Später an diesem Tag, etwa um die Mittagszeit sitzen sechs Kinder um einen ausrangierten Kinosessel herum. Der Stuhl wurde seiner Lehne entledigt und eine Flickendecke liegt über dem roten Samtstoff. Wespe hat sie aus Kleidern aus der Altkleidersammlung zusammengenäht. Der Stuhl dient den Kindern als Tisch. Nur ein einziger Teller steht darauf, mit dampfenden Frikadellen. Daneben ein Baguette.
Mosca und Prosper kauen eher unbeteiligt auf ihren Frikadellen herum, während Riccio dem fremden Mädchen, das sich so selbstverständlich zu ihnen gesetzt hat, immer wieder neugierige Blicke zuwirft. Doch sein Verhalten ist nichts gegen Bo's.
Der fünfjährige hat es sich auf Wespe's Schoß bequem gemacht und von derselben ein Sandwich, aus Frikadellen und Baguettescheiben in die Hand gedrückt bekommen, das er allerdings bisher keines Blickes gewürdigt hat. Mit weit geöffneten Mund starrt er das Mädchen, mit den glänzend schwarzen Haaren an, die sich heute Morgen selbst auf den Namen Nixe getauft hatte. Nun grinst Nixe ihn an und zeigt auf sein Brot.
„Hast du keinen Hunger, kleiner Troll?"
Bo beißt hastig in sein belegtes Brot, verschluckt sich prompt und fängt an zu husten, so das kleine Frikadellen Stückchen Wespes Rocksaum übersähen.
„Bo!", fährt Wespe ihn an und hebt den Jungen entschlossen von ihrem Schoß.
„Jetzt wird ordentlich gegessen, verstanden? Nicht wie ein Troll!", mit diesen Worten wirft sie der Fremden einen grimmigen Blick zu. Errötend sieht Nixe zu Boden.
„Tut mir leid.", sagt sie leise.
„War ja nicht deine Schuld!", mischt Prosper sich jetzt ein und wirft seinerseits Wespe einen verklärten Blick zu. „Genau!", sagt Bo und streckt Wespe die Zunge heraus. Vertraulich wendet er sich an Nixe und Wespe den Rücken zu. Wespes Züge verdunkeln sich. Mit einem barschen. „Ich geh abwaschen!", drückt sie Riccio die letzte Frikadelle in die Hand und verschwindet mit dem leeren Teller. Die Jungs sehen ihr fassungslos hinterher.
„Was hat sie denn?", Riccio blickt fragend auf die Tür, die nun hinter Wespes Rücken zugeschlagen wird. „Ist sie jetzt böse auf mich?" Bo's Stimme wackelt ein Bisschen, aber sein großer Bruder legt rasch einen Arm um die schmalen Schultern.
„Bestimmt nicht!", sagt Prosper rasch.
„Sie ist sicher nur müde, weil wir gestern so lange auf waren.", schlägt Mosca vor und kratzt sich am Kopf. Hinter der Stirn des Jungen steht ebensoviel Ratlosigkeit, wie in Bo's kleinem Kopf und an Prosper und Riccio's Gesichtern erkennt Mosca, das es ihnen nicht anders geht.
Nixe hat während der ganzen Zeit nichts gesagt. Jetzt erhebt sie schüchtern die Stimme.
„Dieser Junge, der mich gefunden hat-", sie stockt.
„Scipio!", sagt Riccio, erfreut endlich etwas zum Gespräch hinzufügen zu können.
„Er ist unser Anführer!", kräht Bo und augenblicklich ist alle Sorge von dem kleinen Gesicht weggewischt. „Er ist stark und mutig und weißt du was noch?", er windet sich aus dem Arm seines Bruders und kommt auf Nixe zu gekrabbelt.
Im Flüsterton sagt er: „Er ist der Herr der D-"
In Sekundenschnelle ist Prosper bei Bo und hält ihm die Hand vor den Mund. Mit einiger Anstrengung zerrt er den zappelnden Jungen von Nixe weg und platziert ihn sicher zwischen sich und Mosca. „Wespe hatte recht! Iss ordentlich, Bo!", Prosper hofft inständig, das Nixe nicht bemerkt, das Bo längst seine Frikadelle gegessen hat. Es entgeht ihr nicht.
Mit fragender Miene wendet sie sich an den blonden Jungen: „Der Herr der was?"
Bevor Bo antworten kann, hat dieses mal Mosca reagiert und dem Kleinen sein eigenes Brot in den Mund geschoben. „Hast doch bestimmt noch Hunger, Kleiner, oder?", zischt er Bo zu und zieht die Augenbrauen hoch. Endlich scheint der Junge zu verstehen und schlägt sich nun selbst die Hand vor den Mund.
„Er meinte –Scipio ist der Herr der –ehm – der Herr der", Prosper blickt Hilfe suchend zu Riccio und Mosca, aber die zucken nur ratlos die Schultern.
„Der Herr der Stunde, meint ihr sicher?", ertönt da eine den Kindern wohlbekannte Stimme.
Fünf Köpfe fahren herum und nicht nur Prosper steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. „Scip!", Bo ist gleich bei ihm, natürlich. Eine Steilfalte schlägt sich auf Prospers Stirn, wie so oft wenn sein kleiner Bruder ihren Anführer anhimmelt. Im Hintergrund erscheint Wespe, bleibt aber im Türrahmen stehen.
„Schon wieder da, Scip?", murmelt sie laut genug, das alle im Raum es hören können. Prosper und Mosca tauschen wissende Blicke aus. Der Herr der Diebe zeigt sich selten an zwei Tagen hintereinander und nie bevor es dunkel wird. Etwas muss passiert sein, nur was? Der schwarzhaarige Junge sieht weder wütend, noch traurig aus. Gut gelaunt wendet er sich an Nixe: „Wie geht es unserem Neuankömmling?"
„Gut, danke Lebensretter.", Nixe bringt ein Lächeln zustande.
„Lebensretter." macht Wespe spöttisch, dieses mal so leise, das niemand außer ihr es hört. Und niemand sieht sie durch die halbgeöffnete Tür verschwinden.
Niemand außer Prosper.
