3. Fuchsbau

Mrs Weasley, die gerade in der Küche gewesen war, kam auf den Hof gelaufen um Emily zu begrüßen. Sie trug eine geblümte Schürze, aus deren Tasche ein Zauberstab ragte, und hatte rote Haare. "Hallo, Emily. Wir haben dich schon erwartet. Komm gib mir deine Tasche und komm rein. Es gibt gleich Essen."

Etwas überwältigt von der Freundlichkeit der Frau ließ sich Emily willig in die Küche führen. Am großen Tisch saßen mehrere Kinder unterschiedlichen Alters, darunter auch ein Zwillingspaar, aber alle genauso rothaarig wie ihre Mutter. Mit großen Augen sah Emily sich um, in der Ecke sah sie eine Pfanne die sich selber spülte und an den Wänden hingen lauter Bilder, die sich bewegten. Ein paar Messer schnippelten Gemüse, anscheinend für das Mittagessen.

"So Kinder, das ist Emily. Sie wird bis zum Anfang des Schuljahres unser Gast sein", sagte Mrs Weasley. "Ich erwarte, dass ihr euch benehmt." Das letzte schien besonders an die Zwillingsbrüder gerichtet zu sein.

"Wir benehmen uns doch immer", sagte der eine.

"Immer", bestätigte der andere.

Mrs Weasley seufzte. "Das sind Fred und George. Daneben sitzt Ron, er wird mit dir in Hogwarts anfangen. Ginny ist ein Jahr jünger." Die Kinder nickten als sie vorgestellt wurden. Fred und George sahen sich so ähnlich, dass Emily sich fragte, ob sie sie jemals auseinander halten würde. Ron hatte jede Menge Sommersprossen und schien ziemlich groß zu sein. Ginny hatte braune Augen und das rote Haar, das typisch für diese Familie war.

"Ron und George, deckt schon mal den Tisch. Arthur kommt erst heute Abend. Fred und Ginny, bringt Emily bitte nach oben. Emily, du schläfst bei Ginny im Zimmer." Mit diesen Worten scheuchte Mrs Weasley ihre Kinder umher und Emily folgte Fred und Ginny nach oben. Nachdem sie eine Menge schmaler Stiegen erklommen hatten, öffnete Ginny eine Tür. "Hier, das ist mein Zimmer. Ein bisschen klein..."

Emily trat vorsichtig ein. Es war wirklich ein bisschen klein, aber es sah ziemlich gemütlich aus. Auf jeden Fall tausend Mal besser als ihr altes. Neben Ginnys Bett lag eine Matratze auf die Fred gerade ihre Tasche legte und dann wieder verschwand. "Es ist toll hier", beteuerte Emily und Ginny errötete verlegen.

"Danke, dass du mich hier schlafen lässt", sagte Emily, doch Ginny winkte ab. "Ich bin froh, dass hier auch mal ein Mädchen ist. Bei sechs Brüdern ist es als einziges Mädchen nicht so einfach."

"Du hast sechs Brüder?", rutschte es Emily erstaunt raus.

Ginny lachte nur. "Ja, aber Bill und Charlie wohnen schon nicht mehr hier. Fred und George gehen in die dritte Klasse, Percy in die fünfte, er ist jetzt Vertrauensschüler. Aber sprich ihn bloß nicht darauf an, es sei denn du willst dich zu Tode langweilen. Ron kommt mit dir in die Erste. Ich wünschte ich könnte jetzt schon nach Hogwarts gehen."

"Emily, Ginny, Percy, Fred!", rief Mrs Weasley von unten. "Das Essen ist fertig!"

"Los komm, Mum lässt man nicht warten."

Auf der Treppe wurden sie von Fred überholt, der einfach über das Treppengeländer rutschte und sie trafen auf Percy, der einen gewichtigen Ausdruck zur Schau trug. Kurz darauf saßen alle am Tisch und Mrs Weasley stellte das Essen auf den Tisch. Mittagessen war bei den Weasleys ganz anders als im Waisenhaus, es war laut und alle redeten durcheinander. Emily saß still zwischen den Zwillingen und aß einfach. Sie hatte gar nicht gemerkt wie viel Hunger sie hatte. Plötzlich spürte sie einen Blick auf sich und sah auf. Ron starrte sie neugierig an.

"Wie schaffst du es soviel Essen in deinen kleinen Körper zu packen?", fragte er fasziniert. Emily errötete und ließ die Gabel sinken. Hatte sie etwas falsch gemacht?

Neben ihr begann einer der Zwillinge zu lachen. "Alles in Ordung, unser lieber Ronnie kommt nur nicht darauf klar, dass jemand mehr essen kann als er", erklärte George.

Emily errötete noch mehr und senkte wieder den Kopf. "Alles in Ordnung?", fragte Fred flüsternd. Emily zuckte zusammen, nickte aber. Nach dem Essen ging sie mit Ginny wieder nach oben. Eos kam durch das geöffnete Fenster geflogen und setzte sich auf Emilys Schulter.

"Ist das deine Eule?", fragte Ginny, die auf ihrem Bett saß.

"Ja", sagte Emily stolz. "Sie heißt Eos." Sie strich der Eule über die weichen Federn.

"Toll, wir haben nur Errol, aber der ist schon uralt. Irgendwann stirbt er noch mal unterwegs", erklärte Ginny. "Ansonsten hat Percy noch Hermes und Ron seine Ratte Krätze."

Emily schauderte als Ginny die Ratte erwähnte. Seit jeher hatte sie Angst vor Ratten, sie fand sie gerade zu eklig. Wahrscheinlich weil sie immer in ihren Albträumen vorkamen. "Kannst du mir mehr von Hogwarts erzählen?", fragte Emily. Snape hatte ihr nur die Fächer erklärt.

"Klar", sagte Ginny. "Schulleiter ist Albus Dumbledore, der einzige Zauberer vor dem Du-Weißt-Schon-Wer Angst hat." In ihren Augen blitzte kurz Angst auf.

"Wer ist Du-Weißt-Schon-Wer?", fragte Emily.

„Du-Weißt-Schon-Wer ist ein dunkler Zauberer, er war bis vor elf Jahren an der Macht. Er wollte Harry Potter töten, doch es gelang ihm nicht und er wurde besiegt. Harry Potter ist ziemlich berühmt in der Zaubererwelt, weil er der einzige ist der den Todesfluch überlebt hat. Aber kommen wir zurück zu Hogwarts. Es gibt vier Häuser: Gryffindor, dort sind all meine Brüder, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin. Am Anfang wird man in ein Haus eingeteilt. Ansonsten weiß ich nicht viel mehr als, dass es ein großes Schloss ist. Meine Brüder wollen mir nämlich nichts erzählen. Ich wünschte ich könnte auch schon gehen."

Ginny erklärte ihr noch ein paar Sachen, bis Mrs Weasley sie zum Abendessen herunter rief. Die Stühle um den großen Tisch herum füllten sich wieder mit den Familienmitgliedern. Mrs Weasley sah auf die alte Standuhr und sagte: "Euer Vater kommt gleich."

Emily folgte ihrem Blick und sah, dass die Standuhr neun Zeiger hatte. Der größte von ihnen sprang von Unterwegs auf Zuhause und schon kam Mr Weasley durch die Tür. Er war dünn, aber er hatte genauso rotes Haar wie der Rest seiner Familie. Er begrüßte seine Familie und setzte sich neben Emily an den Tisch.

"Du bist doch bei den Muggeln aufgewachsen, oder?", fragte Mr Weasley neugierig. "Kannst du mir dann erklären wie diese Eleketizität funktioniert? Faszinierende Dinge, die diese Muggel erfinden?"

Emily sah ihn fragend an. Was waren Muggel? "Muggel sind nichtmagische Menschen", warf Fred ein.

"Achso. Elektrizität hatten wir mal in der Schule", sagte Emily und begann zu erklären wie das mit den Teilchen und so funktionierte. Mr Weasley strahlte sie an und hörte begeistert zu, bis Mrs Weasley sie unterbrach: "Arthur, halt das Kind nicht vom Essen ab. Ihr habt noch genug Zeit."

Sie verschwand nach dem Essen in der Küche und kam mit einem kleinen Kuchen in den Händen wieder. "So meine Lieben, wir haben noch etwas zu feiern. Emily hat heute Geburtstag." Sie stellte den Kuchen vor Emily und die Weasleys begannen laut, aber schief Happy Birthday zu singen. Emily konnte nicht anders als breit zu lächeln, aber dennoch füllten sich ihre Augen mit Tränen.

"Was ist denn?", fragte Fred erschrocken.

"Nichts, normalerweise weine ich auch nicht so leicht", sagte Emily und wischte sich über die Augen. "Ich bin nur glücklich. Ich hab noch nie einen Kuchen zum Geburtstag bekommen."

"Waaas?", riefen Ron und Ginny unisono.

Mrs Weasley zog Emily in eine Umarmung. „Dann ist das hiermit offiziell dein allererster Kuchen. Ich hoffe er schmeckt dir", sagte sie als sie Emily wieder losließ. Emily lächelte und bedankte sich bei allen. Als sie abends in Bett fiel, dachte sie, dass dies offiziell der beste Tag in ihrem Leben war.

Am nächsten Morgen wachte Emily auf und fragte sich ob nicht alles ein Traum gewesen war. Doch dann sah sie Eos durch das Zimmer fliegen und die Eule landete auf Emilys Schulter. An einem Bein trug sie eine kleine Rolle Pergament. Vorsichtig band Emily die Nachricht los und entrollte sie. Dumbledore hatte ihr geschrieben, dass Linus heute aus dem Waisenhaus geholt werden würde und in die Obhut einer Familie gegeben würde. Wenn sie wollte könnte Mrs Weasley sie dort hinbringen um Linus zu besuchen.

Aber erstmal gab es Frühstück. Mr Weasley fragte Emily wieder nach der "Elektizität" und sie erklärte bereitwillig alles was sie darüber wusste, auch wenn das nicht viel war. Im Gegenzug fragte sie alles mögliche über die Welt der Zauberer, als sie gemerkt hatte, dass die Weasleys ihre Fragen beantworteten. So entwickelte sich langsam ein Rhythmus zwischen den beiden bei dem sie sich gegenseitig Fragen über die Welt des anderen stellten, was die anderen amüsierte.

Sie lernte auch Zaubererschnippschnapp kennen. Es war ein beliebter Zeitvertreib bei den Weasleykindern, ausgenommen Percy. Es war ein Nachmittag und sie saßen im Wohnzimmer als Ron einen Stapel Karten aus der Tasche holte und an alle verteilte.

"Es ist eigentlich ganz einfach", sagte Ron. "Nur manchmal explodieren die Karten."

Emily sah ihn erschrocken an. Explodierende Karten? War das nicht gefährlich? Ginny beruhigte sie und Emily entspannte sich wieder. Plötzlich riss ein lautes Krachen durch die Stille. Die Karten waren explodiert und Fred war vom Stuhl gefallen und lag unter dem Tisch. "Zu Hilfe!", brüllte er dramatisch und wedelte mit seiner Hand. Seine Geschwister brachen in lautes Gelächter aus und zu ihrer eigenen Überraschung stimmte Emily mit ein. Ihr Lachen klang rau, es war lange her, dass sie gelacht hatte. Erst war sie über sich selbst erschrocken, doch dann lachte sie. Es war befreiend.

"Hört auf zu lachen", murmelte Fred. "Es tat wirklich weh." Doch das Funkeln in seinen blauen Augen sagte, dass er es nicht ernst meinte.

"Haha, spiel dich hier nicht so auf", erwiderte Ginny trocken. Fred schnitt eine Grimasse, setzte sich aber wieder brav an den Tisch. Sie brachten Emily die Regeln bei und so verbrachten sie den Nachmittag mit unzähligen Partien.

Ein paar Tage später brachte Mrs Weasley Emily zu Linus. Der kleine Junge lebte jetzt bei einer kleinen Familie in der Nähe von Canterbury. Wie sich herausstellte hatte die Frau eine Cousine, die eine Hexe war und sie kannte Dumbledore aus Erzählungen. Sie versprach Emily, dass es Linus bei ihnen gut gehen würde. Ein großer Stein fiel ihr vom Herzen. Linus war in Sicherheit und das war das letzte Mal, dass sich Sorgen machen musste. Die letzte Verbindung zum Waisenhaus war gekappt. Sie war bereit für einen neuen Anfang, für ein neues Leben.