„Wespe?", Prosper rennt durch die schwüle Mittagshitze Venedigs, am Kanal entlang. Es dauert nicht lange, bis er das Mädchen entdeckt hat.

Wespe sitzt mit verschränkten Beinen auf einem brüchigen Steg und kratzt mit dem Fingernagel Muster in das, vom Wasser aufgeweichte, Holz. Sie blickt nicht auf, als Prosper sie anspricht. Auch nicht als er sich neben ihr niederlässt. Sie hebt nur kurz den Zeigefinger, wie zum Gruß.

„Was hast du?", fragt Prosper leise. Wespe schweigt. Erst als der Junge zaghaft ihre Hand berührt blickt sie endlich auf. Schweigend blicken sie sich an. Prosper sieht keine Tränenspuren in Wespes Gesicht, stattdessen etwas, das er noch nie in dem Gesicht des Mädchens gesehen hat: Unsicherheit.

Tief holt sie Luft: „Weißt du noch, alsScipio Bo versprochen hat später den zweit größten Räuber Venedigs aus ihm zu machen?"

Prospers Stirn schlägt Falten. „Der erstgrößte wollte er selbst bleiben, aber Bo wäre seine linke Hand.", sagt er grimmig. „Drei Tage hat Bo von nichts anderem gesprochen."

Wespe nickt. „Weißt du noch, wie sich das angefühlt hat?"

„Keine Ahnung.", Prosper zuckt mit den Schultern. „Schrecklich. So als möge er Scipio lieber, als mich. Er betet ihn ja quasi an. Manchmal habe ich sogar gedacht, ich sollte selbst stehlen gehen, damit Bo auch in mir einen Held sieht." Er schüttelt nachdenklich den Kopf.

„Siehst du.", sagt Wespe traurig. „Und genau so fühle ich mich gerade."

Überrascht blickt Prosper sie an. Es dauert einen Moment, bis der Junge ihre Gedanken nachempfinden kann. Dann nickt er langsam, verständnisvoll.

„Aber sie ist doch gerade erst –ich meine- sie ist gestern erst gekommen."

„Und schon frisst Riccio ihr aus der Hand, Scip himmelt sie an, Bo sitzt auf ihrem Schoß und du –du hast sie auch noch verteidigt!", beleidigt verkreuzt Wespe die Arme vor dem Bauch und blickt ins Wasser. Prosper ist sprachlos. Er weiß nicht wo er hingucken soll, oder was tun. „Ich wollte doch nicht, das du sauer bist!", versucht er sich zu verteidigen. „Und Bo saß nicht auf ihrem Schoß!" Prosper merkt selbst, wie jämmerlich diese Rechtfertigung wirken muss.

Wespe hat angefangen kleine Steinchen ins Wasser zu schmeißen.

„Nixe.", murmelt sie. „Genau das, was Bo sich immer gewünscht hat! Das wovon du immer geschwärmt hast, Prop!", sie sieht ihn nicht an und Prosper weiß warum. Ein feines, kaum merkbares Rinnsal läuft schräg über die Wange des Mädchens und glitzert im Licht der Mittagssonne kurz auf. „Du weißt das Bo dich sehr lieb hat, Wespe! Riccio auch und – überhaupt wir brauchen dich!"

„Jetzt nicht mehr.", schnieft Wespe trotzig. „Sie ist ja jetzt da. Eine Frau im Haus reicht. –Hat Scipio mal gesagt, weißt du nicht mehr? Damals, als ich ihm aus Versehen Farbe auf den Mantel gekleckert habe."

Unwillkürlich muss Prosper grinsen. „Aus Versehen? Du hast den Pinsel auf ihn fallen lassen, weil er sich geweigert hat Bootstreichen zu helfen!", er streichelt Wespe zaghaft über die Schulter. Auch sie muss nun grinsen. „Ichs sag's ja. Er hasst mich!", versucht sie es dennoch.

Prosper sieht sie mit hochgezogener Braue an. „Scipio hasst niemanden von uns.", sagt er bestimmt. „Ganz besonders nicht seine einzige Köchin und Schneiderin!", er lächelt Wespe an. „Wie wär's, gehen wir zurück zu den anderen?"

Wespe schüttelt den Kopf, aber als Prosper sie ängstlich anblickt lächelt auch sie.

„Keine Angst ich komm ja mit. Ich will nur noch ein bisschen die Sonnenküsse genießen.", sagt sie und legt sich auf den Rücken. Prosper atmet erleichtert aus und streckt sich neben ihr aus. „Bo würde dich nämlich sehr vermissen, Wespe.", sagt er und schaut in den Himmel. „Und ich noch viel mehr.", fügt er leise hinzu. Und Wespe lächelt wieder.