Teil 6


Mit Sauerstoffmaske und Tank ausgerüstet begab sich Jack in das versmogte London des Jahres 2132. Ob die Engländer wissen, dass es zu all dem nur kam, weil sie dachten, sie wären alleine besser dran? Im Lauf des 21. Jahrhunderts war Großbritannien zunehmend isolationistisch geworden, war in einzelne Staaten zerbrochen, was aber letztlich auch nichts gebracht hatte, und schließlich war England nicht mehr in der Lage gewesen der eigenen katastrophalen Wirtschafts- und Umweltlage alleine Herr zu werden, und das Resultat lag nun vor Jack – ein London, in dem man nicht mehr ohne Sauerstoffflasche aus dem Haus gehen konnte.

Jack erster Weg führte ihn zu dem Ort, an dem die meisten der Kaufbelege ausgestellt worden waren. Es handelte sich scheinbar um eine Filiale einer bekannten Elektrokette, doch Jack konnte schon von außen erkennen, dass das offenbar nur Tarnung war. Das Logo sah nicht ganz korrekt aus, und Jack erkannte neben der Eingangstüre des Geschäfts eine Anmerkung in einer alten Gaunersprache der Erde, die darauf hinwies, dass man hier illegale Ware erwerben konnte. Offenbar handelte es sich in Wahrheit um einen Umschlagplatz des Schwarzmarktes.

Jack klopfte an der geschlossenen nur von innen zu öffnenden Türe (automatisch öffnende Türen waren wegen des Smog-Problems schon vor längerer Zeit aus der Mode gekommen). „Passwort?", schnarrte eine Stimme aus dem Inneren des Geschäftes.

„Ich habe Geld", erwiderte Jack.

„Zeig her!" Ein Augenschlitz öffnete sich im oberen Bereich der Türe und zornige braune Augen blickten durch einen Glasstreifen hinaus. Jack wedelte mit einer Pfundnote vor den Augen herum. „Das tut's auch", meinte die Stimme, und dann war Klimpern zu hören und die Türe wurde geöffnet. Jack betrat einen gefilterten Vorraum. Der Besitzer der braunen Augen hatte sich einen Sauerstoffspender in den Mund gesteckt und winkte Jack in den hinteren Bereich seines Ladens hinein, der durch eine zusätzliche Absperrung gesichert war.

Jack durchquerte die Absperrung und sah zu wie der Besitzer des Ladens hinter ihm verriegelte. Endlich konnten sie wieder frei atmen und befreiten sich von ihren Atemhilfen.

„Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein", meinte der Ladenbesitzer, bei dem es sich um einen dunkelhaarigen Mann undefinierbaren Alters handelte, „Was kann ich für dich tun?"

Jack schenkte ihm ein unverbindliches Lächeln. „Es geht mir vor allem um Informationen", räumte er ein und zog einen beliebigen Kaufbeleg der Zeitterroristen aus seiner Hosentasche, „Das hier wurde doch bei dir erworben, oder irre ich mich da?"

Der andere Mann warf einen flüchtigen Blick auf den Beleg. „Ja, das stimmt. Allerdings gehört es nicht zu meinen Angewohnheiten Informationen über meine Kunden herauszugeben", meinte er leichthin, „Wenn du nur deswegen hier bist, dann kannst du gleich wieder aufbrechen."

Jack hielt ihm einige Pfundnoten unter die Nase. „Natürlich würde ich für diese Infos bezahlen", versicherte er, „Auf diese oder …" Er betrachte seinen Gegenüber eingehender und schenkte ihm ein anzügliches Grinsen. „… eine andere Art, die dir zusagt."

Der Mann errötete ein wenig. „Man kann viel über mich sagen, aber nicht, dass ich käuflich bin", stellte er schnell richtig, „Meine Kunden können mir vertrauen."

„Oh, da bin ich mir sicher. Auch wenn das Zeug, das du ihnen andrehst, von minderer Qualität ist und schon mal explodieren kann", gab Jack unbeeindruckt zurück. Dieser Kerl war nicht nur gutaussehenden, sondern auch sympathisch, Jack würde ihn ungerne anschießen, aber es war offensichtlich, dass er mit den Zeitterroristen um Bunde war, wenn er auch nicht so wirkte, als ob er selbst einer wäre.

„Hey, ich tue was ich kann. Was bei dieser Wirtschaftslage gar nicht so leicht ist. Meine Kunden haben sich noch nie bei mir beschwert!", verteidigte sich der Schwarzmarkthändler, „Wenn etwas explodiert, dann nicht wegen der Qualität meiner Teile, sondern deswegen weil die Gebrauchsanweisung nicht beachtet wurde!"

Ja, das klang ganz nach dieser Zelle Zeitterroristen, mit der es Jack gerade noch zu tun gehabt hatte. Gebrauchsanleitungen waren nicht ganz deren Kragenweite gewesen, wenn man bedachte, dass sie beinahe größere Teile des Raum- und Zeitkontinuums zerstört hätten.

Jack zerrte einen anderen Kaufbeleg aus seiner Tasche. „Was ist mit diesem Zeug hier? Das stammt wohl kaum von dir." Der Mann warf einen kurzen Blick darauf. „Selbst wenn ich so ein Zeug hätte, würde ich es nicht wagen solche Preise dafür zu verrechnen. Vermutlich ist dieses Zeug Schuld an deiner Explosion", meinte er.

„Ja, das dachte ich mir schon fast", gab Jack zu, „Und dabei ist das noch der Freundschaftspreis. Aber das sind wirklich skrupellose Leute. Die haben zuerst bei dir eingekauft und dann alles in ihr eigenes wertloses Zeug eingebaut teuer verschachert. Und damit Menschenleben in Gefahr gebracht. Und genau das tun sie jetzt wieder. Bist du sicher, dass du mir nicht doch helfen kannst? Diese Leute gehören wirklich weg vom freien Markt…" Er warf dem anderen Mann einen bittenden Blick zu. Der wirkte bereits ziemlich weichgekocht. „Vielleicht kann ich dir eine Adresse nennen", meinte er dann zögerlich, „Sag aber niemanden, dass du die von mir hast. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren."

Jack bedachte ihn mit einem dankbaren Lächeln. Das klang doch schon viel besser.


Die Adresse, die er vom Schwarzmarkthändler bekommen hatte, lag in einem einst sehr belebten und in dieser Zeitperiode nun sehr heruntergekommenen Teil Londons. Jack war sich ziemlich sicher, dass er hier auf die andere Zelle der Zeitterroristen stoßen würde, also hielt er seine Laserpistole bereit – nur für alle Fälle.

Das Gebäude wirkte von außen wie ein leer stehender Wohnungskomplex, doch Jack wusste es besser. Es gab eine Haupteingangstüre, die natürlich von innen verriegelt worden war, und die alten Briefkästen neben dieser Türe waren schon seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden, doch die Klingel wirkte so als wäre sie noch in Betrieb. Sollte er sich ankündigen? Nein, er wollte lieber unauffällig bleiben, bis er wusste, womit er es genau zu tun hatte.

Jack schoss also das Schloss der Türe auf und ließ sich dann selbst in den Vorraum ein. Vor der Barriere, die zum Rest des Gebäudes führte, blieb er stehen und musterte sie kurz nachdenklich. Eine Codeeingabe war erforderlich um aus der Entkontaminierungszone weiter ins Gebäude vordringen zu können. Die meisten Zeitterroristen benutzten einen universellen Code, der dazu dienen sollte Mitglieder anderer Zellen zu erkennen. Natürlich kannte die Zeitagentur diesen Code schon lange. Jack zögerte nur kurz, bevor er ihn eintippe. Tatsächlich öffneten sich die Türen für ihn, und er wurde eingelassen. Er schloss die Zwischentüre hinter sich und scannte schnell den Rest des Gebäudes. Hier gab es nicht einmal ein schützendes Kraftfeld. Sehr nachlässig. Diese Zelle war vielleicht halsabschneiderisch, aber nicht viel professioneller als die Zelle mit der Bombe.

Jack befreite sich von der Sauerstoffmaske und nahm dann wieder seine Laserpistole in die Hand, während er langsam damit begann die leer stehenden Wohnungen im Erdgeschoss zu durchsuchen. Nachdem diese Suche keinen großen Erfolg gehabt hatte, nahm er sich den ersten Stock vor.

„Bruder, bist du gekommen um dich uns anzuschließen?", wurde er dort grinsend von einem rothaarigen Mann begrüßt. Jack hielt ihm seine Pistole unter die Nase. „Nicht ganz. Wo sind eure Geiseln?", wollte er wissen. Der Rothaarige hörte aus zu Grinsen. „Bist du etwa von der Zeitagentur?", empörte er sich entsetzt. „Nicht mehr, aber ihr habe ein paar Freunde von mir entführt, also rechne nicht damit, dass ich nachsichtig zu euch bin!", gab Jack streng zurück, „Und jetzt: Rede!"

„Okay, okay", versuchte der Rothaarige ihn zu beschwichtigen, „Ich rede ja schon. Hörst du wie ich rede? Wir haben ein paar Geiseln hier im zweiten Stock. Und wir hatten etwas Großes mit ihnen geplant. Aber du kannst gerne nachsehen, ob deine Freunde zu ihnen gehören, und sie dann mitnehmen, wenn du wieder abhaust. Was hältst du davon?"

Jack schnaubte. Er hielt nicht besonders viel davon. „Führ mich zu diesen angeblichen Geiseln!", verlangter er und machte mit seiner Waffe eine eindeutige Bewegung, „Nur zu. Geh voraus."

Der Zeitterrorist führte ihn tatsächlich in den nächsten Stock. Den ganzen Weg über hielt Jack nach anderen Terroristen Ausschau, aber es tauchten keine auf. Trotzdem war er sich sicher, dass sie hier irgendwo steckten. Diese Typen waren immer in Rudeln unterwegs, und das würde auch diesmal nicht anders sein. Im zweiten Stock angekommen führte der Rothaarige Jack zu einer Wohnungstüre, doch bevor er sie öffnen konnte, befahl Jack ihm stehen zu bleiben und sich nicht mehr zu rühren. Dann öffnete er selbst vorsichtig die Türe und betrat dann mit seinem Gefangenen vor seinem Pistolenlauf in die Wohnung.

Der Hinterhalt, mit dem er gerechnet hatte, ließ auf sich warten. Stattdessen befanden sich tatsächlich Geiseln im Zimmer. Ihrer Kleidung nach zu urteilen stammten sie aus den verschiedensten Zeitperioden der Menschheit. Einige waren aufwendig gekleidet, andere schienen niedrigeren Schichten zu entstammen. Es waren Vertreter aller Geschlechter vorhanden und sogar ein paar Katzenmenschen. Und außerdem Rose und der Doctor.

„Dank sei allen Göttern", seufzte Jack.

„Jack! Sie sind gekommen! Ich wusste, dass wir auf Sie zählen können!", entfuhr es Rose erfreut. Wie alle anderen war die junge blonde Frau gefesselt, genau wie auch der Doctor, der aber nicht so wirkte als würde er sich dadurch besonders bedroht fühlen.

„Wenn dann alles geklärt ist, dann kannst du deinen Freunde nehmen und gehen", warf der gefangene Zeitterrorist ein.

„Und die anderen alle hier lassen? Das denke ich nicht", gab Jack zurück und berührte seinen Vortexmanipulator, woraufhin sich die Tardis in diesem Zimmer materialisierte. „Alles einsteigen bitte, wir bringen Sie alle gerne von hier fort", meinte Jack zu den Geiseln, „Oder etwa nicht, Doc?"

Der Doctor zuckte die Schultern. „Ich denke mal so viel Zeit können wir gerade noch erübrigen", meinte er ruhig, während Rose ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.

„Na dann los. Beeilung, Leute", drängte Jack die Gruppe, schlug dann den rothaarigen Zeitterroristen nieder und ging in der Eingangstüre in Stellung um die herannahenden restlichen Zeitterroristen aufzuhalten, deren Schritte er schon hören konnte.

„Erschießen Sie-", begann der Doctor.

„…nur dann jemanden, wenn es sich nicht vermeiden lässt, ja ich weiß", gab Jack zurück und zerrte seinen bewusstlosen Gefangenen hoch um durch ihn mehr Zeit zu gewinnen, und schrie den ankommenden Bewaffneten entgegen, „Ich habe eine Geisel und keine Skrupel ihr etwas anzutun! Fragt eure Freunde, denen ihr die kaputten Bombenbauteile verkauft habt!"

„Jack! Wir wollen los!", rief ihn der Doctor von Hinten.

Jack warf den Zeitterroristen ihren Kollegen entgegen und rannte dann so schnell er konnte zur Tardis. Ein paar Schüsse segelten an ihm vorbei, doch es gelang ihm unbeschadet in die Telefonzelle zu springen, und dann schloss sich auch schon die Türe hinter ihm.

Die Tardis hatte sich schon wieder in den Zeitvortex aufgemacht. Der Doctor starrte sprachlos in seine Kommandozentrale. „Nun", meinte er langsam, „Wie ich sehe, habe Sie in meiner Abwesenheit umdekoriert."

Jack schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln.


An die zwanzig Zwischenstopps später hatten sie alle anderen Geiseln dort abgesetzt, wo sie hingehörten, und die Tardis wieder in ihren normalen Zustand zurück versetzt. Jack hatte Rose und dem Doctor eine kurze Zusammenfassung darüber gegeben, wie er sie gefunden hatte. Er hatte der Versuchung widerstanden sich besonders heldenhaft darzustellen, da er den Verdacht hatte, dass ihm das keine Bonuspunkte beim Doctor einbringen würde, sondern war einfach nur nüchtern bei den Fakten geblieben. Die Zeitexplosion, die er verhindert hatte, hatte er nur so nebenbei erwähnt. Da er gegen Regel Nummer 4 verstoßen hatte (und das nicht zu knapp) rechnete er so oder so nicht damit, dass er noch lange an Bord der Tardis bleiben würde.

„Dann haben Sie mehr erlebt als wir", meinte Rose, „Ich wurde nach nur wenigen Minuten der Suche nach dem Doctor niedergeschlagen und dann fand ich mich mit ihm und den anderen Geiseln in dieser Wohnung wieder. Wir waren eigentlich nur etwa eine Stunde lang dort, bevor Sie aufgetaucht sind. Aber ich wusste, dass Sie uns retten würden."

Jack wies sie nicht darauf hin, dass sie offenbar mehr Vertrauen in ihn hatte als er in sich selbst. Er konnte immer noch nicht glauben, dass es ihm gelungen war die beiden zu finden und zu retten. Aber er machte sich nichts vor. Ohne die Hilfe der Tardis wären ihm das und vor allem natürlich auch die Flucht niemals gelungen. „Der meiste Dank dafür gebührt der Tardis", meinte er nur, „Sie hat die Hauptarbeit erledigt." Dann warf er einen prüfenden Blick auf den Doctor. „Und? Muss ich nun meine Sache packen, weil ich mich nicht an Regel Nummer Vier gehalten habe, oder sehen Sie ein, dass die Umstände es nötig machten gegen diese Regel zu verstoßen?", wollte er schließlich von diesem wissen.

Der Doctor musterte ihn nachdenklich. „Ich sehe ein, dass ich Sie vielleicht falsch eingeschätzt habe, Captain. Es war nicht richtig von mir Ihnen zu verbieten die TARDIS-Instrumente anzufassen. Auch wenn ich hoffe, dass Sie in Zukunft darauf verzichten ihr fremde nicht-kompatible Technologie aufzuzwingen. Es ist ein Wunder, dass Sie das alles überhaut überlebt haben."

Jack sah den Doctor erstaunt an. „Nun, wir haben uns arrangiert. Aber was, wenn ich fragen darf, hat Sie dazu gebracht Ihre Meinung zu ändern?", fragte er erstaunt.

Der Doctor deutete auf die Konsole. „Die TARDIS hat mich dazu gebracht meine Meinung zu ändern. Sie vertraut Ihnen offenbar. Genau wie Rose", erklärte er, woraufhin seine blonde Begleiterin kräftig nickte, „Damit bin ich in der Unterzahl, also ist es wohl an der Zeit mein Misstrauen abzulegen und Ihnen eine faire Chance zu geben, Captain Jack Harkness."

Jack hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Doch natürlich hatte er nicht vor sich zu beschweren. Bevor das alles passiert war, hatte er ernsthaft daran gedacht von sich aus zu gehen, doch nun, unter diesen Umständen, war das wohl nicht mehr nötig.

„Nun", meinte er, „Nun, das ist gut. Ich habe nämlich einen Vorschlag für unser nächstes Reiseziel. Es gibt da diesen Nudisten-Planeten, in dessen Höhlen, ein verschollener Schatz versteckt sein soll. Ich wollte dort immer schon mal hin, aber ich habe bisher noch nie die richtigen Reisebegleiter dafür gefunden. Was ist mit euch? Habt ihr Lust auf eine kleine nackte Schatzsuche?"

Rose und der Doctor wechselten einen vielsagenden Blick. Dann meinte der Doctor: „Warum nicht? Wir können ja mal hinschauen, und ich habe gute Neuigkeiten: Wir müssen nicht einmal nackt dafür sein. Ich habe hier im Schiff noch irgendwo ein paar Wahrnehmungsfilter liegen, glaube ich…"

Schade. Aber man kann halt nicht immer alles haben. Aber eins von zweien ist auch gut, dachte Jack bei sich. „Na dann. Nichts wie los…"


Ende


A/N: Das war's mit dieser Fic. Denkt daran, dass sie im selben Universum spielt wie alle meine anderen DW/TW-Fics mit Ausnahme von „Das Evangelium nach Jack Harkness", die eine andere Captain Jack-Charakteristik enthält als die restlichen Fics.

Abschließende Reviews sind gerne gesehen.