dabei leider eine große Option.
Liebe Grüße
houseghost

xxx

Call it bittersweet

Kapitel 66

Das Ende

Der Gedanke, eine weitere effektive Waffe im Kampf gegen die Schlange im Gepäck zu haben, trieb ihn an. Er wusste, dass er nicht lange so durchhalten würde; die zahllosen Flüche, die seinen Körper im Laufe der Jahre geschunden hatten, forderten ihren Tribut. Trotzdem spürte er den Schmerz nicht als das, was er war. Vielmehr spürte er ihn als Ermahnung, weiterzumachen.

Ein hastig abgefeuerter Fluch schlug unmittelbar neben seinem Kopf in die Wand ein. Blitzschnell wirbelte er herum und sah Rookwood auf sich zurennen, dicht gefolgt von Percy Weasley.

Ohne zu zögern richtete Snape seinen Zauberstab nach dem Todesser aus und streckte ihn nieder.

Wild atmend kam Percy neben ihm zum Stehen. „Schätze, wir sitzen im selben Boot, Professor."

Snape schnaubte leise und setzte sich wieder in Bewegung, ohne Percy weiter zu beachten. Er hatte wahrlich keine Lust auf Sympathiebekundungen. Jeder, der sich auch nur im Ansatz einbildete, eine Ahnung zu haben, was in ihm vorging, war ein Narr.

Als er sicher war, dass Percy es aufgegeben hatte, einen Sinn in seinem Verhalten zu suchen, bog er um die Ecke und konnte gerade noch zur Seite springen, um einer Reihe an Pulten auszuweichen, die an ihm vorbeirauschte. Dahinter sah er Minerva, die sie mit dem Zauberstab dirigierte.

Kaum dass sie ihn erblickt hatte, schickte sie die Pulte los, auf eigene Faust zu agieren.

„Gott sei Dank, Severus, du lebst!", stieß sie erleichtert aus.

Snape runzelte die Stirn und fand sich ohne es zu wollen in einer für sein Gefühl überaus zudringlichen Umarmung wieder.

Erst als sie von ihm abgelassen hatte, sahen sie sich an. Beide wirkten erschöpft und ausgelaugt.

„Du hast eindeutig schon mal besser ausgesehen", bemerkte sie mit gekräuselten Lippen.

Er rollte mit den Augen. „Grund gütiger! Du musst ja reden."

Eine Träne kämpfte sich ihren Weg ins Freie und lief über ihre Wange. „Hast du was von Potter gehört? Ist er – lebt er noch?"

„Ja. Ich hab ihn gesehen", sagte er matt und deutete mit dem Kopf in die Richtung, aus der er gekommen war. „Er war da hinten, als die Explosion hochging und Fred Weasley gestorben ist. Ich hab sie alle gesehen, sogar den Idioten Percy."

Sie schlug die Hand vor den Mund und schluchzte auf. „Fred ist tot?"

Er nickte und fuhr sich verlegen mit den Fingern durch die Haare. Es war eindeutig nicht seine Stärke, in einer Situation wie dieser die passenden Worte zu finden.

„Hör zu, Minerva", sagte er dann, „ich sollte wieder weiter. Es gibt da eine Aufgabe zu erfüllen ..."

Mit großen, fragenden Augen sah sie ihn an. „Und du kannst nicht zufällig Hilfe gebrauchen? Denkst du nicht, dass es an der Zeit wäre, endlich mit der Geheimniskrämerei aufzuhören?"

Beinahe schon hilflos zuckte er mit den Schultern. Ihre rührselige Art hatte ihm gerade noch gefehlt.

„Alte Gewohnheit, schätze ich. Mach's gut, Minerva."

Er ging einfach weiter und hörte noch, wie sie „du auch", sagte, ehe er die Treppe des Korridors erreichte und sie hinunterstieg.

Je weiter er kam, desto größer wurde die Rage in ihm. Hier unten, auf einer Ebene mit der Großen Halle, war der Boden gepflastert mit Toten und Verwundeten. Die Geräusche der Schlacht, die überwiegend draußen tobte, wurden überschattet vom Wehklagen und Stöhnen sterbender Menschen und Kreaturen aller Art. Aus den Augenwinkeln erhaschte er einen Blick auf Madam Pomfrey, deren üblicherweise weißer Kittel bis zu den Knien blutrot gefärbt war. Sie wuselte mit einigen der Hauselfen durch die Reihen, um zu retten, was zu retten war. Auch Helfer aus dem St. Mungo's waren gekommen. Doch es wirkte aussichtslos. Es war ihm fast unmöglich, klar zu denken, als er für einen Augenblick innehielt und das Ausmaß des Leids und der Zerstörung auf sich einwirken ließ. Die gesamte Halle, in der sie einst glanzvolle Feste und Zeremonien gefeiert hatten, war nun ein riesiges Krankenlager. Ihre heimelige Atmosphäre hatte sich in etwas Erdrückendes gewandelt und wirkte wie in einem schrecklichen Albtraum. Dennoch konnte er draußen die Schreie der Verteidiger hören, die verzweifelt versuchten, sich zu koordinieren und alles in ihrer Macht stehende taten, um die Todesser und ihre monströsen Gefährten davon abzuhalten, ins Schloss vorzudringen. Bisher hielten sie sich erstaunlich gut. Unter ihnen hatte er Katie Bell, Angelina Johnson und Oliver Wood gesehen, allesamt ehemalige Schüler, die er selbst unterrichtet hatte. Die Todesser, die dennoch in das Schloss eingedrungen waren, waren nahezu alle umgekommen.

Der Gedanke ließ ihn frösteln und war sein Stichwort zum Aufbruch. Nicht jeder würde auf seine Anwesenheit so erfreut wie Minerva reagieren. Selbst Potters Verhalten ihm gegenüber war keine Selbstverständlichkeit gewesen, sondern ein schwer zu erklärender, langwieriger Findungsprozess zwischen zwei überaus komplizierten Menschen.

Humpelnd und mit zusammengebissenen Zähnen setzte er seinen Weg fort. So lange hatte er noch nie gebraucht, um das Schloss zu durchqueren. Doch solange er nicht wusste, wo sein Herr sich verborgen hatte, um über den Verlust seiner Horkruxe zu grämen, spielte sein eigenes Leid keine Rolle. Fest stand nur, dass er ihn finden musste.

xxx

Natürlich war Hermine nicht unvorbereitet aufgebrochen. Noch bevor sie sich schweren Herzens von Harrison verabschiedet hatte, hatte sie aus Harrys Zimmer die Karte des Rumtreibers und seinen Tarnumhang geholt. Offenbar war Harry in seiner Eile beides nicht wichtig genug erschienen, um sich damit aufzuhalten. Hermine jedoch hasste es, sich planlos in ein Abenteuer zu stürzen. Gewissenhaft schlüpfte sie unter den Umhang und bahnte sich mit Zauberstab und der Karte bewaffnet an dem zerbröselten Wasserspeier vorbei ihren Weg in den Korridor. Während weiter unten zweifelsohne die Hölle ausgebrochen war, wirkte hier oben alles wie ausgestorben. Entweder hatten die Todesser kein Interesse am Büro des Schulleiters oder, was wahrscheinlicher war, sie konzentrierten sich darauf, so viele Opfer wie möglich zu zerschlagen.

Durch ein Loch in der Außenmauer ragten vor Hermine dicke, gespenstisch geformte Gesteinsbrocken in die rabenschwarze Nacht empor, unter ihr ausgestreckt nichts als endlose Tiefe.

Langsam drückte sie sich an dem Rest eines Mauervorsprungs vorbei, aufgeschreckt von einem vorbei zischenden Lichtstrahl, der wiederum in einem Schwall dutzender Flüche unterging, ehe erneut Stille einkehrte, die dieselbe unheilvolle Dunkelheit wie zuvor mit sich brachte. Vorsichtig wagte Hermine einen Blick auf die Karte. Aber es war unmöglich, bei all dem Gewusel etwas zu erkennen. Enttäuscht steckte sie sie weg und setzte ihren Weg durch das Schloss fort. Irgendwo musste Severus ja stecken, es sei denn, er hatte längst das Schloss verlassen und Voldemort gefunden.

Als sie einen Korridor weiter unbemerkt zwei Eindringlinge aus dem Weg geräumt hatte, die blindlings an ihr vorbei gerannt waren, stieg sie die Treppe zum darunterliegenden Stockwerk hinab. Endlich sah sie eine vertraute Gestalt um die Ecke biegen und wagte es, sich zu erkennen zu geben und den schützenden Tarnumhang vom Kopf zu ziehen.

"Hi, Neville!"

Er starrte sie ungläubig an. Fast hätte er dabei die Töpfe voller Alraunen fallengelassen, die er auf den Armen balancierte. Erst im letzten Moment gelang es ihm, seine Fracht sicher an sich zu drücken.

"Was machst du denn hier? Ich hab vorhin Harry und Ron getroffen und die meinten, du würdest mit Griselkrätze im Bett liegen."

Hermine lächelte unbeholfen. "Das dachte ich auch", log sie schnell, um sich nicht zu verraten, "aber das war wohl ein Fehlalarm. Tja, sieht ganz danach aus, als wäre ich nicht ansteckend ... Also, hier bin ich!"

Neville lächelte freudig. "Schön, dich mal wieder zu sehen. Wo hast du nur die ganze Zeit über gesteckt? Die anderen wollten ja nichts sagen, also ..."

Hermine schüttelte den Kopf. "Weißt du, das ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für Erklärungen, Neville. Wir holen das ein Andermal nach, ja? Am besten, wenn das Schloss nicht gerade in Schutt und Asche gelegt wird ..."

"Sicher doch", sagte er enttäuscht, "vorausgesetzt, wir leben dann noch."

"Jaah, wie dem auch sei, Harry, Ron und ich, wir müssen eine Aufgabe erfüllen - was erledigen, du verstehst schon -"

"Ehrlich gesagt nein, aber egal. Ich sollte selbst weiter. Die hier", er deutete begeistert mit dem Blick auf die Töpfe, "sind für die Todesser, falls die es noch einmal wagen sollten, einen Fuß über die Türschwelle zu unserem Turm zu setzen. Peeves hat angeboten, sie eigenhändig auf jeden Eindringling zu werfen, der hier nichts zu suchen hat."

"Das ist ja klasse!", sagte Hermine mit vorgetäuschter Begeisterung.

Wie verzweifelt mussten die Verteidiger des Schlosses sein, so einem dämlichen Plan zuzustimmen?

"Ähm, du weißt nicht zufällig, wo Harry und Ron sind, oder?"

Er zuckte mit den Schultern. "Wir haben uns vor 'ner ganzen Weile aus den Augen verloren, tut mir leid."

Hermine seufzte. Das wäre ja auch zu einfach gewesen.

"Na, jedenfalls war es schön, dich wiederzusehen, Neville", gab sie schweren Herzens zurück. "Viel Glück mit den Alraunen. Pass auf dich auf, hörst du? Und, bevor ich es vergesse, wenn du Nagini siehst, du weißt schon, Voldemorts Schlange, sie muss unbedingt zerstört werden, aber Vorsicht, normale Zauber und Flüche wirken bei ihr nicht - wenn ich so darüber nachdenke, vielleicht gehst du ihr besser aus dem Weg ..."

Neville nickte eifrig und eilte davon.

Kopfschüttelnd sah Hermine ihm nach. Hoffentlich nahm das mit ihm mal ein gutes Ende. Wenn sie daran dachte, wie viel Unglück er in all den Jahren auf sich gezogen hatte, wurde sie ganz wehmütig bei der Vorstellung, ihn gehen zu lassen.

Zurück unter dem Tarnumhang ging es ganz gut voran. Niemand achtete auf sie und so hatte sie schon den ein oder anderen Vorteil auf ihrer Seite gehabt, der ihr ohne das gute Stück verwehrt geblieben wäre. Je weiter sie nach unten kam, desto lauter und furchterregender wurden die Geräusche der draußen auf dem Hof und darum herum tobenden Schlacht, deren Ausläufer sich fast bis in den verbotenen Wald erstreckten. Durch ein Fenster konnte Hermine in der Ferne die Reste des Quidditchfelds lichterloh in Flammen aufgehen sehen. Dann nahm ihr ein einäugiger Riese die Sicht, der mit einer mächtigen Keule um sich schlug, ehe Hagrids Halbbruder Gwarp todesmutig auf seinen Rücken sprang und ihn durch die Wucht des Aufpralls zu Boden riss.

Hermine schüttelte sich und fragte sich, wie lange der Spuk noch so weitergehen würde. Erschrocken über ihre eigene Entschlossenheit und Wut wurde ihr klar, dass sie ebenso rücksichtslos wie die gegnerische Seite vorgegangen war. Das Leben, ganz besonders die Ereignisse im letzten Jahr, hatte sie geprägt und ihr Handeln und Denken stark beeinflusst. Seit sie hier war, hatte sie alleine bereits mindestens drei Menschen mit dem Todesfluch belegt und fünf weitere so schwer verletzt, dass sie an den Folgen der Flüche zugrunde gegangen waren. Trotzdem war das, was hier in der Abgeschiedenheit vom Kern der Schlacht vor sich ging, nicht mit dem zu vergleichen, was die anderen Kämpfer durchmachen mussten.

Erschöpft von der Anspannung, die unablässig in ihr wallte, erreichte sie endlich die untere Ebene des Schlosses und zwang sich, die grausamen Bilder und Geräusche zu ignorieren, die sich vor ihr aufgetan hatten, als sie einen Blick in die Große Halle geworfen hatte. Ein Übelkeit erregender Geruch von Blut, Schweiß und Exkrementen stieg ihr in die Nase.

Eilig ging Hermine weiter, so gut die Umstände es zuließen. Sie wusste, dass, wenn sie verweilen würde, ihre ganze Mission scheitern würde. Ihre Aufgabe war es, Severus oder ihre Freunde zu finden, damit einer von ihnen die Schlange zerstören konnte. Außerdem wollte sie Harry beistehen, wenn er - nein. Kein Gedanke konnte das erfassen, was sie bei der Vorstellung empfand, einen der geliebten Menschen in ihrem Leben zu verlieren.

xxx

Am Eingang des Tunnels, der zur Heulenden Hütte führte, hielt Snape inne. Jedes Mal, wenn er hier gewesen war, war irgendetwas Schreckliches passiert. Und auch diesmal hatte er das Gefühl, dass dem so sein würde. Fast kam es ihm wie eine Ironie vor, dass Voldemort sich tatsächlich hier versteckt haben könnte, während um ihn herum die Schlacht ihre Opfer forderte.

Er holte Luft. Er war so manches, ein Feigling aber gewiss nicht.

In dem Moment, als er seinen Fuß voran setzen wollte, hörte er, wie jemand hinter ihm leise seinen Namen rief. Schnell wie der Wind wirbelte er herum, den Zauberstab bereit zum Gebrauch. Er konnte nichts erkennen, die Dunkelheit und die in der Ferne aufflackernden Lichtblitze nahm ihm jegliche Sicht. Dann tauchte wie aus dem Nichts eine rote Lockenmähne vor ihm auf und sofort war klar, was hier vor sich ging. Dennoch glaubte er beinahe, sein Herz würde aussetzen, als Hermine den Tarnumhang von den Schultern nahm.

"Was tust du hier?", fragte er mit belegter Stimme.

Sie machte einen Satz auf ihn zu und warf die Arme um seinen Hals.

"Ich wollte dich sehen", sagte sie mit Tränen in den Augen.

Natürlich war ihr nicht entgangen, dass er ziemlich angeschlagen war, wohingegen sie Dank des Tarnumhangs so glimpflich davongekommen war. Außer einem kleinen Kratzer am Arm hatte sie nichts abbekommen, was der Rede wert gewesen wäre.

Er schluckte. "Geht es dir gut?", fragte er dann, sie abschätzig und mit einer erhobenen Braue von oben herab betrachtend.

Hermine nickte. "Dumbledore hat angedeutet, Voldemort könnte in der Hütte sein. Es ist schrecklich, Severus! Du - du hattest doch nicht wirklich vor, allein -"

"Du solltest nicht hier sein", knurrte er ärgerlich und brachte sie auf Abstand zu sich. "Geh wieder zurück. Sofort."

Sie erstarrte. Das Gehabe des Lehrers kam denkbar ungelegen in einem Moment wie diesem, wo es um Leben und Tod ging.

"Das meinst du nicht ernst! Ich kann nicht zulassen, dass du dich ihm alleine stellen willst."

"Und ich kann nicht zulassen, dass dich jemand hier sieht", entgegnete er streng. "Du hast jetzt einen Sohn, um den du dich kümmern solltest."

"Genauso wie du", schoss sie trotzig zurück.

Snape zuckte wie von Schmerz durchzogen zusammen und Hermine senkte die Stimme.

"Was hast du überhaupt vor? Was willst du gegen ihn ausrichten, Severus?"

Er zog finster die Brauen zusammen. "Es gibt noch eine Möglichkeit, die Horkruxe zu zerstören. Wie haben sie bisher nur nie in Betracht gezogen, weil sie sehr ungewöhnlich und verdammt gefährlich ist."

Hermine schlang ihre Finger um die Knöpfe auf seiner Brust und lehnte den Kopf an seine Schulter. Es tat so gut, seine Nähe und die vertraute Wärme seines Körpers zu spüren, dass sie beinahe vergaß, mitten in der Kälte am Rande eines Schlachtfelds zu stehen.

"Ich hatte solche Angst um dich", sagte sie leise in die aufkommende Stille hinein.

"Ich weiß", gab er kaum hörbar zurück. "Trotzdem würde ich mich wohler fühlen, wenn du in Sicherheit wärst."

Sie seufzte. "Entweder wir gehen gemeinsam von hier weg oder gar nicht. Das ist mein letztes Wort, Severus."

Er wusste, dass sie nicht gehen würde, ohne mit ihm darüber zu streiten; und um ehrlich zu sein, fehlte ihm für jegliche Diskussionen der Nerv. Er war erschöpft von den letzten Zweikämpfen, die er sich auf dem Weg hierher mit Travers und Yaxley geliefert hatte. Obendrein hatte er mit bloßen Händen Greyback von Lavender Browns Körper gerissen und war dabei fast selbst von ihm angegriffen worden, hätte er dem Werwolf nicht im letzten Moment den Zauberstab in den Rachen gestopft und ihn von innen heraus zur Explosion gebracht.

Mit einem besorgten Ausdruck auf seinem ausgemergelten Gesicht musste er sich eingestehen, dass die Verletzungen, die er davongetragen hatte, langsam aber sicher an seinem Verstand und seiner körperlichen Konstitution gleichermaßen zu kratzen begannen; er war eben nicht mehr der Jüngste.

Gemeinsam brachen sie in den Tunnel auf, wobei Hermine dicht an seine Fersen geheftet hinter ihm herkroch. Sie war fest entschlossen, ihm nicht mehr von der Seite zu weichen, bis sie sicher sein konnte, dass er wohlbehalten mit ihr in den Grimmauldplatz zu Harrison zurückkehren würde.

xxx

"Meine Großzügigkeit hat dir erlaubt, Rache am Tode deines Sohnes zu nehmen, Lucius. Und dennoch hast du es nicht geschafft, dein Versagen mit der Prophezeiung wieder gut zu machen. Auch Potter ist noch immer nicht gefasst. Wieso sollte ich dir und Narcissa also einen Wunsch gewähren?"

"Mein Lord", setzte Lucius weinerlich an.

Schweiß perlte auf seinen Schläfen. Er hatte zweifelsohne Angst. Angst um sein klägliches Dasein, Angst vor der Schlange, die in ihrer schützenden Sphäre über ihm schwebte. Snape hingegen verspürte einen solchen Hass in sich, als er die beiden Männer beobachtete, dass er darüber hinaus fast sein Vorhaben vergaß.

"Wenn wir nur das Kind finden könnten ...", flehte der blonde Todesser.

"Schweig", unterbrach Voldemort ihn mit erhobener weißer Hand. "Denkst du, das Balg deines Sohnes interessiert mich?"

"Aber das Gesetz, mein Herr - war es denn nicht beabsichtigt, durch die Verbindung zwischen Granger und meinem Sohn starkes magisches Blut hervorzubringen? Wenn wir nur das Kind haben könnten, wir würden es für Euch wie unser eigenes großziehen."

Das war's. In Snape passierte etwas, das er sich selbst nicht erklären konnte - war es ein Instinkt, seine Familie zu beschützen, oder einfach nur Wut, es spielte keine Rolle. Fest stand nur, dass er seinen und Hermines Sohn niemals in die Hände dieser beiden widerwärtigen Kreaturen geben würde. Er packte fester denn je den Zauberstab und bewegte lautlos die Lippen. Dann - ein Zischen durchbrach die eigentümliche Stille, ein Fauchen -

"Feuer!", schrie Lucius und hechtete mit einem Satz zur Tür. Weg war er.

Auf Voldemorts Gesicht breitete sich blankes Entsetzen aus. Die gewaltige Zerstörungskraft des verfluchten Feuers, das wie aus dem Nichts aus dem Tunnelende hervorgeschossen kam, hatte ihn, den gerissenen und mächtigen Zauberer, so überrascht, dass er erst begriff, dass seine Schlange Ziel eines Angriffs geworden war, als sie schon längst verloren war. Glühend und ächzend verglomm ihr Leib zu Rauch und Asche, während erstickte Klagelaute aus Voldemorts Innerem hervor drangen, bis nichts mehr von ihr übrig war.

Seine Gestalt wankte. Etwas Unbegreifliches war geschehen. Nicht einmal sein stärkster magischer Schutz um Nagini hatte der Feuersbrunst etwas entgegenzusetzen gehabt. Endlich schien er zu verstehen; endlich schien ihm bewusst zu werden, dass er nur noch um Haaresbreite von der Sterblichkeit entfernt war. Verstört und außer sich schlug er blind vor Wut mit dem Zauberstab um sich und setzte auch noch den Rest der trostlosen Hütte in Brand. Doch es hatte keinen Zweck, hier zu verweilen. Die gewaltige Angst, zu versagen, nagte zu stark an seiner zerstückelten Seele. Es war ein Schmerz, wie er ihn noch nie zuvor gespürt hatte. Und so folgte er, unsägliche Qualen leidend, Lucius in einer Wolke aus schwarzem Rauch in den Verbotenen Wald.

Indes kroch Hermine auf der anderen Seite aus dem Tunnel, um den Ausgang zu sichern. Snape war hinter ihr und hielt den verzweifelten Zorn des Feuers in Fach, sich selbst Stück für Stück vom Ort des Geschehens zurückziehend, bis er es endlich wagte, die Flamme zu ersticken. Beide erreichten sie unbeschadet die Peitschende Weide und nutzten die Gelegenheit zur Flucht, die sie sich durch das Überraschungsmoment erkauft hatten. Glücklich, erleichtert und auch ein wenig ungläubig lagen sie sich in den Armen. Abgesehen davon, dass sein schmutziger Umhang etwas angesengt roch, schien er sich weiter nichts zugezogen zu haben.

"Das wird uns Harry nie glauben!", schnaufte Hermine außer Atem.

Er schüttelte den Kopf, beugte sich über sie und küsste sie hart auf den Mund. Dann forderte er sie umgehend auf, wieder den Tarnumhang überzuziehen. Sie hatten keine Zeit zu verlieren und mussten weiter.

xxx

"Harry!"

Harry wirbelte herum, den Zauberstab fest umklammert, jederzeit bereit zum Einsatz, wobei er aussah, als würden ihm die Augen aus dem Kopf fallen. Er war sich sicher gewesen, Hermines Stimme gehört zu haben, die nach ihm gerufen hatte. Als er aber Snapes Gestalt erblickte, der sich aus der Dunkelheit herauslöste und auf ihn zukam, glaubte er, etwas ging nicht mit rechten Dingen zu. Erst nachdem Hermine sich zu erkennen gegeben und den Tarnumhang abgenommen hatte, war klar, was sich hier abspielte.

"Den hab ich mir von dir geliehen", erklärte sie schnell. Und dann platzte sie drauflos: "Nagini ist tot. Severus hat sie mithilfe eines verfluchten Feuers zerstört. Es war unglaublich! Voldemort war so überrascht, dass er fast zusammengebrochen ist ..."

"Ja, das hab ich mitgekriegt. Ich habe seinen Zorn gespürt und gesehen, wie er in den Verbotenen Wald geflohen ist. Ich war gerade auf dem Weg zu ihm. Ron wollte mich bis zu Hagrids Hütte begleiten ..." Immer noch völlig entgeistert von ihrem Anblick schüttelte er den Kopf. "Hermine, was machst du nur hier? Du - du hast doch hoffentlich nicht Ginny mitgebracht?"

Hermine rollte mit den Augen. "Nein, wo denkst du hin!"

"Und Tonks?"

"Nein. Wieso guckst du so? Was ist hier los?"

Harry tauschte einen unbehaglichen Blick mit Ron.

"Es geht um Lupin. Wir haben gesehen, wie ... Er ist - er ist tot. Genauso wie Fred."

Hermine schlug die Hände vor den Mund und Snape straffte umgehend seine Haltung. Die unerwartete Nachricht, dass ein weiteres Mitglied der berüchtigten Rumtreiber gestorben war, ging auch an ihm nicht spurlos vorüber.

"Das ist ja furchtbar!", stieß Hermine fassungslos aus.

Tränen bildeten sich in ihren Augenwinkeln. Es war so unfair! Nach den anfänglichen Schwierigkeiten, die sie bezüglich Severus und der Schwangerschaft mit Remus gehabt hatte, war sie doch ganz gut mit ihm ausgekommen. Außerdem sollte er ja Vater werden ... Und Fred, der noch so jung gewesen war...

"Ja, das ist es", stimmte Harry betrübt zu.

Ron schluckte und bemühte sich, Fassung zu wahren. "Also, was werden wir jetzt tun?"

Harry zuckte mit den Schultern. "Na, was wohl? Ich werde es beenden. Ich werde zu ihm gehen und ..."

"Nein!", kreischte Hermine aufgebracht. "Das wirst du nicht!"

Harry machte einen Schritt auf sie zu und legte seine Hände beruhigend auf ihre Schultern.

"Es ist in Ordnung so, wirklich. Vielleicht muss ich gar nicht sterben, Hermine."

Er sah zu Snape, fast so, als würde er sich von ihm Bestätigung erhoffen, dass noch nicht alles verloren war und er und Ginny vielleicht doch ein glückliches, langes Leben haben könnten.

"Vielleicht, Potter", sagte der Professor steif.

"Siehst du?", setzte Harry an Hermine gewandt nach. "Ich muss das tun. Aber egal was auch geschieht, ich bin bereit, es zu akzeptieren. Von Anfang an sollte es so sein. Und sieh dir an, wie weit wir gekommen sind. Du hast jetzt ein Kind! Und wir haben alle zusammen gegen Voldemort gekämpft. Aber das muss ich einfach alleine tun."

Er ließ ohne länger zu zögern von ihr ab, reckte entschlossen und bereit das Kinn in die Höhe und ging fort.

xxx

Hermine hatte sich an Severus geklammert und sah Harry nach, bis die Dunkelheit ihn zur Gänze verschluckte.

Ron seufzte tief, doch keiner von ihnen sagte ein Wort. Überhaupt war es rund um sie herum mit einem Mal totenstill geworden, so als hätten schlagartig alle Kämpfe aufgehört. Die Erde bebte nicht mehr von den Schritten der Riesen und am Himmel waren keine vorbei zuckenden Lichtblitze mehr zu sehen. Die Welt stand still. Hatte Voldemort seine Streitkräfte zurück befohlen, weil er wusste, dass kein Weg mehr darum herumführte, gegen Harry allein zu kämpfen?

Gemeinsam mit Ron machten sie sich langsam auf den Weg zurück zum Schloss, wo bereits all seine Verteidiger auf dem Vorplatz versammelt waren. Auch hier sprach niemand ein Wort. Lediglich die Versorgung der Verwundeten stand jetzt im Vordergrund, während im Stillen jeder einzelne Kämpfer darauf hoffte, dass das Grauen ein für alle Mal ein Ende nahm.

Das Ausmaß der Zerstörung war gewaltig. Überall lagen zersprengte Mauerblöcke herum und eine dicke Schicht aus Schutt und Asche zierte den Platz. Helfer kamen mit Baren und schafften stumm vor Entsetzen tote Körper fort; vielleicht schien sich deshalb niemand für die drei Ankömmlinge zu interessieren, die aus der Dunkelheit zu ihnen traten. Alle hatten sie genug Gräueltaten gesehen. Sie wollten nur noch fort, um zu vergessen oder zu verdrängen. Zugleich bangten und hofften sie, dass Potter sie erlösen würde.

Neben dem großen Portal erkannte Ron seine Eltern und Brüder, sowie Fleur. Erleichtert, dass niemandem nach Freds Tod weiter etwas passiert war, stürzte er auf sie zu.

Hermine und Snape blieben derweil im Hintergrund und wurden kurz nach ihrer Ankunft einer nach dem anderen von Professor McGonagall in die Arme geschlossen. Dann blieb ihnen nur noch das Warten.

xxx

Jeder auf dem Platz konnte den Beginn des Kampfes hören. Und auf einmal wurde auch dem Letzten Zweifler bewusst, dass es so sein sollte: Harry war der Auserwählte, nur er konnte Voldemort besiegen.

Die ungezügelte Macht der beiden Zauberer entlud sich in einem gewaltigen Knall. Es folgten Lichtblitze, die über den Baumwipfeln des Verbotenen Waldes in den Himmel schossen. Aller Aufmerksamkeit richtete sich ausnahmslos auf das eigenartige Geschehen und eine ganze Weile lauschten so alle vor dem Schloss Versammelten gebannt dem Tosen und Brausen in der Ferne, ehe die Geräusche näherkamen. Ein gespenstisches Lachen, verstärkt durch einen magischen Zauber, gellte durch die Luft.

"Du kannst mich nicht töten, Potter!"

Nicht nur die Worte zu hören, tat weh, sondern auch die hohe Stimme an sich. Sie dröhnte geradezu schmerzhaft in den Ohren als wollte sie die Hoffnungen der Versammelten verspotten.

Ein ohrenbetäubender Knall folgte ihr und ein Mädchen auf der anderen Seite des Portals kreischte markerschütternd los. Unmittelbar darauf fiel es ohnmächtig zur Seite weg.

Hermine zögerte, sie wollte Severus auf keinen Fall verlassen, doch Molly Weasley war ohnehin schon zur Stelle.

Auf einmal sahen sie alle, wie das Spektakel am Himmel fortgesetzt wurde und Gestalt annahm. Voldemort und Harry flogen in Höchstgeschwindigkeit eng aneinandergefesselt in einer rauchigen Wolke durch die Luft und kamen schlitternd unweit voneinander auf dem von Menschen, Elfen, Zentauren und etlichen anderen Gestalten gesäumten Platz vor dem Schloss zum Liegen, sodass die Menge der Umstehenden wild auseinander stob. So fest sie konnte, klammerte Hermine sich an Snapes Arm, während er sie mit sich zog.

Voller Horror beobachtete sie dann, wie die beiden Kämpfer reglos und verkrümmt auf dem Boden liegen blieben. Jeder Körper für sich wirkte grotesk und nicht von dieser Welt. Etliche Sekunden zogen sich quälend dahin; fast wollte Hermine schon auf Harry zulaufen, Snape jedoch hielt sie mit aller Kraft zurück.

Sie sah ihn an, hilflos, das Gesicht voller Tränen. Was, wenn Harry tatsächlich nicht mehr aufstehen würde? Was, wenn Voldemort nicht tot wäre und an seiner statt Harry?

Leises Gemurmel durchzog die unheilvolle Stille. "Warum steht er nicht auf?", fragte irgendjemand und Hermine konnte nicht einmal ausmachen, ob damit Harry oder Voldemort gemeint war.

Sie wollte und konnte nicht länger hinsehen, konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ihr Freund sie und diese Welt verlassen hatte. Doch kaum dass sie ihren Kopf an Snapes Schulter gedrückt hatte, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen, wies er sie mit seiner Stimme an, hinzusehen.

Ängstlich blinzelte sie - da war etwas! Harry hatte sich bewegt.

Auch die anderen mussten es gesehen haben, denn auf einmal wurden Stimmen laut. Rufe gellten durch die Luft, die Harrys Namen in sich trugen. Die Menge begann zu toben, sie feuerten ihn an. Und mit jeder verstreichenden Sekunde wurden es mehr.

Erleichtert atmete Hermine auf. Ihre Hand, die immer noch um Severus' Arm geschlungen war, zitterte vor Anspannung. Erst jetzt realisierte sie, dass die Dunkelheit langsam vom ersten Licht des Tages durchbrochen wurde und einem kalten Novembermorgen Platz machen wollte.

"Ich hoffe, er ist okay", murmelte sie zu sich selbst, einem Stoßgebet gleich, das sie gen Himmel schickte.

Harrys Finger zogen sich fest um seinen Zauberstab zusammen, der noch immer in seiner Faust steckte. Er zog die Beine an, rappelte sich auf die Knie und reckte den Oberkörper in die Luft. Seine Wange war aufgeschürft und blutete und das zerwuschelte Haar klebte ihm am schweißnassen Kopf. Schwankend kam er zum Stehen, aber auch Voldemorts Körper reckte sich empor. Er richtete sich auf, seine nackten Füße gruben sich in den kalten Staub. Und so trat er Harry ein letztes Mal gegenüber: Jenseits des Schmerzes und aller Empfindungen angelangt, sterblich, wie jeder andere auch.

Harry riss er den Zauberstab hoch und Voldemort den seinen. Funken stoben aus ihren Enden, grelle Lichter trafen aufeinander. Unbeirrbar witterte Harry seine Chance, Hermine wusste es, sie kannte ihn und seine Entschlossenheit.

Und dann geschah es. Als wäre es das einfachste überhaupt, brachte Harry seinen Widersacher zu Fall. Voldemorts Wut, so groß sie auch sein mochte, reichte nicht aus, den Willen des jungen Zauberers zu brechen, der sich ihm unnachgiebig entgegenstellte. Er wollte Leben. Hermine fühlte den Drang ihres Freundes, den auch sie selbst gespürt hatte, als sie ihre Entscheidung getroffen hatte, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Die Gestalt Voldemorts barst auseinander und verglomm in der Hitze des Gefechts zu Staub. Ein aufkommender Windstoß fegte ihn beiseite, bis nichts mehr von dem Tyrannen übrig war. Sein eigener Wahn, seine Seele zu schänden, um damit Unsterblichkeit zu erlangen, hatte ihn einen hohen Preis gekostet.

Hermine fühlte, wie eine einzelne Träne über ihre Wange lief. Trauer, Erleichterung und Stolz durchströmten sie gleichermaßen. Sie war hier mit allen vereint, wurde Zeuge des großen Tages, an dem Voldemorts Herrschaft endlich gefallen war.

In der aufkommenden Stille löste sich eine Gestalt aus der Menge. Gezeichnet vom Kampf und vom Verlust ihres Herrn trat Bellatrix Lestrange auf den Platz. Ihr ganzer Körper bebte vor Zorn.

Ungläubig stand sie da. „Ihr Feiglinge! Warum kämpft denn niemand mehr?"

Hermine erstarrte. Es war vorbei – oder der etwa nicht? Sie konnte spüren, dass Snape hart schluckte. Er hatte noch die ein oder andere Rechnung mit der Hexe zu begleichen, da trat auch Lucius in die Mitte, den Blick voller Gram zu Boden gesenkt, sodass Hermine nicht viel erkennen konnte.

„Potter hat meinen Sohn getötet", spuckte er aus. „Meine Frau starb heut Nacht."

Er wandte sich zur Seite und sah in ihre Richtung, genauer noch zu Snape.

„Ich wusste, dass du etwas zu verbergen hast, Severus", sagte er sodann. „Und jetzt stehst du hier, umgeben von Schlammblütern und Blutsverrätern."

Hermine spürte einen Stich. Sie war so daran gewöhnt, in Snapes Nähe zu sein, dass sie gar nicht weiter darauf geachtet hatte, dass sie es nicht sein sollte...

„Beim Angriff auf den Fuchsbau hab ich dich gesehen", fuhr Lucius fort und Bella horchte auf. „Du hättest diesen Jungen töten können und hast es nicht getan. Aber der andere Fluch, der hätte sitzen müssen! Doch du – du hast gezögert. Wenn Moody nicht versucht hätte, deinen Fehler abzuwenden, indem er auf dich gefeuert hat …"

Snape hatte genug und löste sich mit einem Ruck von Hermine los. Den Zauberstab drohend erhoben, trat er einige Schritte vor. Er hatte genug davon, sich Vorwürfe anzuhören und genug davon, eine Lüge nach der anderen zu leben.

„Du nennst sie Schlammblüter und Blutsverräter?", fragte er in einem leisen Knurren. „Lucius, hast du dir je Gedanken darüber gemacht, wo ich herkomme? Oder gar, wo Tom Riddle herkam? Hast du auch nur einmal die Augen aufgemacht in all den Jahren, die du an seiner Seite warst?"

„Mein Sohn, Severus! Er ist tot und du wagst es, über die Herkunft unseres Herrn zu reden?"

Snape rollte die Mundwinkel zurück. „Deine Reden vom reinen Blut haben Draco auf dem Gewissen, niemand sonst."

Auf dem Gesicht des blonden Todessers, der ohnehin schon jeglichen Stolz verloren hatte, tauchte eine graue Farbe auf. „Was hast du mit dieser Granger zu schaffen, dass sie an dir klammert wie an einem Retter? Hast du sie vor uns versteckt? Weißt du, wo das Kind ist, das sie in sich trug?"

„Ja, du elender Verräter, gib uns das Kind!", gackerte Bella los. „Es gehört uns!"

Panisch riss Hermine die Augen auf. Doch sie war mit ihrer inneren Aufruhr nicht allein. Bis zuletzt war es verhältnismäßig ruhig gewesen, jetzt aber erfüllte leises Gemurmel den Platz. Zugleich stellte sich wild entschlossen Professor McGonagall vor Hermine. Auch Harry und die Weasleys kamen zu ihr herüber.

Snape verzog die Mundwinkel zu einem unschönen Grinsen. „Das werde ich nicht, denn ihr habt kein Anrecht darauf", sagte er ruhig.

Lucius starrte ihn entgeistert an. „Aber … Wie kannst du nur? Wir haben dich immer in unserem Haus Willkommen geheißen! Es – es ist Dracos Kind", jammerte er weinerlich.

„Nein", entgegnete Harry vollkommen unvermittelt. „Ist es nicht."

Alle sahen ihn an.

„Wessen Kind ist es dann?", rief jemand vom anderen Ende des Platzes herüber, den sie nicht ausmachen konnten.

„Es ist das Kind von Hermine Granger und Professor Snape", sagte Harry, wild entschlossen, dem Spuk heute ein für alle Mal ein Ende zu setzen. „Und jeder, der es haben will, muss an mir vorbei."

Ein entsetztes Raunen ging durch die Menge und Hermine wusste nicht, ob sie erleichtert sein sollte oder lieber in Tränen ausbrechen wollte. Dass sie sich für Snape entschieden hatte, daran gab es keine Zweifel. Mit Sicherheit aber würde die Offenbarung für gehörigen Wirbel sorgen.

Als hätte sie geahnt, dass gleich etwas passieren würde, sah sie Bellatrix Lestrange mit einem silbernen Gegenstand in der Hand spielen, die Augen funkelnd auf Snape gerichtet. Hermine konnte nicht einmal erkennen, was es war - es handelte sich nicht um einen Zauberstab, soviel stand fest. Doch dass es nichts Gutes sein würde, war keine Frage.

Schon machte die Hexe eine schnelle Bewegung und schleuderte den Gegenstand aus der Hand. Ungebremst sauste er inmitten des Tumults nahezu unbemerkt durch die Luft und fand sein Ziel.

Hermine wusste nicht, was sie tat, sie tat es einfach. Sie stürzte an ihren Freunden vorbei auf Severus zu und riss ihn herum - ein stechender Schmerz ließ sie zusammenzucken. Jemand feuerte einen Fluch ab, ein weiterer folgte.

Aus den Augenwinkeln erhaschte sie einen Blick auf die leblosen Gestalten der beiden Todesser, die nebeneinander auf dem kalten Boden lagen. Doch irgendetwas mit ihr stimmte nicht. Es raubte ihr die Sinne … Irgendetwas steckte in ihrem Rücken fest. Es war hart und brannte. Blut sickerte durch eine klaffende Wunde aus ihrem Körper. Dann fühlte sie Hände, die sie auffingen; Hände, die ihr so vertraut waren wie nichts anderes.

„Nein", sagte er schlicht, die Stimme zutiefst verletzt und gebrochen. „NEIN!"

Gott, wie sie diese Stimme liebte!

Snape ging auf die Knie. Er hatte viele Menschen sterben sehen und wusste, dass es keine Zurück mehr gab. Die Last, die er all die Jahre auf sich getragen hatte, war wie ein Fluch. Es war seine Bürde, jemanden, der zu ihm stand, zu finden und ihn wieder zu verlieren.

Hermines Augen suchten die seinen und fanden sie. Ihre Finger gruben sich um die Knöpfe auf seiner Brust. Sie zitterten, aber das spielte keine Rolle. Er war hier und hielt sie in seinen Armen.

„Ich liebe dich, Severus", formte sie mit den Lippen, einem leisen Flüstern gleich. „Vergiss nie, wie sehr ich dich liebe."

Sein oft unleserliches Gesicht, an das sie sich so sehr gewöhnt hatte, war nunmehr eine einzige schmerzverzerrte Grimasse. Die langen Strähnen hingen ihm wie zwei Vorhänge an den Seiten herab und hielten nichts in ihrer Mitte zurück. Sie ließen unweigerlich erkennen, dass er nicht wahrhaben wollte, was hier geschah. Vielleicht wollte er es verbergen, konnte es aber nicht. Nicht mehr. Sie hatte ihn an sich gefesselt, hatte ihn schwach werden lassen.

Snape hob sie an sich und beugte sich über sie. Verzweifelt drückte er seine Lippen auf ihre Stirn, ihre Nase, ihren Mund.

„Und ich liebe dich", sagte er dann, ehe er ihr wieder in die Augen sah.

Ein schwaches, kaum merkliches Lächeln legte sich über ihr Gesicht. Dann wurde alles still.

xxx

Da stand er, wie immer in Schwarz gehüllt, an ihrem Grab. Fast erschien es ihm, als hätte sich in all den Jahren nichts geändert, obwohl er wusste, dass das eine Lüge war. Er hatte mehr als genug Gründe, das Leben zu verachten. Immer wieder war er den Morgen, der auf die Schlacht gefolgt war, in seinen Gedanken durchgegangen. Und jedes Mal war er zu demselben Ergebnis gekommen: Er hätte sterben sollen, nicht sie.

Seit der Krieg vorüber war, hatte er keinen Fuß mehr nach Hogwarts gesetzt. Stattdessen hatte er mit Harrison ein Haus am Rande einer Muggelstadt bezogen. Das Gold, das ihm das Ministerium für seine Verdienste ausbezahlt hatte, reichte gut genug, um damit über die Runden zu kommen. Außerdem hatten einige Vertreter des Ordens für ihn gesprochen und durchgesetzt, dass er eine Rente bekam, um etwas für Harrisons Zukunft auf die Seite zu legen.

Snape seufzte. Die Sonne auf seinem bleichen Gesicht war mild und wohltuend. Trotzdem fröstelte er bei dem Gedanken daran, dass sein Sohn heute zum ersten Mal nach Hogwarts gefahren war. Nun war er endgültig allein. Doch es spielte keine Rolle, solange er wusste, dass Harrison nach seiner Mutter kam und nicht nach ihm. Und das war er voll und ganz. Seine Neugierde, sein Hang dazu, irgendwo herumzuschnüffeln … Hoffentlich ging das mal gut. Er hatte keine Lust darauf, bei Minerva antanzen zu müssen, was sie sich zweifelsohne nicht nehmen lassen würde.

Wehmütig dachte er an den Abschied. Zugegeben, es war nicht leicht gewesen, ihn zum Zug zu bringen. Einige Menschen am Bahnsteig hatten mit Zurückhaltung auf seine allseits bekannte Erscheinung reagiert, andere mit einem Kopfnicken gegrüßt, wieder andere hinter vorgehaltener Hand Hermines Namen geflüstert. Im Grunde genommen aber war ihm gleich, was sie von ihm hielten. Er würde sie ohnehin nie wiedersehen.

Nachdem er den Friedhof verlassen hatte, ging er ein Stück zu Fuß, ehe er direkt nach Hause apparierte. Wenn ihn sein Gefühl nicht täuschte, würden bald Hermines Eltern vor der Tür stehen, um ihm einen Besuch abzustatten und sich zu erkundigen, wie es denn gelaufen war.

Er grinste gequält in sich hinein. Wäre Harrison nicht gewesen, hätte er sich nicht darum geschert, was aus ihnen geworden war, so jedoch hatte er sich schweren Herzens dazu überwunden, sie ausfindig zu machen. Seither kamen sie mehr oder weniger regelmäßig vorbei, um sich mit ihnen auszutauschen.

Im Wohnzimmer angelangt legte er die Briefe von Potter und den Weasleys beiseite, die zweifelsohne zum großen Tag des Jungen gratulieren wollten und warf mit hochgezogener Braue einen kritischen Blick auf das Sofa, auf dem es sich ein orangerotes Fellknäuel gemütlich gemacht hatte.

„Mach nicht so ein Gesicht. Er ist weg."

Träge setzte er sich neben den alten Kater und kraulte ihm die Ohren. Warum das Tier sich geweigert hatte, bei Hermines Eltern leben zu wollen, konnte er nur erahnen. Ihre Gedächtnisse auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen, war nicht ganz einfach gewesen. Dafür schien der Kater seine wahre Freude an Harrison gefunden zu haben.

„Ja, weg. Und wir sind wieder allein."